Susan über ihr Angebot der „autistischen Beratung“ und Anregungen für die Schule – Interview

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Liebe Susan, als ich Deine Website besuchte, war ich sehr beeindruckt über Dein Engagement. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass Dir als Autistin zwei Themen besonders am Herzen liegen. Eines davon ist das Thema „Beschulung autistischer Kinder und Jugendlicher“. Ist das richtig?

Erst einmal vielen Dank für das Kompliment! Ich freue mich sehr, wenn ich Menschen erreichen kann.
Ja, das Thema „Autisten und Schule“ beschäftigt mich sehr, was auch damit zu tun hat, dass wir mit unserer Tochter keine einfache Zeit hatten, weshalb ich gerne meine Energie aufbringe, dass sich an den derzeitigen Zuständen etwas ändert.
Bei all dem, was ich bisher an Rückmeldungen bekommen habe, kann man definitiv nicht mehr von „Einzelfällen“ sprechen. Und weil ich Bildung für so wichtig halte, hier auch der Grundstein für das spätere Leben gesetzt werden kann, die Persönlichkeitsentwicklung in dieses Alter fällt, uvm., kämpfe ich für diejenigen, die es nicht selbst können. Eltern sind leider oft mit der Situation überfordert, weshalb es mir ein Anliegen ist, hier zu unterstützen und zu stärken.

Wo siehst Du die größten Aufklärungsdefizite im Bereich Schule?

Das Unwissen um die große Bandbreite des Autismus-Spektrums ist ein großes Problem. Den gerne verbreiteten Satz „Kennst du einen Autisten, kennst du genau einen Autisten“ nutze ich selbst immer wieder, einfach um zu verdeutlichen, dass zwar alles sein kann, aber nicht sein muss.
Viele haben immer noch ein bestimmtes Bild von Autisten im Kopf, egal ob im defizitären Bereich oder „Autisten als Wunderkinder“. Mit Aufklärung könnte man den Lehrern die Scheu nehmen, sich auf Autisten in ihrer Klasse einzulassen, aber auch signalisieren, dass es Unterstützung von außen gibt, die man gerne annehmen darf, und auch sollte. Allerdings fühlen sich viele Lehrer unwohl damit, wenn ihnen jemand „über die Schulter schaut“, oder sie wissen nicht, ob sie das von Amtswegen auch so machen dürfen, wie man es vielleicht mit Eltern bespricht.
Das ist mir auch wichtig zu betonen: Nicht immer sind Lehrer dafür verantwortlich, wenn etwas nicht funktioniert. Da hängt ein ganzes System dran.

Hast Du konkrete Tipps und Anregungen für Familien und Pädagogen?

Bleibt im Gespräch! Immer und immer wieder. Schaut, wer Euch in Eurem und im Sinne der Kinder unterstützen kann. Man muss nicht alles allein schaffen. Und hört Euch gegenseitig zu.
Eltern erfahren oft, dass sie nicht ernst genommen werden, Lehrer fühlen sich dann aber hin und wieder zu sehr in die Verantwortung gedrängt. Das schafft ein ungutes Arbeitsklima und das wiederum überträgt sich auf die Kinder. Das ist völlig unnötig.

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Das zweite Thema, das mir auf Deiner Website sofort auffiel, ist Deine Beratungstätigkeit. Wen berätst Du und wie läuft das ab?

Mein Angebot richtet sich an alle, die mit Autisten in irgendeiner Weise zu tun haben. Das fängt natürlich bei den Eltern an, aber eben auch Pädagogen in Kindergärten, Schulen und Betreuungseinrichtungen, Schulbegleiter, usw. Dazu kommen noch Therapeuten, Ärzte, Psychologen, wobei letztere dieses Angebot noch nie angefordert haben.
Manche werden auf mich aufmerksam, indem jemand von mir erzählt, manche finden meine Website, und setzen sich dann mit mir in Kontakt. Und dann läuft es sehr unterschiedlich. Manche wollen einfach nur erzählen, ggf. den einen oder anderen Ratschlag, andere bitten mich, bei einem bestimmten Termin dabei zu sein, vor allem bei Eltern-Lehrer-Gesprächen, in Kindergärten komme ich zu Mitarbeiter-Runden dazu, wenn es um allgemeine Aufklärung geht, Ärzte wollen eher eine kurze und aussagekräftige Broschüre, Therapeuten fragen oft etwas bzgl. der Wahrnehmung und Verarbeitung.
Ich habe da auch kein Schema F, das würde eh nicht funktionieren. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich die Menschen persönlich kennen lernen und beobachten kann. Aber das beschränkt sich auf meinen Wohnort, weil ich bei all meiner Liebe zu dieser Aufgabe auch auf meine Ressourcen achten muss.

Du nennst Deine Tätigkeit „autistisch beraten“ – was meinst Du damit? Und wie kannst Du mit Deiner Perspektive neurotypischen Menschen besonders gut helfen?

Nun ja, ich als Autistin nehme autistisch wahr. Daraus ergeben sich autistische Verarbeitungsmuster, autistische Gedanken, autistische Reaktionen und Äußerungen. Gleichzeitig habe ich die Sprache der neurotypischen Welt recht gut erlernt, behaupte ich jetzt mal ;-).
So gelingt es mir, hoffe ich zumindest, das Eine oder Andere zu übersetzen, Prozesse zu begleiten, Vokabeln mitzugeben, die das Verstehen erleichtern. Wenn ich damit neurotypischen Menschen helfen kann, den Blickwinkel zu verändern, wodurch das Miteinander konfliktfreier wird, ist schon viel gewonnen.

Was sind darüber hinaus Deine dringlichsten Anliegen? Was liegt Dir besonders am Herzen?

Ich hoffe, dass es immer mehr mutige Menschen gibt, die auch mal andere Wege gehen. Es hört ja am Ende der Schulzeit nicht auf, schwierig zu sein. Da geht es meistens erst richtig los, und das ist meine nächste Herzensangelegenheit. Der Übergang ins Erwachsensein ist für alle eine Zeit der Orientierung.
Ich wünsche mir noch mehr Netzwerke, die Ansprechpartner koordinieren, die sich nachhaltig austauschen und dass der Grundgedanke der Selbstbestimmung weiter verbreitet wird.

Seit wann weißt Du, dass Du Autistin bist und inwiefern hilft Dir die Diagnose?

Meine Diagnose habe ich 2016 bekommen, wobei ich mich durch meine Tochter schon länger damit beschäftigt und dann auch mit mir selbst intensiver auseinandergesetzt habe.
Wie hilft mir die Diagnose? Das wurde ich schon oft gefragt, gerade weil ich von außen betrachtet sehr gut zurecht kam. Aber das hat mir gezeigt, dass ich sehr überzeugend im Maskieren und Schauspielern bin, aber dass das eben nicht wirklich ich bin. Das habe ich so nach und nach abgelegt, ich achte mehr auf mich, meine Grenzen, meine Bedürfnisse, und ich habe mit meinen Defiziten, die ja durchaus vorhanden sind, meinen Frieden geschlossen, traue mich immer mehr, um Hilfe zu bitten. Meistens zumindest.
Menschen, die mir nicht gut tun, lasse ich leichter ihrer Wege ziehen und fühle mich nicht mehr für alles verantwortlich.
Und für mich am wichtigsten: Ich konnte mich von Ketten befreien. Die Ketten des Satzes „Stell dich doch nicht so an.“ Das hat mich am meisten beeinflusst.

Wie können sich Deiner Meinung nach sog. Neurotypen und Autisten gegenseitig unterstützen?

Das ist eigentlich unabhängig zum Thema Autismus. Ich wünsche mir, dass alle Menschen offen bleiben für andere, auch, oder gerade dann, wenn man etwas nicht kennt. Ich weiß, nicht nur Autisten haben Ängste vor Unbekanntem. Wir sind alle Menschen, die unterschiedliche Anlagen mitbringen. Genau darin sehe ich aber das Potential einer Gesellschaft. Keiner kann alles, und das muss auch gar nicht sein, denn wir können uns wunderbar ergänzen. Wie schon gesagt: Bleibt miteinander im Gespräch und hört auch wirklich zu.

Was ist Dir sonst noch wichtig zu sagen?

Ich gebe gerne weiter, was ich im Leben und in meiner Arbeit mit Hunden gelernt habe:
Wir sollten wieder mehr dem Hier und Jetzt Beachtung schenken, nicht nachtragend sein und unvoreingenommen an Dinge und Menschen heran gehen. In unserer lauten, schnellen und grellen Zeit übersehen wir viele kleine Wunder. Ein bisschen Entschleunigung täte uns allen gut.

Und an dieser Stelle möchte ich mich auch bedanken: Für all das Vertrauen, das mir entgegen gebracht wird und die vielen interessanten und bereichernden Gespräche. Auch ich lerne nie aus.
Danke!

Liebe Susan, vielen Dank für das interessante Interview. Dein Engagement ist toll und sicherlich sehr bereichernd für viele Menschen, die Deine Hilfestellungen gerne in Anspruch nehmen. Alles Gute für Deine Arbeit und Dich persönlich.

Website von Susan Vogl

Zum Weiterlesen, Gastbeitrag von Susan:

Kein Platz im Schulsystem – und die Eltern stehen Vorwürfen gegenüber

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