Thomas im Interview über intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung – das Projekt Oderaue

Im Projekt Oderaue leben zwei Jungen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum in einer intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung. Thomas ist dort als „Fachbetreuer für Autismus“ tätig und erklärt im Interview, warum die Jugendlichen bei ihnen leben und wie sich der Alltag in dieser betreuten Kleinfamilie mit zwei Autisten gestaltet.

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Lieber Thomas, Du arbeitest gemeinsam mit einem Kollegen als selbständiger Erzieher mit Betriebserlaubnis vom Landesjugendamt in Brandenburg. Wie muss man sich das rein organisatorisch vorstellen?

Wir leben und arbeiten zuhause mit den Jugendlichen, sie sind in unsere Kleinfamilie integriert. Diese Arbeit nach SGB VIII § 35 ISE (intensiv sozialpädagogische Einzelbetreuung) ist oft die letzte Station nach einer Reihe von Hilfen.

ISE ist in jedem Fall die direkte 1:1 Betreuung im häuslichen Kontext. Aufgrund des Bedarfes haben wir uns auf Menschen aus dem Autismusspektrum spezialisiert. Inhaltlich arbeiten wir nach unserer Konzeption, der Konzeption des Trägers der Jugendhilfe „im Blick Kinder- und Jugendhilfe gGmbH“, mit dem wir zusammenarbeiten.

Wie sind Du und Dein Kollege dazu gekommen, Autisten zu betreuen und wie habt Ihr Euch für diese anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe qualifiziert?

Das war ein Zufall. Mein Kollege fing 2010 mit der Arbeit als selbständiger Betreuer an. Wir fanden einen geeigneten Träger der Jugendhilfe und wurden angefragt.
Damals ging es um einen zehnjährigen Jungen aus dem Autismusspektrum, der untergebracht werden musste und geeignete Einrichtungen waren nicht da. So haben wir uns der Aufgabe gestellt. Ab da brachte ein frühkindlicher, nur bedürfnisorientiert sprechender quirliger kleiner Junge unsere Welt total durcheinander.

Es folgten viele Gespräche und im Großraum Berlin und Potsdam gibt es ausreichende Möglichkeiten sich geeignete Hilfen und Informationen zu holen. Damals arbeitete ich noch als Angestellter in einem Baumarkt, war aber schon lange bereit, mich einer anderen Aufgabe zu widmen.
2016 konnte ich dann den Kurs „Fachbetreuer für Autismus“ bei Frau Dr. Schirmer im Paritätischen Bildungswerk abschließen. Aufgrund dieses Kurses und der grundlegenden Erfahrungen ist unser Entschluss gereift, eine Spezialisierung zum Thema Autismus anzubieten.
Unterdessen hatten wir einen „High-Functioning-Autisten“, einen Asperger und aktuell einen weiteren Asperger in Betreuung.
Da diese Hilfen langfristig angelegt sind, sind unsere zwei Plätze aktuell belegt. 2019/2020 wird ein Platz frei, weil der kleine quirlige Junge ein Mann geworden ist und in der Nähe seiner Herkunftsfamilie in eine Einrichtung ziehen wird.

Was könnt Ihr den Jugendlichen bieten, was sie zum Beispiel zuhause nicht haben?

Schiff am Steg

Foto von Thomas aus der Umgebung

Zeit, Struktur, kleinschrittiges Herangehen. Kinder aus dem Autismusspektrum sind häufig herausfordernd und bedürfen einer besonderen Ansprache. Es kann passieren, dass Eltern trotz ihrer Bemühungen, den Kindern alles zu ermöglichen, überfordert sind und sich an das Jugendamt wenden, um eine Unterstützung zu erhalten. Dann werden wir manchmal versuchen, mit den Eltern gemeinsam das Kind bzw. den Jugendlichen in unserer Häuslichkeit zu betreuen und für das Leben vorbereiten.

Wie sieht ein typischer Tag bei Euch in der Wohngemeinschaft aus?

Der Tag ist gekennzeichnet durch eine geregelte Struktur. Aufgrund der Unterschiedlichkeit der beiden Jungs, die im Moment bei uns leben, ist auch die Struktur anders. Aber um 18 Uhr wird gemeinsam zu Abend gegessen.
Der eine Junge geht bis 15 Uhr in die Schule und kommt dann mit dem Fahrdienst nach Hause. Dann braucht er schon eine Stunde, um die Spannungen der Schule, die viel Aufmerksamkeit erfordert, zu beseitigen. Dann wird gehopst, getanzt und im Sommer ist das Trampolin sein Domizil.
Der andere Junge ist erst seit sechs Wochen hier und wird momentan zuhause beschult. Das Schulamt wird ein Förderausschussverfahren einleiten und wir gehen davon aus, dass er den Förderschwerpunkt Autismus bekommen wird. Welche Schulform, das ist noch offen.

Wie lange bleiben die Jugendlichen gewöhnlich bei Euch?

Wenn alles gut läuft bis zur Verselbständigung.

Wie gestaltet sich in dieser Zeit der Kontakt zu den Eltern?

Unser Anliegen ist es, wertschätzend mit den Eltern umzugehen und sie teilhaben zu lassen. Der Jugendliche fährt meistens in den Ferien nach Hause. Anrufe und Informationen sind selbstverständlich. Wenn sich dann die Erfolge bemerkbar machen, sehen die Eltern, dass es eine richtige Entscheidung gewesen ist.

Gibt es ein Leitbild, das Du in ein oder zwei Sätzen auf den Punkt bringen kannst?

Unser Motto: „Leben Neu-erleben.“

Unsere Leitidee: Mit unserem Angebot wollen wir den Kindern und Jugendlichen ein Leben neu erleben lassen, was ihnen in jeder Hinsicht eine freie Entwicklung der Persönlichkeit ermöglicht.

Unsere Leitsätze: Unsere Vision ist es, den Kindern und Jugendlichen, deren bisherige Entwicklung unter schwereren Bedingungen stattfand, einen Schutzraum zu geben, ihre Persönlichkeit zu entfalten, sich von möglichen Belastungen zu befreien und eine annehmbare Lebensperspektive in der Gesellschaft zu entwickeln.
Wir achten Menschen mit und ohne Behinderungen als eigenständige Persönlichkeiten mit dem gleichen Anspruch auf Bildung, Erziehung und Betreuung ohne Ansehen der Nationalität, der Religion, der ethnischen Zugehörigkeit, ihres Geschlechtes, der sozialen Stellung und ihrer körperlichen, geistigen und seelischen Voraussetzungen.
Wir vermitteln humanistische Werte und lehnen Gewalt ab.
Unser Zusammenleben ist geprägt von gegenseitiger Achtung.

Wo braucht es mehr Hilfen und Aufklärung für Familien mit autistischen Kindern? Wie könnte diese Unterstützung aus Deiner Sicht aussehen?

Mir erscheint wichtig, dass Eltern wissen, dass das SGB VIII Hilfen zur Erziehung in den unterschiedlichsten Formen ermöglicht. Unterstützung in jeder Hinsicht. Es ist aber immer eine Frage der Haltung der Mitarbeiter in den Ämtern, ob diese Hilfen zur Sprache gebracht werden. Wir haben mit sehr vielen Menschen zu tun gehabt und bisher waren diese Begegnungen sehr aufgeschlossen.

Wie kann man Kontakt zu Euch aufnehmen?

Wir können, insofern es unsere Kraft erlaubt, Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Für eine umfangreichere Beratung und Coaching haben wir einen Stundensatz, der auch verhandelbar ist.

Unsere Kontaktdaten:
P R O J E K T * O D E R A U E
Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE)
Fachstelle für Menschen aus dem Autismusspektrum
16259 Oderaue
033457.466336 fon
projekt-oderaue@web.de
www.leben-neu-erleben.de

Hat sich Dein Bild zum Thema „Autismus“ verändert, seit Du so intensiv mit den Jugendlichen zusammenarbeitest?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, wenn ich einen jungen Menschen erreichen möchte, muss ich mich ein wenig mit dem Bild des Autismus auskennen. Aus diesem Grund bin ich gelassener und freue mich, wenn wieder mal was klappt. In jedem Fall habe ich ein anderes und offeneres Bild zu Menschen mit Einschränkungen.
Das Thema Inklusion möchte ich gerne aussparen, es ist zu viel und das regt mich nur auf.

Was nimmst Du für Dich persönlich aus der Arbeit mit den Jugendlichen mit?

Schneefeld

Foto von Thomas aus der Umgebung

Ich freue mich, dass meine private finanzielle Investition in eine spezialisierte Ausbildung nicht nur den Blick geschärft hat, sondern auch vielfältige Ergebnisse brachte. Wenn Elternteile sich nach Jahren lobend äußern und ihre Zweifel abgelegt haben, ist ein Ziel erreicht. Der Jugendliche, der sich wohlfühlt hat ganz bestimmte Signale, das zu zeigen. Das freut mich.
Was mich ein wenig unsicher macht, ist die Tatsache, dass unser kleiner Quirl von 2010 jetzt fast 18 Jahren ist und uns in ein oder zwei Jahren verlässt. Da fehlt etwas in unserer Familie.

Was ist Dir sonst noch wichtig zu sagen?

Autismus ist eine Chance und keine Bürde. Gehen Sie raus und sagen Sie dass das Kind nicht so lange warten kann aufgrund seiner Beeinträchtigung. Erklären Sie Menschen, die keine Ahnung haben, was los ist, und sie werden sehen, sehr viele sind bemüht zu helfen. Das ist beim Arzt so, bei Behörde oder im Krankenhaus. Aktiv zugehen, auch etwas fordern, nur zu.

Herzlichen Dank, lieber Thomas, für diesen Einblick in Eure wichtige Arbeit. Alles Gute Dir, Deinem Kollegen und nicht zuletzt den jungen Menschen, die auf Zeit bei Euch leben.

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4 comments

  • Doreen Rödel

    Ich bin auch auf der Suche nach einer geeigneten Wohnform für meine Tochter. Allerdings ist sie schon volljährig. Es ist aber toll dass es diese Form gibt und ich bin begeistert über diese Kollegen die es ins leben gerufen haben.
    Hut ab….

  • Petra

    Ich freue mich sehr, dass es Menschen gibt, die sich aus vollem Herzen und mit Freude Menschen mit Autismus widmen. Die diese Menschen nicht als behindert ansehen und ihnen Respekt und Achtung entgegen bringen. Mein Sohn lebt in einer Einrichtung, wo der größte Teil mit Quereinsteigern an Mitarbeitern abgedeckt ist. Ich dachte, ich hätte dann mehr Freiraum. Aber ich sehe im wieder, dass ich genau hinsehen und auch immer wieder kontrollieren muss. Es ist so ätzend und frustrierend. Ich hoffe nun für meinen Sohn eine gute Einrichtung im Erwachsenenbereich zu finden, wo es auch Mitarbeiter gibt, denen die Förderung am Herzen liegt und sie auch Verständnis und Wissen über Autismus haben. Das Interessen gefördert und Ressourcen heraus gekitzelt werden.
    Vielen Dank Thomas und deinem Kollegen. Ich wünsche euch viel Kraft und Freude für eure Arbeit.
    Herzlichst Petra

    • Thomas

      Vielen Dank für die lobenden Worte. Es ist aus meiner Sicht eine Frage der Haltung, des Wissens um Autismus und wie man damit umgeht. Wohngruppen bedürfen immer eines straffen, gut durchdachten Konzeptes, wo die Individualität nicht zu kurz kommt.
      Quereinsteiger sind per SE nichts Schlechtes. Es kommt auch darauf an,welche Ausbildung ihnen zuteil wurde und welche Achtung ihnen entgegen gebracht wird. Ich kenne einige mit guter, qualifizierter Ausbildung, denen es aber an Haltung und Lust mangelt.
      Sie haben aber den Schein!!
      Auch gegenüber den Trägern Qualität fordern.

  • Sandra

    Kinder – und Jugendlicher Autismus Spektrums Störungen benötigen differenzierte Hilfe.
    Wie gut das Du und Dein Mann dies gestaltet.
    Wichtig ist, das dies entsprechend bezahlt wird- gut das Ihr davon hauptberuflich leben könnt. ebenfalls wichtig ist das Augenmerk auf Qualität!

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