Gastbeitrag von Heidemarie: Mit Servicehund zurück in die Welt

Nicht mehr in dieser Welt sein, lieber tot als Teil dieser Gesellschaft, Abschied, das war es, was ich in einem Abschiedsbrief meines 12 Jahre alten autistischen Sohnes beschrieben fand. Ich war zutiefst schockiert!

Ja wir hatten Probleme in der Familie (drei Kinder nur 16 und 18 Monate voneinander entfernt und ein Vater mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung), in der Schule und mit der Diagnostik zur Autismus-Diagnose.
Mein Sohn Lukas hatte zu diesem Zeitpunkt bereits vier Schulwechsel hinter sich und viele seiner Probleme wurden mit seiner Hochbegabung erklärt nur leider verschlechterte sich sein Zustand kontinuierlich, egal was wir an Förderung und Ausnahmegenehmigungen versuchten.
Heute kann ich mir Vieles erklären, aber zu dem Zeitpunkt war ich mehr als verzweifelt.

Mein Sohn wurde in der Schule mehrfach gemobbt, aber hat von den Situationen nicht berichten können. Er zog sich noch mehr zurück und bekam wahnhafte Depressionen, sah Monster, gefährliche Ritter, hörte Stimmen, die ihn zwangen Dinge zu verstecken… und dann fand ich den Abschiedsbrief.
Zu dem Zeitpunkt hatte Lukas die Diagnose noch nicht, er war in der Klinik zur Diagnostik angemeldet. Keiner kam an meinen Sohn ran und er konnte das Haus nicht mehr verlassen.

Was sollten wir tun?
Ich fragte ihn irgendwann und bekam eine Antwort, die mich verdutzte: „Mama kann ich einen Hund haben? Ich habe keine Freunde und bin so viel allein, wenn ich einen Hund hätte und der mich anschaut gehen auch die Gedanken, dass ich mich umbringen will, weg.“

Das war mal eine Idee… ich bin Katzenmensch, drei der bezaubernden Wesen leben in unserer Familie. Ein Hund wie sollte das gehen?
Ich versetzte Berge, um diesem Ziel näher zu kommen. Das Haus musste so umgeräumt werden, dass die Katzen sich zurückziehen konnten. Lukas musste hierfür das Zimmer wechseln.
Ich suchte eine Trainerin, die uns half, den richtigen Hund zu finden, und ich redete zwei Jahre lang mehr mit dem Hund als mit meinen besten Freundinnen und steckte eine Menge Geld in die Ausbildung des Tieres.

Lukas‘ Service Hund wurde ein Cavalier King Charles Spaniel namens Tommi.
Er schlief bei Lukas und so konnte mein Sohn wieder ruhiger mit weniger Alpträumen durch die Nacht kommen. Nachdem Tommi ein Jahr bei uns war, konnten wir Lukas wieder mehrere Stunden allein lassen und Lukas konnte sich wieder auf Schulstoff konzentrieren. Mit dem Hund traute sich mein Sohn wieder, das Haus zu verlassen und schrittweise waren auch wieder Autofahrten möglich.
Lukas strebte jetzt einen externen Hauptschulabschluss an und wie ein Wunder, er schaffte das mit Begleitung seines Hundes.
Dann ging es weiter zum externen Realschulabschluss und wieder alle Prüfungen zusammen mit seinem Hund und mit Qualifikation geschafft.

©Bild von Heidemarie: Tommi

Für uns alle war das fast wie ein Wunder. Lukas lebte mit Tommi wieder auf und traute sich viel mehr zu. Er war mit seinem Hund sogar im Landtag; um seine autismusspezifische Therapie zu bekommen, wurde hier über unseren Petitionsantrag beraten.
Im Rahmen eines richterlichen Gutachtens (Schwerbehindertenausweis, das Verfahren vor dem Landessozialgericht läuft noch) war Lukas in einer Uniklinik und wurde dort vom Professor gefragt, wer wichtiger für ihn sei, sein Hund oder seine Mutter.
Lukas fand beide gleich wichtig.
Das war für mich eine so grandiose Aussage! Was für eine Entlastung! Lukas war mehr und mehr emotional gefestigt.

Tommi machte so gute Arbeit: er nahm für Lukas den Augenkontakt auf, beruhigte ihn nach schlechten Träumen, sorgte dafür, dass er, wenn er allein war, auch etwas anderes machte als nur am PC zu sitzen.
Er konnte Lukas vor Meltdowns schützen und ihn aus Angstattacken zurückholen.
Unser Familienleben lief endlich in guten, zuverlässigen Bahnen.

Lukas besuchte an zwei Abenden in der Woche mit Tommi ein Abendkolleg und hatte fast das erste Schuljahr erfolgreich durch, da passierte etwas womit keiner gerechnet hatte.
Tommi erkrankte, plötzlich, heftig und unheilbar.
Es war und ist für uns bis heute unbegreiflich. Wir verloren Tommi nach nicht einmal fünf Jahren. Die Trauer, der Verlust das lässt sich kaum beschreiben. Wir verloren nicht unseren Hund, wir verloren einen mehr als zuverlässigen Partner, ein Familienmitglied, einen Freund und verdammt guten Therapeuten für Lukas. Ich hatte regelrechte Panik, dass Lukas wieder in seine alten Muster fällt.

©Bild von Heidemarie: Tara beim Einsatz in der Schule

Was sollte ich tun? Ein Leben für Lukas , für uns als Familie ohne einen ausgebildeten Hund für Lukas, eine Zukunft ohne Hund für Lukas konnte ich mir nicht mehr vorstellen.
Also suchte ich einen neuen Hund für Lukas aus und fing von vorne an. Es war hart und schwer, aber wir haben es geschafft. Es dauerte bis Lukas Tara, unsere Bolonka Zwetna-Hündin, annehmen konnte.
Aber die Hundedame kämpfte verdammt hartnäckig um die Gunst meines Sohnes und ließ erst locker, wenn sie seine Aufmerksamkeit hatte und er lächelte.
Lukas brauchte ein ganzes Jahr, um wieder seine Belastbarkeit zu erreichen und die Schule besuchen zu können. Seit den Sommerferien gehen Tara und er wieder in die Schule.

Mich haben die Hunde überzeugt.
Als Sozialpädagogin lernte ich an der Hochschule Niederrhein die Bedeutung von Tieren in der Tiergestützten Therapie in einer Fachweiterbildung kennen und erarbeitete in dem Rahmen meine Facharbeit zur Bindung von einem autistischen Menschen zu seinem Servicehund in den ersten Monaten.
Zusammen mit meinem jetzigen Hundetrainer denke ich darüber nach, das Konzept auszubauen und ein Fachbuch über die Ausbildung von Servicehunden für autistische Menschen zu veröffentlichen. Mich fasziniert, wie sehr uns die Tiere entlasten und guttun. So sehr, dass ich jetzt zwei Hunde ausbilde und überlege, einen Trainerschein für die Ausbildung von Servicehunden zu machen.

©Bild von Heidemarie: Tara feier mit ihrem besten Freund Filou ihren zweiten Geburtstag

Was für eine beeindruckende Geschichte über eine engagierte Mama, die ihrem Sohn genau zuhört und umsetzt, was er braucht. Danke für diese Erfahrung und das Wissen, dass Du mit uns teilst. Alles Gute für Euren weiteren Weg und Deine Arbeit mit den Hunden.

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7 comments

  • Sandra

    Ich fand deine Beschreibung wunderbar! Ganz toll was ihr geleistet habt!
    Wir haben uns nun auch extra einen Hund für unseren Sohn, 8 Jahre, zugelegt, einen Malteser und es ist dadurch vieles einfach geworden.
    So wie Du es auch schreibst. Er hat jemanden, mit dem er seine Sorgen teilen kann, die Kontaktaufnahme zu anderen ist einfacher und es ist schön, das er ihn so nimmt, wie er eben ist, ohne einen Erwartungsdruck zu vermitteln, der ja aus der Gesellschaft immer an ihn gestellt wird. Wir sind auch begeistert, was der Hund leistet, ganz unbewusst. Das was er an „Arbeit“ macht, macht er wieder wett durch das was er uns allen bringt. Er ist unser Stimmungsaufheiterer in schwierigen Situationen und bringt schnell ein Lächeln auf unsere Gesichter! Ein Bombenentschärfer, weil er dann irgendwas lustiges macht und es dann wieder weiter gehen kann.

  • Doreen

    Ich habe geweint, gleich von Anfang an des Bericht’s.
    Was du tun willst finde ich klasse.
    LG

  • Nina

    Hallo,
    dein Bericht ist so toll geschrieben und ich kann es gut nachempfinden. Wir haben einen 9 jährigen autistischen Sohn und sein Assistenzhund lebt seit 4 Wochen bei uns. Ich hätte nie gedacht, was so ein Partner ausmacht, mit uns und für die Familie macht.
    Alles liebe weiterhin, Nina

  • Vera

    Hallo,
    vielen Dank für den schönen Bericht.
    Ich freue mich, dass Ihr einen weiteren Hund in die Familie integrieren konntet.

    Ich habe aus fachlichen Gründen sehr großes Interesse an der von Euch erbrachten Leistung.
    Ich bin Hundetrainerin, habe Blindenführhunde ausgebildet und schule zur Zeit Service Hunde nach, wenn der Alltag noch nicht reibungslos funktioniert. Da es noch keine anerkannte Ausbildungsqualität gibt, kommt es immer wieder Schwierigkeiten.
    Wäre es möglich, vielleicht über Mail Kontakt einen Austausch der Erfahrungen hinzubekommen?
    Ich würde mich sehr freuen.

    Alles Gute weiterhin!

  • Anja

    Hallo!
    Ich fand den Bericht auch sehr gut geschrieben und habe Tränen in den Augen!
    Wir haben seit 1 1/2 Jahren einen Therapiehund, der jetzt in Ausbildung zum Autismusbegleithund steckt! Mein Sohn liebt diesen Hund abgöttisch! Wir können uns ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen, und der Gedanke, er könnte schwer erkranken oder sich verletzten, ist kaum zu beschreiben! Nicht nur für unseren Sohn gibt der Hund halt, auch ich als Mutter profitiere davon! Wenn wir nach einem anstrengenden Tag abends zusammen auf dem Sofa liegen und kuscheln oder unsere Spaziergänge, nur der Hund und ich …. da kann ich auch mal meine Gedanken loslassen und genießen!

  • Bärbel

    Puh, da habt ihr ein ganz schön großes Päckchen zu tragen.
    Einen Servicehund auszubilden ist teuer und kostet Zeit und Kraft. Das ist eine tolle Leistung.

    Mir gehen hier parallel viele Gedanken durch den Kopf, die ich einfach mal äußern möchte:
    Diese Kosten (inklusive Hund 10.000€???) sind für die meisten Familien nicht zu stemmen, zumal ein Leben mit autistischen Kinder weniger Familieneinkommen und dafür höhere Ausgaben bedeutet. Und Zuschüsse von Krankenkassen, Ämtern oder so sind mir nicht bekannt.
    Abgesehen von der abgrundtiefen Trauer und den Rückschritten, die der Tod des Servicehundes bedeuten, entstehen ja dann die gleichen Anschaffungs- und Ausbildungskosten nochmal für den Ersatzhund – das muss dann auch wieder finanziert werden. Und das Risiko, dass dieser Ersatz dann absolut nicht akzeptiert wird, ist groß.
    Ich frage mich da schon, ob es unbedingt ein Rassehund sein muss und ob in jedem Fall die komplette teure Ausbildung notwendig ist. Kann man da nicht andere Wege gehen?
    Meine Tochter (Diagnose atypischer Autismus erst vor gut zwei Jahren mit 20 Jahren) hat sich vor einem Jahr einen sechsjährigen Doggenmischling (mit Baby und Kleinkind aufgewachsen) zugelegt. Er ist absolut auf Sie fixiert und spürt intuitiv, was sie benötigt. Und sie kann ihn sich selbst leisten, obwohl sie nur relativ wenige Stunden erwerbstätig sein kann. Natürlich ist immer wieder Unterstützung von uns Eltern bei einigen Dingen nötig, z. B. bei Tierarztbesuchen, Dogsitting wenn Hunde nicht erlaubt sind o.ä.
    Blindenhunde sind etabliert und „jeder“ weiß, (weil man es sieht!) dass diese Hunde auch in den Supermarkt mitdürfen.
    Dass ausgebildete und geprüfte Assistenzhunde diese Rechte haben, ist nicht bekannt. Das birgt Stolpersteine für autistische Menschen.
    Eine Lösung ist mir noch nicht wirklich eingefallen.

  • Mama v. Duke

    Liebe Bärbel,
    Du hast mit deinem Beitrag vielen Eltern autistischer Kinder aus der Seele gesprochen. Ich würde mir auch eine Gleichstellung zwischen Blindenhund und Assistenzhund wünschen. Es ist eine Benachteiligung anders behinderter Menschen gegenüber blinden Menschen. Auch die Kosten für einen blindenführhund werden getragen, bei einem assistenzhund sieht dies anders aus. Und dies obwohl es nachweislich eine Verbesserung der Lebensqualität von zum bsp. Autisten gibt. Ich finde statt sich nur um die Ausbildung der sehr teuren Hunde zu kümmern müsste sich erstmal für die kostenübernahme von mindestens 80% eingesetzt werden. Ich Mutter eines 8 Jahre alten Autisten kann eben nicht in dem Rahmen arbeiten wie es nötig wäre, und selbst wenn kann man sich diese enormen Ausgaben mit einem normalen Verdienst nicht mal eben so leisten. Ich pflege meinen Sohn ohne Pflegedienst. Fahre mein Kind jeden Tag ne halbe Stunde zur Schule wieder zurück und mittags wieder hin und wieder zurück. Da fehlen schon mal 2 Stunden. Haushalt und Einkauf muss auch erledigt sein um es meinem Sohn so stressfrei wie möglich zu machen, weil grelle Lichter oder Geräusch wie Staubsauger, Mixer ect. ihn stören.
    Mit Geld verdienen ist da nicht viel. Aber geht es nicht anderen Müttern autistischer Kinder auch so?

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