Warum wir manchmal aus der Rolle fallen (müssen)…

Quelle: pixabay, User fotoblend

„Manchmal muss man aus der Rolle fallen,
um aus der Falle zu rollen.“
(Virginia Satir)

Dieses Zitat las ich gestern und machte mir einige Gedanken darüber. Ich glaube, dass jeder von uns dieses Gefühl ziemlich gut kennt – das innerliche Aufbegehren gegen Unrecht, Unwahrheit, Zwänge und Fremdbestimmung.

Es geht dabei einerseits um Rollen, in die wir uns selbst begeben, die wir vielleicht irgendwann einmal gewählt haben, die aber nun nicht mehr passen oder die damit verbundene Erwartungshaltung nicht mehr mit unserem Leben vereinbar ist.
Es kann aber auch um Rollen gehen, die uns zugeschrieben werden und die wir niemals haben wollten. Gesellschaftliche Vorgaben spielen hier eine große Rolle, die allgemeine Definition dessen, wie man als Mutter, Vater, Angestellter, Sohn, Tochter, Lehrer, Arzt oder auch Autist ….. zu sein hat.

Autistinnen und Autisten kennen das sicherlich sehr, sehr gut. Denn viele Erwartungen werden an sie herangetragen – wie sie sein sollen, zu sein haben, doch nicht sein können, nicht sein dürfen, sich entwickeln müssen, was abzulegen und zu lernen ist und wie man sich anzupassen habe. Die Aufzählung ist nicht vollständig.
Unbegründete Erwartungen aufgrund von Fehlinformation und mangelnde Aufklärung und die Forderung nach Normalisierung und Anpassung richten viel Schaden an

Aber auch uns Angehörige autistischer und behinderter Kinder betrifft dies, da wir einige Rollen, die das Leben Menschen mitgibt und sie dann aber auch wieder daraus entlässt, niemals ablegen werden – da wir um die Rechte unserer Angehörigen kämpfen und dabei mit Anforderungen und Erwartungshaltungen von außen konfrontiert werden – weil wir uns ehrenamtlich engagieren und auch hierbei mit Erwartungen und Konflikten in Berührung kommen – da wir besondere Antennen dafür entwickeln (rw), wer es ehrlich mit unseren Kindern und uns meint und wer nicht und daher oft fassungslos vor der Doppelmoral oder bevormundenden Einmischung mancher Menschen stehen, die die Macht ihrer Rollen ausnutzen.
Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen, ich bin sicher, dass Ihr viel zu erzählen habt.

Nicht immer hat man die Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, ohne Gefahr zu laufen, die Situation noch schlimmer zu machen – auf sich bezogen oder auch aus Rücksicht auf andere, zum Beispiel auf unsere Angehörigen.
Das hat mit Macht, Abhängigkeit und sehr, sehr oft mit mangelnder Aufklärung zu tun. Es zeigt sich vor allem im Bereich Schule und es macht mich regelmäßig traurig zu lesen, wie Familien zu Entscheidungen genötigt werden, die sie eigentlich niemals wollten und nicht für gut befinden.

Nicht immer hat man die Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, weil es zermürbt, immer wieder zu kämpfen, weil es Kraft raubt, die wir nicht mehr haben oder die wir an anderer Stelle so dringend brauchen, um unseren Alltag zu bewältigen. Häufig sind es dann diejenigen, die am längeren Hebel sitzen (rw), die sich durchsetzen, weil sie lauter sind oder mehr Einfluss haben.

Nicht immer setzen wir uns zur Wehr, weil wir mit unseren autistischen Angehörigen gelernt haben, auch mal abzuwarten, an das Positive zu glauben und die Hoffnung niemals aufzugeben. Diese Haltung überträgt sich manchmal auf andere Lebensbereiche und führt dazu, dass wir allzu oft eines Besseren (oder eher Schlechteren) belehrt werden und sich zeigt, dass Schweigen und Ausharren leider der falsche Weg war.

Nicht immer setzen wir uns zur Wehr, weil wir gelernt haben, dass wir nicht jeden Kampf kämpfen müssen. Wir können es schlicht nicht, weil die Kraft fehlt, und wir wollen es auch nicht, weil wir die Unbeschwertheit in unserem Leben allzu oft vermissen.

Autistinnen und Autisten und uns Angehörigen autistischer und behinderter Kinder liegt vor allem an Wertschätzung und Respekt, an Dialog und Austausch, an Weiterentwicklung und Miteinander.
Nur so – wenn wir nicht alle als Einzelkämpfer unterwegs sind – können wir am meisten für unsere Familien und darüber hinaus für alle anderen erreichen.
Ein guter Freund sagte mal zu mir: „Am meisten erreichen wir für unsere Kinder, wenn wir uns für möglichst viele engagieren.“
Als er das damals zu mir sagte, nickte ich, hatte aber noch nicht wirklich begriffen, was er meinte.
Heute verstehe ich, was er sagen wollte, aber ich weiß auch, dass es uns alle viel Kraft kostet, über das private Pensum hinaus, auch noch öffentlich Aufklärungsarbeit zu leisten. Damit meine ich nicht nur Auftritte auf Podien oder bei Veranstaltungen, sondern vielmehr unser aller Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit, wenn wir mit unseren Kindern unterwegs sind, wenn wir Missverständnisse und Vorurteile ausräumen und in den Augen der anderen so häufig „aus der Rolle fallen“ – als Autistin, Autist oder Angehöriger.

Wir fallen ohnehin ständig aus der Rolle, ohne es zu wollen. Lasst es uns auch hin und wieder bewusst tun, um aufzurütteln, verzerrte Wahrheiten zu begradigen oder zumindest mit weiteren Perspektiven zu ergänzen, für die Rechte unserer Kinder vehement einzutreten und Respekt einzufordern. Nur so können bewährte Fallen, unlogische Verknüpfungen, ungerechtes Vorgehen, schädliche Konsequenzen und Maßnahmen im Erziehungs- und Bildungsbereich und vieles mehr entlarvt und entschärft (rw) werden.
Lasst und immer mal wieder etwas Unerwartetes tun, um auch andere aus ihren häufig allzu bequemen und selbstgerechten Rollen fallen zu lassen.

Und eins noch, weil es so wichtig ist:
Achte auf Dich selbst.
Niemand hat etwas davon – und am allerwenigsten Deine Kinder – wenn Du Dich verausgabst, Dich verletzen lässt, wenn Du verbittert wirst und Deine Kraft und Lebensfreude verlierst. Umgib Dich mit Menschen, die Dir gut tun, denen Du vertrauen und auf die Du Dich verlassen kannst.
Denn genau die werden verstehen, warum Du im Großen wie im Kleinen auch mal aus der Rolle fällst.

2 comments

  • GretchenM

    Danke. Gerade heute war wieder so ein Tag… ehrlich gesagt musste ich eben weinen als ich las „Achte auf dich selbst“. Das fällt neben dieser ganzen „Kämpferei“ an allen Fronten so schwer…

    Aber danke für die Erinnerung daran, dass das auch wichtig ist und richtig.

  • Bettina

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich habe den letzen Beitrag mehrmals gelesen und er hat mich tief berührt.
    Alle Eltern von Kindern mit Behinderung und/oder Autismus müssen soviel Kämpfe für ihre Kinder führen, soviel Kraft aufwenden, soviel Enttäuschungen verkraften, Ungerechtigkeiten aushalten – da ist es wirklich eine große Kunst immer wieder zu entscheiden, ob sich ein Kampf lohnt oder gerade die Kräfte übersteigt. Wie verhält man sich bei Enttäuschungen und Verletzungen richtig um daran nicht kaputt zu gehen und sich selbst zu verlieren. Wie schaffen wir es immer wieder positiv zu denken, Zuversicht auszustrahlen, Kraft zu Tanken, unsere Lebensfreude zu erhalten und unseren Humor nicht zu verlieren. Die Antwort:
    Weil wir unsere Kinder lieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.