Über Maskierung, Unverbindlichkeit, Lärm und Distanz

Ich oute mich jetzt als Faschingsmuffel, die Karnevalfans mögen es mir nachsehen. Es geht in diesem Artikel auch nicht darum, die Freude am Feiern zu vermiesen, sondern darum einen gewagten Vergleich aus einer Faschingsmuffelperspektive zu ziehen. Versucht ihn bitte mal mitzugehen, ob Karnevalfan ja oder nein, ist dabei nicht wichtig.

Was feiern die Menschen eigentlich an Fasching? frage ich mich. Ich verstehe nicht, warum sie sich freuen und tanzen. Und nur weil es alle tun, soll ich auch? „Hinterfrag doch nicht immer alles! Mach doch einfach mit!“ bekomme ich zu hören. Einfach mittanzen, mitsingen, mitfreuen, weil die anderen es machen? Selbst wenn ich mich einreihe, fühle ich mich wie eine Fremde, denn ich verstehe nicht, worüber sich alle freuen und in meinem Innersten gehöre ich nicht dazu.
Sind das Gedanken, die auch Niklas und seine autistischen Freunde manchmal im Alltag haben? Ist das Leben für sie wie ein endloser Karneval im Sinne von „alles ist ver-rückt“? Ich gehe in diesem Vergleich von einer Perspektive aus, die Karneval mit Maskierung, Unverbindlichkeit, Lärm und Distanzlosigkeit in Verbindung bringt. Und ich frage mich, ob ich an wenigen Tagen im Jahr das empfinde, was Autisten noch viel extremer immer aushalten müssen:
Masken, die vor einem auftauchen, ohne dass man weiß, wer sich dahinter verbirgt. Auch gleiche Masken, die verschiedene Menschen tragen, so dass sich die Personen dahinter auf den ersten Blick nicht mehr unterscheiden.
Unverbindliches miteinander feiern, ohne eigentlich zu wissen, was genau. Man ist mit Menschen zusammen, mit denen man sonst nichts zu tun hat und man freut sich… worüber? Welche gemeinsame Grundlage hat man? Ich verstehe es nicht – andere verstehen es. Wie ist es für Autisten im Alltag, wenn wir auf der Grundlage unseres Humors, unserer Ironie, unserer Floskeln miteinander kommunizieren? Vielleicht genauso unverständlich, wie für mich das Miteinander an Karneval.
Dieser unglaubliche Lärm, Musik, die vorüberzieht, sich auf Faschingsumzügen bereits mit Trommeln oder anderer Musik vermischt. Plötzliche Trompeten, spontan angeworfene Subwoofer, daneben all die Stimmen von Menschen, Geschrei, Gesang, Worte, die an einen gerichtet werden, die man verstehen soll. Selbst ich habe da keine Chance auf Orientierung und ich bin keine Autistin.
Die Distanzlosigkeit, wenn fremde Menschen mich umarmen, nahe kommen, weil man sich ja sonst nicht versteht, evtl. einen Arm um einen legen. Gepaart mit einer Art Oberflächlichkeit, aus der heraus gefragt wird, wie es mir geht… und am nächsten Tag kennt mich derjenige nicht einmal mehr und ich ihn auch nicht…

… weil er eine Maske trug, weil er unverbindlich fragte, weil es laut war, weil er einfach nur distanzlos war….


Karneval jeden Tag im Jahr in dem Sinne, dass alles ver-rückt und unverständlich und distanzlos und laut ist und von mir erwartet wird, dass ich mich anpasse, denn es ist eigentlich normal, Fasching lustig zu finden. Es wäre eine Qual und ich würde mich wohl nicht nur am Rosenmontag und Faschingsdienstag in den Keller verziehen und mir eine Decke über den Kopf legen, sondern es regelmäßig tun – wie mein Sohn, von dem ganz andere Dinge erwartet werden, weil sie eben für die Allgemeinheit normal sind.

***

P.S.: Ich wünsche allen Faschingsfans viel Spaß beim Feiern :-)

 

Merken

Merken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.