Kolumne: Warum Mädchen und Frauen immer noch oft als Autistinnen übersehen werden

Ellas Blog Leben mit Autismus MädchenDas Thema Autismus bei Mädchen und Frauen wird immer wieder angefragt. Daher die heutige Kolumne zu diesem wichtigen Thema von Birke, die als Autistin genau weiß, wovon sie spricht bzw. schreibt.

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Kolumne von Birke Opitz-Kittel:

Kürzlich sah ich eine Aufzeichnung eines Vortrages von Tony Attwood, der mich gleichzeitig sehr berührt und auch schockiert zurückgelassen hat.

Es ging um Frauen im autistischen Spektrum, genauer um Asperger Autistinnen,  zu denen ich mich auch zähle. Er schilderte die Symptome bis ins kleinste Detail, so dass ich mich sowohl enttarnt, also auch verstanden fühlte. Er hatte die richtigen Worte gefunden.

Ein entscheidendes Merkmal ist das „pretend to be normal“, welches ich schon mein ganzes Leben lang praktiziere und was viele von uns autistischen Frauen von den meisten autistischen Männern unterscheidet. Sozusagen eine weitere Gruppe von Autisten, die sich von den Extrovertierten, die gerne korrigieren, und den Introvertierten, die in Bibliotheken zu finden und sich selbst genug sind, unterscheiden.
Wir beobachten das Verhalten anderer Menschen und kopieren und imitieren es. Fehler in unserem Sozialverhalten werden zwar auch bemerkt, aber da wir uns oftmals Ellas Blog Leben mit Autismus Maske Asperger Frauenentschuldigen, werden sie schnell vergessen. Einen Fehler, den ich beispielsweise einmal gemacht und bemerkt habe, mache ich nicht nochmal und so wird im Laufe der Zeit die Maske immer perfekter.

Das Tragische dabei: man verliert sich selbst. Man ist so damit beschäftigt, sich anzupassen, dass keine Kraft für etwas anderes bleibt und was noch schlimmer ist: man glaubt, dass das eigene Ich nicht akzeptiert wird, wenn man sich so geben würde, wie man wirklich ist. Es ist ein Zwiespalt: entweder man passt sich an und bekommt damit eine gewisse Wertschätzung – oder man macht es nicht und wird ausgegrenzt.

Das alles kannte ich schon, leider nur zu gut. Mein Unbehagen beim Ansehen des Vortrages war nur, dass ich mich analysiert und enttarnt fühlte. Es hat sich für mich unheimlich angefühlt, so sehr „erklärt“ zu werden.

Was mich aber tatsächlich richtig schockiert und entrüstet hat, ist etwas anderes: der Vortrag war eine Aufzeichnung von 2015 und sicherlich kein Geheimnis. Warum – um Himmels Willen – scheinen aber viele deutsche Ärzte darüber nicht Bescheid zu wissen?
Ich habe einige verzweifelte Anfragen von Frauen erhalten, die mir schilderten, wie es ihnen hier in Deutschland im Diagnoseverfahren ergangen ist und leider habe auch ich einige negative Erfahrungen dazu beizusteuern. Selbst bei meinem Sohn, der eindeutig Autist ist, habe ich noch solche Sätze gehört wie: „Aber er kann doch sprechen, wie kann er da Autist sein?“, oder „Er lernt doch dazu, Autisten können das nicht!“ und der Klassiker: „Er kann mich doch ansehen, da kann er unmöglich Autist sein.“
Eigentlich könnte ich diese Liste noch seitenweise fortführen. Vor diesem Hintergrund ist es fast unmöglich zu erwarten, dass ein Arzt eine gut angepasste Frau als Autistin erkennt.

Noch immer wird der männliche autistische Maßstab angelegt – und viele autistische Frauen fallen durchs Raster.
Das wäre vielleicht nicht so tragisch, wenn die Folgen nicht so dramatisch wären, denn diese Maske kann man nicht für immer tragen. Entweder man zieht sich verstärkt aus der Gesellschaft zurück, weil die Kraft für mehr nicht ausreicht, was eine Isolation zur Folge hat, oder man wird durch Depressionen und andere Komorbiditäten gezwungen, außen vor zu bleiben und möglicherweise sogar daran zu Grunde zu gehen. Ganz deutlich: die Suizidrate unter Autisten ist höher als unter neurotypischen Menschen.

Nun habe ich glücklicherweise die Diagnose erhalten, wenn auch erst mit 37 Jahren und nach etlichen Fehldiagnosen, aber es gibt einige, hochintelligente, gut maskierte Autistinnen, die sie nicht erhalten und sie trotzdem brauchen, weil sie Hilfe benötigen. Noch immer ist für viele schwer zu glauben, dass man einerseits auf verschiedenen Gebieten Höchstleistungen vollbringen, aber gleichzeitig beispielsweise seinen Haushalt nicht in Ordnung halten oder sich nicht organisieren kann.

Ellas Blog Leben mit Autismus Frau auf BankAußerdem: mit der Diagnose kann man nach und nach beginnen, zu sich selbst zu stehen und sich nicht ständig als „fehlerhaft“ zu fühlen.
Es ist eine Erklärung und eine Erleichterung, endlich zu wissen, weshalb man so ist wie man ist. Es ist KEINE Entschuldigung für Fehlverhalten, sondern eine Entlastung, so sein zu dürfen, wie man wirklich ist. Seine Stärken zeigen zu dürfen und gleichzeitig offen sagen zu dürfen, dass man in bestimmten Bereichen Hilfe benötigt. Es ist dann nicht mehr nötig, sich von Event zu Event zu schleppen, um dann anschließend still und heimlich in der Wohnung zusammenzubrechen.

Vielen autistischen Frauen ist nicht daran gelegen, negativ aufzufallen und das werden sie auch mit der Diagnose nicht tun wollen. Es ist viel zu sehr „in uns drin“, sich angepasst zu zeigen. Wir haben überlebt, weil wir das getan haben.

Sollte noch jemand Zweifel an meinen Ausführungen haben, so verlinke ich die Aufzeichnung von Tony Attwood.

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Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

Birkes Facebookseite

 

3 comments

  • Kristine

    Die ganz genaue Wörter, wie Hammer auf Nagel! Alle Gefühle, Verzweiflung unakzeptiert, ausgegrenzt, nicht dazugehören usw. Unwissenheit – was mache ich falsch, was stimmt nicht mit mir, mehr Arbeit an sich selbst, um sich „zu verbessern „, alles tun, damit niemand merkt man, dass ich ein „Freak“ bin…Und nach Jahren harter Arbeit fast niemand sieht ja auch etwas, aber ich fühle mich gar nicht glücklicher, ganz im Gegenteil. Vielen Dank, liebe Birke, dass Du für Ellas Blog schreibst und viele Themen rund ums Thema Autismus aufklärst!

  • Nathalie

    Danke für deinen Bloqbeitrag und den Link zu dem Vortrag von Tony Attwood. Mich verunsicherte in letzter Zeit immer mehr die Beschreibungen des Asperger-Syndroms und auch online-Tests, da so gut wie nichts auf Mädchen/Frauen ausgerichtet ist. Ich betreibe seit früher Kindheit das Imitieren von Anderen um möglichst wie diese zu sein. Allerdings hielte ich das bis jetzt für ein Ausschlusskriterium, da es heißt Autistische Menschen können keine Rollenspiele und Imaginationen.

  • Sandra

    Danke für diesen Beitrag, unsere jetzt 11jährige Asperger Tochter ist auch bereits Meister-Schauspielerin…die Maske fällt eigentlich nur Zuhause. Und gerade da liegt das Problem, überall bekommen wir nur Unverständnis “ sie ist doch völlig normal“, „man merkt garnichts“ bis zu „ihr bildet euch das alles ein“. Nur wirklich eng Vertraute kennen sie wirklich.
    Wir versuchen alles um sie in Sachen Selbstwahrnehmung, eigene Bedürfnisse zeigen und leben, sich nicht anpsassen auch wenn Andere „komisch“ reagieren zu unterstützen und zu fördern.
    Leider gibt es gerade in dieser Hinsicht wenig Therapie- und Hilfsangebote.

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