Von Menschen, die Brücken bauen

Eine Leserstimme zu meinem Buch „Meine Lieblingsfarben klingen“ hat mich vor einiger Zeit sehr gefreut und gerührt. Dort schrieb eine Autistin:
„Worte können die Gefühle nicht beschreiben, die dieses Buch bei mir ausgelöst haben. Eine wundervolle Zusammenarbeit, die Hoffnung macht – darauf, dass wir Autisten irgendwann alle so ganz harmonisch mit NT´s arbeiten und leben können. Danke!“

Ich möchte diesen schönen Kommentar zum Anlass nehmen, darüber zu erzählen, wie bereichernd und hilfreich für mich der Kontakt zu Autisten ist.
Lange Zeit kannte ich ausschließlich meinen Sohn und dessen Schulfreunde, die alle eine Diagnose im autistischen Spektrum haben. Sie sind non-verbal und haben starke Einschränkungen, werden niemals selbständig leben können, brauchen Hilfe bei allen alltäglichen Verrichtungen wie Essen, Trinken, Toilettengänge, An- und Ausziehen, können nicht allein das Haus verlassen, gefährden sich ständig selbst, schlafen nachts sehr unregelmäßig und kurz usw. Dennoch sind die Schulfreunde meines Sohnes und er selbst Autismusspektrum Ellas Blogkognitiv fit, haben keine bzw. kaum kognitive Einschränkungen und zeigen manchmal auf erstaunliche Weise, was in ihnen vorgeht, welchen geistigen Reichtum sie in sich tragen.

Obwohl ich schnell lernte, dass das Autismus-Spektrum groß ist und Autismus sich sehr unterschiedlich zeigt, kannte ich niemanden sonst, der eine andere Form von Autismus hat, vor andere Probleme in seinem Leben gestellt ist, anderen Herausforderungen begegnet und ebenso wie mein Sohn eine veränderte Wahrnehmung hat, die sich auf Sozialkontakte und Kommunikation auswirkt.

Über das Internet entwickelten sich im Lauf der letzten Jahre Kontakte mit Autistinnen, die sprechen und schreiben und mir Einblicke in ihr Leben schenkten, die bis heute unendlich wertvoll sind.
Oft habe ich das Gefühl, dass mit dem, was sie erklären und erzählen, meinem Kind eine Stimme verliehen wird und dass ich so auf Umwegen noch besser erfahre, was in ihm vorgeht. Denn auch wenn das „Bild nach außen“ ein sehr unterschiedliches ist, wenn man einem Menschen mit der Diagnose Asperger-Autismus oder jemandem mit frühkindlichem Autismus begegnet, haben sie doch viel gemeinsam, was vor allem die Besonderheiten in der Wahrnehmung angeht.

In den Medien wird oft von der mangelnden empathischen Fähigkeit von Autisten geschrieben (leider gibt es auch immer noch einige Fachleute, die diese Haltung an den Tag legen und dementsprechend praktizieren). Ich habe eine ganz andere Erfahrung gemacht.
Vor allem auch über die Kontakte mit den Autistinnen, mit denen ich inzwischen in regelmäßigem Austausch bin, mit denen ich telefoniere und mich getroffen habe. Sie sind liebevolle Mütter und Partnerinnen, stehen für ihre Familien ein und kämpfen für ihre und deren Rechte. Sie haben darüber hinaus ein offenes Ohr für meine Fragen und die Sorgen anderer und versuchen unermüdlich, ihren Autismus und damit auch das Verhalten und Denken anderer Menschen aus dem Spektrum zu erklären und Verständnis für Besonderheiten zu schaffen, die aus unserem sogenannten „normalen Rahmen“ fallen.

Ich schätze ihre Geradlinigkeit, ihre Offenheit und Direktheit.
Ich kann immer sicher sein, dass das, was gesagt wird, auch genauso gemeint ist. Da kommunikation ellas Blog Leben mit Autismussteht nichts zwischen den Zeilen und da wird nichts verpackt, verschnürt und versteckt, um etwas zu verschleiern. Es wird nicht bildlich gesprochen und so lerne ich selbst, meine oft bildliche, mit Metaphern angereicherte Sprache zu überdenken und aus dem, was ich selbst sagen will, das Wesentliche zu entkernen. Es hilft, das eigene Denken zu reflektieren und klarer zu werden.

Diese Direktheit kann auch manchmal außerordentlich entwaffnend sein, vor den Kopf stoßen und zusammenzucken lassen. Inzwischen habe ich gelernt, dass das Allerwenigste davon persönlich gemeint ist, ich lasse etwas  Zeit vergehen, lese gewisse Zeilen noch einmal und kann dann wieder auf einer Ebene kommunizieren, die sachlich ist, aber dennoch einer zwischenmenschlichen Wärme nicht entbehrt.

Diese Erfahrungen beziehen sich selbstverständlich auf die Kontakte, die ich in den letzten Monaten und Jahren intensivieren durfte und lassen sich nicht verallgemeinern. So wie es bei uns sogenannten NTs (neurotypischen, normalen Menschen) immer Leute gibt, mit denen man nicht klarkommt, die man nicht versteht und von denen man sich manchmal vielleicht auch verletzt fühlt, gibt es das auch bei Autisten. Und ich empfinde das nicht als schlimm oder abwertend, auch das darf gesagt werden: nicht mit jedem findet man eine Ebene, auf der ein wertschätzender Austausch möglich ist. Und dann kann man es auch hier und da gut sein lassen und hält wieder respektvollen Abstand – so wie bei anderen Menschen eben auch.

Das Buch „Meine Lieblingsfarben klingen“ ist gemeinsam mit der Autistin Kristin Behrmann entstanden. Auch unsere Zusammenarbeit war eine außerordentlich wertschätzende, eine absolut verlässliche auf einer klaren, strukturierten Ebene. Es entstand ein Projekt, das mich auch menschlich sehr bereicherte.

Hier möchte ich Mut machen: geht auf Autisten zu, die von ihrem Leben erzählen.
Hört genau hin, was sie sagen, erzählt Euren Kindern davon. Auch wenn es jetzt wieder bildlich wird :-) :

Brücke Atlantikstraße Ellas Blog Leben mit AutismusIch habe oft eine Verbindung vor Augen, die eine Brücke zwischen dem sogenannten normalen und autistischen „Er-Leben“ schlägt. Diese Brücke verbindet nicht zwei Welten (denn wir leben alle in derselben), sondern sie verbindet verschiedene Möglichkeiten, Dinge, Personen und Gefühle wahrzunehmen und dafür Verständnis im Sinne von Verstehen zu entwickeln. Für diese Verbindung braucht es Brückenmenschen, die sich gegenseitig zuhören, aufeinander zugehen, in ihrem Anderssein akzeptieren und sich nicht gegenseitig anpassen oder verbiegen wollen. Davon können alle nur profitieren, vor allem unsere Kinder.

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Zum Weiterlesen:

Warum es so wichtig ist, dass AutistInnen, Fachleute und Eltern zusammenarbeiten

 

 

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