Jeannette im Interview: „Die Welt gehört allen, jeder hat ein Recht darauf, in dieser glücklich leben zu können.“

Bild von der Webseite der Freien Autisten
©Webseite der Freien Autisten, autismus.co

Liebe Jeannette, Du schreibst einen Blog mit dem Namen „Freie Autisten“. Wie kam es zu dem Namen? Was bedeutet er?

Der Name bedeutet, dass Autisten sich frei fühlen können sollen… in der Gesellschaft, in ihrem Leben, in ihrem ganzen (Anders-) Sein.
Auch der Umgang mit dem „Thema“ soll frei, ohne Schubladen, sein können.
Angefangen hat alles mit der Website Autismus.co und der dazugehörigen Seite bei Facebook. Daraus entwickelte sich die Gruppe “Freie Autisten“ bei Facebook , in der sich Autisten, Angehörige und Interessierte miteinander austauschen. Es entstand auch eine Gruppe speziell für jugendliche Autisten. Der Name „Freie Autisten“ ist mir ganz spontan eingefallen.

Von den jugendlichen Autisten wird die WhatsApp-Gruppe am meisten genutzt, weil Facebook bei den Jüngeren schon ziemlich out ist ;-). Bei WhatsApp aber schreiben die aktuell 25 Mitglieder teilweise über1000 Nachrichten täglich.
Es haben sich inzwischen tolle Freundschaften entwickelt und die Kids sind eine richtige Familie geworden. Das freut mich sehr, denn gerade autistische Jugendliche sind oft einsam, isoliert und haben Probleme, die andere Autisten gut verstehen können. Bald möchten wir auch regelmäßige Treffen organisieren.

Auch die Facebook-Gruppe Freie Autisten hat eine ganz tolle Atmosphäre, in der Autisten und NTs [Neurotypische, Nichtautisten] absolut miteinander harmonieren. Inzwischen haben sich daraus auch noch WhatsApp Gruppen gebildet. Der Bedarf danach war/ist offensichtlich da und alles hat sich viel größer und umfangreicher entwickelt, als ich es mir je hätte vorstellen können.

Auf Deiner Seite findet man viele autistische Künstler und ihre Werke. Was bedeutet Dir der Kontext „Autismus und Kunst“? Ist es eine besondere und wichtige Form, sich auszudrücken?

Es ist eine besonders wichtige Form, sich auszudrücken. Gerade Autisten sind in der Kommunikation oft anders und können künstlerisch viel mehr zeigen von ihren inneren Empfindungen und der Wahrnehmung des gesellschaftlichen Lebens. Kunst ist ein Eingang zur Seele.
Die Galerie für autistische Künstler und Autoren hat sich auch spontan enwickelt…mir sind in der Gruppe so viele Künstler/Autoren aufgefallen, dass ich das einfach präsentieren wollte.

Gibt es sowas wie zentrale Botschaften, die die Kunstwerke transportieren?

Einige der Kunstwerke zeigen, wie viele Reize gerade Autisten aufnehmen, wie vielseitig ihre Wahrnehmung , wie bunt ihre Welt ist.
Andere Werke sind besonders klar und strukturiert, zeigen Spezialinteressen und wie mit Konzentration darauf eine innere Ordnung erschaffen wird.

Du schreibst u.a. Romane und Gedichte – gibt es Themen in Deinen Werken, die wiederkehren?

Meine Werke, egal ob Kinderbuch, Kunstwerke in Form von Fotos/Bildern/Illustrationen, Sachbücher, Poesie oder Romane, haben alle einen tieferen Sinn/ eine Aussage die zum Nachdenken anregen sollen. Ganz aktuell arbeite ich an einem Kinderbuch, in dem ein autistisches Mädchen gemobbt wird. Im Nachwort des Buches erzählen einige autistische Jugendliche von ihren Erfahrungen mit Mobbing in der Schule. Das Buch kommt nun in wenigen Tagen raus.
Seit einiger Zeit arbeite ich auch schon an einem Buch mit konkreten Tipps, wie man mit Reizüberflutungen/Stress einfacher umgehen kann.

Diese Bücher entstehen aus der Nachfrage/dem Bedarf.
So entstand auch das Buch „Tagesablauf und Punktesystem- nicht nur für Kinder“. Das System entwickelte ich in vielen Jahren Alltag mit meiner autistischen Tochter. Ich freue mich sehr, dass es nun auch anderen Familien eine Hilfe ist. Dabei möchte ich aber immer betonen, dass natürlich jedes Kind, auch jeder Autist, individuell ist und demnach natürlich auch einen individuellen „Plan“ benötigt, der unbedingt gemeinsam mit dem Kind entwickelt werden soll.

Was sind die zentralen Anliegen Deiner Seite? Wen möchtet Ihr insbesondere erreichen?

Auf der Website autismus.co geht es mir hauptsächlich um Aufklärung der Öffentlichkeit und eine Übersicht an Angeboten und Informationen auch für Autisten selber. Regelmäßig schreibe ich aktuelle Artikel, erweitere die Informationen und stelle besondere Menschen vor.

Wichtig ist mir auch der Bereich, in dem von Angehörigen und Autisten verschiedene Erfahrungen mit Ämtern, Schulen, Ärzten usw. veröffentlicht werden. Leider bewerten dort noch sehr wenige, obwohl man es anonym machen kann. Ich würde mich sehr freuen, wenn der Bereich wachsen würde. Die Öffentlichkeit aufzuklären und zu zeigen, wo es dringend Verbesserungen geben sollte, aber auch, wo es gut läuft, ist ein ganz wichtiger Schritt in Richtung wirklich freie Autisten.

Die Website erreicht erfreulicherweise alle. Die Autisten selber, Angehörige, Freunde, Partner und Kollegen von Autisten, Lehrer oder Arbeitgeber von Autisten. Ich werde z.B. auch von Lehrern, Psychologen und Autismus-zentren kontaktiert und es sind auch einige in den Gruppen. Insbesondere die Nähe zu den Autisten selber ist für gerade auch für diese Fachkräfte besonders wertvoll, um sie besser zu verstehen. Denn kein Studium kann mehr über Autismus erklären als der direkte Kontakt zu vielen Autisten.
Leider, da ich das alles in meiner Freizeit mache, geht es nur langsam voran. Aber besser langsam als gar nicht.

Wo siehst Du den größten Bedarf an Aufklärung zum Thema Autismus in unserer Gesellschaft?

Das größte Vorurteil der Gesellschaft ist es zu denken, dass alle Autisten gleich sind und Autismus eine einheitliche Krankheit darstellt. Es gibt nicht DEN Autismus, jeder Autist ist anders. Und es ist auch keine Krankheit.
Erschreckenderweise wissen sogar Fachkräfte wie Psychologen teilweise sehr wenig über Autismus. Diese und besonders auch Lehrer/Pädagogen sollten sich darüber fortbilden müssen. Denn Akzeptanz beginnt mit Verständnis und das fängt schon bei den Kleinsten im Kindergarten an.

Wie kamst Du überhaupt dazu, Dich mit dem Thema Autismus zu beschäftigen?

Meine älteste Tochter (aktuell 17 Jahre alt. Insgesamt habe ich 3 Kinder, die Jüngste ist 3 und mein Sohn 10) ist hochfunktionale Autistin. Durch sie habe ich angefangen, mich mit Autismus zu beschäftigen und kam dann auf die Idee, die freien Autisten zu gründen. Ich bin immer wieder erschüttert, was viele Eltern und Autisten durchmachen müssen. Für meine Tochter war die Diagnose sehr positiv, da dadurch die Suche der Gesellschaft (Schule) nach einer Bezeichnung/Schublade für sie endlich ein Ende hatte. Die Diagnose hat ihr aber, außer dass die Suche nach einer Diagnose ein Ende hatte, sonst nichts gebracht. Es wurde dennoch immer in den Schulen von ihr erwartet, sich zusammenzureißen- nicht mehr so autistisch zu sein. Da muss noch unendlich viel passieren in der Gesellschaft.

Leider habe ich diese Erfahrungen in Deutschland, Italien und Österreich gemacht (wir lebten 5 Jahre lang in der Toscana, ein Jahr in Österreich und sind im Dezember 2018 zurück nach Niedersachsen gekommen).

Was wünschst Du Dir, wenn Du an die Zukunft denkst?

Für die freien Autisten wünsche ich mir, dass die Gesellschaft aufhört erzwingen zu wollen, dass Autisten sich ändern/anpassen müssen. Es sollte viel mehr Verständnis möglich sein. Beide Seiten, Autisten und NT, sollen sich gegenseitig tolerieren, akzeptieren, aufeinander zugehen und Kompromisse finden können.
Es sollte nicht immer für jeden Menschen zwanghaft nach einer Schublade gesucht werden.
Die Welt gehört allen, jeder hat ein Recht darauf, in dieser glücklich leben zu können.

Ganz herzlichen Dank, liebe Jeannette für dieses Interview. Toll, dass Du mit Deiner Seite eine wertvolle Anlaufstelle geschaffen hast. Alles Gute für Dich und Deine Familie.

zur Seite der Freien Autisten

zum Weiterlesen: Heiko Powell ist auch bei den „freien Autisten“ vertreten. Mit ihm hatte ich bereits ein beeindruckendes Interview geführt:
„Dieses Interview ist so, als ob ich 20 Bilder gleichzeitig gemalt hätte.“

One comment

  • Dario

    Hab mir die Website angesehen. Besonders interessant finde ich die Idee, Ärzte und Therapeuten im Hinblick auf ihre Autistenfreundlichkeit zu bewerten. Ich hatte selbst schon mal eine ganz ähnliche Idee, denn Arztbewertungsportale gibt es viele, aber ob jemand willens und in der Lage ist, auf die Bedürfnisse von Autisten einzugehen, kann man den Bewertungen in aller Regel nicht entnehmen.

    Vielleicht wäre es eine Überlegung wert, sich Gedanken zu machen, wie man diesen Bereich noch ausbauen könnte. Vielleicht in Form einer Positivliste oder eines „Empfehlungssiegels“ für Ärzte und Therapeuten, bei denen man sich sicher sein kann, sie sind mit den Bedürfnissen von Autisten vertraut. Meines Wissens gibt es so etwas noch nicht.

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