Manchmal kann man einfach niemanden anrufen

Manchmal sitze ich zuhause und überlege, wen ich anrufen könnte, um etwas mit Freunden auszumachen. Niklas und ich sind nachmittags oft alleine und da wäre es schön, ein bisschen Gesellschaft zu haben. Aber meistens fällt mir niemand ein. Manchmal brauche ich auch einfach eine Freundin, die in der Lage ist mich zu verstehen – aber auch da gibt es Tage, an denen mir niemand einfällt.

 

Wenn Niklas Freunde treffen möchte

Vielleicht kennt Ihr das Gefühl auch, wenn es irgendwie niemanden zu geben scheint, den man einladen oder besuchen könnte. Als Niklas klein war, war es noch einfacher, weil ich Freundinnen hatte, die ebenfalls kleine Kinder hatten, die noch beaufsichtigt werden mussten. Und so verabredeten wir uns eben immer mal für die Nachmittage.

Inzwischen sieht es anders aus – die Kinder meiner Freunde und Bekannten sind Teenager oder Erwachsene und lassen sich natürlich nicht mehr für Nachmittags-Dates mit uns verplanen. Sie gehen verständlicherweise eigene Wege und die Eltern auch.

Niklas und Ella

Niklas und Ella zuhause beim Haareschnuppern

Niklas ist 18 Jahre alt und er gebärdet öfter, dass er „etwas ausmachen“ oder „sich verabreden“ möchte. Daran merke ich dann, dass es nicht nur mein Mutter-Wunsch ist, sondern er sich selbst nach abwechslungsreicher Gesellschaft sehnt.
Manchmal sind FeD/FuDler hier, aber oft muss ich ihn vertrösten oder versuche etwas mit Schulfreunden auszumachen, die aber alle – genauso wie er – lückenlose Aufsicht und Betreuung brauchen und weit verstreut von uns entfernt wohnen. So können solche Events dann eher für Wochenenden geplant werden, wenn die Eltern mitkommen können oder wir gemeinsam dorthin fahren.

Die gemeinsame Zeit zuhause ist dadurch erschwert und konfliktreich, da wir sie fast lückenlos miteinander verbringen. Niklas hat keine Hobbys und es gibt keine Tätigkeiten, die er alleine ausführen kann. Kein IPad, kein Bücherlesen, kein Musik hören, es ist ein ständiges Herumtigern (rw) und auf der Suche nach etwas Spannendem sein. Es sind die Materialien, die ihn interessieren und ständig die Mama an der Seite ist natürlich auch total doof für einen erwachsenen jungen Mann. Verständlich, dass er das dann zum Ausdruck bringen möchte und beginnt zu provozieren.

Und daher sehnen wir uns beide immer mal wieder nach Abwechslung.

 

Wenn ich jemanden zum Reden brauche…

… dann kann es auch sein, dass mir niemand einfällt, der meine Gedanken und Gefühle nachvollziehen kann. Es gibt so Tage, an denen man sich verdammt alleine fühlt.
Manchmal fällt mir dann Freundin A ein und ich denke an die letzte unsensible Äußerung, die ich mir zu Herzen genommen hatte und noch nicht verdaut habe. Ich weiß, dass es nicht böse gemeint war, aber ich weiß auch, dass mein Nervenkostüm (rw) dünn ist und ich wahrscheinlich wieder empfindlich reagieren werde. Also lieber kein Anruf.

Dann fällt mir Freundin B ein. Ich rufe sie an und höre im Hintergrund schon Schwimmbadgewusel. „Wir sind gerade im Freibad. Kommt doch auch!“ Alleine der Vorschlag macht mich sauer, weil sie doch genau weiß, dass es für Niklas undenkbar ist, sich in einem vollen Freibad aufzuhalten.

Dann fällt mir noch Bekannte C ein und ich scheue den Anruf, weil sie einfach immer gute Laune hat und ich kenne schon ihren Tipp: „Du musst einfach mal raus, wieder mal so richtig lachen. Lass uns heute Abend ins Kino gehen.“ Nee, lieber kein Anruf.

Dann beginne ich, mit mir selbst zu hadern: „Mensch Silke, Du bist aber auch schwierig. Stell Dich nicht so an!“ Manchmal kriege ich mich wieder ein, manchmal folgt eine selbstmitleidige Heulstunde und manchmal rufe ich doch noch jemanden an und freue mich über die Ablenkung, auch wenn ich dabei nicht wage, über den eigentlichen Beweggrund meines Anrufs zu sprechen.

 

In solchen Momenten merke ich, wie gut es ist, dass Niklas nachmittags immer bei mir ist. Er mag es gar nicht, wenn ich traurig bin, spürt das sofort, gebärdet „Stop mit traurig“ und „Schluss mit Weinen“ und hält mir einen Stinkesocken zur Belustigung unter die Nase. Wer würde da nicht sofort lächeln? ♥

Ich bin ja so glücklich, dass er immer da ist. Und ich weiß jetzt schon, dass ich ihn schrecklich vermissen werde, wenn er in ein paar Jahren ins betreute Wohnen ziehen wird.
Er und seine Schwester sind einfach meine größten Sonnenscheine. Da ist es doch völlig egal, dass ich manchmal nicht weiß, wen ich anrufen könnte. :-)

 

4 comments

  • K.Letter

    Das kommt mir bekannt vor. Meine Tochter (14) macht in den seltensten Fällen selber was aus zum „zusammen abhängen“ mit anderen. Heisst also sie ist die meiste Zeit zuhause. Wenn ich was arrangiere, höre ich von anderen Eltern “ Also nee… das muss sie doch jetzt langsam mal selber machen. Du bindest sie viel zu sehr an Dich. Du „begluckst“ sie zu sehr.“ oder “ Naja, da soll sie mal selber mit xxx telefonieren und was ausmachen.“ Man sieht es ihr eben nicht an und oft merken die Menschen drumrum nur das sie wohl anders ist, schieben es aber darauf, das ich sie zu sehr behüte. Mir tut das oft weh und leid für sie und ehrlich gesagt hab ich noch keine Lösung gefunden um sie da zu unterstützen. Ja und wenn ich anderen Menschen versuche zu erklären was los ist ( Sie hat eine Autismus-Spektrums-Störung) werde ich sogar gefragt “ Achja… woher hast Du denn die Diagnose?“ Ich bin versucht zu sagen “ Die hab ich gekauft!!! “ Oder ich bekomme zu hören “ Naja, Autismus hin oder her. Das muss sie selber machen, sonst wird das ja nie was.“ Und weil ich solche Bemerkungen ja so sehr liebe, bleiben wir meist unter uns und fahren allein zu zweit wohin….

  • Susanne

    Liebe Ella,

    vielen Dank für deinen Blog, wenn ich mich ganz alleine fühle dann lese ich ein wenig bei dir und habe dann das Gefühl da ist jemand der mich verstehen würde und fühle mich gleich ein bischen weniger allein. Dieser Eintrag spricht mir aus der Seele, es geht mir so oft so das ich denke es wäre schön mal mit jemandem etwas zu unternehmen oder einfach mal jemanden einzuladen, aber dann kommen genau die gleich Gedanken Familie A …nein das letzte Mal war eine Katastrophe, Freundin B …. nein das passt auch nicht, Freundin c … leider kein Verständnis …… usw. die meisten Freundschaften (wenn es überhaupt welche waren haben sich in den letzten Jahren einfach erledigt, denn wer braucht schon jemanden der anstrengend ist und eigentlich meist traurig und noch dazu nie Zeit hat …….

  • Jens

    Liebe Ella ,euer Blog ist so ermutigend mein Sohn wurde gerade 10 uns geht es auch viel so mit dem abmachen aber weil er nicht möchte er liebt sein Wasser fass das man den ganzen Tag füllen könnte.Und vielen Leuten fehlt schlichtweg das Verständnis das er immer beobachtet werden muss.Aber ich liebe meine beiden Gold schätze auch wenn wir halt wieder mal einen Tag am Fass verbringen

  • Katrin Fiedler

    Hallo Silke,
    auch ich kann Dich gut verstehen. Freunde habe ich keine mehr, eher noch Bekannte. Und diese sehe ich auch nicht oft. Was mir jedoch vor allem auffällt ist, dass ich gar nicht weiß, worüber ich mit jemandem sprechen soll, denn mein Leben dreht sich ja irgendwie nur um unsere Tochter. Sie hat ja nicht nur Asperger, sondern auch noch eine Muskelschwäche und das Long-QT-Syndrom. Und ich habe auch diese Muskelschwäche und bin berentet. Und ganz ehrlich, die Zeit, die dann noch übrig bleibt, bin ich froh allein zu sein und versuche dann an NICHTS zu denken. Versuche den Kopf leer zu machen. Oder ich versuche mal wieder Ehefrau zu sein und nicht nur Mutter. Ich spreche viel mit meinem Mann, leider musste er die Rolle meiner „besten Freundin“ mit übernehmen :). Er gibt sich auch alle Mühe und macht das im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr gut ;)…. Fazit: Ich wüsste wirklich nicht auf Anhieb, was ich mit einem Freund, einer Freundin quatschen sollte. Wenn ich mit meiner alten Schulfreundin telefoniere, dann mache ich es einfach so, dass ich sie sprechen lasse und reagiere dann darauf, das klappt mit meinen Bekannten auch ganz gut…Im Grunde ist das Leben einfach, wir Menschen machen es nur kompliziert und zuhören mögen nur noch die Wenigsten… LG

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