Wenn drei eine Reise tun…

… schrauben sie abends den Spiegel ab :-)

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Ich möchte Euch endlich noch von unserer diesjährigen Norwegenreise berichten. Bis Ende Juli war nicht klar, ob wir in diesem Sommer nach Irland, Schottland oder doch wieder in „unsere zweite Heimat Norwegen“ reisen würden. Ein letzter Blick am Abend vor unserer Abreise versprach nach einem eher verregneten Sommer, den die Norweger bis dato hatten, strahlenden Sonnenschein auf den Lofoten. Und wer uns kennt, weiß, dass uns dann nichts mehr hält.
Nach 50 Kilometern flog uns erstmal das Seitenfenster weg, das wir nicht richtig geschlossen hatten. Ein Riesenschreck! Zum Glück ist niemandem etwas passiert. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn das Teil ein anderes Auto getroffen hätte. Und Niklas? Er lachte sich kaputt! Wir Eltern versuchten unseren Puls zu beruhigen und einen Plan auszuhecken, wie wir zu einem neuen Fenster kommen würden, während Niklas sich königlich amüsierte. Naja – die ganze Geschichte führt jetzt zu weit, wir hatten dann eine Stunde später ein neues Fenster und konnten weiterfahren – mit einem Niklas, der mit Hilfe ausdrucksstarker Geräusche gebärdete, dass es sehr lustig ist, dass das alte Fenster kaputt weggeflogen war. :-)

Über Puttgarden, Dänemark, Malmö, Stockholm und Lappland düsten wir weiter nach Nordnorwegen und konnten wieder tief durchatmen: Weite, Natur, Freiheit.

 

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Niklas war am Anfang noch nervös und aufgeregt. Seine Wahrnehmung, die ihn schon das ganze Jahr extremer als sonst handicapped, machte ihm schwer zu schaffen. Jedes Geräusch, jeder Lichtimpuls waren schwierig für ihn. Nach zwei Tagen Fahren wurde er aber ruhiger und ausgeglichener. Als wir auf den Lofoten ankamen, waren wir alle in Urlaubsstimmung.

 

„Was macht Ihr da eigentlich den ganzen Tag?“ fragte mich neulich jemand. Nunja – es ist ein stetiger Fluss von Herumreisen, an wunderschönen Orten stehenbleiben, kleine Ausflüge machen, wieder weiterfahren, Rasten, Fotografieren, Weiterfahren, Stellplatz für die Nacht aussuchen und gegen 23 Uhr Sonnenuntergang genießen. Wir bleiben eigentlich nie länger als eine Nacht an einem Ort. Meist zieht es uns dann weiter, weil es so unglaublich viel Schönes dort oben zu sehen gibt.
Und außerdem will Niklas ja fahren. Wenn wir unterwegs sind, ist für ihn alles „aufgeräumt“. Er kann nach vorne auf die Straße sehen, die ihm Struktur gibt und wissen lässt, wo es in den nächsten Momenten entlanggehen wird. Er weiß, dass Mama und Papa beide da sind und auch keine Termine haben oder sonst wo verschwinden werden, sondern wir gemeinsam viel Zeit miteinander verbringen. Er weiß, dass keine Telefone klingeln, niemand an der Haustür schellt und keine Arzttermine oder Therapien anstehen. Er kann sich darauf verlassen, dass bestimmte Rituale eingehalten werden, weil wir fern jeglicher fremder Einflüsse sind. Keine anderen Menschen in Hotelanalagen oder Freizeitparks – einfach wir in der Natur unterwegs. Das beruhigte ihn in diesem Jahr ganz besonders und es war wunderbar zu sehen, wie er sich nach und nach entspannte.
Ein paar neue Rituale kamen dazu: wenn wir abends einen Stellplatz für die Nacht auserkoren hatten und den Grill auspackten, musste sofort der Rückspiegel vorne von der Windschutzscheibe abgeschraubt werden. Das war obligatorisch für das Ende des Tages. Dann mussten sofort Plätze getauscht werden: ich auf seinen und er auf meinen. Dann war er zufrieden.

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Nach dem Aufwachen schraubte Niklas ein Stück seines vierteiligen Fensterrahmens hinten im Heck bei seinem Bett ab. Das Teil musste dann verstaut werden bis es abends wieder hingeklemmt werden durfte. So und nicht anders musste der Tag beginnen. Nach anfänglicher Skepsis, ob der Fensterrahmen das auf Dauer überleben würde, akzeptierten wir dieses Ritual. Was tut man nicht alles für den Urlaubsfrieden 

Auch wenn sich seine Wahrnehmungsprobleme während der Reise entspannten, waren sie dennoch immer spürbar. Wenn es recht windig war, wollte Niklas das WoMo nicht verlassen und zog eine Decke über den Kopf. Wenn die Möwen zu laut waren, sollte die Tür zu bleiben und der Schrei eines riesigen Seeadlers hinterließ beachtlichen Eindruck – allerdings auch bei uns!
An manchen Tagen war es im Gegensatz zu vorangegangenen Jahren zum Glück möglich, dass ich mich mit Niklas Papa abwechseln konnte, was kleine Strandspaziergänge oder Kurzwanderungen anging. So waren dann alle zufrieden, auch wenn es natürlich schöner gewesen wäre, wenn wir solche Unternehmungen gemeinsam hätten machen können. Aber es ist eben im Moment wie es ist und wir haben das Beste aus den Situationen gemacht.

Ganz super meisterte er dieses Jahr drei kurze Fährüberfahrten von jeweils einer Stunde. Diese Stresssituationen, in denen man das WoMo verlassen und sich auf eines der verschiedenen Decks des Schiffes begeben muss, verkraftete er recht gut und fand es ab und zu sogar spannend – vor allem, wenn das Schiff schaukelte und die Leute nicht mehr gerade laufen konnten.
In den Situationen der Fährüberfahrten musste ich feststellen, dass ich in diesem Jahr deutlich angespannter war als Niklas. In Gedanken sah ich mich schon mit einem schreienden, tobenden, einem Overload nahem Kind inmitten vieler Menschen konfrontiert. Aber nichts dergleichen geschah. Niklas Papa sah mich einige Male besorgt an und meinte, dass er gerade nicht wisse, ob er sich mehr um ihn oder mich kümmern müsse. Da werde ich wohl noch ein bisschen an mir selbst arbeiten müssen, um gelassener zu werden. Ich bin stolz auf Niklas, dass er das so toll gemacht hat.

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Fazit: Es gibt keine spektakulären Geschichten zu erzählen – zum Glück nicht. Naja – abgesehen von Walen, die in eine Bucht schwammen, von einem Seeadler mit drei Meter Flügelspannweite, der sich keine fünf Meter entfernt von uns auf einen Pfosten setzte und vielen Rentieren mit beeindruckenden Geweihen und umwerfender Sturheit, was die Nutzung der Straße angeht: Womo oder Rentier? ;-)

Es war wieder mal eine wunderbare Reise. Und wer ein paar Fotos dazu ansehen mag, kann das auf meiner anderen Website gern tun. Dort findet ihr auch eine Karte mit eingetragener Tour.

Lofoten Bilder hier und die Aufnahmen von Nordnorwegen mit Nordkap hier:

Alles Liebe
Silke alias Ella

10 comments

  • OPA

    Hallo Silke,
    habe eben Deinen Urlaubsbericht von diesen Jahr gelesen, ich befand mich in jeder Zeile mit in Eurem WOMO. Einfach toll, wie Du das alles so hautnah beschreibst.

    Danke Toni

  • Susanne

    :) Freut mich für euch, dass es gut gelaufen ist. Toll, dass ihr euch abwechseln konntet! Einfach nur den eigenen Rhythmus und manche Tics einfach akzeptieren, das wäre auf Kur nicht gegangen… Unserem ‚Niklas‘ gepasst, da er die dortige Struktur kannte – ich allerdings habe bei deinem Bericht schon Fernweh bekommen. Y
    LG, Susanne

    • Ella

      Danke, liebe Susanne. Ja, ich denke, es war die richtige Entscheidung nicht zur Kur, sondern für längere Zeit nach Skandinavien zu reisen. Wir sehen uns, ganz liebe Grüße :-)

  • Annet

    Hallo Silke,
    auch wir sind mit unserem autistischen Junior regelmäßig mit dem WoMo unterwegs. Daher verfolge ich immer gern deine Berichte.
    Obwohl wir regelmäßig an der norddeutschen Küste unterwegs sind (wir fahren meist an den Wochenenden und bis ins Ausland haben wir es noch nie geschafft), haben wir in den Sommerferien auch das erste Mal die Wind-Problematik erlebt: bei Sturm mit Windstärke 8-9 wollte unser Junior auch zwei Tage nicht nach draußen, obwohl ansonsten schönstes Wetter herrschte. Wir haben eine Weile gebraucht, um zu verstehen weshalb er nicht raus wollte und beim Versuch immer nur „aua“ sagte und wieder hinein flüchtete. Aber dank reichlichem DVD-Vorrat konnten wir das gut aussitzen, zumal er nichts dagegen hat, Mama und Papa auch draußen vor der Tür sitzen zu lassen. ;-)

    LG,
    Annet

    • Ella

      Hallo Annet, das ist ja schön zu hören, dass ihr auch gern mit dem WoMo verreist. Und irgendwie ist es auch beruhigend und enorm verbindend zu wissen, dass es auch bei euch Tage gibt, an denen man windtechnisch drinnen bleiben muss. Ich wünsche euch weiterhin superschöne Reisen und DANKE für deinen Kommentar,
      herzliche Grüße von Silke alias Ella :-)

  • Doris

    Hallo „Ella“,
    obwohl ich den Bericht über eure Reise in diesem Jahr ja schon kannte (nur auditiv) habe ich ihn heute noch einmal selbst gelesen und bin ganz gerührt davon. Du beschreibst so viele Einzelheiten so genau, dass ich das Gefühl haben konnte als wäre ich selbst dabei gewesen.
    Alles Liebe von Doris

    • Ella

      Liebe Doris, ganz lieben Dank für diese Rückmeldung. Das freut mich wirklich sehr. Und „Danke“ auch für Deinen Besuch bei der Lesung vor zwei Tagen :-)
      Herzlich Silke alias Ella ♥

  • Mandy

    Hallo Ella,

    ich bin wieder einmal im Internet auf der Suche nach Hilfe und dabei auf deine Seite gestoßen.
    Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Eigentlich hatten wir mit unserer 13 jährigen Tochter einen Termin im Autismuszentrum Eberswalde, auf den wir ein viertel Jahr gewartet haben. Leider konnten wir Jessi nicht dazu bewegen, sich anzuziehen und mit zu kommen. Wir hatten Sie schon Tage vorher vorbereitet auf diesen Termin, sie für diesen Tag von der Schule befreit. Aber heute früh ist sie vollkommen ausgetickt, hat nur geschrien, gestampft, gespuckt… So geht das schon seit vielen Jahren, wenn sie irgendwohin soll, bzw. irgendwas tun soll, was sie nicht will. Das geht dann mehrere Stunden und wir kommen dann nicht an sie ran. Meist sitzt sie für Stunden unter ihrem Schreibtisch und schnaubt und brummt vor sich hin. Wenn sie schreit, sind das sehr grelle Töne, sodass das Gehör darunter leidet und sie für Tage eine angegriffene Stimme hat. Sie schwitzt dann extrem und hat den Mund voller Speichel.
    Sie war vor 2 Jahren im SPZ für 6 Wochen, doch dort hat man nichts weiter festgestellt und ADS vermutet und wollte sie mit Methylphenidathydrochlorid behandeln. Nach wochenlanger Verweigerung des Medikamentes hatte sie dann doch eine Kapsel geschluckt, die Auswirkungen waren die Hölle. Sie war 3 Tage lang höchst aggressiv und ich habe ihr nie wieder diese Kapseln gegeben. Ich habe bei jedem Arztbesuch gesagt, dass ich denke, dass sie eine Art Autismus hat, dies wurde aber immer nur abgetan. Nachdem wir es im Juli diesen Jahres geschafft haben, sie einer Kinderpsychologin vorzustellen und diese verschiedene Test vorgenommen hat, meinte diese zum ersten Mal, dass es Asperger Syndrom sein könnte. Daher kam dann die Überweisung zum Autismuszentrum.
    Wir haben jetzt 13 schwere Jahre hinter uns und ich weiß nicht mehr weiter, wir (ich, mein Mann aber auch meine Tochter) haben keine Kraft mehr. Wie soll ich mein Kind zum Arzt bringen, sie geht nicht einmal zum Zahnarzt, geschweige denn zu einem anderen Arzt mit. Soll ich sie mit dem Krankenwagen abholen lassen? Ich weiß nicht mehr weiter.
    Liebe Grüße, Mandy

    • Ella

      Liebe Mandy, Dein Kommentar ist ein großer Hilfeschrei und ich kann ihn sehr gut verstehen. Nur hilft Dir das wahrscheinlich nichts.
      Ich möchte Dir dringend raten, Dich an ein Autismus-Kompetenzzentrum zu wenden. Auf der Seite autismus.de findest Du eine interaktive Karte, mit vielen Anlaufstellen.
      Und dann möchte ich Dir sehr ans Herz legen, Kontakt zu erwachsenen Autisten zu suchen – wenn Du nicht weißt, wo Du diese Kontakte finden kannst, schicke ich Dir per Mail gern einige Adressen für Möglichkeiten (dann kontaktiere mich bitte nochmal über das Kontaktformular, wenn du das möchtest). Die Reaktionen Deiner Tochter hören sich für mich sehr nach Reizüberflutung an. Vielleicht hast Du im Infobereich schon etwas über Overload/Meltdown und Shutdown gelesen? Dort findest Du auch einige Tipps, wie man damit umgehen kann.
      Ich bin auch nur eine Mutter und keine Fachfrau. Bitte sucht Euch zusätzlich zum persönlichen Austausch (hier oder woanders) professionelle Hilfe.
      Ganz herzliche Grüße, Silke alias Ella :-)

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