„Von naiver Malerei, Volkskunst und Autismus“ – Esra über ihr Spezialinteresse (Gastbeitrag)

Gastbeitrag von Esra, Autistin:

Eigentlich zeichnete ich schon 2005/2006 sehr gerne im einfach gestrickten Stil. Damals durchlebte ich eine turbulente Zeit wegen meinem Schulausschluss, der Würzburger Zwischenzeit und den letzten vier Schuljahren im Landkreis Haßberge.
Doch die Bilder aus der Zeit von 2005/2006 sind leider nicht mehr erhalten. Sonst hätte ich sie gerne im Internet gezeigt. Obwohl ich immer noch nicht die beste Person im Zeichnen bin, mache ich es trotzdem liebend gern.
Denn mit naiver Malerei und Volkskunst kann man ganze Kurzgeschichten erzählen. Die Kurzgeschichten in meinem Kopf kann ich leichter als Bilder umsetzen. Schließlich fällt es mir schwer, meine Gedanken schriftlich zu ordnen, wenn es um Fiktion geht.

©Esra Kurt „Zwergenhaus und Blume“

Aber was haben naive Malerei und Volkskunst mit meinem Autismus zu tun?
Nun, diese Kunstform gehört zu meinem Spezialinteresse. Als Spezialinteressen bezeichnet man die streng routinierten, nahezu obsessiven Hobbys von Autisten. Diese Steckenpferde wirken auf autistische Menschen beruhigend und geben Kraft in krisenhaften Zeiten. Ich spreche aus eigener Erfahrung.
Vor allem zwischen Juli 2019 und Anfang 2020 wurde mir langsam bewusst, dass mir die Malerei viel Kraft gibt. Denn seitdem durchlebe ich wieder eine Krise aufgrund von Reibereien am Arbeitsplatz und der anschließenden Kündigung.

Zu meinen Lieblingsthemen in der einfach gestrickten Zeichnung sind Wolfgang Amadeus Mozart, surreale Landschaften und die Mangafigur Sailor Moon. Ja, letztere zeichne ich nicht im Manga-Stil. Stattdessen zeichne ich sie so, wie man es von Porträts in der naiven Malerei erwartet. Somit schaffe ich etwas Einzigartiges, was es nicht in der Kunst des Mainstream gibt.
Allerdings beklage ich mich, dass es kaum Anleitungsbücher für naive Malerei beziehungsweise Volkskunst gibt. Die drei bis vier Bücher, die ich darüber besitze, sind alle auf Englisch geschrieben. Dennoch mache ich mir nichts draus, weil ich relativ gut Englisch kann.

©Esra Kurt „Mozart und ich“

Trotzdem wünsche ich mir, dass die naive Kunst mehr Beachtung bekommt. Wenn man diese Kunstform zu schätzen lernt, dann stellt sich heraus, dass man damit kunterbunte Kurzgeschichten im visuellen Format erzählen kann.
Mein Traum ist es, dass ich mit naiver Malerei sämtliche Geschichten erzählen kann und dadurch den Menschen eine Freude bereite. Es ist wesentlich schwieriger, kurze Erzählungen in Worten zu schildern. Das weiß ich, weil ich früher fiktionale Kurzprosa geschrieben habe.

Fazit: Wenn man als autistische Person eine Möglichkeit zur Kommunikation der eigenen Gedanken gefunden hat, ist das Leben leichter.
In meinem Fall sind es die Spezialinteressen naive Malerei und Volkskunst, die meine Gefühle für neurotypische Außenstehende fassbar machen.

Esra Kurt
Mittwoch, 3. Juni 2020

Mehr von Esra findet Ihr HIER auf Story.one

Liebe Esra, vielen Dank für Deinen sehr interessanten Gastbeitrag. Ich finde es sehr spannend, dass Du die Malerei als Kommunikationsform für Dich gefunden hast.
Alles Gute für Dich, herzlichst Silke alias Ella

One comment

  • Frank

    Erst dachte ich, dass du Geschichten über deine Bilder ausdrückst, dass also die Bilder selbst Geschichten erzählen. Auf Story.one habe ich gesehen, dass du du beides tust: malen bzw. zeichnen und Texte schreiben. Das finde ich eine sehr interessante Kombination und ich habe mit großem Spaß durchgeblättert.

    Dein „Zwergenhaus und Blume“ finde ich besonders schön, weil ich es mag, wenn Farbe großflächig verteilt ist und der/die Künstler*in den Mut hat, auf Details zu verzichten. Blaues Haus und rotes Dach, mehr braucht es nicht für dein Zwergenhaus – gefällt mir sehr gut! Mach weiter!

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