Wir tragen uns immer weiter – vom tragen und getragen werden

Ich habe Niklas viele Jahre lang getragen.

Zuerst trug ich ihn, weil er nicht laufen konnte. Das lernte er erst mit fünf Jahren, als er körperlich dazu bereit und gleichzeitig seine Motivation extrem hoch war – nämlich als er aufstand, um im Kindergarten dem Niklaus seinen Bart herunterzuziehen.

Auch danach trug ich ihn noch häufig. Weil er schnell erschöpft war, weil sein Muskeltonus erschlaffte und weil er nicht mehr laufen konnte, wenn zu viele Reize auf ihn einwirkten. Die Konzentration auf das Laufen war nicht mehr möglich – das für mich selbstverständliche Fuß-vor-Fuß-setzen einfach undenkbar in diesen Situationen.

Ich trug ihn auch, wenn er krank war, wenn er Trost suchte und manchmal auch, wenn es schnell gehen musste und ich nicht auf ihn warten konnte.

was wird sein

Irgendwann war er zwölf Jahre alt und ich trug ihn immer noch – dann und wann – aus den unterschiedlichsten Gründen.
„Niklas, ich kann dich nicht mehr tragen. Es geht nicht. Mein Rücken schmerzt. Du bist inzwischen zu groß und zu schwer geworden.“
Das war gar nicht so einfach zu vermitteln, denn es ging nicht einfach nur um das Tragen, sondern um etwas Verbindendes, um Verständnis und um Schutz.

Sein Papa trug ihn weiter, noch einige Jahre länger als ich und so fand Niklas, was er so dringend brauchte und was ich ihm rein körperlich nicht mehr geben konnte, weiterhin bei ihm.

Ich kann mich gut an Ausflüge erinnern, bei denen er nach einiger Zeit getragen wurde, an Situationen wie Arztbesuche, den Weg vom Auto zur Praxis, in denen er getragen werden musste, weil alles zu viel war und an Situationen, in denen er getragen werden musste, weil ihn das Starren der Menschen traurig machte – und dann starrten sie erst recht, weil er getragen wurde und das bei einem Kind in diesem Alter nicht mehr üblich ist.

2015 Pfingstferien 291

Inzwischen ist er 17 Jahre alt. Er ist größer als ich.
Er trägt mich und ich habe gelernt, mich von ihm tragen zu lassen.

Er sitzt auf meinem Schoß, zieht die Beine an, nimmt meine Arme und umschlingt mit ihnen seine Beine – es ist als würde ich ihn immer noch tragen und gleichzeitig trägt und führt er mich.

Er läuft neben mir, nimmt meine Hand und lehnt seinen Kopf an meine Schulter und es ist als würde er sich ein klein wenig tragen lassen und gleichzeitig trägt mich seine Nähe.

Er sitzt neben mir, legt seine Beine über meine Beine und legt sie dort ab, um sie von mir tragen zu lassen. Und manchmal darf ich dann meinen Kopf in seinen Schoß legen und genieße es, wenn ich dort zehn Sekunden liegen kann. Dann zupft er ganz vorsichtig an meiner Schulter und legt seine Beine wieder auf meinen zurecht.

Manchmal liege ich abends im Bett und weine, weil es mal wieder ein Tag war, der aussichtslos erschien und zermürbt. Dann stehe ich nochmal auf, stelle mich an sein Bett, höre seinem Atem zu und atme mit ihm. Und der Rhythmus trägt mich.

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Wir haben gelernt,

uns beide zu tragen.

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8 comments

  • Ella

    Danke liebe Freia, für Deinen schönen Kommentar und schön, dass Du den Blog gefunden hast. Ganz liebe Grüße aus (zur Zeit) Schweden :-)

  • Manuela

    Und manchmal bin ich traurig, weil ich keine Kraft mehr hatte, ihn weiter zu tragen, obwohl es an Liebe nicht gemangelt hat.
    Es ist nicht einfach zu sagen, dass man an einem bestimmten Punkt kapitulieren musste.
    Ich wünsche Dir ganz ganz viel Kraft auch weiterhin 😀

  • Anika

    Danke. Jetzt ist mir wieder was klar geworden. Aber ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.
    Sohnemann umfängt mich, den kleinen Bruder, drückt uns, erdrückt uns, nimmt unsere Arme und umschlingt sich oder er nimmt unsere Beine und umschlingt sie.
    Aber irgendwann wird es unangenehm. Und dann? Er läßt nicht locker, weigert sich uns aus seiner Umklammerung zu lassen, die immer drängender wird. Der kleine Bruder kann es nicht mehr (er)tragen.

    Auf Ansprache reagiert er zornig, …..klar, er fühlt sich in diesem Moment, wo er klar zeigt, dass er uns braucht, weggestoßen,….. nicht erwünscht vielleicht. Aber wie kann man ihm zeigen, ohne ihn zu verletzen, dass auch wir Luft zum Atmen brauchen und auch uns vielleicht manchmal zu viel körperliche Nähe unangenehm ist? Eine Zeitlauf haben wir umarmen geübt. Wie fest ist zu fest? Aber da war er noch klein, fand das als Spiel. Heute ist das doof.

    Wenn man ihn fragt, sagt er nur: „Aber ich will doch nur Kuß geben…..will doch nur umarmen..“

    • Silke

      Liebe Anika, nun ich bin keine Fachfrau, die Dir die Frage professionell beantworten kann. Spontan kommt mir in den Sinn, dass es oft gut ist, wiederkehrende problematische Situationen zu einem Zeitpunkt zu thematisieren, in dem gerade etwas ganz anderes getan wird und alles gut ist. Dann nimmt er es vielleicht nicht so persönlich und fasst es nicht als Wegstoßen auf. Ein zweiter Gedanken ist, es mit Gesten/Gebärden zu begleiten, wenn Ihr „stop“, „weniger“, „später nochmal“, „Pause“ sagen wollt. Vielleicht klappt es besser, wenn man einen weiteren Sinneskanal (hier dann den visuellen) anspricht. Ich weiß es nicht – alles Liebe :-)

  • Anika

    Wir haben dieses Thema immer wieder auch mit unserer Therapeutin. Nun ist es ja so, dass unser Sohn nicht nonverbal ist, sondern uns totargumentiert.

    Wir haben gemeinsam ein Plakat gemalt. Jedes Kind durfte aufmalen, aufschreiben. Wir haben Vereinbarungen getroffen, die er aber nach kürzester Zeit aushebelt.

    Ich selbst bin mittlerweile der Überzeugung, dass da nicht unbedingt der Asperger sondern auch PDA vorhanden ist.

    Ich weiß auch genau, dass dieses Verhalten aufkommt, wenn er unter Druck steht. Soweit habe ich größtes Verständnis. Und versuche auch umzuleiten, ihn zu halten, biete ihm die Gewichtsdecke an (24 kg). Aber irgendwie scheint es so, dass er all diese Hilfen nicht annehmen will. Er will sich nicht damit auseinandersetzen, will „normal“ sein.

    Daran arbeiten wir. Dass er sich selbst so akzeptiert, wie er ist. Das ist wohl das größte Problem. Leider bin auch ich das Problem. Denn nach der Phase, ruhig zu bleiben kommt dann irgendwann die Phase, wo auch ich ungeduldig werde. Wo ich es einfach nicht zulassen kann, dass er mit seinen 92 kg seinen 42 kg kleinen und zarten Bruder erdrückt (er legt sich auf ihn). Mir bleibt dann wirklich nichts anderes übrig, als ihn von seinem Bruder runterzuzerren. Ich weiß, das ist nicht richtig.

    Na ja, manchmal kommen ja die Lösungen von selbst. Manches löst sich ja auch einfach in Luft auf, um dann irgendwann urplötzlich wieder aufzutauchen.

    Ich habe ihn übrigens bis zum 3. LJ fast 24 Stunden im großen Tragetuch getragen. Das war die einzige Möglichkeit, wie er schlafen konnte, zur Ruhe kam. Und praktisch, da ich ihn auch bis der Bruder kam gestillt habe. Er hat sich irgendwann selbst bedient. Und an diese Zeit denke ich eigentlich gerne zurück.

    Aber zumindest hat dein Beitrag mir mal wieder die Augen geöffnet. Wenn ich ne Lösung gefunden habe, sage ich Bescheid.

  • Sarina

    Das mit dem tragen kann ich gut verstehen.
    Meiner konnte früh laufen…. war sehr gross… und ich habe früh aufgehört ihn zu tragen. Heute nach 8 Jahren möchte er immernoch gern getragen werden. .. aber ich bin zu schwach.
    Vllt suchen Sie auch so körperliche nähe zu uns mamis.
    Er kann auch schlecht längere, einfache Wege laufen…. aber er ist mir zu schwer.

    Ein schönes Verhältnis habt ihr..Es ist immer schön zu lesen.. ❤

  • Ein berührender Text. Vielen Dank dafür.

  • Löwin

    Oh, was bin ich gerade froh über diesen Beitrag. Mir wird sooft gesagt ich solle meinen Sohn (er wird erst 4) nicht immer noch sooft tragen. Aber ich mache das einfach instinktiv… Für uns ist es richtig so. Und er vergräbt sich dann auch oft unter seinem geliebten Cappi an meinem Hals… Wir behalten es bei solange wir es brauchen (und ich es kann ;) )

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