Kolumne: „Blickverhalten – ich schau dir in die Augen, Kleines….nicht!“

Kolumne von Birke Opitz-Kittel:

Der Anlass über das Thema Blickverhalten bei Autisten zu schreiben, ist das Austauschtreffen in München am Max-Planck-Institut von letzter Woche.
Blickkontakt Ellas Blog Leben mit AutismusDort wird das Blickverhalten beispielsweise anhand der Eye-Tracking Methode untersucht und welche Überraschung 😉, Autisten haben ein auffälliges Blickverhalten.

Ich schreibe deshalb „auffällig“, weil nicht jeder Autist unfähig ist, in die Augen des Gegenüber zu sehen und nicht selten geschieht genau aus diesem Grund die Fehleinschätzung: „Du kannst doch gar kein Autist sein“.

Bei dem Treffen waren nach dem etwa 10-minütigem Vortrag über das Blickverhalten weitere 10 Minuten zum Austausch vorgesehen. Für mich keine Möglichkeit, meine Meinung dazu vorzutragen, da ich einerseits Zeit zum Verarbeiten des Gesehenen und Gehörten brauche und außerdem: Wie hätte ich in 10 Minuten alles dazu sagen können, was ich gerne sagen würde?
Außerdem braucht auch das Gegenüber Zeit, um über meine Aussagen nachzudenken und eine schnell gegebene Antwort hätte mir nicht ausgereicht.
Des Weiteren waren da noch viele andere Teilnehmer, die sich auch flugs zu Wort meldeten. Die Fragen und Antworten dazu waren für mich keine Neuigkeiten:

– Autisten sehen eher auf die Lippen/Mund als in die Augen
– Autisten müssen erklärt bekommen, weshalb es sinnvoll ist, in die Augen zu sehen
– Blickkontakt hat einen positiven Effekt auf das Gegenüber
– Blickkontakt kostet Kraft
– Augenkontakt ist ein Wort, das bei Autisten einen Gruseleffekt hervorruft: Auge an Auge…verstanden 😉 ?

Wahrscheinlich habe ich noch etwas vergessen, aber das Wesentliche wurde für mich nicht angesprochen.

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Blickkontakt Ellas Blog Leben mit AutismusNun muss ich von meinen eigenen Erfahrungen berichten, um zu erklären, wie ich zu meinen Schlussfolgerungen komme (als Laie, als Autistin und als Forscherin in eigener Sache):
Schon als Kind habe ich immer sehr gerne und viel gelesen – das war meine Art, in eine Welt zu flüchten, die nicht so unbegreiflich wie die reale Welt ist. Unbewusst habe ich auf diese Weise sehr viele Informationen über das Verhalten von Menschen abgespeichert, denn in Büchern wird in der Regel genauer beschrieben, was ein Mensch denkt und fühlt und auch das Verhalten wird beschrieben.
Konkret, es gibt solche Sätze wie: „Prüfend sah er sie an.“ Schon damals habe ich mir viele Gedanken gemacht und was ich nicht verstand – wie dieses prüfen – habe ich versucht, mir zu erschließen.

Auf die Idee, dass etwas mit meinem Blickverhalten nicht stimmt, kam ich, als ich ein Gespräch über mich mitbekam, welches in etwa so verlief: „Sie ist total schüchtern, sie kann mich nicht einmal ansehen…!“ Das hatte mich erst verwirrt, weil ich den Zusammenhang zwischen schüchtern und Blickverhalten erstmal nicht begriff und dann ärgerte es mich, weil falsche Schlüsse gezogen worden waren.
Also begann ich darauf zu achten, wann ich wen ansah. Ich bemerkte, dass sich das Verhalten meiner Mitmenschen veränderte – ich schien selbstbewusster auf sie zu wirken.

Andere Menschen anzusehen ist für mich nicht immer angenehm und es ist richtig, wenn gesagt wird, dass es Kraft kostet. Trotzdem hat es mir etwas gegeben, denn ich habe so das Gefühl, dass man damit die Umwelt ein kleines Stück steuern kann.

Jetzt aber: was sah ich, wenn ich andere Menschen ansah? Konnte ich irgendetwas deuten? Nun ist es ja nicht so, dass ein Autist nichts dazulernen kann. Ich persönlich beobachte sehr gerne und Filme anzusehen und dadurch das Verhalten anderer Menschen zu studieren, ist ein Spezialinteresse von mir und das führte ganz selbstverständlich zu weiteren Überlegungen und zu einer vermutlich gewagten These:

Blickkontakt Ellas Blog Leben mit AutismusNeurotypische Menschen überschätzen sich grandios in ihrem Glauben darin, wie gut sie ihre Mitmenschen einschätzen können!

Besonders zwei Punkte haben mich auf diese Ansicht gebracht und zwar:

1. Weshalb gibt es so viele Kriege und Streitereien und Missverständnisse, wenn man das Gegenüber doch so gut versteht?

2. In Filmen werden Gefühle und Weiteres perfekt vorgespielt – weshalb sollte ich davon ausgehen, dass es nicht noch mehr Schauspieler unter uns Menschen gibt (ich nehme mich davon nicht aus)?

Diese Erkenntnis hat mich wiederum frustriert, denn auch aus Erfahrung heraus kann ich sagen, dass ein Mensch einen ansehen und freundliche Worte sprechen kann – um dann aber ganz genau das Gegenteil zu tun.

Meine Schlussfolgerung also: ich setze mein Können in Bezug auf Blickverhalten ein, um mein neurotypisches Umfeld positiv einzustimmen – was mich aber viel Kraft kostet und zu einer weiteren Frage führt:

Weshalb werde ich nicht so angenommen, wie ich bin? Weshalb muss ich mich anstrengen, um gemocht zu werden – reicht mein Menschsein nicht?
Weshalb klärt man nicht einfach alle Menschen darüber auf, dass mangelnder Blickkontakt nicht etwas Negatives bedeuten muss?
Weshalb ziehen wir Menschen ständig falsche Schlüsse aus dem Verhalten anderer Menschen und fragen zu wenig nach?

Außerdem: für mich hat weder das Blickverhalten noch Gestik und Mimik eine Bedeutung – das kann alles nur geschauspielert sein. Ich beurteile Menschen nach dem, was sie tun und damit komme ich zu meiner letzten Frage:

Hat es vielleicht einen Sinn, weshalb Autisten so wenig Mimik, Gestik und ein auffälliges Blickverhalten zeigen? Vielleicht sind sie es, die dadurch nur auf das Wesentliche und Wichtige achten, nämlich auf die Taten eines Menschen, die das zeigen, was er wirklich ist.

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Die Kolumne für „Ellas Blog“ schreibt:

BirkeBirke Opitz-Kittel
Studentin Bachelor of Laws
in Ausbildung zur Psychologischen Beraterin
ehrenamtlich im Vorstand von autismus Deutschland e.V.

ehrenamtlich im Vorstand von autismus Mittelfranken e.V.
Mutter von fünf Kindern, ein Asperger-Autist
selbst Asperger-Autistin

Birkes Facebookseite

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3 comments

  • Cornelia

    Danke für diese Darstellung.
    Mir geht es in vielen Punkten sehr ähnlich.
    Mir wurde gesagt, ich wäre schüchtern, weil ich wieder weg schaue. Ich hielt mich nicht für schüchtern und fühlte mich unverstanden. Ich fand das richtig schräg, dass die Idee im Kopf des anderen für wahrer gehalten wurde, als meine Aussage.
    Das begegnete mir auch in anderer Form: mir wurde oft unterstellt, ich würde mir so tun als ob. Vermutlich lässt sich das mit der fehlenden/ anderen Mimik erklären. Ich habe jedenfalls nie verstanden, warum ich für unaufrichtig gehalten wurde. Ich log nicht absichtlich.
    Im Zuge einer Erkrankung mit Depression fragte ich mich, wie meine Mitmenschen mich wohl wahrnehmen und suchte nach Möglichkeiten, das für mich herauszufinden. Mir wurde dann bewusst, dass ich Menschen anschauen müsste, um zu sehen, wie sie auf mich reagieren. Da veränderte sich etwas. Ich lernte, dass Aufen sprechen können.
    Inzwischen mache ich eine therapeutische Ausbildung, da ist es wichtig, Menschen und deren Reaktionen zu beobachten.
    Und ich glaube, ich habe einen Vorteil gegenüber NT Therapeuten, ich habe den Eindruck , ich bin besser darin, was ich wahrnehme von meiner Bewertung zu trennen.
    Mein Eindruck, viele NT können das nur ganz schwer trennen.
    Deswegen entstehen so viele Mißverständnisse.

  • Ingrid Hiller

    Viele Erzieher und Therapeuten erwarten von Autisten, dass sie ihnen beim Begrüßen in die Augen sehen. Das gehört zur Höflichkeit. So wird es von NT vermittelt.
    Von Querschnittsgelähmten wird ja auch nicht verlangt, dass sie beim Begrüßen aufstehen, weil es ja zur Höflichkeit gehört. Der Rollstuhl ist sichtbar, jeder weiß dann er kann nicht laufen.
    Bei Autisten ist es nicht sichtbar. Obwohl viele Betreuer, Therapeuten und Lehrer das Wissen, dass es Autisten schwerfällt in die Augen zu sehen wird es immer wieder eingefordert.😩

  • Isabella

    Du sprichst mir aus der Seele und empfinde es genauso, wie du es geschrieben hast.
    Leider werden autisten durch einiges missverstanden

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