Julia über ihren autistischen Bruder: „Seine bedingungslose Liebe ist für mich etwas ganz Besonderes“

Julia (22) ist die große Schwester eines autistischen Bruders (14).
In einem sehr persönlichen Interview erzählt sie mir über ihr Zusammenleben.
Ihre Tipps für Eltern und andere Geschwisterkinder sind direkt aus dem Leben gegriffen.
Sie sagt: „Habt keine Angst vor echten Gefühlen.“

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Liebe Julia, Dein Bruder ist 8 Jahre jünger als Du und Autist. Er ist jetzt 14 Jahre alt. Wann bekam er seine Diagnose und wie wirkt sich der Autismus in seinem Leben aus?
Die Diagnose bekam er mit 11, also vor etwa drei bis vier Jahren. Da hatte er bereits die Diagnose ADHS. Zu dem Zeitpunkt der Diagnose hab ich schon nicht mehr zu Hause bei meiner Familie gewohnt. Aber vermutlich hat unter anderem der unentdeckte Autismus mit dazu geführt, dass ich ausgezogen bin.

Er hat viel Aufmerksamkeit von mir und auch unserer Mutter und unserem Stiefvater gefordert. Es herrschte zu Hause immer eine Spannung zwischen allen, weil niemand genau wusste warum er so ist wie er ist und es uns schwer fiel, damit umzugehen.
Er hatte sonst keinen Bezug zu anderen Kindern, schon gar nicht in seinem Alter. Deshalb hat er ständig zu Hause Beschäftigung gesucht. Das wiederum hat unsere Eltern so sehr gefordert, dass ich oft auf Vieles verzichten musste, wie spontanen Besuch von Freunden, Übernachtungsgäste am Wochenende oder ähnliches. Sie brauchten einfach ihre Ruhe.

Mein Bruder und ich haben uns auch eigentlich immer gut verstanden, außer wenn er seine „Anfälle“ und Ausbrüche hatte. Da hat er mich oft gebissen oder gekniffen bis ich blaue Flecken bekam. Ich war oft sein Ventil, wenn er einen Overload hatte. Damals konnten wir das nur noch nicht benennen.
Allgemein ist er sehr empfindlich was Geräusche angeht, große Menschenansammlungen erträgt er nur mit großer Mühe. Der Schulbesuch ist für ihn auch nicht immer einfach, da seine Klasse ihn nicht so akzeptieren kann, wie er ist. Auch die Lehrer bereiten uns leider immer wieder Bauchschmerzen.
Zum Glück hat er selbst aber gelernt, mit der Diagnose umzugehen. Diese kam kurz nach meinem Auszug: Asperger-Autismus. Das führte erstmal zu einer Erleichterung, weil sein Verhalten endlich einen Namen hatte und wir uns viele Dinge erklären konnten.

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Wo musstest Du im Alltag mit Deinem Bruder Rücksicht nehmen? Hast Du Dich in manchen Dingen eingeschränkt gefühlt?
Ja, ich musste oft Rücksicht nehmen. Wenn ich dann mal Freunde zu Besuch hatte, wollte er immer mit dabei sein. Er war sehr anhänglich, da ich eine seiner wenigen Bezugspersonen war/bin. Auch wenn keine Freunde bei uns waren, wollte er andauernd in mein Zimmer und mit mir spielen. Aus Verzweiflung hab ich mir schon ein Babygitter gewünscht, damit er zumindest klopfen muss, wenn er zu mir rein möchte.

Auch viele kleine Dinge im Alltag, die ich schon recht früh erledigen konnte, wie mal zum Supermarkt gehen oder den Müll in den Keller bringen wollte/konnte er nicht, sodass das oft an mir hängen blieb. Ich selbst hatte aber auch keine Lust, was dazu führte, dass unsere Mutter von uns beiden genervt war. Von ihm, weil er es einfach nicht gemacht hat, und von mir, weil ich es Stunden aufgeschoben und dann noch gemeckert hab – typisch Teenager halt.

Wenn er mal verabredet war, musste er immer hingebracht und abgeholt werden, nicht selten hab ich das für ihn gemacht. Er war irgendwie auf mich angewiesen. Das ist er auch heute noch, wenn auch deutlich seltener.

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Gab es schwierige Situationen mit Aggressionen und impulsiven Handlungen mit Deinem Bruder? Und wie bist Du als Schwester damit umgegangen?
Die gab es definitiv. Vermutlich wurde das auch durch sein ADHS noch verstärkt. Er hatte regelmäßig Overloads, die oft auch in Meltdowns endeten. Meist ließ er sie an mir aus, schrie mich an, kniff, biss, schlug oder trat nach mir.
Für mich kam das immer wie aus dem Nichts, weil es beim Spielen plötzlich passierte und ich keine Erklärung dafür sah. Anfangs war ich selbst noch relativ jung, ca. 13/14 Jahre alt. Oft schubste ich ihn weg, oder hielt ihn fest, damit er mich nicht weiter hauen konnte. In den meisten Fällen hab ich dann unserer Mutter Bescheid gesagt, dass er „mal wieder ausgetickt ist“ – und er bekam dann meist den Ärger. Im Nachhinein tut mir das natürlich leid, wir wussten es nicht besser.
Mittlerweile ist er aber ziemlich ruhig geworden, was die körperlichen Aggressionen angeht. Man muss ihn schon sehr provozieren, damit er einen überhaupt schubst. Nur verbal neigt er nach wie vor zu heftigen Aggressionen, wenn ihm alles zu viel wird oder seine Medikamente nicht mehr wirken.

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Gibt es Dinge, die Du positiv bewertest, weil Du sie nur mit einem autistischen Bruder so erleben konntest?
Da gibt es schon einige Beispiele. Viele davon sind nur kleine Momente, meistens Sätze oder Sprüche von ihm, die uns alle zum Lachen bringen.
Irgendwann vor zwei Jahren etwa hat unsere Mutter sich mal an heißem Wasser verbrannt. Nachmittags waren wir auf einem Spielplatz mit einer Wasserbahn – natürlich waren dort auch andere Kinder. Mama fragte ihn, ob er ihr etwas Wasser holen könne, damit sie ihre Hand kühlen kann. Er wollte natürlich nicht dorthin, schließlich waren da andere, fremde Kinder. Er fragte nur, wieso sie das nicht selbst tut – ihr täte ja schließlich nur die Hand weh und nicht die Füße. ;-)

Gerade seine direkte Art und sein ganz besonderer Humor sind unverwechselbar.
Aber auch seine bedingungslose Liebe ist für mich etwas ganz Besonderes. Viele meiner Freunde und Bekannte, die uns zusammen sehen, reflektieren mir oft, dass es wirkt, als hätten wir eine ganz besondere Bindung. Nicht wie normale Geschwister eben. Andere Jungs in seinem Alter würden sich vermutlich weigern, die Schwester vor anderen zu umarmen oder einen Kuss auf die Wange zu geben. Mein Bruder tut es oft schon so stürmisch, weil er sich freut mich zu sehen, dass alle um uns herum grinsen müssen, die das beobachten.

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Würdest Du sagen, dass das Leben mit einem autistischen Bruder auch Deine eigene Persönlichkeit geprägt hat?
Das will ich hoffen :-)
Ich hab oft über 10 Ecken gedacht, was wäre wenn und wieso und weshalb und am Ende hab ich mich meistens doch nicht getraut, etwas zu sagen oder zu tun. Ganz egal worum es ging.
Er wurde früher in der Schule gemobbt, auch heute wird er noch stark ausgegrenzt. Das tut mir vermutlich oft mehr weh als ihm, da ich einen ziemlich großen Beschützerinstinkt entwickelt hab. Durch diesen Instinkt und dem Bedürfnis, eine gute Schwester und ein gutes Vorbild für ihn sein zu wollen, bin ich viel selbstbewusster geworden, hab gelernt mich und mein Leben in den Griff zu bekommen und wirklich nur das zu tun, was ich wirklich möchte.
Wenn er etwas nicht tun wollte – dann hat er das eben auch nicht getan. Er hat sich nie nach anderen gerichtet. Früher als Kind war ich auch so, aber gerade in der Pubertät hat das stark nachgelassen. Aber nach meinem Auszug und der Auseinandersetzung mit ihm und seinem Autismus habe ich gelernt, für das einzustehen was ich bin, was er ist und alle, die das nicht akzeptieren – die haben in unserem oder meinem Leben nichts zu suchen.
Er macht mich zu einem stärkeren und besseren Ich. Allein schon, damit ich ihm zeigen kann, dass es schön ist, so zu sein, wie man ist.

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Hat sich die Tatsache, dass Du einen autistischen Bruder hast, auf Deine eigenen Freundschaften ausgewirkt? Wie gingen und gehen Deine Freundinnen und Freunde damit um?
Anfangs wollte ich nie Freunde mit nach Hause nehmen, da er als Kleinkind ständig bei uns sein wollte. Darauf hatte ich keine Lust. Vor allem nicht, wenn er wieder anfing durchzudrehen und alle zu drangsalieren. Es war mir irgendwie peinlich, eine kleine Nervensäge zu Hause sitzen zu haben, die sich nicht mal alleine beschäftigen kann, sondern ständig bei mir ist.
Seit ich nicht mehr täglich dort bin, hat sich das allerdings drastisch geändert, so wie mein Freundeskreis auch. Alle meine Freunde, die ihn kennengelernt haben, finden ihn gleichermaßen anstrengend wie auch super.
Wenn wir gemeinsam Dinge unternehmen, haben wir oft Bauchschmerzen  vor Lachen, auch wenn er gar nicht bewusst witzig ist. Genauso oft müssen wir aber auch die Augen verdrehen, wenn er anfängt zu quengeln.

Oft sind er und meine Mama diejenigen, die mir sagen können, ob jemand gut für mich ist oder nicht. Wenn er jemanden nicht mag, dann hat das durchaus einen berechtigten Grund. Zum Glück hat er meine Partnerin vom ersten Moment an vollkommen akzeptiert. Er hat ihr sogar den Auftrag gegeben, dass sie für immer mit mir zusammen bleiben muss. Vorrangig vermutlich, damit sie ihm bei den Chemiehausaufgaben helfen kann.
Aber dass er sich von ihr helfen lässt ist schon ein großes Vertrauens- und Zuneigungsbekenntnis von ihm.

Und am Ende ist er immer mein bester Freund, der immer zu mir hält, egal was passiert. Und ich versuche die beste Freundin für ihn zu sein.

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Was würdest Du Eltern raten, die mehrere Kinder haben, von denen eines autistisch ist? Was sollten sie beachten, damit die nicht-autistischen Geschwister nicht zu kurz kommen und sich möglichst alle wohlfühlen? Hast Du Tipps als Profi-Schwester?
Eines der wichtigsten Dinge, die ich Eltern mitgeben kann, ist, dass sie vor allem auch auf sich selbst achten.
Meine Mama war teilweise so überfordert mit der Situation, weil sie keine Zeit mehr für sich genutzt hat/nutzen konnte, dass ich oft das Gefühl hatte, ich sei schuld daran, wenn sie mal patzig zu mir ist, dabei war es die Gesamtsituation.

Ganz wichtig sind auch Gespräche. Immer wieder nachfragen, wie es den anderen Kindern geht, und was deren Wünsche sind. Obwohl Mama ihr Bestes gegeben hat, war mir das nie genug, vermutlich weil wir erst nach meinem Auszug angefangen haben, wirklich miteinander zu reden und aufeinander zuzugehen.

Auch Zeit für die anderen Kinder ohne das autistische Geschwisterkind ist wichtig. Eifersucht und das Gefühl, nur die zweite Geige zu spielen, war bei uns oft ein großes Thema.

Wenn Eltern auf sich selbst, ihre Gesundheit und vor allem die Psyche achten und darauf, dass sie ausgeglichen sind, ist es meiner Meinung nach weniger wahrscheinlich, dass sie ihre (teilweise) Überforderung an den Geschwistern auslassen. Und auch wenn die anderen Geschwister im Vergleich doch so selbständig sind – es sind immer noch Kinder, die sich über Hilfe freuen, auch wenn sie im ersten Moment meckern.

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Du bist bewusst von zuhause ausgezogen. Wie alt warst Du da, warum hast Du Dich dazu entschieden und ist Dir der Schritt schwer gefallen?
Als ich ausgezogen bin, war ich 19 Jahre alt. Ich selbst hab in meiner Kindheit und Jugend einiges erlebt, was nichts mit Autismus oder der Familie zu tun hatte, wodurch ich jahrelang in starken depressiven Episoden gefangen war. Ich hab auch schon etliche Therapien hinter mir.
Irgendwann war mir bewusst, dass ich mich nicht mehr weiter unterordnen will.  Keinem Autismus, keinem Bruder, keiner Mutter. Ich wollte mein eigener Chef sein. Meine Mutter war derselben Meinung, dass es für mich das Beste ist, wenn ich alleine wohne und alles für mich alleine entscheiden kann, unabhängig davon, was andere gerade wollen oder brauchen. Wann ich putze, wann ich koche, wann ich duschen gehe, wann Freunde zu Besuch sind oder bei mir übernachten.
Auf der einen Seite ist mir die Entscheidung sehr leicht gefallen, wenn ich darüber nachgedacht hab, was für eine Erleichterung das für mich und auch meine Mutter ist, wenn wir nicht mehr ständigen Konflikten ausgesetzt sind, die uns alle zusätzlich belastet haben. Auf der anderen Seite war ich ziemlich traurig, dass ich meine Familie nicht mehr täglich sehen konnte.
Einige Wochen nach dem Auszug fragte mich mein Bruder auf dem Weg ins Kino einmal, ob ich wegen ihm ausgezogen sei, er fühle sich so schuldig daran, dass ich jetzt weg bin und wann ich denn wieder nach Hause käme. Dadurch hab ich mich lange Zeit ziemlich schuldig gefühlt, weil er sich verlassen gefühlt hat ohne seine große Schwester. Das war natürliche eine große Veränderung für ihn, die er erst einmal verarbeiten musste.

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Haben Deine Eltern Dich dabei bestärkt und unterstützt?
Ja, das haben sie. Zu meinem leiblichen Vater hatte ich zu der Zeit keinen Kontakt, aber meine Mutter und mein Stiefvater haben mir sehr geholfen. Gemeinsam haben wir die Wohnung renoviert, fehlende Möbel beschafft und alles aufgebaut.
Viele Monate lang hat mein Stiefvater mir mehrmals im Monat Wasser in Kästen vorbei gebracht, damit ich nicht so viel tragen muss. Wenn ich krank war oder am Ende vom Monat kein Geld mehr hatte, ist Mama für mich einkaufen gegangen. Und in Momenten, in denen ich wieder mit meinen Depressionen zu kämpfen hatte, musste ich nur anrufen und sagen, dass ich nach Hause möchte, und konnte quasi „Urlaub bei der Familie machen“ – auch wenn das nur ein paar Straßen weg war.

Ich denke, der Umzug hat uns allen geholfen. Mittlerweile geht es mir sehr gut, ich bin die Depressionen los, wohne mit meiner Partnerin und unseren Katzen gemeinsam und treffe meine Familie regelmäßig. Mit Mama telefoniere ich auch mehrmals die Woche und versuche, sie und meinen Bruder so gut es geht zu unterstützen.
Gerade in diesem Jahr haben vor allem er und Mama einen harten Schicksalsschlag erlitten, da bei meinem Bruder im Frühjahr Epilepsie ausgebrochen ist und bis heute keine Ursachen erkennbar sind und auch die Medikamente nicht wirklich anschlagen. Ich hoffe, dass ich meiner Familie die Unterstützung, die ich erfahren hab, zurückgeben kann, so wie ich sie auch erhalten habe.
Und da ich weiß, dass Mama das hier lesen wird – Danke Mama. ♥

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Du bist Mitgründerin des Vereins „autismus – einfach anders e.V.“ in Oberhausen. Warum habt Ihr den Verein gegründet? Was ist Euch besonders wichtig?
Nach der Diagnose meines Bruders haben wir versucht eine Anlaufstelle in der Umgebung hier zu finden. Das aber war wochenlang vergeblich. Irgendwann ist Mama auf den Verein „Auticare e.V.“  gestoßen. Die Gründerin dieses Vereins und Autistin Sam Becker ist heute eine gute Freundin unserer Familie und auch in unserem neuen Verein Mitgründerin.
Durch die ehemalige Therapeutin meines Bruders haben wir das Team der „Hermes Anderswelt“ aus Bochum kennengelernt. Dazu gehört unter anderem auch die Integrationsfachkraft und Autismustherapeutin Birgit Klein, die als drittes Vorstandsmitglied unseres Vereins tätig ist. Gemeinsam haben wir die Idee unseres Vereins erschaffen.
Oft herrscht in sowieso schon raren Vereinen ein „Übereinander“ statt ein „Miteinander“. Es gibt Selbsthilfegruppen für Autisten und für Mütter von Autisten und Partner von Autisten usw. Selten jedoch haben wir Angebote gefunden, bei denen sich Menschen egal welcher Zugehörigkeit, ob selbst Autist, Mutter, Schwester, Bruder, Kind, Freund, Partner oder ähnliches gemeinsam treffen. Wir wollen Anlaufstelle für jeden sein, der etwas über Autismus wissen möchte, der Hilfe braucht bei Formalitäten wie Pflegegeld, Schwerbehindertenausweis, Nachteilsausgleich, Therapie, der sich vielleicht alleine fühlt und Gesellschaft braucht, der sich seinen Kummer vom Herzen reden möchte oder einfach nur bei einer Tasse Kaffee ein nettes Gespräch führen will. Wir möchten ein Miteinander schaffen, deshalb ist es uns auch wichtig, dass wir in unserem Vorstand immer mindestens einen Autisten vertreten haben.

Erst vor wenigen Tagen haben wir unseren Mietvertrag für eine Wohnung unterschrieben, die ab kommendem Frühjahr Treffpunkt unseres Vereins sein wird. Dort werden wir verschiedene Gruppen anbieten – welche genau, wissen wir noch nicht 100%ig.
Unter anderem wollen wir Spielenachmittage, Tage für erwachsene Autisten für die Kinder oft zu laut sind anbieten, aber auch Tage für die Kinder. Vorstellen können wir uns auch ein gemeinsames Frühstück oder einen DVD-Abend dort. Aber das wird sich alles im Laufe der nächsten Wochen herausstellen, was wir dort alles anbieten können. Ihr könnt gespannt sein! :-)

Hast Du eine bestimmte Aufgabe innerhalb des Vereins?

Meine persönliche Aufgabe in dem Verein ist zum einen die Rolle des zweiten Kassenwarts. Noch sind wir ein kleiner Verein, aber wir hoffen, dass wir schnell wachsen werden und irgendwann eine Zweitbesetzung der Rolle notwendig ist.
Des Weiteren werden meine Partnerin und ich eine Spielgruppe leiten, dafür sammeln wir schon fleißig Sponsoren für Spiele und Spielmaterial.

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Was möchtest Du Geschwistern von autistischen Kindern vielleicht noch sagen? Hast Du Tipps oder Gedanken, die in schwierigen Situationen weiterhelfen können?
Ganz wichtig: Macht euch immer wieder bewusst, dass eure Geschwister sich das nicht ausgesucht haben, so zu sein, wie sie sind. Und dass es nichts Schlimmes ist, anders zu denken oder zu sein.
Redet mit ihnen, wenn euch etwas stört. Kommunikation ist das Wichtigste im Umgang mit Autisten überhaupt. Sie können genau so wenig in eure Köpfe gucken, wie ihr in die Köpfe eurer Geschwister.
Widmet ihnen Zeit. Schließt sie nicht aus eurem Leben aus. Gebt ihnen Zeit. Nehmt euch selbst Zeit. Versucht die Gedanken nachzuvollziehen, auch wenn das nie so 100%ig gelingen mag, aber allein der Versuch ist schon viel wert.

Julia und ihr Bruder

Was aber auch wichtig ist: Nur weil eure Geschwister Autist oder offiziell „behindert“ sind, heißt das nicht, dass sie immer Recht haben, oder ihr nicht mal sauer sein dürft.
Vor kurzem hat mir eine Bekannte aus der Universität mitgeteilt, dass sie Angst hat zu sagen, dass sie ihren Cousin nicht mag, weil er Autist ist. Das find ich persönlich ziemlich schade. Habt keine Angst vor echten Gefühlen – denn einem Autisten etwas vorspielen ist für sie genauso verletzend wie wenn euch jemand etwas vorspielt.
Behandelt eure Geschwister wie Menschen, denn nichts anderes sind sie. Und ich bin mir sicher, wenn ihr mal ein paar Minuten darüber nachdenkt, findet jeder von euch irgendetwas an eurem Autisten, von dem ihr etwas lernen könnt und was ihr um nichts in der Welt vermissen wollt.

 

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Julia hat nach dem Abitur 2014 zunächst zwei Jahre lang Biologie studiert.
Aufgrund ihres großen Wunsches, anderen zu helfen, wechselte sie schließlich zum Studiengang „Soziale Arbeit“ und arbeitet nebenbei aus Studentische Hilfskraft in der „Hermes Anderswelt“ in Bochum.
Die Abteilung hat es sich zur Aufgabe gemacht Autisten zu helfen, sei es durch die Bereitstellung von Integrationsfachkräften in der Schul- und Freizeitbegleitung oder einer Autismustherapie. „Dort helfe ich viel im Büro, betreibe Recherche zum Thema Autismus und erstelle Flyer und Handzettel, bin aber auch Springerkraft für die Integrationskräfte, wenn jemand krank ist und eine Schulbegleitung benötigt wird. Auch später möchte ich gerne mit Autisten zusammen arbeiten. Eventuell in einer Wohngruppe, oder in einem Therapiezentrum.“

 

 

Vielen herzlichen Dank, liebe Julia, für dieses offene und sehr persönliche Interview. Ich bin mir sicher, dass Du vielen Geschwistern aus dem Herzen sprichst und sie etwas für sich und ihr Leben mitnehmen können. Auch wir Eltern können viel von euch Geschwistern lernen.


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5 comments

  • Simone

    Sehr schönes Interview. Bei uns ist es genau anders herum unser Großer (9 Jahre) ist Autist und unser kleiner wird jetzt 3 Jahre. Für uns ist es auch eine Herausforderung dem kleinen alles zu ermöglichen und ihm nicht das Gefühl zu vermitteln dass er an zweiter Stelle steht. Aber auch bei uns ist beim großen Epilepsie mit im Spiel und daher wöchentlich Anfallsserien. Einerseits versteht es der kleine nicht dass er dann oft Rücksicht nehmen muss, andererseits hilft er und hält das Sauerstoffgerät oder steichelt ihm die Wange. Für den kleinen ist es derzeit auch schwer zu verstehen warum sein Bruder ihm nicht antwortet (er spricht nicht) und warum er seinen Spielaufforderungen nicht so nachkommt wie die Kameraden in der KiTa. Wir versuchen unser Bestes… Aber es ist eben ganz oft so dass einer der Elternteile etwas mit dem kleinen unternimmt und der andere Zuhause beim Großen bleibt. Das macht mich manchmal traurig dass wir als komplette Familie kaum etwas unternehmen können. Schön ist aber dass die beiden doch auf eine gewisse Art miteinander spielen und dass sie auch miteinander kuscheln und sich liebhaben.

    • Silke

      Liebe Simone, vielen Dank für diesen Einblick in Euer Leben. Ich kann gut nachvollziehen, dass es traurig macht, wenn man sich als Familien oftmals aufteilen muss, da es anders nicht geht. Ich finde es schön, wie Du das Miteinander Deiner Beiden beschreibst. Vielleicht kann ich Deinen Kleinen ja mal in 10 oder 15 Jahren interviewen ;-) Alles Liebe ♥

  • Melanie

    Ich bin sehr dankbar für die Tipps für Geschwisterkinder von Julia. Bei uns leidet die 6 jährige Schwester sehr unter der situation mit Samuel , 8 Jahre und frühkindlicher Autist. Er ist genau wie bei Julia sehr aggressiv und seine overloads entladen sich meist an mir und der kleinen Schwester. Da leidet natürlich das ganze Familienleben darunter.
    Ich würde mir wünschen dass ich und vor allem Helena später einmal ähnliches übereits die besondere Beziehung zu Samuel sagen können, so wie es heute bei Julia der Fall ist.

  • Rebekka

    Ein sehr schönes Interview. Bei mir ist es umgekehrt, mein großer (15) ist autist. Meine kleine (12) hat sich das Interview auch durch gelesen und sagte nur „ Mama das Mädchen hat recht, sowie sie schreibt, nur das du seine Ausbrüche abbekommen hast und nicht ich“.. Danke für das ehrliche Interview

  • Yeşim Tulan

    Das Interview hat mich sehr berührt. Ich habe drei Kinder, eine 14-jährige Tochter und Zwillinge. Eines davon hat frühkindlichen Autismus. Sie sind 9 Jahre alt. Meine Grosse möchte eine Lehre als Behindertenbetreuerin machen. Sie kümmert sehr um ihren Bruder. Sie hat auch schon 3 Tage in der Wohngruppe reingeschaut und erlebt, wie der Alltag einer Betreuerin ist. Mein Sohn ist von Montag bis Freitag in dieser Wohngruppe. Dort hat er Schule und lernt viel für den Alltag, damit er selbständig wird. Er spricht nicht mehr. Deshalb haben wir ein Kommunikationsgerät bekommen. Für mich ist es schwierig die Balance herzustellen zwischen den Kindern, dass sich alle gut fühlen. Ich habe oft auch ein schlechtes Gewissen, dass er in der Wohngruppe schläft. Diesen Zustand möchte ich ändern.
    Danke für das interview und alles gute für deine und auch allen Familien, die hier schreiben.
    Liebe Grüße
    Yeşim Tulan

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