Vom Umgang mit Trauer – Niklas und ein Freund, der nicht mehr wiederkommt

Inzwischen ist eine gute Woche vergangen, seit wir eine sehr schlimme Nachricht bekamen: ein Freund aus Niklas‘ Schule ist gestorben. Ganz plötzlich. Ganz furchtbar.
Vor allem natürlich für seine Familie und all die Menschen, die diesen besonderen jungen Mann in ihr Herz geschlossen hatten.

Unser Leben besteht immer wieder aus kleinen und großen Abschieden, aber dieser war ein sehr einschneidender für Niklas. Unsere Kinder haben nicht viele Freunde und wenn ein so junger Mensch unvermittelt geht, dann ist das kein gewöhnlicher, alltäglicher Abschied.

Es ist sehr persönlich und vieles von dem, was ich mit Niklas besprochen habe, wird bei uns bleiben. Aber ich möchte euch dennoch an einigen Reaktionen teilhaben lassen, weil sie mir wieder einmal zeigen, dass Niklas Geschehnisse auf seine ganz eigene Art und Weise verarbeitet und nach außen zeigt. Möglicherweise ist das auch bei euren Kindern so.

An dem Tag, an dem ihm mitgeteilt worden war, dass sein Freund gestorben ist, wollte er überhaupt nicht darüber sprechen bzw. gebärden. Er machte hingegen ganz deutlich klar, dass nicht geweint werden sollte. Er gebärdete „Stop mit Weinen“ und „Weinen ist doof“. Das Miterleben der starken Gefühle um ihn herum überflutete ihn, daher wollte er sie unterbinden und ihnen entgehen. Gleichzeitig war er aber auch in der Lage zu trösten und seine traurigen Lieben, die bei ihm waren, zum Beispiel an der Hand zu nehmen.
Seine Aufmerksamkeit und sein Empfinden war ganz klar bei denen, die um ihn herum trauerten. Das war das Unmittelbare, das er aufnehmen konnte, die Ursache für die Trauer war überhaupt noch nicht greifbar, seine Gefühle dahingehend blieben für ihn und für uns noch unzugänglich.

Das änderte sich mit den Tagen. Etwa am dritten Tag begann seine eigene Trauer oder vielleicht sollte ich sagen: sie wurde sichtbar.
Er fing an, von seinem Freund zu gebärden, dass er gestorben ist, dass er nicht mehr wiederkommt und dass er ihn nicht mehr sehen kann. Niklas strahlte dabei eine Ruhe aus, die ich so bisher nur selten von ihm kenne. Als seine Uroma und sein Uropa starben, war es ähnlich.

Er hielt beim Gebärden über Gedanken an seinen Freund immer wieder inne, schaute in den Garten, machte Pausen, schaute mich dann lange an und gebärdete wieder weiter. So rief er sich bestimmte Bewegungen seines Freundes und gemeinsame Erlebnisse in Erinnerung und teilte sie mit uns – das war herzergreifend und ich musste immer mal wieder weggehen, um ihn mit meinen eigenen Tränen nicht zu sehr zu irritieren.

Inzwischen gebärdet er, dass sein Freund zu einem Ausflug aufgebrochen ist, von dem er nicht mehr wiederkommt. Er gebärdet, dass es bei diesem Ausflug ruhig ist und sein Freund nun keine Kopfhörer mehr braucht und er gebärdet, dass er ganz viel an ihn denken möchte. Und ich bin sicher, dass er das immer wieder tun wird.

Baum spiegelt sich im Wasser

©pixabay – Bess-Hamiti

Den Gedanken, ihn nicht in die Schule zu schicken, weil dort so große Trauer herrscht, verwarfen wir schnell wieder. Niklas gehört zu dieser Gemeinschaft, die gemeinsam traurig ist und das schlimme Ereignis auch gemeinsam verarbeiten wird. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir uns sicher sein können, dass er dort auch in seiner ganz eigenen Trauer aufgefangen wird.

Wieder einmal merke ich, dass ich keinen kleinen Jungen mehr hier zuhause habe, sondern einen erwachsen gewordenen, ganz besonderen jungen Mann, der in vielen Bereichen eigene Strategien für sich entwickelt hat. Wunderbar ist es, dass er uns an seinen Gefühlen teilhaben lassen kann. Und wunderbar ist es auch zu sehen, wie sehr er sich mit manchen Menschen verbunden fühlt, selbst wenn er sie „nicht mehr sehen kann“ (Gebärdenzitat).
Aber er braucht eben auch Zeit, hat ein ganz eigenes Tempo beim Verarbeiten und Zeigen von Gefühlen.

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Möglicherweise ein hilfreicher Literaturtipp:
Mit Kindern gemeinsam trauern (Gabriele Schmidt-Klering)

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