Time-out ist nicht gleich Time-out – wie man für angemessene Rückzugsmöglichkeiten sorgen kann

bei Niklas zuhause

In einigen Einrichtungen wie zum Beispiel Kindergärten und Schulen gibt es sie, die Time-Out-Maßnahmen und die Time-Out-Räume. Manche umgibt eine Aura der Bestrafung und manche sind einfach reizarme Rückzugsbereiche.
In Gesprächen mit anderen Eltern stelle ich immer wieder fest, dass der Begriff „Time-Out“ sehr unterschiedlich besetzt ist.

Im Grunde sollte eine „Time-Out-Maßnahme“ nichts anderes bedeuten, als eine Auszeit zu nehmen, sich zurückziehen zu können, um sich zu erholen. Solange sie in dieser Form angewandt wird, kann ich daran nichts Schlimmes erkennen.
Wenn sie allerdings den Charakter einer Strafhandlung bekommt, dann wird es bedenklich und sollte hinterfragt werden.

Bei dem Begriff denke ich an meine aktive Volleyballzeit zurück. Wenn ein Team eine Auszeit nimmt, bedeutet das, sich eine Verschnaufpause zu gönnen, sich zu erholen, kurz aus der Wettkampfsituation herauszutreten, sich eine neue Strategie zurechtzulegen, sich gegenseitig Mut zuzusprechen, sich zu motivieren und coachen zu lassen.

Ähnliches verbinde ich mit einer Auszeit, die Niklas manchmal braucht. Es kann dabei darum gehen, dass er einfach Ruhe benötigt, sich vor Reizüberflutung zu schützen oder sich davon zu erholen. Es kann aber auch bedeuten, aus einer schwierigen Situation bewusst herauszugehen, sich in eine reizarme Umgebung zurückzuziehen und mit ihm gemeinsam zu besprechen, was schwierig war, was wir gemeinsam verändern können und wie wir weiter machen.

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Damit eine Time-Out-Maßnahme nicht den Charakter einer Bestrafung bekommt, könnte man folgende Dinge berücksichtigen:

Herausforderndes Verhalten aufgrund von Reizüberflutung ist auch für unsere Kinder anstrengend.
Schreien, Treten, Beißen, Sachen herumschmeißen – das kennen viele von uns und meistens hängt dieses Verhalten mit einer Reizüberflutung zusammen, die Chaos anrichtet und Schmerzen verursachen kann. Das Verhalten kann dann nicht mehr wirklich gesteuert werden und Bestrafungen sind unangemessen.
Angemessen hingegen wäre zum Beispiel zu sagen: „Komm wir setzen uns in den Time-Out-Raum und ruhen uns aus bis es Dir wieder besser geht.“
Ganz wichtig ist es, dabei selbst ruhig zu bleiben. Das ist anstrengend, ich weiß, eine riesengroße Aufgabe, das zu schaffen. Aber es lohnt sich und hat einen Sinn, denn jegliche Aufregung überträgt sich auf das autistische Kind, das dann noch länger braucht, um wieder ruhig zu werden.

Den Time-Out-Raum auch mal besuchen, wenn alles gut ist.
Damit ist der Raum nicht grundsätzlich mit einer Situation und dem Gefühl von Anspannung besetzt. Er kann etwas Positives und Beruhigendes transportieren.
Vielleicht ermöglicht das auch im Nachhinein ein Gespräch über eine Situation, in der es dem Kind nicht so gut ging: „Weißt Du noch, als wir vorgestern hier waren, ging es Dir gar nicht gut. Aber Du konntest Dich beruhigen. Weißt Du noch, warum Du so wütend warst?“

Den Raum gemeinsam einrichten.
Man könnte mit dem Kind gemeinsam überlegen, wie man den Raum einrichtet. Vorhänge zum Abdunkeln, besondere Lichteffekte, Matten, Kissen, Decken,…
Gemeinsames Verschönern und Verändern macht den Raum zu einem angenehmeren Ort, den man gerne besucht, wenn man ihn braucht.

Offene oder geschlossene Türen akzeptieren.
Bei Niklas ist es so, dass er schnell Panik bekommt, wenn Türen verschlossen sind. Ein Time-Out-Raum mit geschlossener Tür würde also komplett das Gegenteil von dem bewirken, was eigentlich beabsichtigt wird.
Ich weiß aber, dass es bei anderen Kindern genau andersherum ist. Daher sollte man das Thema „Tür auf“ oder „Tür zu“ unbedingt individuell berücksichtigen.

Auf gleicher Ebene mit dem Kind sein.
Es ist kontraproduktiv, sich aufrecht vor das Kind hinzustellen, das vielleicht weinend in der Ecke kauert. Selbst in die Hocke gehen, auf einer Ebene sein, Ruhe finden und nach einer Weile auf Augenhöhe kommunizieren, wenn es wieder besser geht.
Damit erhält der Raum nicht den Anstrich von Ungleichgewicht und Machtgefüge – ich halte das für sehr wichtig.

Den Time-Out-Raum für eine eigene Auszeit nutzen.
Wenn das Kind eine Auszeit braucht, dann ist es eine gute Möglichkeit, auch sich selbst eine solche zu gönnen. Natürlich geht das nur, wenn man nicht damit beschäftigt ist, z.B. Selbstverletzungen zu verhindern. Aber wenn es langsam ruhiger wird und es nur darauf ankommt, anwesend zu sein, dann überträgt es sich positiv auf das eigene Kind, wenn man selbst zur Ruhe kommt. Nicht ungeduldig darauf warten, wann man endlich wieder zur Tagesordnung übergehen kann, sondern möglichst selbst mal durchatmen.

Das Kind mitbestimmen lassen
Man könnte im Time-Out-Raum eine Tafel anbringen oder ein Bild oder Karten bereitlegen, mit denen das Kind signalisieren kann: „Jetzt möchte ich wieder raus. Es geht mir wieder gut.“ Ich halte das für sehr wichtig, da sich am Verhalten oftmals nicht ablesen lässt, dass sich das Kind tatsächlich schon beruhigt hat.
Oftmals nehme ich bei Niklas immer noch Aufregung wahr und denke, es wird wohl noch eine Weile dauern, aber eigentlich ist das mittlerweile eine Aufregung, die mit einer neuen Unsicherheit zu tun hat. Er fragt sich, wie und wann es denn nun weiter geht und wann wir wieder etwas anderes tun.
Mitbestimmung ist wichtig und wir können sie unseren Kindern zutrauen – wir müssen sogar.

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bei Niklas zuhause

Vielleicht helfen diese Anregungen dabei, einem Time-Out-Raum eine konstruktive und positive Note zu geben. Manche haben bereits einen solchen Ruheraum, andere (v.a. auch Kindergärten oder Schulen) könnten ihre Räume möglicherweise vor diesem Hintergrund umgestalten.

Eltern möchte ich noch ans Herz legen, nachzufragen, vor welchem Hingergrund und mit welcher Zielsetzung es möglicherweise einen Time-Out-Raum in der Einrichtung des Kindes gibt. Damit bekommt Ihr ein Gefühl dafür, wie dort mit kritischen Situationen umgegangen wird und ob dies in Eurem Sinne ist.

Habt Ihr einen solchen Raum zuhause oder in Euren Einrichtungen?
Schickt mir gerne ein Foto davon per Mail. Ich werde die Bilder sammeln und dann als Anregung für andere veröffentlichen.

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In der Bibliothek findet Ihr ein Merkblatt zum Ausdrucken oder Weitergeben zum Thema „Time-Out-Raum“.

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2 comments

  • Nicki

    super, genau mein Thema grade. In der Schule meines Sohnes wird das Time Out so gar nicht nach meinen Wünschen praktiziert zur Zeit. Er nutzt es deswegen leider auch nicht. Sie hatten ihm eine „Time-Out Karte“ gegeben, damit er eine Pause anzeigen kann, wenn er die braucht. Leider wurde ihm dann oft gesagt (von der „Ausgebildetem I-Kraft) komm, 10 min schaffst du noch…grrrrr. Dann sollte er zum runterkommen ne Runde über den Flur rennen….TOLL !! Ich habe gesagt er muss dann eine PAUSE haben, also ruhe…also sind si emit ihm versuchshalber auf den Spielteppich…IM Klassenzimmer…mit sämtlichen Geräuschen , alle haben es gesehen. Ende vom Lied, er zeigte die Karte nicht mehr. Jetzt geht er heimlich zur Toilette und wartet da bis er meint es geht wieder. Unsägliche Situation für mich. Ach ja, er ist 7, Asperger mit ADHS. Ich bin stolz das er überhaupt einen Ausweg für sich gefunden hat. Aber so kann es in einer Förderschule und mit IKraft nicht sein…haben aber nach den Ferien eh eine Gespräch deswegen mit dem Direktor….da ist noch mehr im argen…aber passte grade….

  • Svö

    In meiner Kinder- & Jugendpsychiatrie gab es ebenfalls einen Time-Out-Raum, allerdings diente der nur zur Bestrafung. Dementsprechend war er eingerichtet: es gab nur ein Bett mit Fixiergurten & Videoüberwachung. Die Tür wurde von außen zugeschlossen & hatte ein Fenster, durch das jeder, der vorbeiging, alles einsehen konnte.

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