„Versucht nicht, alles Merkwürdige nachvollziehen zu wollen“

Vor einiger Zeit wurde ich auf Daniel (Name geändert) aufmerksam – einen jungen Mann, der mit Anfang 20 eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum erhalten hat. Ich war neugierig auf seine Erfahrungen und er zeigte sich sofort aufgeschlossen für meine Fragen.

Vor der Autismus-Diagnose gab es andere Diagnosen und Fehldiagnosen, die immer nur Teilbereiche oder andere Bereiche dessen abdeckten, was Daniels Leben ausmacht.
Die Autismus-Diagnose war daher eine gute Nachricht für ihn, erzählt er, „weil es jetzt für viele Auffälligkeiten eine Erklärung gibt – teilweise sind sie sogar direkt in der Diagnose erwähnt. So kann man seinen Mitmenschen zeigen, dass man etwas wirklich nicht tun kann und sich nicht bloß dagegen sträubt.“

Daniel bemerkte schon als Kind, dass er irgendwie anders war. In der Schule bewältigte er den Stoff wie andere auch, erzählt er, und in der Klassengemeinschaft war er ab der fünften Klasse „gut bis sehr gut integriert“. Aber es gab andere Bereiche, in denen er „schwierig bis gar nicht“ zurechtkam. Freundschaften sind Daniel wichtig, aber sie waren „sehr unbeständig“.
„Es gibt auch Momente, in denen es mehr belastend ist, jemanden bei sich zu haben (besonders bei NTs [Neurotypische/Nicht-Autisten] gebe ich mir immer Mühe, ein guter Gastgeber zu sein). Und wenn ich allein sein will, ziehe ich mich zurück.“

Mich interessiert, was für ihn im Alltag besonders schwierig ist und wo Daniel ggf. auch Unterstützung benötigt. Er erklärt:
„Der Umgang mit Menschen. Teilweise auch Dinge, die ganz banal erscheinen, die ich aber einfach nicht hinbekomme. Auch wenn ich sie mir zehn Minuten ansehe. Beispiel: Ein Telefonat vorzubereiten und erfolgreich durchzuführen.“
Strategien, die im Alltag helfen, habe er eher unbewusst entwickelt. „Meistens folge ich einem Ablauf, der sich als überwiegend funktionierend herausgestellt hat.“

In seiner Freizeit beschäftigt Daniel sich am liebsten mit Tonaufnahmen aller Art (von Rundfunkaufnahmen bis hin zu alten Privataufnahmen).  Auch ist ihm der Kontakt zu anderen Autisten sehr wichtig, „etwa, um Probleme zu besprechen und Lösungen zu finden.“ Autisten mit hohem Betreuungs- und Pflegebedarf kennt Daniel bisher nicht, fände es aber interessant, jemanden kennenzulernen.

Von seinen Mitmenschen wünscht er sich, dass sie seine Eigenheiten akzeptieren. „Und auf keinen Fall sollen sie versuchen, mich dazu zu bewegen, etwas anders zu machen, wenn es mir auf meine Art auch gelingt. Das verwirrt mich sehr und ich frage mich dann nur, ob meine Art nicht gut genug oder falsch ist.“
Daher ist seine Botschaft an Nichtautisten: „Versucht nicht, alles Merkwürdige nachvollziehen zu wollen, sondern akzeptiert die Eigenarten. Es fällt sicher schwer, aber es wird für alle Beteiligten das Zusammenleben erleichtern.“

Auf die Frage, wann er das erste Mal etwas von Autismus gehört habe, erzählt Daniel: „Das erste Mal bewusst habe ich davon gehört, als wir im Schulunterricht eine Wissenssendung zu dem Thema sahen. Habe auch sofort Parallelen erkannt, aber dummerweise beschlossen, dass es jetzt zu aufwändig wäre, dem Verdacht nachzugehen.“

Aus seiner Erfahrung heraus rät er jungen Menschen, die bemerken, dass sie anders sind und sich vielleicht auch im sozialen Miteinander in Schule und Freizeit schwer tun, „erstmal für sich, darüber nachzudenken, was genau anders ist und dann einen Schnelltest zu machen. Wenn das Testergebnis auf das Autismus-Spektrum hinweist, sollten sie mit einer Vertrauensperson über das weitere Vorgehen, etwa eine Diagnose, reden.
Auf keinen Fall sollten sie, wie ich, das Ganze später erledigen wollen. Wenn man Autist ist, ist man immer Autist. Mit all den Begabungen, aber auch all den Problemen. Das sollte deswegen eine sehr hohe Priorität haben.“

Vielen Dank, Daniel. Und alles Gute für Dich.

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Zum Weiterlesen:

Interview mit Lejla – ehemalige Schulbegleiterin und aktuell Jobcoach bei auticon

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