Ergotherapie als Alltagshelfer – Gastbeitrag zweier StudentInnen über ihre Bachelorarbeit

Leonie und Kathinka hatten vor einigen Monaten bei mir angefragt, ob ich dabei helfen könnte, InterviewpartnerInnen für ihre Bachelorarbeit im Bereich Ergotherapie und Autismus zu finden. Das habe ich gerne gemacht und nun ziehen sie nach erfolgreicher Abgabe ihrer Arbeit Resümee.
Danke an die Beiden, dass sie sich mit der Zusammenfassung ihrer Ergebnisse nochmal gemeldet haben. Und danke all denen, die mitgewirkt haben.

Gastbeitrag von Leonie und Kathinka:

Wir sind zwei Ergotherapeutinnen und haben im berufsbegleitenden Bachelorstudiengang an der Zuyd Hogeschool in Heerlen Ergotherapie studiert. In unserer Bachelorarbeit haben wir uns mit den Ergotherapie-Erfahrungen von Familien mit einem Kind mit ASS beschäftigt.
Dieser Blog und Silkes Bücher haben uns viele Einblicke in den Alltag von betroffenen Familien gegeben. Durch das Teilen unseres Flyers zur Teilnehmersuche in ihrem Newsletter wurden wir außerdem bei der Suche nach Teilnehmer*innen unterstützt. Insgesamt konnten wir Interviews mit sechs Müttern führen. An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Müttern und bei Silke für die Mühe bedanken.
Silke hat uns eingeladen einen Beitrag für Ellas Blog zuschreiben. In diesem Rahmen möchten wir unsere Ergebnisse gerne mit euch teilen.

In unserer Forschung standen drei Fragen im Mittelpunkt:

  • Wie erleben Eltern von Kindern mit einer ASS Ergotherapie?
  • Wirkt sich die Ergotherapie positiv auf den Alltag der Familien aus?
  • Wie zufrieden sind die Familien und was würden sie sich von der Ergotherapie wünschen?

Die Interviews mit den Familien haben ergeben, dass die Ergotherapie nicht immer als positiv erlebt wurde.
Gründe dafür waren z.B. fehlende Aufklärung über die Ziele der Ergotherapie und über die Therapieinhalte und deren Sinn. Häufig war die Therapie funktionell ausgerichtet, es standen also die Verbesserung von Konzentration, Feinmotorik etc. im Zentrum der Therapie.
Die in der Therapie geübten Funktionen waren aber kaum bis gar nicht in den Alltag des Kindes übertragbar. Dies hat insgesamt zu einer nicht so großen Zufriedenheit mit der Therapie seitens der Eltern und der Kinder geführt.

Positiv wurde die Ergotherapie immer dann wahrgenommen, wenn die ergotherapeutische Behandlung mehr auf den individuellen Alltag und bedeutungsvolle Betätigungen des Kindes bzw. der Familien abgezielt haben.
Die Fokussierung auf Alltagsprobleme und Betätigungsanliegen des Kindes und der Familie sind ein wichtiger Grundpfeiler der ergotherapeutischen Behandlung. Die aktuelle Berufsdefinition sagt, dass Ergotherapeut*innen ihren Klient*innen bei der Bewältigung von Betätigungsproblemen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit unterstützen und ihnen Teilhabe ermöglicht.

Quelle: pixabay, User Skitterphoto, vielen Dank!

Der Fokus auf bedeutungsvolle Betätigungen und den Alltag der Klienten ist eine sehr wichtige Entwicklung in der Geschichte der Ergotherapie. Die ergotherapeutische Behandlung soll weniger funktionell ausgerichtet sein (d.h. Verbesserung von Feinmotorik, Konzentration etc.) und sich mehr auf die Betätigungen und Alltagsprobleme beziehen.
Für viele Ergotherapeut*innen bedeutet dieser Wandel eine Umstellung ihrer Arbeitsweise und eine große Herausforderung. Gesetzliche Strukturen erschweren ihnen die alltagsorientierte Arbeit zusätzlich. Im Rahmen einer normalen Verordnung ist das Arbeiten in der direkten Umwelt des Kindes nicht immer möglich. Die intensive Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen kann dem*der Ergotherapeut*in dabei helfen, relevante Umweltfaktoren nachzuvollziehen, sodass diese in der Therapie berücksichtigt werden können.
Auch ist pro Verordnung ein einzelner Besuch zuhause oder in der Schule möglich. Deshalb möchten wir Sie ermutigen, den Prozess der Ergotherapie ihres Kindes aktiv mitzugestalten.

Unsere Empfehlungen:

  • Informieren Sie sich darüber, was Ergotherapie ist und kann; z.B. auf der Website unseres Berufsverbands.
  • Besprechen Sie all ihre Alltagsprobleme mit dem*der Therapeut*in.
  • Formulieren Sie gemeinsam mit dem*der Therapeut*in ein klar festgelegtes Ziel, welches für Sie, Ihren Alltag oder Ihr Kind relevant ist.
  • Suchen Sie aktiv den Kontakt zu dem*der Ergotherapeut*in. Fragen Sie, wenn sie den Sinn einer Behandlung nicht verstehen und äußern Sie ihre Wünsche.

Wir freuen uns über Fragen oder Anregungen per Mail an ergotherapie-ass@gmx.de.

PS: Schaut gerne Mal bei YouTube vorbei, dort könnt ihr ein kurzes Video über die Ergebnisse unserer Bachelorarbeit finden, sowie andere spannende kurze Videos über andere Bachelorarbeiten:

Leonie & Kathinka


One comment

  • Vera

    Hallo,
    das sind sehr sehr gute Ratschläge.
    Wir haben persönlich Ergotherapie nicht erlebt. Aber ich lese immer wieder von Eltern, denen das Vorgehen der Therapeut/in seltsam vorkommt.
    Ich bin mir sicher, dass einige Faktoren die Eltern davon abhalten, so aktiv wie beschrieben die Therapie zu beeinflussen.
    Tatsächlich suchen viele Eltern sehr lange, um überhaupt einen Therapeuten/in zu finden. Dann haben viele Eltern Angst, einen Therapeuten/in abzulehnen, weil Schule oder Jugendamt großen Druck ausüben. Im schlimmsten Fall ist die nächste Ergotherapie Praxis sehr weit entfernt.
    Diese Druckfaktoren finde ich erschreckend. Sind aber alltäglich.

    Aber die Möglichkeit der Mitbestimmung durch Zusammenarbeit wäre auch mein Weg. Wie sollte es ohne gehen? Ohne Zusammenarbeit kann kein Therapeut/in zielführend arbeiten.

    Ein sehr guter Einblick in die Möglichkeiten und somit erschließt sich mir auch, weshalb es eben manchmal nicht gut läuft.

    Vielen Dank dafür.

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