mein kleines großes Kind

wer wird dich zudecken
wenn ich nicht da bin
wer wird sich Zeit nehmen
dich zu verstehen
wer wird dir ein Streicheln schenken
wenn du dich danach sehnst
wer wird dich zu mir bringen
wenn du mich brauchst

wer wird mich lehren
dich ein Stück loszulassen
wer kann mir zeigen
was du wirklich benötigst
wer schützt mich vor der Leere
die einkehren wird
wie kann ich die neue Zeit genießen
ohne mich zu sorgen

Menschen sagen, dass es normal ist. Du musst lernen, damit umzugehen. Er muss seinen eigenen Weg gehen, sich lösen. Du wirst das lernen, das haben andere auch gelernt. Du wirst sehen, dass es das Beste ist.
Sie sprechen von Kindern, die selbstbestimmt durch ihr Leben gehen – nicht von einem Kind, dass dann der Hilfe anderer bedarf, Vertrauensvorschuss geben muss, immer und immer wieder enttäuscht aber auch beschenkt werden wird.
Auch das ist normal, mach dir nicht so viele Sorgen, höre ich wieder. Aber ich will es nicht hören. Nicht von diesen Menschen, die nicht wissen, wie es ist, nicht von denen, die professionelle Distanz haben, nicht von denen, die es auch schon so gemacht haben – sogar schon viel früher.
Was sind Floskeln, was normaler Prozess, was ist Egoismus, was natürliche Ablöse? Wann ist es vielleicht Notwendigkeit, weil ich nicht mehr kann? Fragen, Lebensfragen, Lebensabschnittsfragen bis es soweit sein wird, irgendwann, in ein paar Jahren…?

was wird sein

 

 

 

 

 

 

 

 

ich möchte es dann von dir hören
von dir lernen
du wirst es mir zeigen
und wir werden einen Weg finden
gemeinsam – indem wir einander auch ein Stück loslassen
mein kleines großes Kind

 

***

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10 comments

  • Kerstin Langer

    Wie schön geschrieben…und jedes Wort mit soviel Gewicht und Wahrheitsgehalt. Wenn ich diese Zeilen lese, machen sie mich unendlich traurig und nachdenklich, weil man an sein eigenes Schicksal ( oder wie man es auch immer benennen möchte…) erinnert. Ich nenne es „Lebensaufgabe“ manchmal auch „Bestimmung“. Andererseits, lassen sie mich aufatmen…weil sie bewusst machen, das man nicht alleine ist.

  • Pingback: Ich muss es sofort tun und ich kann es Dir nicht oft genug sagen - Ellas Blog

  • Batschpeng

    Musste sofort heulen.

    Denn bei mir ist es nie so gekommen.

  • Tanja Lindemann

    Mir kamen die Tränen,weil es genauso ist wie ich es empfinde. Und wie es schon erwähnt wurde, tröstet es mich das wir nicht allein sind, obwohl es im Alltag so ist.

  • Petra

    Es spricht mir so sehr aus der Seele. Es ist genau das, was ich als Mutter immer wieder spüre. Viele Sorgen, Tiefen aber auch schöne Zeiten. Zu sehen, dass mein Benjamin immer mehr Vertrauen zu anderen fasst, die ihn weiter begleiten. Das er sich auch mit und bei anderen Wohlfühlen kann. Und dann sehe ich die Eltern, die ihr autistisches Kind zu Hause begleiten. Und ich habe sooooo ein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Kind, der nun ein Jugendlicher ist. Immer wieder loslassen, Sorgen, Freuen, Nachfragen. Es ist eine Gradwanderung von Vernunft und Gefühlen. Auch gesunde Jugendliche gehen aus den Haus. Leben ein anderes Leben. Selbstbestimmt. Aber Benjamin wird immer Fremdbestimmt bleiben…. Es ist so schwer.

  • Sabine Kunze

    So schön, so wahr. Mein 10jähriger Sohn ist Autist, genau diese Fragen stelle ich mir auch immer und werd wahnsinnig traurig. Weil ich nicht weiss was kommt. Im Moment schreiben wir viel auf unserer Facebookseite.

  • Klaudia Bergmann

    ….ich weiß genau, dass der Augenblick kommt und habe solch eine Angst davor, dass es mich hindert, mich dahin zu denken…..

  • Klaudia

    Das Gefühl der leere kam über mich, als ich das nun las , Silke du schreibst so identisch und so unendlich greifbar nah; mein Sohn ist 17 bin alleinerziehend und dazu noch berufstätig mit 75% Stelle! Bin 58 Jahre alt es bricht mir fast das Herz wenn ich daran denke ,was wird wenn ich nicht mehr da bin wer übernimmt meine Aufgaben! Maik ist ein sprechender Autist er äußerst selten wünsche nur die die seinen Tagesablauf sichern und diese Wünsche sind eine Grosse Herausforderung für mich es sind keine Materiellen Wünsche nur Zeit sehr viel Zeit er wird wohl nie ein selbst bestimmtes Leben führen können und ob er dort wo er später mal lebe wird wenn ich nicht mehr kann, ihm so viel liebevolle Zeit geschenkt wird ist mein großes ? …… LG : Klaudia

  • Manuela

    Danke !
    Sehr schön geschrieben und leider sowas von wahr :-(
    Auch mich quälen diese Gedanken immer und immer wieder und ich kann es mir nicht vorstellen irgendwann getrennt von Ihm zu sein.

    LG Manuela

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