Warum die Suche nach Motiven häufig nichts anderes als Ableismus ist – die „Heimtücke“ von Worten

Es sind diese vermeintlich harmlosen Äußerungen, die einen dicken, schweren Kloß im Hals hinterlassen, die mir immer wieder vergegenwärtigen, wie beängstigend vor allem auch für meinen autistischen Sohn viele Mitmenschen sind, weil sie ihn abwerten.
Natürlich würden sie das niemals zugeben und ich glaube sogar, dass sich einige dessen gar nicht bewusst sind, aber müssen wir das deshalb hinnehmen?
Nein!

„Da kann dein Sohn aber froh sein, so tolle Eltern zu haben. Ich könnte das ja nicht.“
Was soll so ein Satz? Klar, er hat die Intention, das Engagement der Eltern zu betonen. Aber kann man das deshalb so stehen lassen, weil die Intention eine positive ist, aber die Menschen überhaupt nicht merken, welche Abwertung und Herablassung sich dahinter verbirgt?

„Naja, das ist schon echt sehr aufopferungsvoll, was ihr leistet. Da müssen eure Kinder auch aushalten, dass …“
Ja, was?

Zur Fortsetzung dieses Satzes erzählen Eltern ganz unterschiedliche Versionen. Es sei verständlich, dass ihnen mal die Hand ausrutscht (rw), es sei verständlich, dass sie ihre Kinder auch mal ignorieren, es sei verständlich, dass sie ihr Kind ins Heim geben (dafür seien doch diese Einrichtungen da), es sei verständlich, wenn sie Therapiemethoden einsetzen, die die Kinder konditionieren, es sei so vieles verständlich, weil es ja so aufopferungsvoll sei, „diese“ Kinder großzuziehen.
Mir wird wirklich schlecht, wenn ich sowas höre, wenn es mir erzählt wird, wenn ich die Verzweiflung der Eltern spüre, die mir davon berichten. Und auch sie fühlen sich schlecht, weil sie Respekt und Unterstützung möchten und ihre Kinder lieben, aber häufig angeraten bekommen, dass man ein solches Kind ja ganz anders behandeln müsse.

Natürlich sprechen nicht alle Menschen so und auch eine Heimlösung kann z.B eine gute Lösung sein usw, ich möchte hier nicht missverstanden werden und nicht alles über einen Kamm scheren (rw). Aber darum geht es häufig überhaupt nicht, es geht darum, dass Lösungen und Wege vorgeschlagen werden, um „die Bürde kleiner zu machen“, aber nicht deshalb, um das autistische Kind mit seinen Bedürfnissen zu sehen, zu unterstützen und damit auch automatisch der gesamten Familie zu helfen. Und das muss unbedingt hinterfragt werden, täglich, immer.

Ach, das habe ich doch nicht so gemeint. Jetzt bist du aber wirklich empfindlich.“
Und dann wird zum Angriff ausgeholt: „Ich hätte nicht gedacht, dass du mir sowas unterstellst. Jetzt bin ich wirklich verletzt.“ Und schon hat man uns in die Rolle gedrängt, in der wir diejenigen sind, die sich verteidigen müssen, weil wir etwas Böses gesagt haben.
Und mal ehrlich: viele von uns sind sehr anfällig dafür, denn wir sind sensibel, dünnhäutig und aufmerksam für all die Schwingungen um uns herum geworden und wir wollen meistens nur das Recht für unsere Kinder durchsetzen und Respekt. Aber schwupps sind wir diejenigen, die andere angeblich diskreditieren. Und dann fühlen wir uns umso schlechter.

Das Allerwichtigste sind aber nicht wir Eltern, sondern unsere kleinen, jugendlichen oder erwachsen gewordenen Kinder. Um sie geht es, um ihren Lebenswert, der herabgesetzt wird, subtil, offen, gemischt, alles begegnet einem und wenn man nicht selbst mit einer Behinderung lebt, kann man sich wohl nicht ansatzweise vorstellen, wie es sich anfühlt, dem ausgesetzt zu sein, was es mit einem macht und wie es sich letztendlich auch in Verhalten widerspiegelt, das von außen häufig nicht verstanden wird.

Das ist paradox und pervers und ich wähle diese Worte heute nicht von ungefähr, denn der aktuelle Umgang mit den schrecklichen Morden in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen wurzelt genau auf diesem Gedankengut. An den allermeisten Stellen stehen nicht die Getöteten im Fokus der Betroffenheit, sondern die Überforderung und Aufopferung derer, die sie pflegen. Und das ist unerträglich!

„Es ist ja nicht so schlimm, war bestimmt auch eine Erlösung für die armen Behinderten“, las ich gestern und mir wurde kotzübel, schwindelig, mein Kopfkino sprang an, in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der wir glücklicherweise nicht leben müssen – und in die Zukunft mit der Frage, wer mein Kind beschützen wird.

Warum darf man so etwas ungestraft sagen?
Warum bekommen Menschen sogar noch Verständnis für derartige Aussagen?
Warum muss man sich verteidigen und rechtfertigen, wenn man das ganz anders sieht?

Ich frage mich, wie sich wohl die anderen BewohnerInnen fühlen mögen, wenn sie vermittelt bekommen, dass es „ja nicht so schlimm“ sei, dass ihre Mitbewohner getötet wurden. Ich frage mich, was es mit meinem Sohn, was es mit vielen anderen macht, die beginnen, sich darüber Gedanken zu machen…..

Man könnte viel mehr darüber schreiben, noch viel mehr Aspekte einbringen. Meine Worte erheben nicht den Anspruch darauf, das Thema erschöpfend auszuführen. Meine Zeilen sind nicht vollständig, aber Schweigen ist einfach nicht möglich….

Nein, wir sind nicht überempfindlich, wenn wir Respekt für unsere Kinder und generell für Menschen mit Behinderungen einfordern und das fängt bei der Wortwahl an und hört bei Worten auf.
Denn Worte haben die Eigenheit, sowohl offenlegen, als auch heimtückisch verschleiern zu können und die Saat für Entsetzliches zu legen.

11 comments

  • Severine

    Liebe Silke, deine Worte gehen Mal wieder zu Herzen ich selber bin sprachlos über diese Tat, ein Grund mehr zur Gesetzesänderung des SGB 12. Die Vorschriften sind barbarisch und so wie ich gehört habe soll dann noch eine Schippe draufgelegt werden (rw). Vermeintliche Beamte und andere spielen sich als Experte für das Kind auf, treffen Entscheidungen die dem Kind und der Familie schaden, nur weil sie meinen sie wüssten bescheid und können besser beurteilen, weil sie ja Erfahrung haben. Das muss endlich aufhören. Die Sprüche tun weh, die verheerenden Beurteilungen und Entscheidungen, sind Menschenverachtend und zerstörend. Und das ist für mich dann Kindeswohl Gefährdung. Ist es nicht so daß das Kind geschützt werden soll? Kein Beamter oder Arzt oder Sachbearbeiter ist bereit seine Sichtweise zu ändern. Aber man verlangt von uns Eltern das wir etwas ändern sollen u kooperieren. Sonst drohen Konsequenzen. Dann müssen wir gegen unsere Überzeugung, aus Angst und Einschüchterung Dinge machen nur damit uns keine Konsequenzen drohen. In was für einen Land leben wir hier eigentlich? Bestehend aus zwang und Erpressungen usw Das muss endlich aufhören. Wer gibt Außenstehenden eigentlich das Recht über eine Familie zu entscheiden. Versteht mich bitte nicht falsch, sicherlich gibt es Familien die ihre Kinder Schlagen sich emotional und seelisch misshandeln. Da ist auch Hilfe angebracht. Und ich betone Hilfe, weil eine Herausnahmen aus der Familie für das oder die jenigen Kinder schlimme psychische Folgen hat.

    OK das was hier gerade passiert ist, ist in Worte nicht zu beschreiben es ist einfach unglaublich Barbarisch und erinnert mich an Zeiten der Euthanasie während des 2. Weltkrieges. Da wurde „Unwertes“ leben auch legal ausgelöscht. So starben Millionen behinderte Menschen sowie kranke gebrechliche. Und hier Frage ich mich. Ängstlich befinden wir uns vielleicht schon im 3. Weltkrieg ohne daß wir es merken. Rassismus tritt verstärkt wieder auf. Der Hass der Bevölkerung ist unwiderruflich vorhanden. Jeder denkt nur noch an sein eigenes Wohlbefinden. Und jetzt diese tragische Vorfall. Warum dies alles? Ich glaube nicht daran aber ich hoffe das dieser wirklich sehr tragische Vorfall ein „Warnschuss“(rw ) für die Menschheit war. Den Familien der verstorben bringe ich mein Allergiefstes Beileid entgegen. Ich wünsche ihnen nun ganz viel Kraft in dieser schweren Zeit. Und das sie Gerechtigkeit bekommen für das was ihnen angetan wurde. 🕉️😶🤬

  • Marion

    Danke, Silke für das Teilen deiner Gedanken. Wie so oft formulierst du das, was ich fühle, aber erst so richtig begreife, wenn ich es hier lese. Danke, dass du nicht schweigst und dass du uns immer wieder Mut machst, nicht hinzunehmen, was einfach nicht hinzunehmen ist.
    Es ist entsetzlich und das Schlimmste ist, dass es viele Menschen nicht im Geringsten interessiert.
    Marion

  • Birgit

    Gestern sagte meine Tante zu mir genau das, was du hier beschreibst: Vielleicht war es besser für diese armen Menschen.
    Ich war wir vom Donner gerührt, meine Zunge schwoll in meinem Mund an, ich bekam Atemnot, ich musste den Raum verlassen.
    Heute weiß ich, was ich ihr sagen werde. Ich werde hingehen und es ihr sagen, ihr, die schon längst zur Tagesordnung übergegangen ist. Ich werde es ihr sagen – mit deinen Worten. Danke.

  • Mireille

    Ja Silke. Es sind nicht „nur“ die Worte dieser Menschen, es ist ihre Haltung und ihr Weltbild das sich damit offenbahrt. Habe mich aus dem gleichen Grund von „Freunden“ getrennt wenn sie meinten, ihren “ gut gemeinten“ Stuss zur Hautfarbe meiner Kinder erklären zu müssen. Respekt überhaupt, ob mit besonderen Bedürfnissen verlange ich von allen. Ja es ist manchmal anstrengend, in einer Institution für Menschen mit Behinderung zu arbeiten, und da spreche ich über einige Kollegen und nicht die Menschen, denen unsere volle Aufmerksamkeit gehören sollte. Ethik sollte als Fach unterrichtet, abverlangt und getestet werden. Ist es nicht beschähmend, dass wir immer noch solche Grundsatzdiskussionen führen müssen im 2021?
    Ob es nun zur Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung, alten Menschen, Tieren, Menschen mit Migrationshintergrund geht

  • Stefanie

    Liebe Silke, Danke für diesen Beitrag. Du hast uns so aus der Seele gesprochen. Es ist herzzereißend…
    Wir haben einen autistischen Sohn in der 1. Klasse, wir lieben ihn über alles, er ist unser großer Schatz. Erst letzten Donnerstag sagte seine Lehrerin als ich ihn von der Schule abholte, dass sie nicht mit meinem Leben tauschen möchte und froh ist gesunde Kinder zu haben! … Ich war fassungslos und wütend. Ich bin sehr schlagfertig und habe ihr erwidert, dass ich ihre Gedanken so ungesund und schlimm finde, dass ich unter keinen Umständen auch jemals mit ihrem Leben tauschen möchte. Es ist wirklich der Wahnsinn. 2021 und die Menschen lernen nicht dazu und Respekt vor allen Menschen mit Behinderungen… Aber wir kämpfen immer weiter für unsere wunderbaren Kinder! Liebe Umarmung und viele Grüße.

  • Thomas

    Als ich von einer Nachbarin angesprochen wurde, dass solche Kinder am Stadtrand untergebracht werden, bin ich explodiert. Solche Dummheit und Arroganz ist nicht zu überbieten. Als diese Dame sich zur Bürgermeisterwahl aufgestellt hatte, war mir schlecht.
    Eine ganz andere Seite sind die vielen sogenannten Fachkräfte, die meinen mit Ihren Master oder Bachelorstudiengängen alles zu wissen vorgeben oder mit ihrer Behindertenpädagogik meinen die Betreuung erfunden zu haben, aber keine Unterstützung annehmen, von denen, die mit den jungen Menschen tag täglich zu tun haben. Ganz besonders sind das dann jene, die in der WfbM ganz laut anfangen zu schreien und der Jugendliche muss weg oder ist Übergriffig oder oder oder. Hinweise zu Überladungen oder anderen Ereignissen werden ignoriert. Mir erscheint – bitte nicht falsch verstehen – die lapidare Äußerung von persönlichen Bekannten fast schon „nett“, wenn ich das alle von den sogenannten Fachleuten mal zusammenzähle. Job machen ist hier einfach nicht genug.

  • Ingrid

    Als unser Sohn mit 19 Jahren von daheim ausgezogen und in eine Einrichtung gegangen ist, wurden wir von unseren Nachbarn angesprochen und mit vermeintlich guten Ratschlägen wie „das habt ihr richtig gemacht“, „jetzt hast du es leichter“ etc. überhäuft. Ich war perplex.
    Als er dann nicht so funktionierte wie er sollte, wurde mir von den sogenannten Fachkräften, wenn ich sie auf bestimmte Dinge aufmerksam machte, gesagt „Wir sind die Profis“ und mir wurde gesagt was ich alles falsch gemacht habe und falsch mache. Diese „Profis“ haben ihn soweit gebracht, dass er gehen musste, erst von der Wohngruppe, dann von der Förderstätte. Woher nehmen diese „Profis“ das Recht sich über die Mutter bzw. Eltern zu stellen, die für das Kind von der ersten Minute seines Lebens an gesorgt und geliebt haben. Nur weil sie sich theoretisches Wissen angeeignet haben? Leider sind es nicht nur Fachkräfte sondern auch Ärzte und Therapeuten, die alles besser wissen und resitent gegen Hinweise sind. Mit Blick auf Potsdam wird mir Bange vor Einrichtungen mit Profis. Nachbarn könnte man sagen, wissen es nicht besser mit ihren Ratschlägen. Was nichts beschönigen soll.

    • Thomas

      Liebe Ingrid, dass was Sie hier erzählen, kennen ich auch. Auch wenn auf dem Ersten Blick eine Mutter oder eine Familie nicht immer konsequent erscheint, ist es ausserordentlich unproffessionell sie mit „das machen sie falsch“ abzuspeisen. Systemisch gesehen, funktiniert es in diesem System recht gut, wenn auch holprig, aber was passiert jetzt? Ja, das unvermögen der „Fachkräfte“ kommt zum Vorschein und der Schuldige ist gefunden. Wer hier auf der Strecke bleibt, ist der Junge Mensch, der unsere Unerstützung benötigt. Eine Bitte hätte ich noch, machen SIe nicht auch den Fehler und nehmen alle Profis unter Generalverdacht. Es gibt so hervorragende Einrichtungen und Menschen, die mit Hingabe und Engagement den autistischen Menschen begegnen. Leider findet man das nicht überall, aber es gibt soetwas.

  • Susanne

    Hallo,

    ich habe in anderen Beiträgen schon mehrfach das „Es ist ja nicht so schlimm, war bestimmt auch eine Erlösung für die armen Behinderten“, Zitat gelesen.

    Mich daraufhin auf die Suche gemacht und die Quelle nicht gefunden. Die Artikel die ich zu den Morden gelesen habe, waren durch aus angemessen.

    So ein Satz gehört nicht in die Presse, er erinnert der an den Umgang mit Menschen mit Behinderungen im Nationalsozialismus.

  • Dominik

    Was ist denn bitte los mit den Menschen?
    Beim Lesen hat es sich eher so angefühlt, als ob ich gerade eine Videospielreview lese…

  • Reinhard

    Liebe Silke, ohne viele Worte der Erwiderung und ohne weiteren Kommentar sage ich nur DANKE für die
    Gedanken die du nieder-geschrieben hast.
    Besser kann man es zu diesem Themenkomplex nicht sagen/schreiben.
    Nochmals Danke, lieben Gruß, Reinhard.

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