Autismus und Gebärdensprache

Unser Weg zur Gebärdensprache
Niklas spricht nicht. Inzwischen ist er 16 Jahre alt und sagt nur manchmal die Worte „Mama“, „Papa“, „Manna“ (seine Schwester), „Kakao“, „Butter“ oder „Ap“ (für Apfel). Ansonsten kommunizieren wir über Gebärdensprache.
Die Idee, sich über Gebärden mitzuteilen hatte er selbst, als er noch in den Kindergarten ging. Mit etwa vier Jahren dachte er sich sein erstes Zeichen aus, das dann ein Universalzeichen für alles Mögliche war: Wenn er mit dem Zeigefinger der rechten Hand in die Handfläche der linken Hand tippte, bedeutete das, dass etwas geschehen sollte. Was genau, das musste dann in detektivischer Kleinstarbeit herausgefunden werden. Erst wenn wir das Richtige erraten hatten, war er zufrieden. Das war natürlich ziemlich mühselig und oftmals auch unbefriedigend für Niklas, wenn das Ratespielchen zu lange dauerte. Und so dachte er sich ein paar weitere  Zeichen aus.
Als wir merkten, dass er an dieser Art zu kommunizieren immer mehr Gefallen fand, beschlossen wir, dass die von ihm verwendeten Zeichen allgemeingültige Gebärden sein sollten, damit er nicht eine Geheimsprache entwickelt, die dann eine neue Bezugsperson nicht verstehen kann. Und so besuchte ich an der Volkshochschule Kurse in „Deutscher Gebärdensprache“ und vermittelte Niklas und seinen Erzieherinnen im Kindergarten und später den Mitarbeiterinnen in der Schule die Gebärden, die für unseren Alltag wichtig sind. Wir legten auch ein Gebärdenbuch an, das er fast immer dabei hatte, damit jeder nachschlagen konnte, was er meinte.
GebärdeBEinige Jahre funktionierte das ganz gut und der Wortschatz wurde stetig größer. Niklas forderte immer mehr Worte ein und so kam ich an meine Grenzen und wir suchten nach einer neuen Lösung. Diese war dann in Form einer Schulbegleitung mit Gebärdensprachkompetenz irgendwann gegeben. Es war nicht einfach, jemanden zu finden, aber die Suche hatte sich gelohnt und so ging das Gebärdenlernen weiter und wir Eltern wurden parallel über ein Mitteilungsheft, ein Lehrbuch und regelmäßige Treffen auf dem Laufenden gehalten und mitangeleitet. Wir lernten alle mit. Und so ist es bis heute.
Aber nochmal zurück zum Anfang:

 

Die ersten Gebärden – mit Ausdauer und Geduld
Im ersten Jahr dauerte es manchmal mehrere Monate bis Niklas eine Gebärde so imitierte, wie wir sie ihm vormachten. Später wurden die Zeiträume dann kürzer. Dabei ereigneten sich erstaunliche Dinge:
Manchmal benutzten wir immer und immer wieder eine Gebärde, um sie in seinen aktiven Wortschatz zu integrieren. Es kam keine Imitation, keine Wiederholung von Niklas. Das ging anfangs zum Teil mehrere Wochen so. Dann geschah es vielfach, dass er plötzlich, in einem Moment, in dem wir gar nicht über diese Gebärde nachdachten und etwas ganz anderes taten, diejenige Gebärde verwendete, von der wir dachten, dass sie vollkommen uninteressant für ihn zu sein schien. Danach konnte es erneut so sein, dass er die gleiche Gebärde wieder ein paar Wochen lang überhaupt nicht benutzte, dann aber erneut einsetzte. Manchmal war die Gebärde dann aber auch sofort Teil seines aktiven Gebärdenwortschatzes.
Manchmal schien es so, als würde er gar nicht hinsehen, wenn wir ihm eine Gebärde zeigten, er sah in eine ganz andere Richtung und wir dachten: Naja, wir werden das später nochmal wiederholen. Aber das war gar nicht nötig, denn er setzte die Gebärde von selbst einige Minuten später ein – eine Gebärde, die er ohne Blickkontakt aufzunehmen gelernt hatte, weil er einen ganz anderen Radius und Horizont beim Sehen hat – einen, den wir neurotypischen Menschen eben nicht haben.
Wir machten anfangs also immer nur Angebote, wiederholten und ließen die Gebärden in unseren Alltag einfließen, ohne dass Niklas immer sofort aktiv mitmachte. Er war ein aufmerksamer Beobachter, wie sich herausstellte. Ein Beobachter, den wir als solchen anfangs gar nicht wahrnahmen, weil er anders beobachtet – eher mit peripherem Sehen als über direkten Blickkontakt.
Mit steigendem Erfolg über aktives Gebärden, was das Mitteilen von Bedürfnissen und Wünschen oder auch Missfallen anging, stieg auch der Wunsch bei Niklas weitere Gebärden zu lernen. Auch die Intervalle zwischen Vor- und Nachmachen wurden stetig kürzer.
Inzwischen ist es meistens so, dass Niklas sofort nachgebärdet, wenn er ein neues Wort lernt. Manchmal schaut er direkt auf die Hände seines Gegenübers, um zu sehen, wie die Gebärde funktioniert. Manchmal ist es aber immer noch peripheres Hinsehen, das ebenso funktioniert. Wir überlassen es ihm, wie er das handhaben möchte.
Oftmals fordert er auch selbst ein neues Wort ein, indem er auf etwas zeigt und die Gebärde dafür wissen möchte.

Schulbegleitung mit Gebärdensprachkompetenz
Seit fast drei Jahren hat Niklas in der Schule eine Schulbegleitung an seiner Seite, die die Gebärdensprache beherrscht. Anfangs war es eine Person, inzwischen sind es zwei, die sich tageweise die Aufgabe teilen. Das Teilen liegt nicht in der Aufgabe begründet, sondern in der Tatsache, dass es gar nicht einfach ist, jemanden zu finden, der die Deutsche Gebärdensprache beherrscht und gleichzeitig Lust und Zeit hat, als Schulbegleitung zu arbeiten. So fanden wir aber zum Glück zwei Schulbegleiterinnen, die sich diese Aufgabe zeitlich teilen können.
GebärdeADer Antrag wurde von uns als Eltern gestellt, von der Schule unterstützt und schließlich vom Bezirk bewilligt. Ungewöhnlich erschien den zuständigen Stellen dabei zunächst (verständlicherweise), dass ein Mensch, der hören kann, dennoch eine Gebärdensprachassistenz benötigt. Die Gebärdensprache hat sich aus der Kultur und dem Bedarf der Gehörlosen und der Gehörlosenpädagogik entwickelt, da Gehörlose diese Sprache zum Verstehen und zum Mitteilen brauchen. Niklas jedoch versteht die Verbalsprache und braucht parallel keine Gebärden, um das Gesprochene zu begreifen. Er braucht die Gebärdensprache nur dafür, um sich selbst mitzuteilen und verständlich zu machen.
Das musste erst einmal erklärt werden, war dann aber schlüssig und wurde bewilligt.
(Wer konkret einen solchen Antrag stellen möchte, kann mir gern eine Mail schicken, vielleicht kann ich bei der Formulierung und bei der Berufung auf entsprechende Paragraphen behilflich sein.)

DGS, LBG, LUG, GuK – was bedeutet das alles?
Die DGS ist die Deutsche Gebärdensprache. Sie ist seit 2002 offiziell anerkannte Sprache mit eigener Grammatik, Syntax und weiteren Parametern, die man in allen gesprochenen Sprachen findet. Die Gebärden der DGS fließen in Niklas Gebärdenwortschatz ein. Er gebärdet allerdings bis jetzt nur einzelne Wörter nacheinander, meist in der Reihenfolge, in der sie gesprochen werden, ohne dass er die korrekte Grammatik verwendet (ähnlich wie in der LBG, siehe unten). Wichtiger Bestandteil der DGS sind auch Mimik und Körpersprache. Daher wurde ich schon oft darauf angesprochen, dass das doch bei einem Autisten, der Mimik nicht gut interpretieren kann, nicht funktionieren könne.
Doch tut es. Wir haben den Eindruck, dass im Zuge des Erlernens der DGS das Erlernen von Mimik-Interpretation automatisch mit erlernt wird – in dem Sinne, dass es den Blick auf das Gesicht des Gegenübers oder auch den Blick für das Gesicht des Gegenübers interessanter macht. Wir fordern das nicht ein – es bleibt Niklas überlassen, wann und wie oft er sein Gegenüber ansieht.

Neben der DGS gibt es auch andere Formen visuell-sprachlicher Hilfsmittel und Ausdrucksweisen, die auf die Bedürfnisse der Anwender zugeschnitten wurden, aber im Gegensatz zur Deutschen Gebärdensprache keinen eigenen Sprachstatus haben.
Die LBG (lautsprachbegleitende Gebärden) und die LUG (lautsprachunterstützenden Gebärden) sind Zeichensysteme, die künstlich geschaffen wurden und entweder Wort für Wort (LBG) oder nur die Schlüsselwörter gebärden (LUG). Mimik und Körpersprache entfallen hier weitgehend. Das System GuK (Gebärden unterstützte Kommunikation) kennen vielleicht einige – hier handelt es sich um LUG.
Leider sind die jeweiligen Gebärden nicht international gültig. Jedes Land pflegt eine eigene Gebärdensprache und sogar Regionen innerhalb Deutschlands verwenden unterschiedliche Dialekte. Natürlich gibt es sowohl international wie auch national Schnittmengen. Manche Gebärden müssen aber auch in ihrem jeweiligen sozio-kulturellen Kontext gesehen werden, um Missverständnisse zu vermeiden: So bedeutet z. B. ein aus Daumen und Zeigefinger geformter Kreis in den meisten Teilen Europas „gut“ oder „in Ordnung“, in Südamerika und Russland hingegen werden mit dieser Geste Homosexuelle beschimpft.

Meiner Meinung nach ist es für den Einzelnen wichtig, ein allgemeingültiges System zu verwenden und nicht zwischen einzelnen Sprachen hin und her zu wechseln und diese zu vermischen. So kann ein nachhaltiges Kommunizieren aufgebaut werden. Das Verstehen-werden ist dann nicht mehr von Bezugspersonen abhängig, die eine Art Geheimsprache mitgelernt haben, sondern davon, ob Bezugspersonen eine allgemeingültige Gebärdensprache beherrschen.

Lehr- und Hilfsmittel, Links
Es gibt inzwischen einen recht guten Markt mit Artikeln zur Gebärdensprache. Das reicht von Lernkarten, über Bücher und DVDs mit Geschichten und Lehrmaterial bis hin zu Apps für´s Handy und Kursangeboten. Vielleicht ist es ein schöner Anfang, eine DVD mit Geschichten zu verwenden, die mit Gebärden begleitet werden. Auf diese Weise kann man möglicherweise ganz spielerisch das Interesse für Gebärden wecken.

Folgende Seiten bieten sich zum Stöbern an:
Karin Kestner Verlag

Ariadne

Gebärdenmarkt

Kindergeschichten in DGS online

„Allgemeines Gebärdenwörterbuch“ (online) – ständig wachsend

Wikisign (online)

Deafbase – Informationen, Kontaktadresse, Kurse, Assistenten finden

Taubenschlag – Infos und Kontaktmöglichkeiten, weitere Links
(hier haben wir z.B. Niklas´ erste Gebärdensprachassistentin über eine Anzeige gefunden)

 

Mein Wunsch
Ich wünsche mir, dass das Verwenden von Gebärden bei non-verbalen Kindern, die nicht gehörlos sind, selbstverständlich angeboten wird.
Dabei sollte man nicht nach ein paar Wochen wieder abbrechen, wenn es kein „Echo“ zu geben scheint, sondern spielerisch weitermachen. Es kann viele Monate dauern bis sich ein aktiver Gebärdenwortschatz anbahnt und nachhaltig aufbaut. Meiner Meinung nach ist es ganz wichtig, den Kindern diese Zeit zu lassen, sie nicht zu drängen und das Erlernen von Gebärden nicht an Bedingungen zu knüpfen (also nicht: gebärde erst, dann bekommst du das).
Und so ganz nebenbei macht es wirklich Spaß zu gebärden – auch Geschwisterkinder finden es meisten „cool“, wenn sie die Gebärdensprache mitlernen.
Und ein großer Vorteil vom Gebärden ist, dass man immer alles dabei hat. Man braucht keine Schreibtafeln, keinen Talker und keine Bildkarten.
Für Niklas ist das Gebärden „DER Türöffner“ hin zu anderen Menschen geworden. Sowohl von seiner Seite aus, wenn er etwas mitteilen möchte und es inzwischen auch kann. Aber auch von der anderen Seite aus. Denn wenn jemand auf ihn zugeht und z.B. sagt: „Du Niklas, ich habe gehört, Du kannst Gebärdensprache. Ich kann das leider nicht, aber zeig mir doch mal bitte, wie die Gebärde für Kuh geht“, dann ist das Eis gebrochen und er freut sich, dass sich jemand auf seine Art zu kommunizieren einlässt.

Herzlich, Eure Silke alias Ella

Gebärden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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