Warum ein Friseurbesuch für AutistInnen eine große Hürde bedeuten kann

„Wer schneidet Niklas eigentlich die Haare?“, wurde ich neulich gefragt. Und ich antwortet: „Das machen wir schön selbst. Bisher durfte da kein anderer dran.“

 

Warum ist ein Friseurbesuch für viele Autistinnen und Autisten so schwierig? Manche Menschen können es nicht nachvollziehen, dabei ist es eigentlich sehr naheliegend, wenn man sich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt.
Autismus bedeutet, vor allem eine andere Wahrnehmung zu haben, Reize anders aufzunehmen, anders zu filtern und anders zu verarbeiten. Dabei kann es sein, dass ein Sinneskanal ganz besonders empfindsam reagiert, es können aber auch mehrere sein und gerade die Kombination aus mehreren Reizen, die verschiedene Sinne ansprechen, lassen Aktivitäten zu einer großen Herausforderung werden. Ganz besonders beim Friseur:

Das Hören: In einem Friseursalon ist die Akustik anders als in vertrauten Räumen. Dazu kommen vielfältige Geräuschquellen wie Wasserrauschen, Föhns, die Gespräche der Menschen, das Klimpern mit Geld, das Klingeln der Kasse, das Bimmeln der Trockenhauben, Radiomusik im Hintergrund, ein Rasierer und das Klappern der Scheren.

Das Riechen: Shampoos, Parfums, Cremes – und zwar ziemlich intensiv in vielfacher Dosierung und immer wieder in konzentrierten Wolken, da selten nur eine Person in einem Salon anwesend ist.

Das Fühlen: Dieser Umhang, der einem den Hals abzuschnüren scheint, die Hände am Kopf, das Gefühl, wenn die Schere an den Haaren zugange ist, die Hitze des Föhns, die Temperatur des Wassers, eine ungefragte Kopfmassage, das Geschobenwerden im Stuhl. Das sind viele Reizen auf einmal und häufig unvermittelt.

Das Sehen: mehrere Menschen, die meistens unbekannt sind, Lichtquellen, verschachtelte Perspektiven in Spiegeln und die Unberechenbarkeit der Bewegungen anderer.

 

Das ist ganz schön viel auf einmal und reicht völlig aus, um sich als Autist orientierungslos und reizüberflutet zu fühlen.
Und es reicht aus, um in einen Overload zu rutschen, der womöglich zu spät bemerkt wird und dann in einen Meltdown mündet.

Bestimmt gibt es auch Autistinnen und Autisten, denen ein Friseurbesuch nicht so viel ausmacht, aber einige sind auf die Anpassung von Rahmenbedingungen angewiesen, um einen solchen Termin nicht in eine komplette Reizüberflutung münden zu lassen.

 

Was könnte helfen?

Darum bitten,

  • einen Randtermin zu bekommen, zu dem keine anderen Kunden anwesend sind
  • das Radio auszustellen
  • das Telefon leiser zu stellen
  • die einzelnen Schritte vorher anzukündigen: waschen, mit dem Handtuch trocknen, kämmen, schneiden, föhnen
  • den Stuhl nicht ungefragt zu schieben
  • den Umhang ggf. wegzulassen
  • nicht zu massieren
  • nicht zu viele verschiedene Düfte zu verwenden, evt. sogar geruchsneutrale Produkte
  • wenn möglich das Licht zu dimmen oder überflüssige Lichtquellen zu löschen
  • und was sonst noch individuell wichtig ist

 

Ein „richtiger Friseur“ würde sicherlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er uns beim Haareschneiden beobachten würde. Bei uns ist das meist eine Nachmittagsaktion, bei der wir durch das Haus traben und immer mal wieder an den Haaren schnippeln. Zum Glück hat Niklas lockige Haare, da darf es auch ein bisschen schief geschnitten sein. Hinterher amüsiert er sich meisten darüber, dass ein halber Teppich im Haus verstreut liegt, aber ab und zu muss die Wolle einfach ab.

Mal sehen, ob wir irgendwann einen Friseur kennenlernen, der an Niklas‘ Haarpracht ran darf. Wäre doch mal cool und was anderes als so ein Mama- oder Papa-Haarschnitt. :-)

 

6 comments

  • Tina

    Unser Sohn ( 18 Jahre) lässt sich nur vom Seniorchef, der inzwischen bestimmt 75 Jahre alt ist in einem kleinen Friseursalon die Haare schneiden. Dieser „Opa“ strahlt wohl so viel Vertrauen und Ruhe aus, dass sich unser Sohn bei ihm traut und seit einem Jahr sogar alleine!

  • Silke

    Ich bin auch dazu übergegangen zuhause Zu schneiden…. alle drei nacheinander, Sonntag nachmittags….. geht schnell und alle sind zufrieden….. schade das ihr zu weit weg wohnt, sonst könnte ich euch hier einen tollen Frisör empfehlen….. immer nur 2 Kunden bei 2 Frisören, ruhiger Altbau, angenehme leise Musik- kein Radio und keine Geschichten…..

    Liebe Grüße Silke

  • Irene

    Mittlerweile geht Andre richtig gern zum Friseur, aber seit 25 Jahren im gleichen Salon, alles ist vertraut für Ihn, neugierig auf alles, was sich da so tut! Der Anfang war mehr als hart, alle durchgeschwitzt, und bestimmt waren alle froh, wenn wir wieder weg waren… aber die Chefin hat sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen, und das gemacht was gerade ging, eigentlich immer perfekt 👍 wie so vieles halt, ein Kraftakt, zwischendurch habe ich auch ein paar Jahre selbst geschnitten, als er älter wurde, habe ich Andre gefragt, ob er einen modernen Schnitt will, wie die anderen jungen Männer auch, dann muss er da durch…, er hat es geschafft, und das Haargel muss auch drauf 😀👍👍

  • Ele

    …oh, ja… Haare schneiden… immer schon und mittlerweile seit 10 Jahren zu Hause! Oft werde ich gefragt, ob die Jungs beim Friseur waren – sieht also offensichtlich gar nicht so schlimm aus der Mama-Schnitt. :-D Und nach all den Jahren kommt die Routine – mal bissl kürzer, mal bissl länger, sowohl die Haare als auch die Zeit. Als sehr sinnvoll hat sich erwiesen, das Haargeschnipfel sehr rechtzeitig anzukündigen, so hat unser Großer dann genügend Zeit, sich mental darauf vorzubereiten. Tage, manchmal aber auch Wochen, und oft fragt er dann selber nach, wenn es für ihn gut passt. Ein spannender Comic vor die Nase, und schwupp: ab mit der Löwenmähne! (mittlerweile ganz ohne Gebrüll ;-))
    Immer wieder beruhigend zu lesen und zu wissen, dass man mit seinem „besonderen Alltag“ nicht alleine ist!
    Danke für diesen tollen Blog, den ich sehr gerne lese und weiter empfehle!
    Ele :-)

  • M

    Tröstend zu lesen, dass wir nicht die einzigen mit dem Problem sind. Bei uns ist es eine… na ja, sagen wir ziemliche Herausforderung, unserem Kind Haare zu schneiden. Bei uns kommt Frisör gar nicht in Frage – das Kleine würde sich gar nicht hinsetzen (wenn überhaupt reingehen). Ich mache es selber und zwar mitten in der Nacht (wie heute :) so sieht Zufall aus), weil die ganze Aktion nur im Tiefschlaf möglich ist, sonst keine Chance. Haare zu waschen ist seit einiger Zeit viel, viel besser geworden, deswegen bleib mir die Hoffnung, dass es sich vielleicht mit dem Schneiden irgendwann verbessert und ich es mal auch im Tageslicht machen kann. Liebe Grüße an Dich, Niklas und Euch Leser!

  • tanea

    Hi! Als Kind glich Haarewaschen für mich einem Weltuntergang. Geschnitten wurde ausserhäusig, aber selten, was bei einem Mädchen nicht so auffiel. Dann wurde alles besser. Folglich ging ich jahrzehnte zum Frieseur, aber immer ungern. Seit meiner Aspergerdiagnose mit Mitte 40 achte ich mehr auf meine Gefühle und lasse alles unnötige beim Frieseur weg, bzw. Mach es selber. Endlich weiss ich, warum mich die Berührungen, die Gerüche und der Lärm immer so gestört haben. Jetzt lasse ich mir lange graue Haare wachsen und gehe nur noch zum schneiden hin.

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