Lina

Es ist schon eine ganze Weile her. Es war ein Tag, an dem ich ein paar Stunden ohne Niklas unterwegs war. Ich hatte in einem Café gesessen, um an einem Text zu arbeiten und war anschließend auf dem Weg nach Hause. Dabei kam ich durch einen Park mit Spielplatz und im Sand saß ein kleines Mädchen mit frechen Zöpfen und einem gelb-rot gepunkteten Pulli unter einer blauen Latzhose. Das Mädchen saß lächelnd auf dem Boden und ließ den Sand durch die Finger rieseln – immer und immer wieder.
Ich hatte noch ein bisschen Zeit, setzte mich auf eine Bank und dachte so bei mir: Na, Du Kleine, gehörst Du auch „zu uns“?

Dann kamen zwei andere Kinder dazu und fragten: „Was machst Du da? Wie heißt Du?“

Das Mädchen antwortete nicht und ließ weiter den Sand durch die Finger rieseln.

„Hallooooo! Was machst Du da?“ fragte der kleine Junge nochmal.

Aber es kam keine Antwort.

„Bist Du doof oder was?“ Nun wurde das Mädchen geschubst und ich wollte schon aufspringen, als bereits die Mutter der Kleinen zur Stelle war.

„Was möchtet Ihr denn wissen?“ fragte sie. „Lina kann nicht sprechen, aber ich kann Euch vielleicht sagen, was Ihr wissen möchtet.“

„Warum kann die nicht sprechen? Ist die wohl dumm?“ Das war wieder der kleine Junge.

Linas Mama holte tief Luft und setzte zu weiteren Erklärungen an, als schon die andere Mutter zur Stelle war und zu ihrem Sohn sagte: „Komm da weg.“

„Darf ich Ihrem Sohn noch erklären, was mit Lina ist?“, fragte Linas Mama, aber die andere Mutter entgegnete: „Nein, damit wollen wir nichts zu tun haben.“

Und schon war sie mit ihrem Sohn im Schlepptau davon gestapft. Das andere Kind war ohnehin schon weggelaufen.

Ich war erschüttert. Aber noch erschütterter war natürlich Linas Mama und das konnte man ihr auch ansehen, während ihre süße Tochter weiter Sand durch ihre kleinen Hände rieseln ließ.

Ich wollte zu den beiden hingehen, aber da kam bereits eine andere Mama mit ihrem Sohn an. Beide setzten sich zu Lina und ihrer Mama auf den Boden. „Hallo, ich bin Andrea und das ist mein Sohn Hendrik. Möchtet Ihr auch Kekse?“, fragte sie und hielt lächelnd eine Schachtel bereit.

Ich konnte dann nicht mehr genau hören, was die beiden Mamas miteinander sprachen, weil ein Straßenkehrer mit seinem Gerät den Park sauber machte. Aber was ich sehen konnte, war viel schöner und sagte schon alles. Hendrik saß eine Weile neben Lina und sah sie einfach nur an. Dann nahm er eine Hand voll Sand und ließ diesen auch durch seine Hand rieseln, mehrmals nacheinander.

Als ich meine Tasche gepackt hatte, um nach Hause zu Niklas zu gehen und an den vieren vorüberging, hörte ich Hendrik noch sagen: „Das ist cool, Lina.“

Wie nah liegen doch Ignoranz und Feinfühligkeit beieinander – nur leider selten bei ein und demselben Menschen, sondern eher innerhalb eines Tages in verschiedenen Situationen. Ich nahm mir damals einmal mehr vor, mich von respektlosen Menschen nicht aus der Bahn werfen zu lassen – es gelingt mir nicht allzu oft, aber an diese Geschichte denke ich immer wieder gerne zurück.

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10 comments

  • Susanne

    Das erleben wir auch so oft und ich muss ganz ehrlich zugeben, das ich meist einfach nur traurig bin und versuche meinen kleinen Mann aus solchen Situationen herauszuhalten. Es ist so schlimm für die Kinder wenn andere zu Ihnen sagen du bist doch dumm oder du bist doch ein Depp nur weil die Gesellschaft alles was anders ist am liebsten wegschließen möchte und die Eltern genau das an ihre Kinder vermitteln…… leider gibt es nach meiner Erfahrung mehr Menschen die „mit so etwas“ nichts zu tun haben wollen als Menschen die Offen sind und die Kinder so annehmen wie sie sind.

  • IAn Holler

    Leider kenne ich das aus meiner kindheit auch, dass ich gehänselt wurde und nahcgeäfft. Das war so schlimm, dass ich oft auf dem Schulweg erbrach. Das der Hendrik da so reagiert, finde ich klasse. iCh hatte da meienn Cousin, der mir in der Schule beistand. Er ist zwar jünger , hatte mich da aber in der Entwicklung weit überholt. Wenn ich das Mädchen mit dem Sand gesehen hätte, hätte ich gedacht, ja das mache ich auch gerne. In eienm Nordseeurlaub habe ich das auch gemacht, da gibt es sogar ein bIld von. ICh habe das Glück, eien Freundin zu haben, die damit umgehen kann. Aber ich kann da nur Mut machen, dass man immer 2mal hinschaut, und sich nicht gleich ein Urteil zurecht bastelt. Die mutter von Niklas muss eien Liebevolle Frau sein so zu denken. Das tut gut zu lesen.

  • Daniela Bänziger

    Eine schöne Geschichte. So nah liegen trauriges und schönes beieinander. Ich glaube dass „unsere“ Kinder einfach noch alle Sinne haben, die wir „normalen“ in der Hektik der heutigen, modernen Zeit verloren haben. Sand durch die Finger rieseln zu lassen und dabei völlig glücklich zu sein, wer kann das heute noch ? Einen kleinen Käfer bestaunen und alles rundherum vergessen. Jeden Morgen aufstehen, zum Fenster hinaussehen und sagen, „wir haben es schön hier.“ Einer Blume beim wachsen zusehen, den Grashalm im Wind beobachten und und und. Es ist schön einen solchen Menschen um sich zu haben und immer wieder auf die wertvollen Dinge aufmerksam gemacht zu werden. Und es tut natürlich auch weh, wenn andere genau diese Fähigkeiten als Dumm und Blöd bezeichnen. Aber mit unserer Unterstützung und Anerkennung lernen unsere Kinder mit solchen Anfeindungen umzugehen !!!! Ich bin sooo stolz auf unseren Sohn, dass er noch Dinge sieht, die ich lange nicht mehr wahrgenommen habe und ich bin ihm dankbar, dass er sie mir zeigt.

  • Martina Denysiuk

    Leider kenne ich dieses Verhalten aus der eigenen Familie. Als Älteste von 3 Geschwistern,bekam ich zuerst Kinder, Nils mit Down S. Plus Autismus kam zuerst zurerst zur Welt. Anfangs bestand auch noch ein gewisses Interesse, aber das war mit dem Zeitpunkt Geschichte, als sie selbst Kinder bekamen. Da kamen dann Sprüche, dass ihre Kinder seit dem letzten Besuch auch dieZunge rausstrecken, und überhaupt finden sie, dass mein Sohn in der Gesellschaft nicht integrierbar sei… Somit meide ich den Kontakt und gut ist. Zuwendung bekommen wir nur von Nichtverwandten.

  • Heidrun Fischer

    Ich muss weinen und gleichzeitig lachen. Eine Geschichte ….nein , aus dem Leben …schön zu lesen und zu erleben , dass es einfühlsame Menschen gibt.

  • Nadja

    Hallo
    Ich Finde es Traurig und doch eine sehr Schöne Geschichte.. Denke dabei an mein kleiner Sohn der jetzt 8 Jahre Alt wird. Er ist immer noch wie ein 5 Jähriges Kind er Liebt alles was mit Lichter zutun hat,Straßenlichter ist in Moment seine kleine Welt :-) Merke wie die Leute immer in anstarren und mit einen Blick der Heißt ist dieses Kind nicht schlau. Aber ich Denke wenn die wüssten was man bei Autisten alles Lernen kann. Die Kleinigkeit was für sie zählt ist Wunderbar

  • Christine Zimmermann

    Eine sehr schöne Geschichte, die traurig beginnt, aber doch schön endet. Ich kenne solches Verhalten von Kindern und auch Erwachsenen gegenüber meiner ( heute erwachsenen ) Tochter. Sie war immer Zielscheibe von Spott und Hänselein, wurde richtig gemobbt und ich hatte oft sehr große Angst um sie, als sie in der Schule war. Wir wussten nichts von ihrem Autismus, die Dioagnose Aspergersyndrom bekam sie erst mit 21 Jahren. Sie hatte in ihrer Kindheit drei Freundinnen, die sie immer so nahmen wie sie ist und diese Freundschaften bestehen heute noch. Und meine Tochter hat bewiesen, dass sie alles andere als dumm ist. Sie hat Heilerzieher gelernt, arbeitet heute als Erzieherin in einer Kita und hat seit ein paar Monaten eine eigene Wohnung in ihrer Traumstadt. Sie hat sehr gekämpft , um ihre Träume zu verwirklichen und sie hat es geschafft. Darauf bin ich stolz und sie kann es erst recht sein. Dieses Sand durch die Hand rieseln lassen hat sie auch als Kleinkind gemacht.

  • sunny

    mich berührt diese Geschichte ebenfalls sehr….ich bin selbst spätdiagnostizierte Autistin und Mutter von insgesamt 4 Kinder – drei davon mit Autismus.

    Immer wenn ein Kind (sei es mein eigenes oder ein fremdes) so „versunken“ bzw. eins mit sich und der Umwelt ist – Sand durch die Finger rieseln lassen, Käfer beobachten, glitzerne Steine in die Sonne halten etc., dann teile ich dieses Interesse. Es ist schön sich auf dieser ruhigen, beobachtenden Ebene zu begegnen. Nicht viel zu sprechen, sondern vielmehr zu sehen und zu fühlen. Schön, wenn es in unserer schnellebigen Zeit noch gelingt so innezuhalten, ob mit oder ohne Autismus. Die Schönheit in dem kleinen Augenblick bemerken und teilen – sich gemeinsam daran erfreuen, die Welt des Anderen erleben und ein Stück weit auch annehmen, das ist für mich „gelebte Inklusion“ – nicht hastig, ängstlich, peinlich berührt wegsehen, schnell weglaufen und verletzende Kommentare abgeben, sich dieser Schnellebig- und Obflächlichkeit hingeben, denn dann wird man gelebt und (er-)lebt nicht die wirklich wichtigen Dinge im Leben – nämlich in jedem kleinen, wunderschönen Augenblick zufrieden und glücklich zu sein.

  • Bea

    Ja, damit haben wir bestimmt alle zu tun. Würde es zZ fast als meinen mütterlichen „Hauptjob“ sehen, meiner fast 13jährigen Asperger-Tochter zu erklären, warum sich Menschen manchmal so benehmen, wie sie es tun. Was einen „Freund“ ausmacht und dass der/die zB auch mal seinen/ihren Freiraum braucht … Dauerthema.

    Und dabei ihr Selbstwertgefühl zu stärken. In kleinen Schritten, stetig. Denn das bekommt in solchen Situationen ordentlich Risse.

    Wir bleiben dran … :)

  • Derartige Geschichten sind vermutlich vielen Eltern (leider) wohlbekannt. Es ist schon eine Weile her, aber manche Wunden heilen nur langsam: Ein kleines Mädchen, welches neu im Kindergarten war, wollte im Vorraum freudig auf meinen autistischen Sohn zulaufen, wurde aber von seiner Mutter energisch zurückgehalten. Obwohl diese Mutter sich bemühte zu flüstern, hörte ich, wie sie zu ihrer Tochter sagte: „Geh nicht zu dem Jungen spielen, der ist dumm im Kopf. Und wenn du mit ihm spielst, dann wirst du auch so dumm.“ Diese zufällig aufgeschnappte Äußerung versetzte mir einen tiefen Stich ins Herz. Ich war es leid, dass mein Sohn als dumm, ungezogen oder zurückgeblieben bezeichnet wurde. Einige Kinder aus Benjamins Gruppe hänselten ihn, indem sie ihn als Baby beschimpften oder sich über seine rudimentäre Sprache lustig machten. Benjamin schien davon nichts mitzubekommen und ich wusste nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein sollte … Dies war ein Integrationskindergarten!

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