Wenn der Faschingsumzug mit einer Ladung Luftküsse nach Hause geschickt wird

Wie jedes Jahr rollte der Faschingsumzug auch dieses Jahr leider wieder direkt an unserem Haus vorbei. Für Niklas, der sich über Geräusche wie ein Flugzeug am Himmel oder das Klappern eines Löffels auf dem Teller oder andere alltägliche Dinge sehr aufregen muss und dann immer „Schmerz“ gebärdet, eine heikle Angelegenheit. Er war hin- und hergerissen bei meiner Frage, ob er zuhause bleiben oder mit mir lieber einen Autoausflug in die Fränkische Schweiz oder zu Freunden unternehmen möchte bis der Faschingsspuk vorüber ist. Wir sprachen schon Tage vorher darüber, wie es sein wird und er gebärdete: „doof“, „laut“, „Musik“, „Schreien“, „neugierig“. Das letzte hat dann wohl den Ausschlag dafür gegeben, dass er zuhause bleiben wollte und so kam der Faschingsumzug angerollt und war, wie erwartet, natürlich laut und schrill und die Musik der einzelnen Wagen überlappte und schallte in unser Haus. Niklas schimpfte, wollte aber auch immer wieder aus dem Fenster gucken, dann rannte er davon, kam wieder und guckte, dann gebärdete er „doof“ und schimpfte wieder usw. Fasching Ellas Blog Leben mit AutismusSo veranstalteten wir eine Stunde lang im Haus unseren eigenen Umzug und liefen hin und her, während Niklas sich die meiste Zeit aufregte, aber zum Glück nie in die Nähe eines Overloads kam – er konnte sich ganz gut helfen, indem er sich z.B. eine Decke um den Kopf legte oder seinen Kopf zwischen meine Beine steckte. Immer nur kurz, dann guckte er wieder neugierig. Als der letzte Wagen vorüber fuhr, sagte ich: „Das war jetzt der letzte, gleich wird es wieder leiser.“ Er stand auf, stellte sich ans Fenster, warf diesem letzten Wagen viele Luftküsse hinterher, winkte, gebärdete „doof“ und „fahrt nach Hause“ und freute sich und warf nochmal eine Ladung Luftküsse hinterher. ♥ Mal sehen, wie er sich nächstes Jahr entscheidet. :-) *** Zum Weiterlesen: Über Maskierung, Unverbindlichkeit, Lärm und Distanz

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