„Sie überraschte uns in ihrem Leben schon sehr oft“ – Nadines Weg ins Arbeitsleben und in die Werkstatt

Nadine (Name geändert) ist frühkindliche Autistin mit geistiger Behinderung. Ihre Mutter erzählt im Interview über ihre Schullaufbahn und den Weg ins Arbeitsleben.

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Liebe Doreen, Deine Tochter ist Autistin. Wie alt ist sie, welche Diagnose hat sie und was macht ihr Leben besonders?

Meine Tochter ist jetzt 22 Jahre jung. Die Diagnose haben wir erst im Alter von 14 Jahren erhalten: F84 Frühkindlicher Autismus mit F70 Leichter Intelligenzminderung
Ich wusste schon sehr früh, dass etwas anders war. Wie Mütter aber so manchmal sind, habe ich es verdrängt und hinausgezögert. Nadine ist mit sechs Monaten in unsere Familie gekommen. Sie hat ein großes Päckchen mitgebracht (rw), um das ich mich erst einmal gekümmert habe.

Ich arbeite seit ca. 30 Jahren in einer Einrichtung für Erwachsene mit geistiger Behinderung. Mir sind in meinem Arbeitsleben viele unterschiedliche Menschen mit Einschränkungen begegnet. Sie haben mich geprägt, auch in der Erziehung meiner eigenen Kinder. Das als Erklärung, warum das Leben meiner Tochter etwas Besonderes ist.
Bis zum zweiten Lebensjahr sprach sie überhaupt nicht. Keine Laute, geschweige irgendwelche Wörter. Jetzt kann sie lesen, schreiben, rechnen, spricht, wenn sie Lust hat oder es nötig ist, und kann mit Hilfe und Geduld Neues probieren.
Das finde ich phantastisch und bemerkenswert.

Welche Stärken und Schwächen hat sie?

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sie alleine in den Kindergarten, die Schule und jetzt auf Arbeit gehen kann. Aber Nadine überraschte uns in ihrem Leben schon sehr oft. Mit vier Jahren war sie zum Beispiel alleine mit dem Fahrdienst in den Kindergarten gefahren, weil ihr Vater die Zeit des Abholens verschlafen hatte. Ihr könnt euch sicherlich seine Sorge vorstellen, als er sie nicht mehr gefunden hatte.
Da sie mit dem Fernverkehr umgehen kann, ist sie auch schon alleine in eine größere Stadt gefahren, um den Weihnachtsmarkt zu besuchen, ohne dass wir es wussten. Ihr Handy war in der Zeit nicht funktionstüchtig. Meine Angst und Unruhe waren unbeschreiblich. Um so stolzer war ich, als sie wieder da war. Meine Aufregung konnte sie gar nicht verstehen. Sie war damals 14 Jahre alt.

Besuche bei Ärzten waren auch für uns eine große Herausforderung, in vielen Berichten auf Ellas Blog fühlen wir uns widergespiegelt. Plötzlich, ich weiß nicht mal mehr wie alt Nadine war, ging sie ohne Schreien und um sich zu schlagen zum Arzt. Die Kinderärztin konnte sie untersuchen und mit ihr sprechen. Es war toll. So ging es auch mit den anderen Ärzten. Sie war auch in der Zwischenzeit zwei mal für vier Wochen alleine zur Kur. Es hat ihr nicht gefallen und ich glaube, sie wird es auch nie wieder machen, aber aus meiner Sicht war es gut, dass sie es versucht hat.
So geht sie durch ihr Leben, unbeschwert und mit sich zufrieden.

Es gibt Dinge, die der Umwelt nicht gefallen, mich eingeschlossen. Ihre reduzierte Art, Gefühle zu zeigen, zum Beispiel. Ihre Spielsucht, sie kann einen ganzen Tag im Zimmer verbringen und lebt in ihrer Welt mit ihren Charakteren. Körperpflege ist auch ein schwieriges Thema.
Sie braucht immer jemanden, der sie mitnimmt, sie macht aber auch Vorschläge für Unternehmungen. Ich bin über fast jeden Vorschlag von ihr froh und mache mit.

Du sagst, dass deine Tochter schon viel ausprobiert hat und nun angekommen ist. Was hat sie gemacht, bevor sie in die Werkstatt kam?

Beim zweiten Anlauf ist sie in einen Integrativen Kindergarten gegangen. Dort wurden die ersten Sozialgrundlagen gelegt. Ich glaube, das war die kreativste Förderzeit für sie. Dort lernte sie sprechen und ging in Logo – und Physiotherapie. Sie hatte tolle Erzieherinnen.
In der Schulzeit experimentierten wir etwas. Weil sie so tolle Fortschritte machte, wurde sie im Ort in die Grundschule als Integrativkind eingeschult.
Aus meiner jetzigen Sicht war es nicht optimal. Unserer Kinder aus dem Ort konnten mit ihrem Anderssein nicht umgehen, obwohl die Lehrer ihr Bestes gaben. Außerdem wurde die Kluft beim Lernen zu den anderen Kindern zu groß. Nadine hörte in dieser Zeit auf zu sprechen.
Mit der dritten Klasse wechselte sie in ein Förderschulzentrum. Die Schule lag mehrere Kilometer weit weg. Angefangen haben wir mit einem Fahrdienst und dann fuhr sie von der Schule alleine nach Hause. Da ihr die Kinder im Auto auf die Nerven gingen, entschied sie beizeiten, auf den Fahrdienst zu verzichten. Im Lernförderbereich fühlte sie sich überhaupt nicht wohl. Es stellte sich immer mehr heraus, dass sie eine leichte geistige Behinderung hat.
Ab diesem Zeitraum hatten wir eine Diagnose und sie wechselte in den Geistigbehindertenbereich. Zum Glück musste sie in keine neue Schule und kannte die Räumlichkeiten und Lehrer. Ab da ging es wieder aufwärts. Sie fühlte sich wohl, war eine der besten Schülerinnen und gewann Preise. Sie war stärkste Sportlerin, nahm am Lesewettbewerb teil und belegte dort den dritten Platz. Sie spielte die Maria im Krippenspiel mit und sagte vor vielen Leuten ihren Text auf.
So beendete sie ihre Schulzeit und ich muss sagen: die Lehrer waren alle toll.

Warum habt Ihr Euch für eine Werkstatt entschieden?

Ja… das Arbeitsleben…
Es fing schon in der Schule an, dass das Arbeitsamt uns Vorschläge machte.
Da sie so tolle Fortschritte gemacht hatte, entschieden wir gemeinsam mit Nadine, dass sie an einer Maßnahme vom Arbeitsamt mit „unterstützter Beschäftigung“ teilnimmt. Das bedeutete, dass Sozialarbeiter Firmen suchen, die Menschen mit Einschränkungen beschäftigen – zunächst für ein Praktikum und später zur Festeinstellung.
Sie hätte dann im ersten Arbeitsmarkt gearbeitet. Die erste Firma war ein Volltreffer: im Elektrobereich, wenige Beschäftigte, toller Chef. Hätte perfekt sein können. Leider konnten sie eine Festeinstellung für die Zukunft nicht zusagen. Damit war die Firma raus.
Die Sozialarbeiter bemühten sich sehr, eine Firma zu finden. Nadine schaute sich ungefähr fünf Firmen an und arbeitete zur Probe. Aber immer war etwas nicht in ihrem Sinn, zu laut, zu viele Leute, große Halle, keine Bezugsperson, an die sie sich wenden konnte und vieles mehr.
Für Nadine war es frustrierend und für mich nervig, weil ich nicht wusste, wie es weiter ging. Wir entschieden dann nach über einem Jahr, in die Werkstatt umzusiedeln.
Die Werkstatt kannte sie von der Schule aus. Sie hatte dort Praktikum gemacht, war aber nicht sehr zufrieden gewesen. Allerdings hatte sie nun gelernt, wie schwer es ist, Arbeit zu finden. So wurde sie in die Berufsausbildungsmaßnahme integriert und war erst einmal gut aufgehoben.
Die Betreuer stellten schnell fest, welche Stärken und Schwächen sie hat. Es gibt Außenarbeitsplätze, bei denen man nicht in der Werkstatt arbeitet, aber weiter dort angeschlossen bleibt. Die jetzige Situation von Nadine ist so: sie arbeitet in einer Elektrofirma in der Nähe der Werkstatt und muss mit wenigen Menschen umgehen. Die Arbeit fordert sie. Sie arbeitet in zwei Schichten. Tolles Mädchen…

Gab es bürokratische Hürden zu nehmen? Kannst Du kurz den Ablauf für die Aufnahme in einer Werkstatt skizzieren?

Kurz hatte ich schon angesprochen wie es mit dem Arbeitsamt los ging. Es gibt eine Beauftragte im Arbeitsamt, die wir Eltern schon im letzten Schuljahr beim Elternabend kennengelernt hatten. Als sich herauskristallisiert hatte, dass die oben beschriebene Maßnahme für Nadine nichts war, gab es Gespräche zwischen Nadine, mir, Sozialarbeiter und später auch mit dem Arbeitsamt. Es gab keine Probleme beim Übergang in die Werkstatt. Man regelte alles Bürokratische ziemlich unbürokratisch. Fahrdienste, Therapien oder alle aufgezählten Integrationsmöglichkeiten bekamen wir ohne Schwierigkeiten.
Es ist möglich, dass uns die Tatsache geholfen hat, dass Nadine ein Adoptivkind ist. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, vielleicht aber auch nicht. Ich glaube, wir hatten immer den richtigen Riecher und Glück.
Ich muss auch den Menschen um Nadine ein großes Kompliment machen, wie sie sich für sie eingesetzt und sie begleitet haben.

Was sind ihre Aufgaben in der Werkstatt? Macht ihr die Arbeit Spaß?

Nadine hat eine gute Feinmotorik und Auffassungsgabe. Dadurch ist sie für Kabelinstallieren und Arbeiten an Maschinen gut geeignet.
Ob die Arbeit Spaß macht, kann ich nicht beantworten. Sie hat ein Pflichtbewusstsein und will Geld verdienen.

Hat sie soziale Kontakte?

Soziale Kontakte hat sie nur übers Internet. Die Familie nimmt sie mit, wenn sie will. Sie weiß aber, dass sie sich jederzeit an bestimmte Personen wenden kann. Natürlich bin ich die erste Ansprechpartnerin.

Was läuft richtig gut und wo könnte man die Rahmenbedingungen für Autisten in der Werkstatt noch verbessern?

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Heilerziehungspflegerin habe ich mit vielen Autisten zu tun. Die Rahmenbedingungen sind sehr wichtig. Bezugspersonen, an die sie sich wenden können, sind wichtig. Beobachten, mit ihnen sprechen und darauf reagieren, finde ich nötig.
Beispiel: Die ersten Wochen in der Werkstatt waren in Ordnung, danach ging es los mit Meckern von Nadine. Meine Erfahrung ist, dass man darauf reagieren sollte, weil sie sonst nicht mehr mitmacht und sich verschließt. Mit den Betreuern der Werkstatt führte ich ein Gespräch und wies sie darauf hin. Sie hatten es teilweise schon bemerkt und ließen sie an einem Einzelplatz arbeiten. Außerdem durfte sie Kopfhörer aufsetzen, um die Gespräche rundherum nicht mehr mithören zu müssen.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft Deiner Tochter?

Ich wünsche mir, dass sie in der Firma weiter arbeiten kann und sie damit zufrieden ist. Ich wünsche mir, dass wir eine geeignete Wohnform finden und sie eines Tages ohne mich gut zurecht kommt. Ich wünsche mir, dass sie immer Menschen an ihrer Seite hat, die sie verstehen, achten und ihr helfen. Im Moment ist sie in unserer Familie mit ihren Geschwistern gut aufgehoben.

Und wie geht es Dir als Mutter?

Ich habe schon mehrere Male angedeutet, dass ich sehr stolz auf meine Tochter bin. So wie ihre Vorgeschichte ist, hätte es auch anders kommen können. Sie ist meine Herausforderung gewesen und hat mich für mein Leben sehr stark gemacht.
Diese Lebensgeschichte von Nadine ist auch meine Geschichte. Ich habe sie angenommen und bin froh darüber, dass es gut gelaufen ist.

Hast Du Tipps für junge Eltern, die noch ganz am Anfang des Weges stehen?

Eltern, die am Anfang stehen, kann ich nur eines mitgeben: Nehmt eure Kinder wie sie sind, sie sagen oder zeigen euch, was sie möchten und brauchen, egal in welcher Form.
Traut ihnen und euch was zu. Nehmt Hilfe an und fordert sie auch ein.

Danke für Deine Schilderungen, liebe Doreen. Euer Weg zeigt, dass es auch nach Umwegen gut weitergehen kann. Alles Gute Dir und Deiner Familie und dass die Wünsche, die Du für Deine Tochter hast, wahr werden.

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Zum Weiterlesen:

Anita im Interview: „Meine Tochter braucht angepasste Rahmenbedingungen in der Werkstatt.“

Wenn der Weg in die Förderstätte führt

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