Interview mit Susan, Autistin und systemischer Coach: „Aufgeschlossenheit für flexible und außergewöhnliche Ideen braucht es auch nach Corona.“

Mit Susan Vogl, die als Autistin Familien mit autistischen Kindern berät, durfte ich bereits letztes Jahr ein spannendes Interview führen. In der jetzigen Ausnahmesituation interessierte mich sehr, wie sie über die Themen, die im Moment viele von uns bewegen, denkt.

Quelle: pixaba, User stevepb

Liebe Susan, viele autistische Schülerinnen und Schüler sind wegen der Corona-Pandemie im Moment zuhause. Ich nehme von vielen Familien auf, dass es für einige erleichternd ist, eine Weile dem Schulsystem zu entkommen, für andere darin aber eine riesige Herausforderung und Belastung liegt. Wie siehst Du das? Inwiefern muss man differenzieren?

Hier gibt es überhaupt keine Pauschalaussagen. Wie Du auch, bekomme ich durchaus die Rückmeldung, dass es für viele sehr befreiend ist, sich vom Schulsystem zu distanzieren. Sie nutzen diese Zeit, sich zu erholen. Andererseits bleiben aber Herausforderungen nicht aus, viele Eltern merken jetzt, dass das Unterrichten zu Hause viel Zeit und Nerven kostet. Die Schüler sind es nicht gewohnt, eigenständig zu arbeiten, die Klasse hat da eine Art Zugzwang, den es daheim nicht gibt, auch kommen Eltern in ihrer Autorität an ihre Grenzen, weil sie eher in Frage gestellt werden als Lehrkräfte.

Nicht zu unterschätzen sind auch die Gedanken, die sich Kinder und Jugendliche machen. Sie bekommen mit, dass wir in einer Ausnahmesituation sind, können aber noch weniger einschätzen, wohin das alles führen wird. Hier kann man nicht von einer entspannten Situation sprechen. Man hat keinen Ausgleich, kann sich nicht mit Freunden treffen, sitzt daheim aufeinander, usw. und man hat vielleicht auch Angst.

Wäre es Deiner Meinung nach wichtig, Notgruppen bzw. zum bestmöglichen Infektionsschutz Kleinstgruppen gerade für autistische Schülerinnen und Schüler anzubieten, um z.B. Strukturen aufrecht zu erhalten?

Eine schwierige Frage. Manche schaffen es, in ihren eigenen vier Wänden einen Plan zu erstellen, Strukturen zu schaffen, die im Übrigen nicht nur für autistische Schüler sondern für die ganzen Familien hilfreich sein können. Manche aber profitieren tatsächlich eher von Kleinstgruppen. Viele Autisten trennen ja auch Schule und Zuhause so strikt, dass ein Lernen daheim abgelehnt wird. Für diese Schüler wären solche Angebote wichtig, bevor es in irgendeiner Weise zu eskalieren droht. Allerdings möchte ich mich nicht in die Position begeben, das hierfür Notwendige zu erarbeiten, um den Infektionsschutz aufrecht erhalten zu können.

Über die Möglichkeiten, sein Kind zuhause zu beschulen, gibt es vielfältige Links und Beiträge im Internet. Was ist darüber hinaus gerade für Familien mit autistischen Kindern zu beachten?

Dieses Thema kommt in den letzten Tagen sehr häufig. Ich rate immer, sich nicht zu sehr unter Druck setzen zu lassen. Lieber kleine Einheiten im Lernen und Erarbeiten bestimmter Dinge, schauen, worauf Kinder gut anspringen, womit sie arbeiten möchten und können, dann aber auch ausreichend Abstand zum Thema Schule zu schaffen.
Beschäftigung mit Lieblingsthemen, Rückzug voneinander, usw. sind mindestens genauso wichtig. Wenn sich alles nur noch darum dreht, wie man den Schulstoff in die Kinder bekommt, leidet die Beziehung innerhalb der Familien, und das kann nicht Ziel der Sache sein.
Man wird sich nach all dem nicht daran erinnern, wie viel man in dieser schwierigen Zeit gelernt hat, sondern wer für einen da war und einem Sicherheit gegeben hat.

Über pflegeintensive Kinder liest man leider sehr wenig. Wie aber geht man am besten mit der Situation um, wenn nicht das Vermitteln von Lernstoff im Vordergrund steht, sondern die Beschäftigung an sich, Weglauftendenzen, Autoaggressionen und der Umgang mit Wahrnehmungsbesonderheiten? Hast Du Tipps?

Diese Familien sind gerade sehr belastet, und ja, man liest sehr wenig darüber.
Das Schwierige ist, dass gerade Unterstützerkreise in Form von zusätzlichen Betreuungspersonen wegfallen, die die Eltern entlastet haben. Ich habe aber beobachtet, dass es in erster Linie hilft, selbst so ruhig wie möglich zu bleiben. Die Stimmungsübertragung ist enorm, und das zeigen dann viele Autisten auch in ihren Verhaltensweisen.
Manche nutzen die Zeiten in ihren Gärten und lassen die Kinder mitarbeiten, sofern es geht natürlich. Körperliche Auslastung, oder auch kreative Ideen sind jetzt gefragt. Aber wie immer gibt es auch hier kein Patentrezept, Tipps zu geben fällt mir da schwer.
Wenn man sich als Partner abwechseln kann, sollte man das tun.
Auch Geschwisterkindern wird gerade viel abverlangt, manchen hilft es, wenn jeder eine bestimmte Aufgabe oder Zeit übernimmt, sich mit dem autistischen Kind zu beschäftigen oder es zu beaufsichtigen.

Du kennst Dich sehr gut mit den Schwierigkeiten aus, die autistische SchülerInnen im Schulalltag haben. Liegt in der aktuellen Krise eine Chance, nachhaltig etwas zu verändern und zu verbessern?

Hier muss ich ein wenig schmunzeln. Ich finde es schon enorm, wie viel flexible und außergewöhnliche Ideen es doch gibt, wenn es unbedingt Lösungen braucht. Es funktionieren „plötzlich“ Dinge, die bisher immer als unmöglich oder nicht machbar betitelt wurden. Schon eigenartig, oder nicht? Was jetzt auf einmal alles geht?
Ich möchte hier gar nicht mal auf die Details eingehen, denn dafür sind die Lösungsansätzen der einzelnen Schulen oder gar Lehrer zu unterschiedlich. Aber es wäre schön, wenn wir genau das daraus lernen und es beibehalten könnten: Lösungsorientiert arbeiten, sich zusammen setzen und Alternativen anbieten, individuell entscheiden, etwas Abstand vom Schema F halten. Denn wie wir aktuell sehen, bringt uns Schema F gerade gar nichts.

Du bist Administratorin des Online-Forums „Autimus-Forum-Deutschland“. Bitte erzähle ein wenig mehr über das Angebot und den Austausch im Forum. Warum kann es gerade in der jetzigen Zeit hilfreich sein?

Ja, mein zweites Zuhause. kicher
Dieses Forum ist ein Ort für Eltern, die sich gegenseitig stützen. Hier muss man nicht lange erklären, was man für Sorgen, Nöte oder Kummer hat, man wird verstanden. Aber man kann sich auch miteinander über kleine Erfolge freuen, die Eltern von nicht-autistischen Kindern so gar nicht wahrnehmen.
Und gerade jetzt gibt man sich gegenseitig Tipps, wie man die Kids beschäftigt, wie das mit der Beschulung klappt, wie viel man den Kindern und sich als Eltern abverlangen soll, aber auch, wie man Ruhe rein bringt, Kraft schöpft und wieder auftankt.
Ich würde mich freuen, wenn diese Plattform für viele Eltern ebenso ein Wohlfühl-Ort werden könnte, wie er es damals, als ich auf das Forum gestoßen bin, für mich war.

Du hast auch ein eigenes Angebot „autistisch beraten“. Darüber hattest Du im ersten Interview bereits einiges erzählt.
Kann man sich auch in der momentanen Situation an Dich wenden?
Wenn ja, bei welchen Probleme kannst Du besonders gut weiterhelfen?

Natürlich kann man sich an mich wenden. Diejenigen, die mich derzeit anschreiben, haben hautsächlich Fragen zur Wahrnehmung und zum Verhalten ihrer Kinder. Sie möchten es verstehen und brauchen Tipps, wie sie evtl. reagieren können. Ich denke aber auch, dass der Austausch mit Gleichgesinnten derzeit die größere Hilfe ist.

Und wie geht es Dir persönlich im Moment? Hast Du eigene Strategien, um gut durch die Zeit zu kommen?

Mir geht es so weit gut. Die einzige Hürde ist, dass ich nicht so vor mich hin arbeiten kann wie ich es gewohnt bin, da mein Mann im Homeoffice ist und unser Jüngster hin und wieder Online-Stunden hat. Da kommt staubsaugen nicht so gut an, also muss ich mich etwas anders organisieren.
Reden, reden, reden. Bevor es zum Streit kommt. Immer zeitnah seine Bedürfnisse mitteilen. Ich bin gerne im Hier und Jetzt. Ich telefoniere mit meinen Liebsten, über alles Mögliche, nicht nur über Corona. Ich suche mir jeden Tag bewusst eine positive Nachricht und/ oder Geschichte. … So viel hat sich für mich eigentlich nicht geändert.

Passt aufeinander auf! Ich glaube daran, dass wir gestärkt aus dieser Zeit heraus gehen können.

Danke, liebe Susan. Da sind einige wertvolle Tipps in Deinen Antworten, die sicherlich einigen weiterhelfen. Ja, und „Schema F“ bringt gar nichts, da hast Du Recht, weder mit noch ohne Corona.
Alles Gute und bleib gesund.

Hier geht es zur Website von Susan Vogl

Und HIER findet Ihr das von ihr betreute Forum

zum Weiterlesen:
Susan über ihr Angbot der „autistischen Beratung“ und Anregungen für die Schule

Kein Platz im Schulsystem und die Eltern stehen Vorwürfen gegenüber (Gastbeitrag von Susan)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.