Jette kommuniziert mit Gebärdensprache: „Ich bin alles hörend, schwerhörig und gehörlos.“

©Jette und Nadine

Jette und Nadine haben einen YouTube-Kanal, den ich ganz super finde. Denn sie vermitteln dort sehr natürlich und einfach Gebärdensprache für den Alltag. Ich bin häufig und gerne auf ihrem Kanal zu Gast und interessierte mich für ihre Geschichte.
Jettes Mama Nadine gab mir gerne ein Interview:

Liebe Nadine, Deine Tochter Jette ist Grundschulkind. Sie spricht, hört und gebärdet. Wie kam es dazu?

Jette kam mit einer Hörschädigung auf die Welt, leider wurde diese erst im Alter von drei Jahren richtig diagnostiziert. Sie sprach bis dahin kein Wort, Kommunikation schwierig, Aggression bei Jette. Der HNO-Arzt hat mich als Übermutter betitelt, da ich ihn immer wieder darauf ansprach. Eigeninitative, Vorstellung im Krankenhaus. Diagnose progrediente Hörschädigung.

Sie wurde sofort mit Hörgeräten versorgt, hat im Alter von drei bis fünf Jahren die komplette Sprachentwicklung aufgeholt, so dass im Kindergarten fast kein Unterschied in der Sprachentwicklung zu anderen Kinder mehr bestand. Mit fünfeinhalb verschlechterte sich die Hörkurve: links taub, rechts an Taubheit grenzend schwerhörig.

Jette hat die Ertaubung bewusst wahrgenommen.
Wir haben uns mit ihr für ein Ci (cochlea-implantat) links entschieden. Zeitgleich habe ich zufällig etwas von Gebärdensprache lernen gelesen. Das ließ mich nicht los. Ich fand die Tatsache, von dieser Hörtechnik abhängig zu sein, beängstigend. Wir hatten ja nur die Lautsprache zur Kommunikation, aber immer wieder Situationen, wo die Technik nicht da war (z.B. bei Krankheit, in der Nacht, beim Baden, im Schwimmbad, im Sommer beim Plantschen ect.).
Jette war in diesen Situationen auch nicht wirklich entspannt. Auch mit Technik hat Jette oft Probleme zu verstehen, wenn viele Menschen im Raum sind, Nebengeräusche ect.

Jette leidet oft an Hörerschöpfungen, da das Hören mit Ci mit sehr viel Anstrengung verbunden ist. Von Jette wird so oft verlangt, dass sie sich anpasst. Sie genießt es daher, wenn wir gebärden und wir uns auf diese Weise ihr anpassen.
Es ist so entspannt mit der Gebärdensprache und eine Bereicherung für uns alle. Ich würde immer wieder den bilingualen Weg wählen. Wir pflegen auch die Kontakte mit Gehörlosen. Für Jettes Identifikationsfindung ist es super. Sie selbst sagt: „Ich bin alles hörend, schwerhörig und gehörlos.“

Zuhause verwendet Ihr die Laut- und die Gebärdensprache – gebärden alle in der Familie, also auch Jettes drei Geschwister? Wie klappt das?

Es gebärden alle, aber nicht alle auf dem gleichen Niveau. Wir Eltern klar,  unsere Jungs lernen es so nebenbei, wir wollten sie auch nicht damit unter Druck setzen, dass sie es lernen müssen. Unsere Jüngste (2 Jahre) lernt es automatisch mit. Sie spricht zwar schon etwas, aber gebärdet wesentlich  mehr. Jeden Tag kommt was Neues dazu.

Wie habt Ihr die Gebärdensprache gelernt?

Um erstmal einen Eindruck von der Gebärdensprache zu bekommen, habe ich Kurse an der Volkshochschule besucht (DGS 1 /DGS 2). Und ganz ehrlich hab ich gedacht, dass ich das nie lerne. Ich kam mir vor wie beim Theater, soviel Mimik und Gestik kannte ich nicht. Aber siehe da! Übung macht den Meister.
Seit 2015 bekommen wir Eltern und Jette einen Hausgebärdensprachkurs.
Jette bekommt den Hausgebärdensprachkurs vom Sozialamt bezahlt. Dafür besuchen uns vier Stunden wöchentlich taube Gebärdensprachdozenten zuhause. Wir Eltern haben in den letzten Jahren auch durch taube Gebärdensprachdozenten zuhause die Gebärdensprache gelernt – gezahlt über das Jugendamt (Hilfe zur Erziehung), das mussten wir allerdings einklagen.

©Jette und Nadine

Ihr möchtet anderen Familien mit Euren Videos Mut machen, es mit der Gebärdensprache zu versuchen. Welche Ängste und Vorbehalte nimmst Du am Häufigsten wahr?

Es ist eine Fremdsprache, die man genauso lernen muss wie Englisch / Französisch ect. Wichtig ist dann auch, dass man die Gebärdensprache benutzt und wichtig sind Kontakte zu anderen gehörlosen Menschen.

Ängste haben viele wegen der Kostenübernahme. Diese ist bei uns fast problemlos erfolgt. Das ist leider eine Seltenheit. Häufig wird unter Ämtern und Krankenkasse die Zuständigkeit hin und her geschoben. Auch wir mussten kämpfen, andere Familien kämpfen schon seit Jahren.

Eine weitere Unsicherheit ist die Frage: Will mein Kind überhaupt die Gebärdensprache? Jedes Kind ist verschieden, man muss individuell auf das Kind schauen, ob es die Gebärdensprache annimmt. Wir haben Jette die Gebärdensprache gezeigt und sie hat es aufgesogen wie ein Schwamm und sagt jetzt selbst: „Ich würde ohne Gebärdensprache eigentlich nicht leben, so mein Gefühl , ja!“ (Jette bei Podiumsdiskussion Deutscher Gehörlosenbund Fachtagung in Berlin 11/2018).
Jette ist auch jetzt nach über vier Jahren hochmotiviert, was das Erlernen der Gebärdensprache angeht. Sie freut sich wöchentlich auf den Unterricht mit den Dozenten. Auch in Gruppen mit Gebärdensprachnutzern fühlt sie sich pudelwohl.

Viele Eltern haben die Schwierigkeit, einen Hausgebärdensprachkurs mit vier Stunden fürs Kind und vier Stunden für die Eltern zeitlich unterzubringen. Wir hatten Glück, da ich noch nicht wieder berufstätig war, nach Jette kamen ja noch zwei Kinder. Es ist schon mit viel Organisation verbunden.

Wie gehst Du mit Menschen in Eurem Umfeld um, die Berührungsängste mit der Gebärdensprache haben?

So richtig Berührungsängste kenne ich eigentlich nicht aus dem Umfeld, eher ist das eine Bewunderung, die uns rübergebracht wird. Die Leute finden es beindruckend. Vor allem Kinder, wenn wir uns in Gebärdensprache unterhalten, z.B. beim Einkaufen. Es ist gerade für Kinder ein Anziehungspunkt, wir werden auch immer sofort gefragt, was wir machen.

Die Gebärdensprache bringt einen ganz besonderen Humor mit sich, finde ich. Ist das bei Euch auch so?

Oh ja, ich liebe die Gebärdensprache, ich finde die Körperhaltung und Mimik schon beeindruckend, da wird schon ohne viel Gebärden sehr viel gesagt. Gebärdensprache ist so schön direkt wie ich es mag. Ich sag auch lieber sofort, was ich denke, aber in der Lautsprache wird doch immer viel drum rum geredet.

Ich bin ja ein großer Fan Eurer Videos, weil Ihr in einem Tempo gebärdet, das es möglich macht, gut zu folgen. Gebärdet Ihr im Alltag schneller?

Klar achten wir bei den Videos darauf, dass man uns folgen kann. In Alltagssituationen sieht das dann schon anders aus. Jette ist ja schon Profi, manchmal muss ich sagen, stop nochmal. Sie korrigiert mich auch liebend gerne ( hihi).

Was ist Dein Tipp an Familien, die es mit der DGS versuchen möchten? Wie fängt man Deiner Meinung nach am Besten damit an?

Wichtig fände ich, dass man vorab schon mal mit anderen Betroffenen Kontakt aufnimmt, vielleicht auch mal ein Gehörlosenzentrum besucht. Mir hat der Kurs bei der Volkshochschule viel gebracht und mich mit meiner Idee, für Jette und als Familie die Gebärdensprache zu lernen noch bestärkt.

Das ging mir auch so, die Kurse in der vhs waren der Türöffner und die Bestätigung dafür, es zu versuchen.
Was ist Dir sonst noch wichtig?

Wichtig ist auch die Gehörlosenkultur. Uns wurde im Hausgebärdensprachkurs viel über die Gehörlosenkultur erklärt und gelehrt. Und es ist wirklich so, dass ich dort viele Parallelen zu Jette gefunden habe, die mir vorher nicht so bewusst waren.

Das finde ich sehr interessant, denn auch Niklas kommen die Direktheit und der besondere Humor sehr entgegen.

Wichtig war uns, Jette mit ihrer Hörbehinderung alle Wege zu öffnen. Unser neue Aufgabe seit 19.02.19 ist ein Diabetes mellitus, der bei Jette diagnostiziert wurde. Klar wieder was Neues, eine neue Herausforderung und Umstellung für die Familie. Jette sagte: “So, der Diabetes gehört jetzt auch zu mir, dann ist das so. Mama das schaffen wir auch noch!“
Ich bewundere Jette echt für ihr Selbstbewusstsein. Klasse!

Ja, ein tolles Mädchen!

Ich liebe meine Familie, besonders der Zusammenhalt in allen Lebenslagen ist beeindruckend und macht mich immer wieder unendlich stolz.

Danke, liebe Nadine, für diesen Einblick in Euer Leben mit der Gebärdensprache. Ich finde es toll, welch`unterschiedliche Wege es hin zur Gebärdensprache geben kann. Bei uns war es ja die Tatsache, dass Niklas aufgrund seines Autismus nicht spricht.
Die Motivation ist aber wohl immer dieselbe: unsere Kinder teilhaben zu lassen und ihnen Kommunikation zu ermöglichen.

Alles Gute Dir und Deiner Familie!

Jette und Nadine haben extra für Ellas Blog ein kleines Video gedreht! Supertoll! Vielen Dank dafür und viel Spaß Euch!

©Video von Jette und Nadine für Ellas Blog

Und HIER geht´s direkt zum YouTube-Kanal von Jette und Nadine, über den ihr spielend leicht und sehr alltagspraktisch Gebärden lernen könnt.

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One comment

  • Gardiners-Seychellenfrosch

    Super Beitrag. Beim youtubekanal werde ich mal vorbeischauen, Bodenarbeit mit Pferden hab ich ja auch ganz gut via YT gelernt, vllt. klappt es ja auch mit DGS. In meiner Kindheit in den neuen Bundesländern war der orale Ansatz (nur Sprache und Mundbild, keine Gebärden) nach Moragh Clark der Hit in der Hörgeschädigtenpädagogik. Gebärdensprache war tabu. Die Kinder haben heimlich gebärdet und da ich auf einer Regelschule war, habe ich sie folglich nie gelernt. Bei der Ferienfreizeit mit Kinder von der Förderschule Hören war man leider eher damit beschäftigt mir Tee ins Bett zu kippen oder Steine nach mir zu schmeißen, als mir Gebärden zu zeigen. Aber nach Meinung der Betreuer war ich komisch, dabei werf ich nicht mit irgendwas nach Leuten mit 14 J. wenn ich was nicht verstehe. Aber naja, Erwachsene wenn sie meinen…. Danach war ich nicht mehr so erpicht drauf Gebärdensprache zu lernen, weil ich dass dann immer mit der Steineschmeißerei in Verbindung brachte. Als Erwachsene besuchte ich dann einen DGS 1 Kurs an der VHS, da war ich irgendwie vom Unterrichtstempo überfordert, da der Unterricht sich eher an hörende „Enten“ richtete und ich immer der Depp war, der es als Letzter oder gar nicht raffte. Völlig frustriert dachte ich dann, dass ich für DGS wohl irgendwie „zu doof“ sei. Die Kursleiterin mochte CI-Träger auch überhaupt nicht und die Hörenden hielten mich für komisch und wollten nicht mit mir üben außerhalb des Kurses. Von daher fühlt sich das Erlernen von DGS für mich so kompliziert wie S-Dressur an. Ich hab ja schon Probleme mit Schulterherein und korrekt großen und runden Zirkeln. Es wäre wirklich schön, wenn DGS als Wahlfach geauso wie Französisch usw. an Regelschulen angeboten würde. Von den Hörhilfen fühle ich mich wirklich abhängig, obwohl es mittlerweile für die CIs Wasserschutzhüllen gibt, aber die muss man ja auch erst mal drüberfummeln, bzw. den SP umbauen. Schön finde ich auch, dass das Thema Hörerschöpfung so ehrlich behandelt wird. In meinem CI-Zentrum, bzw. Ci-Selbshilfegruppe ist das nicht so ein Problem, als ob die anderen daheim einen Kessel voll mit Miraculixs Zaubertrank hätten, sodass sie es nur pheripher tangiert. AS und Hörerschöpfung fühlt sich sehr anstrengend an. Dass können Nur-Hörgeschädigte oft nicht nachvollziehen. Die halten mich oft für faul, weshalb ich nicht mehr gerne mit dieser Gruppe zu tun habe. In der AS-Selbshilfegruppe habe ich das Problem, dass ich die Leute so schlecht akustisch verstehe, gebärdet wird da auch nicht und außer mir hat da keiner Hörschwierigkeiten. Deshalb gibt es da eher nur Erfahrungswerte mit AS ohne Hörprobleme. Schwierig…

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