Marys Geschichte – „Es ist gut so, wie es ist – eben anders gut“

Mary ist Autistin. Ihre Diagnose bekam sie mit 26 Jahren.
„Ich habe sie erhalten und mich erst einmal gar nicht weiter damit beschäftigt. Ich wußte gar nichts über das Thema Autismus“, schreibt sie in ihrem Blog.
Erst nach drei bis vier Jahren konnte sie die Diagnose für sich annehmen.

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Marys damaliger Lebensgefährte hatte immer wieder erwähnt, dass sie anders sei und zu einem Psychiater gehen solle, um das abklären zu lassen. Dieser stellte dann nach ausgiebigen Tests die Diagnose Autismus.
Nach und nach sammelte Mary nach der Diagnosestellung Informationen und suchte nach virtuellem Austausch mit betroffenen Eltern und Autisten. Dabei war es oft schwierig für sie, verschiedene Themenbereiche zusammenzufügen und sich rational zu erschließen, welche Zusammenhänge in ihrem Leben bestehen und welche Rolle hierbei ihr Autismus spielt. Daher nahm sie sich immer wieder auch Pausen, um sich von der Fülle an Informationen zu erholen.

Sobald sie in Kontakt mit anderen Menschen kommt, macht sich der Autismus besonders bemerkbar. „Daher verzichte ich auf jedweden unnötigen menschlichen Kontakt – auch zu anderen Autisten.“
Besonders schwierig und anstrengend ist das Entschlüsseln von uneindeutiger Sprache. Zunächst einmal versteht Mary alles wörtlich – nur wenn sie Floskeln schon mehrere Male gehört hat, kann sie den gemeinten Sinn abspeichern. Darüber hinaus muss sie den Sinn von Redewendungen regelrecht lernen, um sie zu verstehen und sich dann für Gespräche sicherer zu fühlen.

„Meine Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen und ich weiß noch längst nicht alles, was es zum Thema Autismus als Ganzes und dem Asperger-Syndrom im Besonderen zu wissen gibt. Ich beschäftige mich auch nicht täglich damit. Aber ich habe mich von der zuvor völlig der Tatsache negierenden Person zu einer sich selbst annehmenden Person weiter entwickelt“, schreibt sie.

Ich fragte Mary: Was ist Deiner Meinung nach bei Dir anders als bei neurotypischen Menschen?

Ich nehme ALLES zugleich wahr – es gibt keine Pause, wo ich nicht alles gleich intensiv, gleich verstärkt, schmerzhaft wahrnehme.
Beim Einkaufen beispielsweise: Ich musste um 09:45 Uhr einkaufen, da mein pflegebedürftiger Vati einige Dinge benötigte und er darauf nicht warten konnte, bis ich wie immer am Donnerstag den Wocheneinkauf erledige.

Ich war schon bevor ich mich auf den Weg in die Kaufhalle gemacht habe, physisch erledigt. Ich weiß, welche Reize mich dort erwarten, ich weiß um deren Intensität, um die Rücksichtslosigkeit der sonstigen Menschen, die sich in der Kaufhalle aufhalten – trotzdem muss ich dahin gehen, ich muß es alles gleichermaßen aushalten.

Ich wappne mich innerlich gegen den Ansturm von alldem, kleide mich an (da ich andere Kleidung für die Welt außerhalb meines geschützten Wohnbereiches anziehe, als wenn ich mich nur in meiner Wohnung aufhalte – innen bin ich beschützt – draußen ist das Unheil, das Ungemach, was ich nicht einschätzen kann, was bedrohlich werden kann, was schmerzt, weht tut, schei*e ist), nehme die Einkaufsbehältnisse mit, verlasse die Wohnung und schließe die Türe ab. Dann laufe ich durch das Treppenhaus hinunter und gehe aus der Haustür hinaus. Nun laufe ich zwei Minuten und stehe sogleich direkt vor der Kaufhalle, ich hole mein Portemonnaie aus meiner Umhängetasche, öffne es und entnehme ihm einen Chip für den Einkaufswagen. Sogleich schiebe ich den Chip in diesen und fahre damit durch die sich öffnenden Schiebetüren der Kaufhalle.

(Bereits beim Verfassen dieses Textes werde ich unruhig, da ich nun gedanklich alles erneut erlebe – darum bin ich bei der Beschreibung dessen auch so akkurat und präzise – nun bin ich ansonsten ebenfalls akkurat und präzise.)

Sofort sind Geräusche und Gerüche jedweder Art wahrzunehmen – eines überlagert ein anderes – ein Sammelsurium, Wust, Gewirr, ein wirres Konglomerat an Unannehmlichkeiten entsteht – und führt unweigerlich zur späteren Desorintierung (es ist unterschiedlich, in welcher Zeitspanne diese einzusetzen beginnt) – diese Unordnung verursacht Unbehagen in mir und ich beginne, mich unwohler zu fühlen.

Ich blicke auf den Einkaufszettel, wo ich nun hin muss – und begebe mich dahin, gehe so nach und nach alles ab.

Es wird für mich immer schwieriger, mich zu fokussieren – da hinten schreit ein Kind, ein anderes rannte eben gegen mich, ein älterer Herr stieß mit seinem Wagen an meinen – oh nein – ich will hier weg. Panik, Wut, Jähzorn, Unverständnis beginnen sich in mir zu entwickeln und ich will am Liebsten anfangen, los zu schreien, zu brüllen, irgendwo dagegen schlagen zu wollen – ich verspüre den Drang, in meine Hand zu beißen – immer und immer wieder – bis das Chaos, diese Unordnung, das Wirrwarr und der entsetzliche Lärm vorüber sind.

Ich bin nun an der Kasse – wie ich dahin gekommen bin, weiß ich nicht mehr wirklich. Es geschah automatisch. Nun packe ich alles, was ich an Waren im Einkaufwagen hatte, auf das Kassenband und warte, bis ich an der Reihe mit der Zahlung bin. Das Schlimmste ist jetzt das elende Gepiepe von dem Scanner. Endlich ist es soweit, dass ich bezahlen und verschwinden kann.

Ich hetze zur Tür und verpacke draußen alles in die mitgebrachten Einkaufbehältnisse und gehe dann sogleich nach Hause in meine Wohnung, in der ich mich sogleich umziehe und mir gründlich die Hände wasche. Dann gehe ich mit den Einkäufen zu Vati, räume alles dorthin, wo es hin gehört und gehe wieder zurück in meine Wohnung und erhole mich.

Die sensorischen Reize (die olfaktorischen, visuellen, akustischen und haptischen), die ich in der Kaufhalle ertragen musste, waren zu viel für mich.
Ich nehme zu viel zu schnell und zu intensiv wahr – egal was es ist und egal wo ich mich aufhalte.
Ich bin viel präziser, akkurater, emotionsloser, pragmatischer, praktischer, logischer, ernsthafter, rationaler, ordentlicher als die Neurotypischen, die ich kenne.

„Ellas Blog“ lesen unter anderem viele Nichtautisten –  Eltern von AutistInnen, Fachleute, Freunde. Kannst Du versuchen, uns zu erklären, wie sich ein Overload anfühlt?

Es ist immenser Stress, der frei wird. Die Haut meines kompletten Körpers beginnt zu kribbeln, ich werde unruhig und aggressiv, bin unfähig, mich klar zu fokussieren, der Puls beschleunigt sich, ich werde zittrig, ich bin unfähig zu kommunizieren – Informationen die ankommen, kann ich nicht mehr verarbeiten, ich kann zwar hören von der Lautstärke her aber die sachdienlichen Informationen erkenne ich nicht mehr, kann sie nicht adäquat weiter verarbeiten und auch nicht nutzen, ich bin dann völlig überfordert und wie degeneriert, als ob ich an den Folgen von Sauerstoffmangel leiden würde. Ich muss die Wut und den Jähzorn aus mir heraus lassen. Ich beiße mir in die Hand, das entspannt etwas.

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Von ihren Mitmenschen wünscht Mary sich mehr Rücksicht. Helfen können sie ihr nicht, meint sie, da sie sich sowieso abseits von anderen Menschen halte, „es sei denn, ich muss einkaufen gehen, zum Arzt oder sonst etwas erledigen, wo ich unweigerlich Kontakt zu anderen Menschen habe.“ Zu manchen Menschen hat sie jedoch bewusst Kontakt – „das sind meine Auserwählten, meine Vertrauten – wenige, doch für mich genügend.“

In ihrem bereits erwähnten Blog schreibt Mary darüber wie es für sie ist, als Autistin in einer hauptsächlich neurotypischen Welt zu leben. Schaut Euch dort mal um – es lohnt sich sehr und hilft dabei, einmal die Perspektive zu wechseln.

Herzlichen Dank, liebe Mary, für Deine Antworten und alles Gute für Dich.

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Zum Weiterlesen:

Danas Geschichte – am Ende steht ein Neuanfang

4 comments

  • Sehr schöner Artikel, der vielleicht auch vielen „nicht-betroffenen“ die Augen öffnet!

  • Manu

    So muss sich meine Tochter fühlen… bis es komplett „eskaliert“ kein Arzt oder Psychologe nimmt das ernst. Ich verstehe Welt nicht mehr!

  • Sandra Luft

    Meinem Sohn geht es genauso, nur ist er noch nicht so weit sein Ich so zu akzeptieren wie es ist!

  • Nadine

    Danke für den Artikel! Ich habe die selben Probleme, gerade mit dem Einkaufen. Es ist jede Woche eine Qual. Wenn ich dann noch ein Kind dabei habe kaufe ich Sachen die keiner braucht und was gebraucht wird vergesse ich, da die Buchstaben des Einkaufszettels vor meinen Augen verschwimmen. Ich würde mir einen regionalen LieferService wünschen, aber das gibt es bei uns nicht. Leider stößt man mit solchen, für NTs banalen Problemen, oft auf sehr wenig Verständnis.

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