„Kann er sich nicht mal überwinden?“ – „Nein, kann er nicht. Und muss er auch nicht.“

Brücke
Quelle: pixabay, User MabelAmber

Bestimmt kennt Ihr diese Situationen auch, in denen andere von außen in die Erziehung reinreden, ihre ungebetenen Ratschläge verteilen und dann zum Beispiel äußern: „Das sollte er jetzt aber mal versuchen.“ Oder „Kann er sich nicht mal überwinden und seine Wohlfühlzone verlassen?“ Oder „Ich finde es schade, dass er dies und das nicht macht. Es würde ihm bestimmt Freude machen, wenn er sich überwindet.“
Wirklich?
Wer bestimmt das?
Wessen Maßstäbe sind das?

Natürlich finde ich es auch schade, dass manches einfach nicht geht. Aber nur weil ich das schade finde, muss ich meinem autistischen Kind nicht meine Sicht von Vergnügen, Erfüllung und Grenzen überwinden aufdrücken.
Und auch andere Menschen sollen das endlich lassen.

Viele Eltern, die ich mittlerweile kennengelernt habe, sehen das ganz genauso und kämpfen ständig dagegen an, dass Außenstehende ihren Kindern Aktivitäten oder das Ausweiten von Grenzen diktieren wollen, die diese aber nicht nur nicht wollen, sondern nicht verkraften können.
Es geht nicht nur darum, dass dazu keine Lust vorhanden wäre, sondern es geht darum, dass manches schlicht nicht geht, weil die Reizüberflutung zu groß wäre und weil der Preis dafür einfach zu hoch ist.
Denn – klar – man könnte manche Unternehmung einfach mal durchziehen, Geschrei, Getrampel, Ohrenschlagen und dergleichen in der Hoffnung ignorieren, dass er sich schon irgendwann ausgetobt und beruhigt haben wird.
Aber dass das ruhiger werden mit Resignation und Erschöpfung zu tun hat und stunden-, tage-, wochenlange Auswirkungen nach sich zieht, das kann sich kein Außenstehender vorstellen. Und dass ein solch ignorantes Verhalten Vertrauen zerstört, das behutsam aufgebaut wurde, das verstehen auch viele nicht.

„Ach, es wird so schlimm schon nicht sein.“
„Sieh doch nicht so schwarz, sowas habe ich noch nie erlebt.“
Ja – genau – weil viele nur einzelne Lebensbereiche sehen und nicht miterleben, wie sich die Verzweiflung und Erschöpfung auf weitere Bereiche überträgt, wie lange es dauert, bis wieder ein Level erreicht ist, auf dem Kind, Eltern und die gesamte Familie einen guten Alltag leben können.

„Manches muss man einfach mal ausprobieren“, höre ich.
Nein – muss man nicht – ich muss auch nicht alles mal ausprobiert haben. Und auch mein autistischer Sohn nicht.
Das habe ich zu respektieren und das haben auch Außenstehende zu respektieren!
Das zu äußern, macht Eltern nicht zu überfürsorglichen Helikoptereltern, sondern zeigt, dass sie verantwortlich handeln, aus Fehlern lernen und die Bedürfnisse ihrer Kinder ernst nehmen.

Ich wünsche mir, dass das erkannt und respektiert wird und nicht immer wieder nichtautistische Maßstäbe an mein Kind und viele andere Autisten herangetragen werden.
Häufig geht es darum, Brücken zu bauen und Alternativen anzubieten. Das sollte gerade in einer inklusiven Gesellschaft etwas sein, um das man nicht extra bitten muss.

Zum Weiterlesen:
Barrierefreiheit für Autistinnen und Autisten


17 comments

  • Jasmin

    Du sprichst mir aus der Seele. Ständig er muss er sollte er kann doch nicht ständig…. .
    Warum kommt das nicht an bei anderen dass es nichts mit null bock zu tun hat. Es geht um das Befinden.
    Ein Mensch der Höhenangst hat zwingt man ja auch nicht in die Penthouse Wohnung zu ziehen um die Aussicht zu genießen.
    Warum wird das ständig von Autisten verlangt oder erzwungen. Oder sie werden abgestempelt als Psychofall.
    Ich finde es sollte schleunigst eine Aufklärung in sämtlichen Bereichen statt finden und eine Akzeptanzhaltung gefordert werden.

    • Saskia

      Ich weiß jetzt nicht ob es hier hingehört, aber ich finde das es generell gerade Mode zu sein scheint, nicht auf die Bedürfnisse der anderen einzugehen.
      Wie in dem Beispiel, bei Höhenangst schicke ich ja auch keinen in die Höhe, zumindest wenn er nicht unbedingt möchte.
      Wenn jemand sagt, ich mag nicht oder ich kann nicht, sollte es doch einfach mal akzeptiert werden. Ohne Sprüche oder Belehrungen.
      Brücken können gebaut werden. Aber nur wenn es auch erwünscht ist.
      Und Mitleid braucht derjenige in dem Moment auch nicht.
      Jeder hat seine eigenen Interessen und sein eigens Tempo. Und das ist gut so!

  • Bianka

    Ich stimme euch vollkommen zu Silke und Jasmin … es ist wirklich höchste Zeit endlich richtig Aufzuklären !

    Aber – ein kleines Aber habe ich zu diesem grossen wichtigen Thema – nämlich die Diangnose ist Bedingung !

    Da es mir täglich im Umgang begegnet habe ich den Post geteilt und meinen Kommentar gleich dazu als Vorwort – welches ich hier einfach kopiere … bin gespannt welche Kommentare – von ‚quasi Unbeteiligten‘ die es ja garnicht geben kann – dazu geschrieben werden:

  • Stephanie

    Hallo Ihr Lieben, ich persönlich finde solche Aussagen von Sonderpädagogen besonders schön. Wir Ecken regelmäßig bei Lehrkräften und Schulleitung an, weil auch mein Sohn nicht mal eben … aber müsste doch usw. Ich bin ganz bei Dir Silke, vorallem, weil ich durch meinen Job als Inklusionsassistent auch sehe wie es besser geht. Ich wünsche Euch allen weiterhin viel Kraft Eure Konder in ihrem
    sein zu unterstützen und zu Stärke ! LG Stephy

  • Tina

    Danke für deine wieder mal sehr sehr wahren und weisen Worte!

  • Tanja

    Danke für diesen Beitrag, liebe Silke!
    Ich werde ihn mir ausdrucken und gewissen Leuten in die Hand drücken.

    Durfte mir auch schon mal sagen lassen, von einer übereifrigen Schulbegleitung, ich würde der Weiterentwicklung meiner Tochter im Weg stehen.
    Weil man muß Sachen halt einfach ausprobieren.
    Es interessiert nicht, daß wir Eltern wissen, was unsere Tochter ausprobieren kann, wozu ihre Energie ausreicht, und was man besser bleiben lässt. Was man vielleicht erst in einem, in zwei Jahren ausprobiert, weil das Kind dann in gewissen Bereichen „gereift“ ist. Was jetzt einfach noch nicht geht.

    Zitat: „Aber sie müssen ihrem Kind einfach mehr zutrauen.“
    Es hat nichts mit „nicht zutrauen zu tun, wenn ich weiß, wieviel mein Kind kompensiert und sich nichts anmerken lässt.“

    Und, Zitat ehemalige Schulbegleitung: „Manchmal muß man halt in der Schule etwas ausprobieren, da kann man nicht immer darauf Rücksicht nehmen, was dann daheim ist.“
    Weil: In der Schule ist doch immer alles bestens.
    -> Autist kompensiert und unterdrückt. Bricht daheim zusammen. Bekommen aber nur wir Eltern mit.

    Sogar im Josefinum Augsburg war die Psychologin der Meinung: Unsere Töchter sind normal begabt, daher können und müssen sie lernen, den Schulweg Schritt für Schritt alleine zu meistern. … Müssen. … Wir Eltern stünden der Weiterentwicklung unserer Töchter im Weg. …
    Man wird nicht ernst genommen.
    Weder die Kinder, noch die Eltern.

    • Mimi

      Hallo Tanja, ich bin auch in Augsburg und habe die gleichen Probleme. Mein Sohn kompensiert super und die Lehrerin nimmt die Diagnose als sehr weit hergeholt, weil er ja soooo beliebt ist. Und warum lass ich mein Kind bei Durchfall zu Hause, er solle sich der Prüfungsangst stellen. Vielleicht können wir uns austauschen.

    • Séverine Volkmann

      Hallo an Alle..
      Es tut sooo gut zu lesen, dass es Eltern gibt die für das selbe kämpfen..nämlich für ihre wundervollen Kinder.
      Gerade heute erst hatte ich wieder 2 Gespräche in der Schule… unser ganzes Dilemma mag ich hier gar nicht runter rasseln..ihr kennt es sicher… unsere Tochter ist nun seid einem Jahr auf der Sonderschule, weil das System mit ihr nicht klar kommt..so viel zum Thema Inklusion..Inklusion funktioniert in deren Augen nur, wenn man es so macht wie sie es für richtig halten. Wir haben Sprüche gehört wie: sie sind ja erst ganz am Anfang ( Diagnose mit 12), so autistisch ist sie ja gar nicht, sie muss dies und sie muss das, sie ruht sich auf ihrer Diagnose aus…

      Hallo ihr NT’s da draußen…Autismus ist angeboren..hat schon mal einem von Euch in den Sinn, dass wir als Eltern intuitiv sehr vieles richtig gemacht haben? Nämlich an der Seite unseres Kindes uns durch geboxt, sie unterstützt und nicht in eine Form gepresst…
      Der erste Spruch der mir nach der Diagnose einfiel: mein Kind ist autistisch..was kann deins?

      Wir lieben Sie mit ihrer Besonderheit..ja es ist oft anstrengend aber die Bereicherung macht es allemal wett…

  • Sonja

    Danke, ich erlebe das bei meiner Tochter immer wieder und sie hat keinen Autismus sondern ist nur sehr eigen in ihren Denk- und Handlungsstrukturen. Ich finde sie wunderbar so wie sie ist mit ihren Eigenheiten. Aber ich höre genau die gleichen Dinge… ich bekomme dann immer gesagt das ich als Pädagogin doch wissen müsste das mein Kind ein bißchen zu seinem Glück gezwungen werden müsste. Aber dieser Satz impliziert das Scheitern… das Unglücklich sein… und ich weiß genau was du meinst… ich ziehe den Hut vor Euch mutigen Müttern die ihrem Herzen folgen.. Danke für den tollen Text..

  • Andrea

    Wow, ich bin tief gerührt von deinem Text. Auch bei uns war und ist es noch immer so. Ständig bekommt
    man zu hören: „er muss…“ , „er soll endlich..“, „ihr seid die Eltern und müsst ihm sagen wo es langgeht“.
    Sogar die Therapeuten und Fachpsychologen meinen, wir müssen unseren Sohn zwingen (wie denn? mit Erpressung, PC-Verbot, Liebesentzug, ?) an bestimmten Dingen teilzunehmen (z.B. Jugend- und Sportgruppen, regelmäßige Aktivitäten, …) damit er sozial integriert wird. Oder man bekommt zu hören, dass es ihm bestimmt gut tun würde, wenn er in einer Wohngruppe mit anderen Jugendlichen wohnt, damit er selbstständiger wird. Unser Sohn (18) kann sich derzeit noch nicht vorstellen, von zuhause auszuziehen. Er wird seinen Weg gehen, davon bin ich überzeugt. Aber warum wird auf seine Bedürfnisse keine Rücksicht genommen? Traurig ist, dass selbst Menschen, die uns nahe stehen, glauben, dass man mit Zwang etwas erreichen kann. Ich fühle mich oft so unverstanden und bin wirklich sehr dankbar für diesen Blog.

  • Gisela

    Ich bin so froh deine Seite gefunden zu haben. Ich sehe hier , ich bin nicht allein. Ich habe so oft an mir und meinen Entscheidungen gezweifelt weil andere mir erzählen wollten was richtig ist .
    Bei Bekannten kann ich das noch mit Unwissenheit entschuldigen . Am schlimmsten sind aber die Fachkräfte die anscheinend denken durch ihre Ausbildung mein Kind zu kennen und zu wissen wo es was zu verbessern gibt. Und die lassen sich noch nicht mal erklären ja manche lassen mich noch nicht mal reden . Ich sag hier bewusst nicht die lassen mich nicht ausreden nein sie lassen mich wirklich noch nicht mal reden. Und manchmal krieg ich Bauchschmerzen wenn ich daran denke dass mein Kind einen großen Teil des Tages ihrem Wirken ausgesetzt ist. Und was schon ein falsch formuliertes Wort auslösen kann.
    Das schlimmste ist dass sie noch nicht mal sehen dass sie es sind die ihn unter Druck setzen mit Dingen die für andere kein Problem sind aber für mein Kind schon sondern denken der Druck käme von daheim wegen anderen Dingen bei denen vielleicht andere Eltern ihren Kindern Druck machen , wir als Eltern mit jahrelanger Erfahrung aber noch nicht mal auf die Idee kommen dass man deswegen Druck machen könnte. Bzw. Die alles versuchen um Druck raus zu nehmen.
    Mich macht das traurig, sehr traurig. Und ich bin froh hier Menschen gefunden zu haben denen es genauso oder ähnlich geht.
    Danke dass es euch gibt!

  • Rebecca

    Oh wie wahr, leider 😢.
    Wir kämpfen über 2 Jahre dafür, dass unser Sohn nicht mehr in die Regelschule gehen muss. Zum Glück haben wir einen Psychiater der dies genauso sieht, aber das Schulamt und die Sonderpädagogin wehren sich mit allen Mitteln ihm das Ruhen der Schulpflicht auszustellen.
    Wir lassen ihn seit 18 Monaten an der webindividualschule unterrichten,- auf unsere privaten kosten, da das Jugendamt solange nicht zählt, bis er das Ruhen von der Schulpflicht hat.
    Die Ämter und die Sonderpädagogin,- die auch die Autismusbeauftragte hier ist, wollen ihn zwingen in die Regelschule zu gehen.
    Er müsse das praktisch beweisen, dass es nicht geht 🙈😔.
    Das er nach zu großen Veränderungen, unbekanntem und neuem Stunden oder Tage krank ist, keine Energie mehr hat für anderes, interessiert keinen.
    Die Sonderpädagogin hat ihn mal gezwungen mit ihr zu reden, obwohl er nicht wollte. Danach war er eine Woche körperlich krank und danach noch Wochen innerlich wieder so verunsichert, dass wir erst wieder langsam sein Vertrauen aufbauen mussten.
    Sie meinte nur dazu, dass kann so garnicht sein, dann müsste er doch besser mal in eine Klinik und danach in eine Wohngruppe gehen, wenn sie nicht dafür sorgen können, dass er das lernt 😢.
    Was soll solch ein Verhalten?
    Wie soll man sich nur dagegen wehren?
    Wer hilft einem?
    Wenn wir nicht auch noch seit einem Jahr einen Anwalt bezahlen würden, wäre alles noch viel schlimmer. Aber auch dem sind die Hände sehr gebunden.
    Armes Deutschland

  • Anita

    „Manches muss man einfach mal ausprobieren“
    Ja das stimmt.
    Ein Mensch mit oder ohne Autismus macht es sein leben lang.
    Nur gibt es da einen ganz wichtigen und entscheidenden Punkt!!! Nur derjenige selbst darf darüber entscheiden ob er oder sie etwas ausprobieren möchte!!!
    Wer von uns möchte sich vorschreiben lassen wo seine Grenzen sind? Also ich nicht und das sagt mir mein gesunder Menschenverstand dass ich nicht dazu befugt bin es für einen Menschen zu entscheiden.
    Das steht mir als Mutter nicht zu und erst recht nicht irgendeinen Therapeuten oder Lehrer oder sonst jemanden.
    Jeder Mensch ob mit oder ohne Behinderung sollte das Recht haben sich seine Grenzen selbst zu setzen!
    Und wen ich schon selbst weiß eine Sache tut mir nicht gut oder ich habe Angst davor dann ist doch das die natürlichste Reaktion eben nicht in diese Situation zu geraten.
    Zumal es oft Situationen sind die ich überhaupt nicht brauche .
    Beispiel: mein Sohn ist frühkindlicher Autist.
    Er bekommt Panikattaken wenn wir ihm Urlaub eine Schloß oder Burgbesichtigung machen wollen.
    Seit dem wir das wissen ist das für uns selbstverständlich, dass wir ihm das nicht zumuten wollen.
    Warum auch ?
    Was würde es bringen?
    Ist das lebensnotwendig?
    Natürlich gibt es auch Situationen wo wir als Eltern über den Willen unseres Sohnes entscheiden.
    Beispielsweise wir stehen an einer Straße und es kommt ein Auto, unser Sohn will aber genau in dem Moment die Straße überqueren.
    Ist doch logisch dass wir das nicht zulassen und er unseren Willen einfach befolgen muss.
    Aber das ist doch was ganz anders.
    Darum mein Appell an alle Eltern: lass euch nichts aufzwingen, hört auf eures Herz.
    Das macht ihr intuitiv richtig denn kein Therapeut oder sonst jemand auf der Welt kennt eures Kind besser als ihr.
    Das kann man auch nicht studieren und das ist auch der Vorteil von uns gegenüber anderen die es vermeintlich besser wissen wollen als wir.
    Diese Tatsache sollte euch Mut machen eure Meinung zu vertreten denn wir die Eltern sind in der Beziehung die wahren Experten.
    Liebste Silke und auch ihr alle da draußen die wie ich auch immer für unsere Kinder das beste wollen und auch unsere Meinung uns sagen trauen, macht weiter so!!!

  • Bärbel

    Mhhh – der Artikel und die Kommentare machen mich sehr nachdenklich.
    Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Autisten schon lernen sollen/müssen/können ihre Grenzen zu erweitern, da es im späteren Leben (vor allem wenn wir Eltern dann nicht mehr als Unterstützung da sein können) sonst sehr schwierig werden kann.
    Es kommt auf das wie – wann – wieviel an.
    Meine persönliche Erfahrung mit meinen beiden Autisten (Sohn: Asperger, A. fast 18 Jahre und Tochter: Atypischer A. 22 Jahre) zeigt mir, dass dies im „sicheren“ Privatrahmen mit Einfühlungsvermögen und Respektieren der Individualität des Kindes\Jugendlichen gut geht. Vor allem wohl auch, weil beide wissen, dass sie den Zeitpunkt des Entwicklungsschritts bestimmen dürfen.
    Der Bereich Schule schaut da anders aus – hier wird die Entwicklung erzwungen und bleibt deshalb aus.

    Trotz aller Rücksicht auf die Bedürfnisse meiner Autisten war und ist es mir wichtig, dass auch die Wünsche und Bedürfnisse von mir, meinem Mann und unserer jüngsten Tochter nicht nur gesehen, sondern gelebt werden. Und da müssen meine Autisten auch kompromissbereit sein und an ihre Grenzen gehen. Es funktioniert nicht immer, aber immer öfter. Manche Dinge unternehmen wir getrennt, aber gemeinsame Ausflüge stehen hoch im Kurs.

    Die Aussagen zu „Wohngruppe, Selbständig werden etc.“ bekomme ich aktuell bei meinem Sohn zu hören. Die Ausbildung in einem BBW wird als das „non plus ultra“ für Autisten dargestellt, weil Sozialtraining, Therapie und Arzt/Psychologe (freie Arztwahl???). gleich dabei ist. Will er aber nicht! Er will zu Hause wohnen bleiben (vorerst) und seine gewohnten Strukturen samt Ärzten etc. behalten. Und das ist gut so! Vom sicheren Hafen aus kann er langsam das Lernen was er jetzt noch nicht kann. – oder eine Alternative dazu entwickeln. Warum muss z. B. ein Autist partout lernen in dem einzig verfügbaren überfüllten Bus zu fahren (Wohnort seeehhhr ländlich)??? Auf dem Land ist doch ein Führerschein sinnvoller.

  • Séverine Volkmann

    Hallo Bärbel,
    ICH reagiere z.B. mittlerweile einfach über, wenn ich höre..das muss sie lernen..fürs spätere Leben…
    Und ich war zuerst kurz versucht, deinen Beitrag nicht weiter zu lesen 😊
    Glücklicherweise habe ich ihn weiter gelesen. Natürlich weiß auch ich und wahrscheinlich wir alle, dass es Dinge/Situationen ect. gibt, die auch ein Autist lernen muss damit er Leben kann..es ist immer nur abzuwägen..so wie du es auch beschrieben hast, ob es Lebensnotwendig oder ein can have ist. Zu vielen Dingen die für NP’s normal sind, wichtig vielleicht um gesellschaftlich etablierter sein zu können, zukunftsorientiert agieren zu können, sind für Autisten deshalb vielleicht gar nicht notwendig weil er minimalistisch ist. Und, ebenso von dir beschrieben, gibt es viele Alternativen. Und das finde ich persönlich entscheidend. Es gibt bei mir deshal das Wort muss nicht mehr, weil meine Tochter bei diesem Wort schon fast den Meltdown erreicht…wir können..und wenn nicht, dann finden wir eine andere Lösung…

    • Manfred

      Ich finde es aus gut wenn das Kind in seiner gewohnten Umgebung bleibt.
      Familiäre Sicherheit ist wichtig.
      Mit der Zeit lernt man damit umzugehen.
      Das einzige was darunter leidet sind Freundschaften, denn die werden mit der Zeit immer weniger.
      Das Angebot unserer Förderschule war am Anfang sehr glaubhaft. Kleine Klassen, pädagogisches Personal, die gleich Klassenlehrerin 4 Jahre lang extra Lernraum im Klassenzimmer u.s.w……..

      Realität gewesen…
      Erst 8 Kinder in der Klasse.
      Dann 15 Kinder in der Klasse.
      Ständiger Lehrerwechsel, teils kamen Lehrer erst 8.20 obwohl schon 8.00 Schule wäre. Kaum Aufsichtspersonal (Kaffeemaschine War anscheinend wichtiger)
      Der extra Lernraum hatte keine Fenster und war mit allerlei Gerümpel zugestellt.
      In 2 Jahren 2x Klassenlehrerwechsel.
      Schülerklassen wahllos durcheinander gewürfelt.
      Einmal 1-2 dann 1-4
      Die Krönung war 2 Jahre Klassenlehrerin für unser Kind noch gehabt die unser Kind nie als Autist sah bzw. wahrgenommen hat und jetzt immer noch Autismusberatung beim Schulamt BFZ macht.
      So merkt mann das man sich im Kreis dreht.
      Bevor ich mein Kind noch einmal auf eine Förderschule gebe gehe ich lieber gegen das ganze System vor.
      Nach wechsel von Förder- auf Grundschule war es zwar nicht Perfekt aber als Eltern wurden wir besser war genommen und passte die Bedürfnisse an.

  • Kristina

    Mir fällt dazu ein, dass ich an der Förderschule auch oft gehört habe: so geht das nicht, er muss.. was sollte ich machen, eine neue Software einlegen? Tut mir leid, auch bei diesem Kind gab es zur Geburt keine Gebrauchsanweisung mit.

    Nur, wenn es SO nicht geht, wie kann es denn anders gehen? und wer arbeitet mit ihm daran? Denn seltsamerweise hat keiner daran gearbeitet, dass und wie es anders gehen kann, es wurde immer nur bis zum nächsten Knall gewartet, um das Kind wieder zwangszubeurlauben. Die damalige Klassenlehrerin hat mir ,die ich mir oft Gedanken zu Vorfällen gemacht habe und über mögliche Gründe, warum etwas passiert ist, sprechen wollte ,gesagt: “ das KANN sein, aber das wissen wir zu 100% ja nicht“
    Ähm, soll ich jetzt warten, bis es zu 100% passt? Das wird doch nie passieren.

    Nach dem Wechsel an eine Ersatzschule, wird viel mehr auf Bedürfnisse eingegangen, was ihm sehr gut tut.

    Aber auch im privaten Umfeld gibt es die Forderung: übt doch mal ,mit ihm die Toilette zu benutzen, hätte man doch schon zu Kigazeiten umsetzen müssen. Naja, ist aber irgendwie in der Entwicklung noch nicht dran, es geht vorwärts, aber im eigenen Tempo.
    und diese Floskel verstehen auch viele nicht

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