Interview mit Julia über ihre Bachelorarbeit zum Themenbereich Geschwister von Kindern mit Autismus

GeschwisterJulia hat eine Bachelorarbeit über die Beziehung von Geschwistern geschrieben, wenn ein Geschwister autistisch ist. Dafür hat sie Interviews geführt und ausgewertet.
Ich bin von ihrer Arbeit, die ich lesen durfte, beeindruckt und habe ihr ein paar Fragen dazu gestellt:

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Wie bist Du auf das Thema für Deine BA gekommen? Hattest Du schon vorher mit autistischen Kinder und ihren Familien zu tun?
Nach meinem Fachabitur habe ich ein soziales Jahr in einer Schule für behinderte Kinder gemacht. Hierbei war ich in erster Linie für die Betreuung eines autistischen Jungen zuständig. Neben dem Schulalltag hatte ich auch viel Kontakt mit dessen Familie. So habe ich dann auch nach dem sozialen Jahr ihn und weitere autistische Kinder im Rahmen des familienentlastenden Dienstes betreut. Mein Interesse für Menschen mit Autismus und deren Familien entstand während dieser Zeit und besteht bis heute. Schon damals fand ich es interessant, wie sich der Autismus auf die Familienmitglieder auswirkt und deshalb entschied ich mich, diese Thematik im Rahmen meiner Bachelorarbeit zu untersuchen.

Spielte das Thema Autismus in Deinem Studium für alle StudentInnen eine Rolle oder hast nur Du Dich mit dem Thema beschäftigt?
Während meines Studiums spielte Autismus leider kaum eine Rolle. Allerdings kommt es darauf an, welchen Schwerpunkt man innerhalb des Studiums setzt. Ich gehe aber davon aus, dass Autismus innerhalb einzelner Wahlfächer schon eine Rolle spielt. Im Grundstudium wurde sich allerdings nicht mit dem Thema auseinandergesetzt.

Welche Fragen, die Du den Geschwistern stelltest, waren zentral für Deine Arbeit?
Eigentlich war jede Frage, die ich den Geschwistern gestellt habe, zentral für meine Arbeit. Um einen umfassenden Überblick über die Entwicklung und Lebenssituation der Geschwister zu bekommen, waren die Fragen sehr weit gefächert. So war es zum Beispiel interessant zu erfahren, welche Beziehung die Geschwister zueinander haben, wie sich diese kennzeichnet und ob sie sich innerhalb  ihrer Entwicklung verändert hat. Neben möglichen Risiken, Belastungen und Ängsten, wie Vernachlässigung oder Überforderung, war es genauso wichtig herauszufinden, welche Potenziale und Chancen sich für die Geschwister aus dieser Situation ergeben.
Da man in der Literatur häufig liest, dass sich die Situation mit einem autistischen Geschwister sehr stark auf die gesunden Kinder auswirkt, war es besonders zentral in meiner Arbeit herauszufinden, inwieweit Geschwister von Autisten stärker beeinträchtigt sind, als Geschwister von anderen behinderten Kindern.

Warst Du überrascht bei einigen Antworten?
Ich fand es sehr schön zu sehen, wie eng die Geschwisterbeziehung bei einigen Befragten zu ihren autistischen Geschwistern ist. Die Geschwister stellen für die autistischen Kinder eine Bezugsperson dar, denen sie voll und ganz vertrauen. Natürlich äußert sich die Beziehung der Befragten anders als bei Kindern mit nichtbehinderten Geschwistern, trotzdem war es überraschend und sehr schön zu sehen, durch welche Nähe, Vertrautheit und auch Verantwortung füreinander diese besondere Beziehung gekennzeichnet ist.

Konntest Du über den wissenschaftlichen Aspekt hinaus auch für Dich persönlich etwas aus der Befragung bzw. den Antworten mitnehmen?
Für mich persönlich war es aufschlussreich und ich konnte einiges mitnehmen.
Auf der einen Seite war es schön zu sehen, welche positiven Auswirkungen diese Situation auf die Geschwister haben kann. Andererseits haben mich die Begeisterung und das Interesse, auf welche die Thematik bei verschiedenen Personen gestoßen ist, sehr motiviert. Auch die Offenheit der Befragten erleichterte mir den Umgang mit dem Thema.
Aus den Befragungen konkret konnte ich mitnehmen, dass selbst Beeinträchtigungen und das persönliche „Zurückstecken-Müssen“ der Geschwister zu einer solch liebevollen und vertrauten Beziehung führt.

Hast Du das Gefühl, dass über das Thema Autismus viele Klischees existieren, die Du nun Deinen Mitmenschen gegenüber ausräumen kannst?
Ich hatte weniger das Gefühl, dass ich in meine sozialen Umfeld Klischees über Autismus ausräumen musste. Vielmehr musste ich meine Mitmenschen über Autismus und seine Ausprägungen aufklären. So wussten viele zwar, dass Autismus eine Form von Behinderung sein kann, aber weniger wie sich dieser äußert.

Wirst Du in Zukunft weiterhin mit AutistInnen und ihren Familien zu tun haben?
Nach meinem Bachelorabschluss habe ich nun direkt mit meinem Master in sozialer Arbeit angefangen. Ich denke auf jeden Fall, dass das Arbeitsfeld Menschen mit Behinderung und auch speziell Menschen mit Autismus eine Option für mein späteres Berufsleben darstellt. So will ich mich auch  neben meinem Masterstudium weiter in diesem Bereich engagieren.

Viel Erfolg, liebe Julia, und herzlichen Dank für das Interview.

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3 comments

  • Sophie

    Sehr interessant zu lesen. Meine Bachelorarbeit wird auch das Thema Autismus behandeln, ich habe mich unglaublich gefreut, als mein Professor mir das Okay dafür gegeben hat :)
    Danke für den tollen Beitrag

  • Julia

    Hallo,mein jüngster Sohn hat sich ebenfalls dazu interviewen lassen,da mein ältester Sohn Dominik Autist ist.Es war für uns schön dabei sein zu dürfen und wir würden es immer wieder gerne tun.Uns allen hat es sehr viel gebracht.Falls jemand nochmal für ein Interview einen Probanten braucht ruhig melden.

    • Franziska

      Hallo Julia,

      ich werde im kommenden Wintersemester 2021/2022 meine Bachelorarbeit über das Thema Autismus, genauer gesagt um die Familienstrukturen/Erziehung/Familienalltag mit Kindern mit Autismus. Nun bin ich auf Ihren Kommentar gestoßen, und wollte Sie fragen, ob Sie sich auch für ein Interview mit mir bereit erklären würden?

      Ganz herzliche Grüße, ich freue mich auf Ihre Antwort :),
      Franziska

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