„Ach, hat er das wohl gerade verstanden?“ – „Was will er denn jetzt von mir?“ – vom richtigen Zuhören

„Kann sie das denn?“
„Hört sie mich?“
„Hat er das jetzt verstanden?“
„Ist er gefährlich?“
„Warum macht er das denn jetzt nicht?“
„Geht das eigentlich bald vorbei?“
„Hat er diesen Autismus schon immer?“

Habt Ihr diese Sätze auch schon gehört?
Bestimmt viele von Euch, denn so wird es mir oft berichtet.

Neulich erzählte mir eine Mutter von einer Familienfeier, bei der auch ihr autistischer Sohn dabei war. Er ist 22 Jahre alt, nichtsprechend und seit seiner Geburt bei Festen und Feiern seiner Familie dabei.
Peter (Name geändert) spricht zwar nicht, versteht aber alles um sich herum und ist sehr gut darin, sich auch ohne Worte mitzuteilen.
So nimmt er eine Person, der er etwas zeigen oder mit der er Zeit verbringen möchte, zum Beispiel an der Hand.
„Was will er denn jetzt von mir?“, wird Peters Mama dann manchmal gefragt und sie ärgert sich darüber, dass nach über 20 Jahren und ebenso langen Erklärungen und gemeinsamen Erfahrungen immer noch diese Unsicherheit herrscht und in der Familie über Peters Kopf hinweg gesprochen wird, obwohl er anwesend ist und doch sehr deutlich und angemessen zeigt, was er möchte.

Auch wenn Peter mit seiner Reaktion zeigt, dass er das, was zu ihm gesagt wird, verstanden hat, kommen erstaunte Sätze wie: „Ach, hat er mich wohl gerade verstanden?“
Ich kenne das auch von Menschen, die mit Niklas zu tun haben, dass über seinen Kopf hinweg dann gesagt wird: „Er versteht mich ja.“
Und ich denke mir dann regelmäßig: Ja, hast Du mir eigentlich jemals richtig zugehört? Und dann sage ich: Er kann Dich übrigens hören.

Wohlbemerkt meine ich hier Menschen, die schon lange Zeit Wegbegleiter sind und von denen man erwarten darf, dass sie es besser wissen. Leute, die ganz neu mit dem Thema Autismus in Berührung kommen, können vieles natürlich nicht wissen und dann kläre ich, genauso wie viele andere, gerne geduldig auf.

Das sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, was mir viele andere Eltern auch erzählen. Manchmal hat man das Gefühl, dass nicht richtig zugehört wird oder dass uns nicht geglaubt wird, was wir sagen.
Das sind natürlich zwei verschiedene Dinge:

Manche Leute hören wirklich nicht zu und wenn man sie wieder trifft, ist es so, als würde man von vorne mit Erklärungen anfangen, weil einfach nichts von dem, was man bereits einige Wochen oder Monate zuvor erklärt hatte, angekommen ist.
Das kann mal vorkommen, weil man wegen eigener Probleme zerstreut ist oder in Eile war oder oder oder. Aber wenn man das bei derselben Person immer wieder erlebt, verlieren wir Eltern dann auch mal die Lust, uns und unsere Kinder ständig aufs Neue zu erklären.

Manche Leute hören zwar zu, glauben uns aber nicht. Da begegnet man dann zustimmendem oder wissendem Nicken, spürt aber genau die Skepsis, die sich zwischen den Ohren des Gegenübers abspielt (rw).
Und dass wir uns dabei nicht täuschen, bekommen wir bestätigt, wenn dann diese ungläubigen Sätze kommen wie: „Ach, er hat ja reagiert.“ oder „Er schaut mich ja an. Hört er mich?“ oder „Was will er denn von mir?“.
Manche Personen glauben uns auch deshalb nicht, weil wir keine Fachleute, sondern „nur“ Eltern sind, die überbehüten, ihr Kind einseitig beurteilen und falsch erziehen. Da kommen dann Sätze wie: „Bist Du sicher, dass Du Dir das nicht einbildest?“ oder „Sie sind die Mutter/der Vater, ich bin Fachkraft. Ich weiß es besser.“
Dass wir nach und nach zu Experten in eigener Sache werden, ist eine Rolle, die uns manche Menschen nicht zutrauen und dann hört man ein „Aha“ oder „Mmhm“ und merkt genau, dass uns nicht geglaubt wird.

Natürlich gibt es Mitmenschen, die es richtig gut machen.
Freunde und Familie, die nachfragen und dann auch ihr eigenes Verhalten anpassen, wenn nötig.
Menschen, mit denen man an Gespräche anknüpfen kann, die weiter zurückliegen, ohne wieder von vorne erklären zu müssen.
Menschen, die unsere Kinder nicht übergehen, sondern mit ihnen sprechen.
Und es gibt natürlich auch Fachleute, die Elternkompetenz anerkennen und offen kommunizieren, dass mehrere Perspektiven mit ihrer jeweiligen Kompetenz zusammenkommen müssen, um gut miteinander arbeiten zu können.
Da geht mir immer das Herz auf, wenn ich es selbst erleben darf oder mir darüber erzählt wird.

Bild mit Text: vom richtigen Zuhören

Vielleicht liest Du dies hier als außenstehende Person und möchtest es gut und richtig machen, bist aber unsicher, wie. Dann helfen Dir vielleicht diese Hinweise weiter:

  • Bitte höre Eltern zu, die über ihr autistisches oder behindertes Kind erzählen. Nutze die Gelegenheit, Aufklärung aus erster Hand zu bekommen.
  • Höre auch unbedingt Autistinnen und Autisten zu, die aus ihrem Leben erzählen, denn sie wissen am Besten, wie es ist, mit einer anderen Wahrnehmung zu leben.
  • Nimm ernst, was Autistinnen und Autisten zu sagen haben, die zwar nicht sprechen, aber etwas aufschreiben, gebärden oder sich mit anderen Formen der Unterstützten Kommunikation mitteilen.
  • Sprich nicht über den Kopf von Autistinnen und Autisten hinweg, sondern versuche direkt zu kommunizieren. Wenn das nicht klappt, bitte um Unterstützung bei der Kommunikation. Allein der Versuch ist schon viel wert und zeigt, dass Du Respekt vor der Person hast.
  • Frage nach, was Du nicht verstanden hast und frage auch mal direkt, über welche Vorurteile sich die Familie ärgert. Damit kannst Du vielleicht sogar Deine eigene Sichtweise direkt korrigieren.

3 comments

  • Zarinka

    „Sie sind die Mutter/der Vater, ich bin Fachkraft. Ich weiß es besser.“

    Ähnliches bekomme ich leider auch immer mal zu hören.

    (Meine persönlichen Erfahrungen in meinem Umfeld)

    Kürzlich in einem Gespräch mit einem Familienangehörigen beim Thema Autismus:

    „Das ist eine Sache der Selbsterziehung.
    Ich war früher auch so, also autistisch, habe sehr lange Zeit nicht gesprochen. Aber durch Selbsterziehung habe ich meinen Autismus besiegt. Autismus ist heilbar! Dies bestätigen sogar Forschungen in den USA.
    Ich habe mich damals sehr viel während meines Studiums mit Autismus befasst da es Teil meiner Ausbildung war. Ich brauche also keine Belehrungen was das Thema Autismus jetzt angeht.“

    Noch jemand der meint es besser zu wissen. ;)

    Ich persönlich finde es sehr schwer Leuten Autismus auch nur einigermaßen verständlich zu erklären wenn sie die Ansicht vertreten dass Eltern durch falsche Erziehung zu Autismus beitragen bzw. höchstwahrscheinlich sogar die Verursacher sind und das man in Therapien sehr wohl lernen kann (auch später noch) selbst erzieherisch dem Abhilfe zu schaffen.

    Ob solche Menschen, die so denken jemals wirklich und richtig zuhören werden?
    Was da jetzt meine Familie und mein Umfeld angeht muss ich sagen: eher wohl nicht, leider!

  • Frank

    Ich halte den vierten Punkt der „Hinweise“ für besonders wichtig („Sprich nicht über den Kopf von Autist*innen hinweg…“), weil er eine generelle Haltung gegenüber anderen Menschen einfordert. Über den Kopf von Menschen mit Einschränkungen hinwegsprechen, das erlebe ich in Einrichtungen der Lebenshilfe, das erlebe ich immer wieder bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Altenheim, besonders wenn es sich um Rollstuhlfahrer*innen handelt.

    Anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, wie die Redewendung sagt, muss eben immer wieder im Alltag trainiert werden.

    Und: Ob es um richtiges Zuhören geht, wie der Blogbeitrag es schreibt und auch Zalinka in ihrem Komentar, möchte ich bezweifeln. Das beste Zuhören nützt nichts, wenn die Haltung im Kopf nicht stimmt. Die Inklusionsgegener*innen z. B. hören schon zu, lehnen aber Inklusion aus einer inneren Haltung heraus ab, und dann sind Argumente machtlos.

    Inklusive Schulsysteme können natürlich schon von klein auf an dazu beitragen, dass so dumme Reaktionen wie die von Zalinkas Familie gar nicht kommen.

    • Zarinka

      „Sie sind die Mutter/der Vater, ich bin Fachkraft. Ich weiß es besser.“

      Anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen sollte meiner Meinung nach einen würdigen Umgang, Akzeptanz und positive Beachtung der anderen Person beinhalten.

      Dazu gehört für mich persönlich jetzt jedoch auch richtiges/aktives Zuhören. Mal mit der eigenen Meinung („ich bin Fachkraft“…“ich weiß es aber besser“…“ich habe in meinem Studium damit zu tun gehabt.“) zurückhalten, den Sprecher ausreden lassen und ihn nicht gleich unterbrechen. (Solche Erfahrungen mache ich leider fast täglich.)

      Das führt jedoch nicht zwangsläufig auch dazu dass sich die Haltung im Kopf solcher Menschen ändert. („ich bleibe dabei denn ich habe andere Quellen die mir nun mal schlüssiger erscheinen“.)

      Auch inklusive Schulsysteme können nicht verhindern dass blöde Reaktionen wie die von meiner Familie, dennoch immer mal wieder auftreten.

      Wer eh glaubt alles besser zu wissen weil er in seinem Studium anderes gelernt hat (betreffend Autismus) und sich zudem auf „neuste“ Studien aus Amerika bezieht (wie jetzt in meiner Familie), will so oder so nicht wirklich dem anderen zuhören.

      Und dennoch bin ich der Meinung, dass richtiges Zuhören unter Umständen eventuell ja doch irgendwann dazu führen könnte seine eigene Haltung im Kopf wenigstens mal neu zu überdenken.

      Für mich persönlich (Asperger Autist) ist es jedenfalls wichtig dass man mir aufmerksam zuhört und mich auch ausreden lässt, denn Reden erfordert für mich sehr viel Kraft. Und ich merke sehr schnell ob mir jemand aufmerksam zuhört, oder ob er nur darauf aus ist mir seine Sichtweise, sein „Ich weiß es aber besser“ aufdrängen möchte.

      Das führt letztendlich bei mir dazu dass ich mich komplett nur noch in Schweigen hülle und weitere Gespräche zukünftig auf Dauer dann ganz ablehne.

      (Das jetzt kurz als Nachtrag)

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