Rezension: Der Junge, der zu viel fühlte (Lorenz Wagner)

Europa Verlag München 2018, 214 Seiten, ISBN 978-3-95890-229-9, die Coverrechte liegen beim genannten Verlag, Preis: 18,90 Euro

Heute möchte ich Euch das Buch „Der Junge, der zu viel fühlte“ von Lorenz Wagner vorstellen.

An den vielen bunten Klebezetteln in meinem Exemplar könnt Ihr schon erkennen, dass ich begeistert, angetan und sehr beeindruckt beim Lesen war.

In allererster Linie bin ich aber sehr dankbar für dieses Buch von Lorenz, das mit dem leider immer noch häufig anzutreffenden gängigen Klischee des gefühlskalten und empathielosen Autisten aufräumt.

Lorenz ist Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und begleitete die Familie Markram einige Monate lang. Als der renommierte und preisgekrönte Hirnforscher Henry Markram einen autistischen Sohn bekommt, steht seine Welt Kopf. Lorenz schildert sehr anschaulich, wie sehr es Eltern berührt und bewegt, wenn das eigene Kind sich anders entwickelt und zum Teil auch unter diesem Anderssein und den Erwartungen, die die Gesellschaft an Autisten und deren Familien heranträgt, leidet. Diese Gefühle machen vor Professoren- und Doktortiteln nicht Halt und so fühlt sich auch Henry zunächst hilflos dieser neuen Situation ausgeliefert.

Die Suche nach dem „Warum“ und dem „Was“ beginnt, denn natürlich wissen auch die Markrams nicht von Anfang an, dass es sich um Autismus handelt. Das werden viele von uns nachfühlen können, denn die meisten Familien haben erstmal eine Odyssee zu verschiedenen Ärzten und auch entlang einiger Fehldiagnosen hinter sich.
Lorenz bechreibt die Gefühle und Erfahrungen der Markrams so anschaulich, dass sich Leser, die selbst ein autistisches Kind haben, mühelos einfühlen und wiederfinden können.

Lorenz schildert, wie Henry seine wissenschaftlichen Fähigkeiten dafür einsetzt, zu verstehen, was mit seinem Sohn Kai passiert, warum er sich wie verhält, was anders ist und wie ein Zusammenleben am besten gelingen kann. Dafür mobilisiert er weitere Wissenschaftler, die an seiner Seite über viele Jahre hinweg forschen. Sie erkunden, was in einem „autistischen Gehirn“ vor sich geht, wie Botschaften weitergeleitet werden oder auch nicht, wie Informationen verknüpft und nicht zuletzt, wie Gefühle stimuliert werden. Das alles wird so anschaulich erklärt, dass es auch von uns Lesern, die wir Laien auf dem Gebiet der Hirnforschung sind, gut zu verstehen ist.

Was am Ende von Henrys Forschung als Fazit steht, widerspricht der bis dato festgeschriebenen Annahme, dass Autistinnen und Autisten weniger Gefühlsleben und weniger Empathie hätten. Es ist ein Ergebnis, das erstmal wie ein Donnerschlag erscheint, eigentlich unbegreiflich und auch für Henry völlig unerwartet.

Aber im direkten Abgleich mit der Praxis, also im Zusamenleben mit Kai und den Erinnerungen an vergangene Erlebnisse wird sein Forschungsergebnis absolut plausibel – und das bestätigen und danken ihm inzwischen viele Leser und Autisten, die seine Forschung verfolgt haben.
Ich kann mich deren Dank nur anschließen, denn es deckt sich auch mit der Erfahrung, die ich täglich im Umgang mit meinem autistischen Sohn mache – es ist eher ein Zuviel als Zuwenig an Gefühlen, es ist oft eine Flut an Emotionen, die das Leben mit Autismus besonders macht und eben nicht eine angebliche Gefühlskälte. Das herauszufinden und zu erleben, ist ein großes Geschenk, auch wenn es die Praxis im Alltag für alle Beteiligten nicht immer einfach macht.

Danke an Lorenz Wagner für dieses großartige und äußerst wichtige Buch. Ich hoffe, dass es viele aufgeschlossene und im Denken flexible und neugierige Leserinnen und Leser erreichen wird.

von Herzen Silke alias Ella

4 comments

  • Rene

    Danke für die Rezension. Bezieht sich das Fühlen im Buchtitel auch auf das Fühlen auf der Haut? Wir haben sehr große Probleme mit dem Hautgefühl und unsere Tochter kann sich oft…sehr oft gar nicht anziehen – so wie jetzt beim Herbstbeginn. Dafür suchen wir händeringend Antworten und Ideen, wie wir ihre Sensibilität reduzieren können.
    Wenn das Buch da eine Hilfe wäre…? Oder vielleicht kennt jemand noch andere Ideen, was dieses für uns lebenswichtige Problem angeht. Ich würde mich über jeden Kontakt freuen. Der Buchtitel sprach mich jedenfalls sofort an, weil es so sehr passt.

    • Silke

      Das Fühlen auf der Haut wird nicht explizit thematisiert. Gibt es denn Kleidungsstücke, die Deine Tochter akzeptiert, und die Du dann fünf- und sechsfach anschaffen könntest?

  • Rebecca

    Ich war direkt begeistert von dem Buch. Es beschreibt genau das, was ich selber und bei unseren Asperger Kindern schon lange so empfunden haben.
    Wir kämpfen nun schon leider seit 2 Jahren darum, dass der eine Sohn 15J von der Schulpflicht befreit wird und weiter die webindividualschule besuchen darf. Dabei kommt es immer wieder zu Problemen mit Ämtern, Ärzten und Pädagogen, wo wir darum kämpfen müssen, dass er endlich nicht mehr unterstellt bekommt, er könne zur Schule gehen, er müsse das lernen sich anzupassen…
    Wir arbeiten daran, dass man ihn endlich mal in Ruhe lässt, damit er genügend Energie hat um fröhlich durchs Leben zu gehen. Wir wollen ihn nie mehr zwingen, dass er nach außen funktioniert, aber innerlich traurig, energielos und krank ist.
    Ein schwerer Kampf, hoffentlich hilft dieses Buch dabei, viele Menschen davon zu überzeugen, dass Autisten tolle Menschen sind, nur halt anders.

  • Felix

    @Rene
    Ich kenne das Problem mit der Haut sehr gut. Das selbsttätige eincremen der Haut, bevor die Kleidung angelegt wird tat gut. Da die Berührungen ablenken, der dünne Film von Creme auf der Haut dämpft das Gefühl der Kleidung. Das Durcheinander, Berührungen und Creme, klingt langsam ab und verwirbelt das unvermeidliche Gefühl von Kleidung auf der Haut. Oft ist es anfangs unangenehm, mit der Zeit ebbt es ab, die Kleidung merke ich später nicht mehr.
    Haut und Papier, das ist viel schlimmer.

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