Du bist nicht schuld am Autismus Deines Kindes!

Es ist ein Thema, das mir immer wieder begegnet – entweder, weil mich jemand direkt fragt, wer denn schuld an Niklas‘ Autismus sei – oder weil mich verzweifelte Eltern anschreiben, die mit Schuldgefühlen kämpfen.

Ich möchte es Dir ganz deutlich sagen: Du bist nicht schuld am Autismus Deines Kindes!

Quelle: pixabay, User pixel2013, vielen Dank!

Bitte lass Dir das nicht einreden, von niemandem, niemals. Du brauchst Deine Kraft für andere Dinge als damit, Dich mit solchen Vorwürfen auseinanderzusetzen.

Leider ist es immer wieder so, dass Menschen nach einem Schuldigen für etwas suchen, das sie nicht verstehen, nicht wahrhaben oder verarbeiten wollen. Und wer könnte das bei einem behinderten Kind oder einem Kind, das sich nicht so verhält, wie die Gesellschaft es gerne hätte, am ehesten sein, als die Mutter! Oder der Vater! Oder am besten gleich beide zusammen, weil sie bei der Erziehung versagen.

Aber nein – Du bist nicht schuld.
Autismus ist angeboren. Es kann sein, dass er erst nach einigen Jahren offensichtlich wird, sich erst später, vielleicht sogar erst im Erwachsenenalter Probleme einstellen – aber das bedeutet nicht, dass der Autismus nicht schon immer da war. Er konnte möglicherweise gut kompensiert werden, vielleicht sind sagenhafte Anpassungsleistungen vollbracht worden, bevor es im Leben ohne ständig überfordernde Reizüberflutung einfach nicht mehr weiter ging.
Selbstverständlich spielt eine Umgebung, die sich an die Bedürfnisse von AutistInnen anpasst, sie fördert und in ihrem Anderssein akzeptiert, eine große Rolle und hat auch Einfluss auf die Entwicklung. Ursächlich hat Autismus jedoch nichts mit einer „unangepassten“ Umgebung zu tun.

Und auch wenn die Entwicklung positiv verläuft, dann bedeutet es nicht, dass der Autismus plötzlich verschwunden ist. Es ist ein Zeichen dafür, dass Strategien und Hilfestellungen greifen, womöglich aber auch, dass inzwischen oder phasenweise gut kompensiert werden kann.

Schuldzuweisungen zu übernehmen, die andere einem einreden, ist wie sich selbst anzugreifen, sich selbst zu erniedrigen und fertig zu machen. Lass das nicht zu.
Nicht von anderen – und auch nicht von Dir selbst.
Positioniere Dich ganz klar und verweise darauf, dass Autismus angeboren ist, auch wenn viele Menschen das nicht begreifen wollen – weil er unsichtbar ist, weil er noch nicht immer spürbar war oder weil sie einfach unserem weit verbreiteten sozio-kulturellen Zwang unterliegen, nach dem es immer einen Verantwortlichen oder Schuldigen geben sollte.

Nein, manche Dinge sind einfach wie sie sind und manche Dinge passieren, ohne dass jemand dafür verantwortlich ist. Es liegt an uns, die Herausforderungen, aber auch Schönheiten und all das Wertvolle, das damit verbunden ist, zu sehen und anzunehmen. Es ist nicht schlimm, wenn das eine Weile dauert, aber es ist schlimm, wenn Menschen Dir einreden wollen, dass Du schuld bist. Lass das nicht mit Dir machen, verwehre Dich ausdrücklich dagegen.

Immer wieder wird zurecht (!) darüber gesprochen und eingefordert, dass neurotypische Menschen und AutistInnen gleichberechtigt und auf Augenhöhe (rw) miteinander umgehen müssen. Meiner Meinung nach gehört dazu vor allem in einer Eltern-Kind-Beziehung, dass man sein Kind so annimmt, wie es ist, und nicht nach einem Verantwortlichen dafür sucht, der schuld am So-Sein des Kindes ist. Natürlich soll und muss gefördert werden, aber es sollte immer bedingungslose Akzeptanz einschließen.

Zum Weiterlesen:
Über das Verarbeiten in Spiralen, das Aufreißen alter Wunden und die Liebe zu unseren Kindern

„Dich haut ja sowieso nichts mehr um mit so einem Kind!“ – Resilient bedeutet nicht weniger verletzlich

3 comments

  • Martina

    Hallo Ella,
    danke für diesen Artikel!

    Er trifft bei mir derzeit (wieder einmal) einen wunden Punkt.
    Über die ganzen Jahre gab und gibt es immer wieder von verschiedensten Seiten mehr oder weniger offene Unterstellungen, Anklagen oder Schuldzuweisung für das komische bis „unmögliche“ Verhalten des eigenen Kindes.

    Wirkliche Unterstützung für die Eltern ist selten, selbst an Verständnis mangelt es meist.
    Mit der Zeit bin ich SEHR vorsichtig geworden, wem ich überhaupt etwas aus der Familie erzähle.

    Ein Beispiel ist mir sehr deutlich im Gedächtnis geblieben.
    Aufgrund von nächtlichem Zähne zusammenbeißen und knirschen und darauf resultierenden Dauerkopfschmerzen bekam ich gnädiger Weise Physiotherapie.
    Die Dame behandelte auch recht gut.
    Bei ihren Fragen, nach Stressoren, erwähnte ich auch das autistische Groß-Kind.
    Worauf sie zu einer Belehrung ansetzte, dass der Grund dafür ja nur in den verarbeiteten Lebensmitteln und im Milchkonsum liegt!
    Ich konnte sie zwar nach kurzer Überraschung mit einem „Autismus IST angeboren, sie sollten sich dringend fortbilden!“ zur Ruhe bringen. Allerdings war die wirkliche Erholung durch die wenigen Stunden Physio quasi dahin.

    Hätte jemand den Eltern meines Großvater (vor 100Jahren!) und meinen Eltern (vor 40Jahren) doch nur erklärt, dass sie auf dem Dorf kein Fastfood aus dem eigenen Garten ernten dürfen!
    Dann hätte weder mein Großvater deutliche Aspergersymptome gehabt (natürlich ohne jegliche Diagnose), noch wäre eines meiner Geschwister heute diagnostizierter Asperger. Und natürlich das Groß-Kind auch nicht.
    (Letzter Abschnitt ist sarkastisch gemeint, falls das nicht klar genug zu lesen ist.)

    So, jetzt bin ich aufgrund von persönlichem Auskotzens abgeschweift.
    Es sind aber nicht nur Leute wie im Beispiel, die keine passende Ausbildung und somit kein Wissen dazu haben. Auch Fachleute sind teils sehr schwierig mit dem, was sie sagen.

    Also kurz: es muss viel mehr an Empowerment für die Eltern der autistischen Kinder und die Autisten selber getan werden.
    Danke für die Bereitstellung deines Blogs mit Informationen und deiner unermüdlichen Arbeit daran.

  • Gardiners-Seychellenfrosch

    Sehr toller Kommentar. Mir ist es schon passiert, das die Verhaltensprobleme meines offiziell ADHS und Verdachtsautisten auf meinen Autismus geschoben wurden. Er würd mich ja nachmachen und deswegen. Er macht aber Dinge die ich nie getan habe und die ich eher als typisch für männliche Autisten ansehe. Dinge verspeisen, die eigentlich nicht zum Essen gedacht sind z.B. Popel, irgendwelche Krümel oder Spielzeug in den Mund nehmen und dran nagen bis Stücke abgehen. Den Soft-Plastikfrosch, ein Lieblingspielzeug hab ich deshalb aus Sicherheitsgründen einkassiert. Überlege ob ich ihm einenm Babybeißring gebe für seinen Kautick, aber ob der Erwachsenenzähnen standhält?

    • Miri W

      Kleiner Tipp, es gibt Kau-oder Beißketten. Das sind stabile Anhänger in Form eines Rechtecks, ( sieht je nach Modell aus wie ein Legostein) wenn Ihr Kind alt genug ist und keinerlei Probleme mit Ketten oder ähnlichem hat. Kann man versuchen ihn dies anzubieten. Geben Sie einfach mal bei Amazon Beißkette oder Anhänger für Autisten ein.
      Ich hoffe ich konnte helfen. Natürlich gibt es die Anhänger bestimmt nicht nur bei Amazon, aber ich habe selbst lange nach soetwas gesucht, da unser Sohn 2 Jahre Autist ist und sich die Finger wund beißt wenn es zuviel wird.

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