„So, Frau Müller, dann machen Sie bitte neue Termine für die Diagnostik von Paul“, sagte die Mitarbeiterin im Jugendamt.
„Wieso das denn? Seine Diagnose wurde doch bereits vor zwei Jahren gestellt.“
„Ja, das sehe ich auch in den Akten. Aber vielleicht ist er ja jetzt nicht mehr so autistisch wie vor zwei Jahren.“
„Wie bitte?“
„Es geht ihm doch gut. Er sitzt hier auf dem Stuhl und hat mich sogar schon zwei Mal angesehen. Das wirkt auf mich nicht mehr so autistisch wie damals.“
Ein Gespräch, das mir zugetragen wurde und eine Situation, die viele Eltern autistischer Kinder kennen.
Immer wieder werden sie aufgefordert, die Diagnostik zu erneuern, denn der Autismus könnte ja plötzlich verschwunden sein. Das ist ein ganz schrecklicher Zustand.
Autismus ist angeboren und verschwindet nicht einfach wieder.
Sicherlich können sich AutistInnen positiv entwickeln und Strategien erlernen, um besser mit ihrem Leben zurechtzukommen. Das ist dann erfreulich, aber die Tatsache, dass sie damit vielleicht unauffälliger wirken, bedeutet nicht, dass sie keine Autisten mehr wären und keiner Hilfeleistungen mehr bedürfen.

Nur weil ein Kurzsichtiger gut mit seiner Brille zurechtkommt, nimmt man ihm diese ja nicht wieder weg, um zu sehen, ob es auch ohne geht.
Nur weil ein Mensch mit unterschiedlich langen Beinen mit Schuherhöhungen gut laufen kann, nimmt man ihm diese ja nicht wieder weg, um zu sehen, ob es auch ohne geht.
Warum also einem autistischen Kind z.B. den Schulbegleiter verweigern, weil es gut mit ihm klappt und es deshalb (?) ja bestimmt auch ohne geht?
So wird leider oft argumentiert und die Familien sind dem ausgeliefert.
Bitte liebe Entscheidungsträger in Schulämtern, Bezirken, Jugendämtern, Krankenkassen und sonstigen Behörden…
… es wäre wirklich sehr wünschenswert, wenn hier achtsamer mit AutistInnen und ihren Familien umgegangen wird.
Es bedeutet jedes Mal eine große Belastung, erneut in die Diagnostik zu gehen. Autismus ist nicht heilbar und „wächst sich nicht aus“, wie manche schon zu hören bekommen haben.
Wenn ein autistischer Mensch weniger autistisch wirkt, hat er wahrscheinlich gelernt, Strategien zu entwickeln, die ihm Situationen erleichtern, oder sie oder er kompensiert extrem gut. Aber sie bleiben AutistInnen und zu viel Anpassung und Kompensation wirken sich später nicht selten negativ auf ihre Gesamtverfassung aus.
Auch ist es leider ein immer noch verbreitetes Klischee, dass AutistInnen andere nicht ansehen und sich nicht anfassen lassen.
Manche Autisten können gut Blickkontakt aufnehmen und manche lernen, ihren Blick so auf NTs (neurotypische Menschen, wie auch ich einer bin) zu richten, dass der NT nicht merkt, dass er eigentlich gar nicht wirklich angesehen wird.
Manche Autisten lieben (zeitweise) Körperkontakt und Massagen.
Bitte stützen Sie das Anzweifeln von Diagnosen nicht auf solche fehlerhaften und überholten Annahmen.
Ständige Diagnostik ist belastend
Diagnostik bedeutet auch, sich wieder explizit mit seinen Defiziten auseinandersetzen zu müssen, fremden Menschen Rede und Antwort zu stehen, Termine einhalten zu müssen, die per se schon oft belastend für AutistInnen sind. Und es bedeutet, Struktur und Sicherheit zu verlieren, die so dringend notwendig ist.
Zeiträume, in denen die zuletzt gestellte Diagnose angezweifelt wird, bis hin zur neu gestellten Diagnose müssen dann möglicherweise ohne Schulbegleitung und andere Hilfen bewerkstelligt werden. Das bedeutet für viele AutistInnen eine so große Überforderung, dass sie zum Teil gar nicht mehr in die Schule gehen können. Sie werden in ihrer Entwicklung zurückgeworfen, das Recht auf Teilhabe bleibt ihnen verwehrt und die Familie, die ohnehin schon so viel – für die meisten Mitmenschen Unsichtbares – leisten muss, gerät aus den Fugen.
Diagnosen dürfen nicht ständig angezweifelt und nützliche und notwendige Hilfen dürfen nicht verweigert werden. Es ist im Interesse von AutistInnen und ihren Familien, aber auch im Interesse von Schulen und anderen Einrichtungen, die ebenso auf Unterstützungsleistungen angewiesen sind, äußerst wichtig, dass hier ein Umdenken stattfindet.
Danke all denen, die es bereits gut und richtig machen, AutistInnen und ihre Familien unterstützen.
