Toskana, Schnee essen und Tunnelfahrten – mit dem Wohnmobil unterwegs

„Oh ja“, sagte die Frau, „Camping fand ich auch immer sehr anstrengend.“
„Oh nein“, sagte ich, „Camping ist gar nicht anstrengend, sondern bedeutet einfach nur Freiheit. Anstrengend ist die Rundumpflege und –betreuung während der Ferien“.
„Ach so, ja“, sagte die Frau, „das stimmt natürlich, ständig wollen die Kinder ein Eis essen oder Sandburgen bauen“.
Dann ließ ich sie stehen. Denn auf so ein Gespräch hatte ich keine Lust.

Nach zwei Wochen Pfingstferien sind wir wieder im Lande und ja – wir waren campen, mit dem Wohnmobil jeden Tag woanders, immer auf dem Weg, immer was anderes vor der Nase und um die Nase. Das ist unsere bevorzugte Art, Urlaub zu machen und ich möchte euch gern ein wenig davon erzählen.
Ferien bedeutet bei uns, wie sicher auch bei vielen anderen Familien mit frühkindlichen Autisten, Rundumpflege, Rundumbeaufsichtigung und Rundumbeschäftigung. Wenig Selbstbestimmung, viel Fremdbestimmung, wenig Schlaf, viel Aufmerksamkeit ausschließlich beim Kind. Niklas beschäftigt sich überhaupt nicht selbst und muss jede Minute begleitet sein.

Wir Eltern möchten gern etwas von der Welt sehen, vor allem in der Natur unterwegs sein und Abwechslung vom Alltag erleben. Niklas braucht ein gewohntes Umfeld, verlässliche Strukturen und sichere Rückzugsmöglichkeiten. So stellte sich für uns schon vor vielen Jahren das Reisen mit dem Wohnmobil als DIE Möglichkeit heraus, einen schönen Urlaub zu verbringen. Egal, wohin wir fahren, wo wir uns aufhalten, wie wir unserem Vagabundendasein frönen – Niklas hat immer die gleichen vier bekannten Wände um sich herum, er kann sich jederzeit ins Wohnmobil zurückziehen, wenn er das möchte, und – was es für uns optimal macht: er fährt sehr gerne Auto, vor allem im WoMo. :-)

Auf einen vollen Campingplatz mit Nachbarn vorne hinten und an jeder Seite bekommt uns natürlich niemand. Selbst ohne Niklas würde man uns damit nicht locken können. Uns zieht es eher in einsamere, ruhigere Gefilde und am liebsten stehen wir irgendwo an einem Fluss, in den Bergen oder an einem anderen Ort mitten in der Natur. Am Schönsten erleben wir das beinahe jedes Jahr in Skandinavien. In den gerade zurückliegenden Pfingstferien waren wir jedoch im Süden unterwegs, zuerst in der Toskana und dann in südlichen Alpengefilden, auf schweizerischen, italienischen und österreichischen Passstraßen.

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Ich beginne mal mit den Schwierigkeiten der aktuellen Reise: wir sollten dieses Jahr keine Musik anmachen, das störte Niklas sehr und so blieb das Radio eben aus. Sein spezieller Humor führte leider dazu, dass doch einige T-Shirts  zerknabbert und Hosen zerrissen wurden. Das ratschende Geräusch dabei war offenbar unwiderstehlich. Ausgedehnte Wickelaktionen sind auf beengtem Raum mit einem Teenager natürlich auch nicht mehr so einfach zu handeln, aber es klappte und zuhause hätten wir diese Situationen ja auch, wenn auch mit etwas größerem Aktionsradius.

Die positiven Entwicklungen im Vergleich zu den letzten Reisen überwiegen deutlich.
Wir durften zum Beispiel nach Belieben Pausen einlegen. Das war bei vielen anderen Fahrten in den vergangenen Jahren anders. Jede Pause empfand Niklas als störend und wurde mit Schreien, Treten und Gegenständewerfen boykottiert. Er wollte immer nur fahren und fahren und fahren und an Aussteigen war oft gar nicht zu denken. So düsten wir an vielen wunderschönen Orten und Plätzen vorbei und winkten in Gedanken zurück. Die Pausen, die wir dann doch dann und wann einlegten, gestalteten sich entsprechend schwierig.

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Das war dieses Jahr überhaupt nicht mehr so. Niklas blieb gern auch stehen und stieg auch gern aus, um ein paar Meter spazieren zu gehen. Wenn die Geräuschkulisse unangenehm für ihn wurde, zog er sich wieder ins geliebte WoMo zurück.
Ein großer Läufer ist er ohnehin nicht, sodass der Papa immer wieder auch als Packesel herhalten muss.

Ich durfte lesen. Ja – auch das war mal anders. Es gab viele Fahrten, in denen Niklas bestimmen wollte, was wir zu tun und zu lassen haben. Auch das hat sich gegeben. So konnte ich auch mal mein Buch herausholen und ein paar Seiten schmökern.

Wir konnten entspannt einkaufen. In früheren Urlauben gab es meist Riesentheater, wenn einer von uns das WoMo verließ, um etwas zu besorgen oder einzukaufen. Niklas wollte, dass immer alle zusammenbleiben. Da er es selbst in einem grellen und überfüllten Supermarkt nicht aushält, blieb und nichts anderes übrig, als dass einer auch mal alleine einkaufen ging während der andere mit einem schreienden und tobenden Niklas im WoMo wartete. Auch das war dieses Jahr kein Problem mehr. Wir parkten das WoMo immer so, dass Niklas den Supermarkteingang gut beobachten konnte und so wartete er ruhig bis wir wieder komplett waren.

An einen Abend denke ich besonders gern zurück: Niklas war nach einem ereignisreichen Tag schon früh müde, so dass er zeitig in seinem WoMo-Bett lag. Wir saßen noch lange bei Kerzenschein draußen, grillten und aßen in Ruhe, ohne nach links und rechts schauen und aufspringen zu müssen. Diese Stunden genossen wir ganz bewusst und tankten viel Energie.

Ein besonderes Highlight waren die vielen Tunnel, durch die wir fuhren. (Wir stellten fest, dass die Schweizer hier den Norwegern durchaus nicht nachstehen). Auch die Autobahn rund um Genua war für Niklas eine Lieblingsstrecke. Er liebt es, durch Tunnel zu fahren, erspäht sie in der Ferne schon meist früher als wir und flattert dann aufgeregt mit den Händen.

Und das Schnee-essen auf den Alpenpässen war natürlich ein Riesengenuss! Lecker! Ich habe mich auch davon überzeugt. :-)

Die erwähnten Verbesserungen sind alles Kleinigkeiten, die aber Vieles enorm erleichtern und unseren Pfingsturlaub dieses Jahr sehr schön werden ließen.  Es lässt uns jetzt schon freudig auf den geplanten Sommerurlaub blicken, der natürlich mit dem WoMo wieder in den Norden gehen wird.

2 comments

  • Katrin Linde

    Liebe Silke und Family…
    Ich habe eben deine Blog entdeckt und könnte den ganzen Tag weiterlesen… leider muss ich aber nun weiterarbeiten…mein Sohn Lennart ist 7 und hat ebenfalls frühkindlichen Autismus….
    Ich bin alleinerziehend und erlebe oder empfinden vieles über das du schreibst ähnlich …
    Danke für deinen Blog… Danke für deine Gedanken…..Danke für deine Infos!!!!! liebe Grüße Katrin

    • Ella

      Danke für Deine tolle Rückmeldung, Katrin. Das freut mich wirklich sehr.
      Alles Liebe und Gute für Dich und Lennart! :-)

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