Interview mit Wolfgang Gaß: „Ich möchte meine Fähigkeiten bei der NASA einbringen.“

Einige haben sicherlich die vox-Dokumentation „Ich, einfach unvermittelbar?“ gesehen. Dort wurden Autistinnen, Autisten und Menschen mit Tourette-Syndrom porträtiert, die trotz zum Teil herausragender Fähigkeiten keinen Job finden.
Einer von ihnen war Wolfgang Gaß. Ich saß abends vor dem Fernseher und hörte seinen Satz: „Für was bin ich denn auf der Welt, wenn ich da eh nicht gewollt werde und man meine Begabung und meine Talente nicht brauchen kann?“

Das berührte mich – und wie ich weiß, nicht nur mich – ganz tief. Sagt doch dieser Satz so viel aus über das, was er erlebt hat und sich vom Leben wünscht.
Am Ende der Dokumentation hatte Wolfgang einen Job. Ich beschloss, ihn zu kontaktieren und zu fragen, wie es ihm danach erging. Erreichen konnten ich ihn nach ein paar Mails hin und her schließlich telefonisch in Peru.

Wie es Wolfgang als Kind ging

Seine Stimme erkenne ich sofort – unverkennbar Wolfgang aus der Fernsehsendung. Er ist offen und aufgeschlossen und wir reden etwa eine Stunde miteinander.
Wolfgang erklärt mir, dass er 45 Jahre alt und laut Diagnose hochfunktionaler Autist mit Hochbegabung ist. Mit vier Jahren habe er sprechen und lesen gelernt. Sein Verhalten wurde in der Familie aber nicht verstanden.

„Ich bekam Watschen aus Gründen, die ich nicht verstanden habe. Ich wurde von meiner Familie und von der Schule kaputt gemacht und dauernd gehänselt. Auch der Stoff in der Schule! Kaum hatte ich etwas, was mich hinten und vorne nicht interessiert, nicht gelernt, ratsch, hat es eine schlechte Note gehagelt! Ich weiß noch, als ich in Religion zweimal hintereinander eine 6 geschrieben habe. Nicht nur für mich ist Schule wie ein Gefängnis! Stundenlang sitzen bleiben, immer aufmerken müssen, Hausaufgaben! Hochbegabte brauchen dringend besondere Förderung, um ihren Bedürfnissen und Begabungen gerecht zu werden.“

Wie es vor der Kamera war und wie es danach weiter ging

Mich interessiert, wie es für ihn war, von einem Kamerateam begleitet zu werden.
„Ich habe vor der Kamera nicht besonders viel Aufregung, es war mir eine Freude und eine Ehre, vor der Kamera zu stehen. Und ich würde es jederzeit wieder machen.“
Die im Herbst 2018 ausgestrahlte Dokumentation war bereits zwei Jahre zuvor gedreht worden. Der am Ende der Sendung vermittelte Job war aber leider schnell wieder weg. Die Firma mochte ihn doch nicht mehr und für Wolfgang war es erneut eine große Enttäuschung. Umso schöner, dass das Vierer-Team der Fernsehsendung bis heute Kontakt zu ihm hält und ihm erst kürzlich eine neuen Anstellung vermittelte.

„Da ich in Deutschland keine Unterstützung bekomme, bin ich vor etwa einem Jahr regelrecht nach Südamerika geflüchtet. Ich war dort schon einmal im Urlaub und fühlte mich wohl. Anders als in Deutschland sind die Menschen hier freundlich zu mir, fragen wie es mir geht und laden mich ein. Ich unterhielt eine Zeit lang ein kleines Hotel, das lief aber nicht so gut und unterforderte mich. Zur Zeit arbeite ich als Übersetzer für Deutsch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch.“

Ja und kürzlich kam das Jobangebot aus der Schweiz für Wolfgang. Es geht um eine Arbeit, in die er seine herausragenden Fähigkeiten im Bereich Technik und Astronomie einbringen kann. Er soll Geräte mit Sensoren konstruieren, die Erdstrahlen messen.
Als Wolfgang anfängt, mir davon zu erzählen, spüre ich seine Begeisterung und Hingabe zum Thema sofort. Er erklärt mir von Minute zu Minute detaillierter Dinge über Magnetstrahlen, Magnetfelder, die manche Menschen spüren können, über Satelliten, die in die Atmosphäre anderer Planeten eindringen könnten und wie diese beschaffen sein müssten, um nicht zerstört zu werden und so weiter und sofort.
Da ich in Mathe und Physik keine Leuchte bin, bleibt mir nur noch, mit offenem Mund zuzuhören und sein Wissen zu bewundern.

„Ich möchte meine Fähigkeiten in der NASA einbringen.“

Als Wolfgang mir schließlich erzählt, dass sein großer Traum ist, in der NASA seine Fähigkeiten einzubringen, erscheint das nach all seinen vorherigen Ausführungen nur logisch.

„Ich habe viele Interessen und Fähigkeiten, habe einen Master in Biologie mit 1,9 und kenne mich mt Pflanzen aus, ich schreibe einen Roman und ich kann Sprachen, ich singe in einem Chor und spiele Schach. Aber was ich vor allem bin, ist ein verkanntes Mathe- und Physikgenie. Mein Herzenswunsch ist, das endlich beweisen zu können. Am liebsten in der NASA.“

Mir bleibt an dieser Stelle, seinem größten Wunsch nachzukommen und diesen Aufruf zu platzieren:
Wolfgang hat herausragende Kenntnisse in Astrobiologie, Atmosphärenzusammensetzung von Planeten und Extrobiologie. Er hat zahlreiche Ideen und würde gerne Experimente weiterführen, die sich zum Beispiel mit der Erforschung von Planetenatmosphären befassen.

Bitte teilt fleißig den Beitrag, wenn Ihr Wolfgang helfen möchtet. Vielleicht erreicht es Menschen, die genau auf einen solchen Spezialisten wie ihn warten.

Aufgeschlossenheit, Humor und Herzlichkeit

Mich interessiert noch, was Wolfgang im Umgang mit neurotypischen Menschen, wie zum Beispiel mit mir, anstrengend findet.
„Ach, ich habe selber keine Probleme. Aber ich singe zum Beispiel im Chor und da wäre es gut, wenn man immer abwechselnd einen neurotypischen Menschen neben einen autistischen stellen würde, damit nicht mehr so viel geratscht wird.“
Seine Aufgeschlossenheit und sein Humor sind erfrischend.
Als ich ihm von Niklas erzähle, dass er nicht spricht und rund um die Uhr Betreuung braucht, ist Wolfgang ein paar Sekunden still. Dann sagt er: „Kann er denn dann niemals selbstständig leben?“ – „Wahrscheinlich nicht.“ – „Das ist schwer. Und eine große Aufgabe.“
Was ich vor allem aus unserem Gespräch mitnehme, ist eine große Herzlichkeit.

Seit unserem Telefonat sind etwa drei Wochen vergangen und Wolfang hat inzwischen seinen neuen Job in der Schweiz bei der Firma „Geopathologie Schweiz AG“ begonnen. Alles Gute für Dich, lieber Wolfgang! Und danke für das beeindruckende Gespräch.

***

Zum Weiterlesen:
Wolfgang Gaß beim Deutschen Fernsehpreis 2019: „Das war toll, riesig und wahnsinnig.“

6 comments

  • Lisa

    Das mit dem Gequatsche im Chor hat mich bei der letzten Probe auch sehr geärgert. Und jedes Mal sagt unser Kantor zum Jahresanfang: „Wir nehmen uns für 2014 (2015, 2016 … bitte fortsetzen!) vor, weniger zu quatschen und aufmerksam zuzuhören!“ Nur die letzte Probe war es besonders schlimm. Die unnötig schiefen Töne gab es gratis oben drauf. Was ist so schwer an der Melodie von „Kommet, ihr Hirten“? Deswegen, weil es ausgerechnet der Abschnitt mit der reinen Melodie ohne Verzierungen war, der am schiefsten klang. (Übrigens: Wir haben da die Proben für Weihnachten begonnen.).

    Und ich bitte für Wolfgang, dass sich ein Job ergibt, wo er seine Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen kann. Amen.

  • Manuela Köcke

    Ich habe die Sendung mit Wolfgang gesehen .
    Oft musste ich auch an seinen markanten Satz denken und wie traurig das ist . Eine Verschwendung von Wissen und Potential .
    Ich drück ihm die Daumen das er sein Wissen weitergeben und nutzen kann . Er ist ein beeindruckender Mensch .
    Alles Gute Wolfgang .

    LG Manu

  • Stefanie

    Ja, diese Sendung habe ich auch gesehen und fand Wolfgang beeindruckend mit seinen Fähigkeiten. Aber auch seine Art sich zu freuen und das zu zeigen fand ich wunderschön und berührend. Wie er sich bei seinem zukünftigen Chef für die versprochene Anstellung bedankt hat, ihn spontan umarmt,- das war soo schön! Ich wünsche Wplfgang ebenfalls alles Gute 👍

  • DeeDee

    Ich habe Wolfgang vor Jahren kennengelernt. Leider mit einer Gruppe die sich lustig machte. Freut mich zu sehen wie er mit seinem Leben weitergeht und sich nicht von solchen Leuten unterbringen laesst. Du hast bessere Freunde verdient. Alles Gute in der Zukunft!

    • Wolfgang Gass

      Hallo DeeDee, danke für die Antwort! Bist du auch in Facebook? Wie hiess denn die Gruppe, die sich über mich lustig machte? Viele Grüsse

  • Gardiners-Seychellenfrosch

    Richtig singen ist für manche Enten wohl genauso schwierig wie Blickkontakt für Autisten. Ich kann übrigens auch nicht korrekt singen… Gequatsche brauchen manche wohl, es gibt ja redselige und ruhige Leute. Vorsätze sollte der Kantor konkret schriftlich verfassen und alle unterschreiben lassen, sonst wird das nix. Unser Gehirn möchte Energie sparen… Eine andere Idee wäre wer quatscht muss nachsitzen, eine Runde Getränke, etc. ausgeben oder 50 cent in eine Quatsch-Dose stecken mit dem Geld wird dann z.B. die Arche unterstützt. Ich stell mir bei nervigen Quatschern immer vor es wären Hühner, denen kann man das Gackern ja auch nicht verbieten. Setzt euch zusammen und redet/schreibt über eure Wünsche bis alle zufrieden sind, von Ärgern ändert sich nix und ich kann nur mich selbst ändern, die anderen nicht. Zum Schluss habe ich noch einen Tipp aus dem Horsemanship, der auch mit Zweibeinern funktioniert: Stell dir sehr konkret fokussiert vor was dein Mitmensch tun soll. Dann sendest du irgendwie Energie aus die den anderen dazu bewegt zu tun was du dir wünschst. Ich weiß nicht wie es funktioniert, bei Sohn funktioniert es öfter mal. Manchmal funktioniert es auch nicht, beim Pferd würde ich dann mit dem Stick es antippen, manche haben eine etwas längere Reaktionszeit. Pferde und Menschen.

    Wolfgang wünsche ich auch den Job der zu ihm passt. Ich suche auch noch das Passende und habe keine Lust mehr für/mit meckernden Deutschen zu arbeiten. Schulnotegebung fand ich auch teilweise sinnlos. Vom Faust lesen in Deutsch hab ich Angstzustände, Kopfschmerzen und Alpträume bekommen… Hat keinen interessiert. Der Freischütz war auch nicht viel besser. Um mich für Sachen zu motivieren, die mich nicht interessieren, habe ich es mit einem ADS-Trainingsbuch versucht, half nur mäßig.

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