Interview mit Elisa Carow – Autistin, Verlegerin und kreative Lebenskünstlerin

Elisa Carow ist Autistin und Verlegerin.
Im Interview erzählt sie darüber, wie sie ihre Diagnose erhielt, mit welchen Stärken, Schwächen und Herausforderungen sie lebt und natürlich über ihre Arbeit mit ihrem Verlag.

Wie lebst Du? Wie sieht Dein familiäres Umfeld aus?

Ich lebe in einem freistehenden Einfamilienhaus, Baujahr 1937, umgeben von 5000 m² Grundstück im Osten von Brandenburg, 45 Minuten östlich von Berlin.
Dort lebe ich zusammen mit meinem 11 Jahre älteren Ehemann und meinem 9 Jahre alten Sohn und unserem fast 16 Jahre alten Hund.

Wie ist es zu Deiner recht späten Diagnose gekommen?

Ich konnte vieles schon von klein auf nicht, brachte mich immer in doofe Situationen. Es sah von außen aus, als sei ich faul oder lernresistent.
Ich war in der Schule die Außenseiterin, wurde heftigst gemobbt und fand nur Halt in meinen diversen Spezialinteressen. Das ganze Leben war ein Kampf, der durch familiäre Umstände extrem hart war.
Durch Zufall lieh ich mir ein Buch aus, „Die elf ist freundlich und die fünf ist laut“ von Daniel Tammet. Ich las es aufmerksam und in jedem, wirklich jedem Kapitel erkannte ich mich wieder. Das konnte kein Zufall sein.

Ende 2008 wurde meine Diagnose gestellt, da war ich 26 Jahre alt. Was wäre wohl passiert, wenn ich das Buch nicht ausgeliehen bekommen hätte? Es war einer der besten Zufälle meines Lebens.

Elisa mit einen Lamm
Elisa bei einer Lieblingsbeschäftigung: Schafe streicheln

Welche Erfahrungen hast Du gemacht, als Du Familie und Freunden von Deiner Diagnose erzähltest?

Meine Eltern wollen es auch heute, 12 Jahre nach der Diagnose, nicht wahrhaben und denken, ich hätte es mir nur ausgedacht, bzw. werfen mir vor, ich wolle mich nur wichtig machen.
Mein Bruder mehr oder weniger ebenso, er sagt das könne gar nicht stimmen. Die anderen Familienmitglieder sagten nur „aha“ und zuckten mit den Schultern und interessierten sich dafür überhaupt nicht.
Ich habe den Eindruck, dass sie sich vor mir zurückgezogen haben, seit sie es wissen, denn seit Jahren schreibe ich Weihnachts- und Geburtstagskarten und bekomme selber nie welche und sehe sie nur noch auf Beedrigungen und selbst da gehen sie mir aus dem Weg.

Meine Freunde sagten teils, sie hätten es schon geahnt bzw. sei es irgendwie naheliegend, sie sind dennoch unverändert meine Freunde.
Meine beste Freundin sagte augenzwinkernd, die Diagnose dürfe keine Entschuldigung sein für Sachen, die ich mache oder nicht mache.
Mein Ehemann, der zum Zeitpunkt der Diagnose mein fester Freund war, sagte, es würde so vieles erklären und dass auch er schon lange autistische Züge an mir wahrgenommen habe. Er ist seitdem verständnisvoller und geduldiger in vielen Dingen, aber auch oft frustriert.
Neue Bekanntschaften, die zu Freunden werden, finden es interessant und stellen viele Fragen. Sie wollen es verstehen und sind absolut unterstützend und positiv.

Gibt es einen typischen Alltag für Dich? Kehren manche Dinge immer wieder?

Klar, ich stehe unter der Woche immer um sechs Uhr auf, um Frühstück zu machen und mit der Familie zu frühstücken und am Wochenende können wir immer ausschlafen. Wir gehen immer zwischen 22 und 23 Uhr schlafen. Sonntags Abends bade ich immer und Montags Abends gehe ich immer zum Rehasport.
Ich gehe jeden Tag mit dem Hund gassi, wir gehen alle 14 Tage Freitags Lebensmittel einkaufen. Und wir fahren seit 2016 immer alle zwei Jahre an die Ostsee und in den Jahren dazwischen woanders hin in Deutschland.
Jeden Freitag habe ich Buchhaltungstag und jahrelang war Montag mein Ergotherapie-Tag und Montags bis Donnerstags ist jeden Tag ein anderer Teil des Hauses mit Saubermachen dran, und es ist jede Woche der gleiche.

Bis ich laktoseintolerant wurde, trank ich jeden Morgen einen großen Kakao, jetzt trinke ich jeden Morgen zwei große Gläser Matetee der gleichen Firma und die gleiche Sorte und immer mit Rohrzucker darin.
Wir gehen seit 13 Jahren in den gleichen Supermarkt und kaufen immer die gleichen Marken, sofern sie nicht aus dem Angebot genommen werden. Wir haben Gerichte, die wir alle 14 Tage essen und für die ich dementsprechend immer gleich einkaufe.
Die Leckerli und das Futter meines Hundes (und bis 2011 auch meines Katers) waren, seit wir hier wohnen, immer die gleichen.

Außer in extremen Ausnahmefällen muss ich morgens immer zur gleichen Zeit auf Toilette und mache immer um 12 Uhr Mittag.
Ich kaufe Kleidung von bestimmten Herstellern und wenn es geht immer die gleichen Modelle. Meine offiziellen Schuhe sind immer schwarz. Ich trage Turnschuhe nur in bestimmten Situationen beim Sport, sonst nie.
Ich verwende immer die gleiche Zahnpasta. seit ich diese entdeckt habe. Bevor meine Familie abends heimkommt, mache ich immer das Bett. Ich wasche außer in extremen Ausnahmefällen immer nur Dienstags unsere Wäsche. Sonntags will ich immer etwas Besonderes zum Frühstück, Pfannkuchen/Eierkuchen oder Pancakes oder Waffeln zum Beispiel.

Ich frage immer die gleichen Nachbarn, ob sie meinen Garten gießen, falls wir in den Urlaub fahren. Wenn ich in den Urlaub fahre, schicke ich immer Postkarten mit Motiven von dort.
Ich verwende immer das gleiche Waschmittel. Mein Schreibtisch rümpelt immer zu und ich muss dann jedesmal eine riesige Aktion machen, um ihn wieder ordentlich zu bekommen. Und so sehr ich mich mühe, er bleibt einfach nicht ordentlich.
Wir gucken unsere Lieblingsfilme immer wieder. Während des Abendbrots gucken wir immer irgendwas. Seit 19 Jahren gucke ich jeden Morgen unter der Woche das ZDF Morgenmagazin… ich könnte noch vieles aufzählen.

Und ich mache viele Fehler 4-6 Mal eh ich daraus gelernt habe. ^_^;;

Du hast einen eigenen Verlag. Wie kam es dazu?

Als junge Mama war es hier draußen in der ostbrandenburgischen Prärie sehr schwer, einen Job in Festanstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen, genauso wie vorher in den Jahren zwischen der Uni und dem schwanger-werden. Ich hab ja zwei IHK Abschlüsse. Bis nach Berlin zu pendeln mit Kleinkind, wäre für alle Beteiligten zu stressig und abgesehen davon hatte ich als offen kommunizierende Autistin keine Chance in meiner Branche.
Dann haben mein Mann und ich überlegt, ob es nicht sinnvoller wäre, sich selbstständig zu machen, auch weil das Arbeiten im Homeoffice als Autist ausschließlich Vorteile hat. Wir überlegten, was ich gerne mache und was mich interessiert. Und ich habe gerne Kontakt zu Menschen, hantiere gerne mit Fremdsprachen und liebe Bücher. Was lag da näher?

Gibt es Themenschwerpunkte in Deinem Verlag? Was verlegst Du am liebsten?

Es haben sich die Schwerpunkte Kinderbücher und Märchenbücher herausgebildet, außerdem Kreativprodukte obwohl der Carow Verlag thematisch genauso breit aufgestellt ist wie meine eigenen Privatinteressen, Talente und Fähigkeiten. Am allerallerliebsten mache ich Märchenbücher und Bücher mit Bezug zu Musik. Generell liebe ich hochwertig aufgemachte spannende Bücher und liebevoll illustrierte Kinderbücher.

Hast Du auch ein eigenes Buch geschrieben?

Nein, ich will eins schreiben. Eigentlich sogar drei. Aber da alles bisher nur in meinem Kopf und als Ideen existiert, ist das alles noch nicht spruchreif. Auf Messen werde ich immer gefragt, ob ich die über 70 Bücher geschrieben habe, die wir dabeihaben. Ich lächle dann immer und sage: „Ich mache alles, außer schreiben.“
Das reicht den meisten, auch wenn ich das Layout, den Satz und Druck natürlich nicht selber mache. Nur die allerwenigsten Verleger schaffen es, selber Bücher zu schreiben. Ich kenne nur vier, aber die haben alle signifkant weniger Bücher im Angebot als wir.

Liebe Elisa, Du bist Autistin und hast auch die Diagnose ADS. Wie würdest Du Deine Stärken und Schwächen beschreiben?

Tabellarisch – jaja Autistenhumor, ich weiß.
Meine Schwächen:

  • kein Zeitgefühl
  • impulsiv und spontan UND gleichzeitig total auf Sicherheit bedacht und massive Probleme, Neues auszuprobieren, außer beim Essen
  • ich durchdenke nicht immer alle Konsequenzen, wenn ich etwas sage oder mache
  • nur mit äußerster Disziplin bin ich in der Lage, mich ein winziges bisschen auf alles Notwendige zu konzentrieren
  • gesundheitliche Einschränkungen
  • Schwierigkeitenm neue Verhaltensweisen und Abläufe zu erlernen
  • ich verzettel mich immer
  • völlig unfähig, Prioritäten zu setzen
  • unfähig, konstant einem Plan zu folgen
  • Schwierigkeiten, mich an Abgesprochenes zu halten
  • Ich kann nonverbale Signale weder deuten noch bewusst selber senden
  • wenn ich aufgeregt bin, passiert es schonmal, dass ich zu laut und zu schnell spreche
  • ich schweife thematisch ab
  • nervöser Magen
  • Perfektionist, massive Angst vor Fehlern
  • null Stressresistenz. NULL
  • Ich sehe immer nur das Gute in den Menschen
  • Ich kann mich schwer selber organisieren bis hin zu völliger exekutiver Dysfunktion

Meine Stärken:

  • total musikalisch
  • relatives Gehör
  • ich liebe Umarmungen und Kuscheleinheiten
  • neue Gerichte ausprobieren, macht mir keine Panik
  • ich hab keine Probleme,, mit großen Menschenmengen und kann sogar auf einer Bühne stehen und reden/singen
  • durch Reitsport bessere Grobmotorik als der „Durchschnittsautist“
  • extrem gute Feinmotorik, die mir v.a. in sehr filigranen Handarbeiten enorme Präzision erlaubt
  • seeeeeeeeeeeeeeehr große Geduld
  • ein rieeeeesengroßes Herz, mitfühlend, liebevoll, empathisch und sehr großer Gerechtigkeitssinn
  • künstlerische Ader
  • ausgemachter Menschenfreund, sehr wohlwollend
  • Fähigkeit, Gefühle und Gedanken in Malerei, Zeichnungen, Textilkunst, Gedichten, Liedern und Installationen auszudrücken
  • Besondere Begabung für Sprachen und null Angst, selbst das niedrigste Sprachniveau unter Realbedingungen zu benutzen
  • Handarbeitsfreak
  • kann beschreiben und kommunizieren, was ich fühle
  • bildhafte Schriftsprache und schreibe gern
  • tolerant und weltoffen
  • sehr hilfsbereit
  • totaler Idealist, auch ehrenamtlich engagiert
  • Ich sehe mit dem Herzen, nicht den Augen, wie „Der kleine Prinz“ es mir beigebracht hat
Elisa beim Singen
Elisa beim Singen

Was sind die größten Herausforderungen für Dich?

Kontinuierlich zu arbeiten, mich von Enttäuschungen und Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen, Veränderung anzunehmen und zuzulassen, Wunden der Vergangenheit zu heilen, pünktlich zu sein, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun, eigene Interessen durchzusetzen, ohne an den Bedingungen dafür zu zerbrechen, Grenzen setzen, meinen Haushalt perfekt zu wuppen und gleichzeitig meine Firma optimal voranbringen UND all meine anderen Rollen (Mutter, Ehefrau usw.) perfekt auszufüllen, Sachen langfristig voranbringen und strategisch denken, mich um mich selbst kümmern, mit Stille und Einsamkeit klarkommen, das persönliche Budget für Autisten beantragen und bekommen, Hilfe zu finden, die wirklich hilft, die Angst vor offener Kommunikation besiegen.

Und beruflich: Die Bücher meines Verlages komplett ohne Budget sichtbar machen und allen Autoren und Büchern gerecht werden.

Was wünschst Du Dir von der Gesellschaft und für Deine eigene Zukunft?

Ich wünsche mir, dass man in der Gesellschaft stärker etwas gegen Mobbing unternimmt, Menschen mit Autismus aufhören können sich zu rechtfertigen bzw. Aspies nicht mehr ihre Diagnose aberkannt bekommen von Laien, nur weil sie Puzzlestücke des menschlichen Miteinanders zusammengesetzt und auswendig gelernt haben und bewusst kompensieren – so wie Daniel Tammet es beschrieb.
Außerdem wünsche ich mir von der Gesellschaft, dass Neurodiversität viel stärker als Stärke der Menschheit kommuniziert und akzeptiert wird und die Medien mehr die Stärken der Autisten zeigen und nicht nur negative Vorfälle mit Autisten in Verbindung bringen.
Dass „autistisch“ kein Makel und kein negatives Wort mehr ist.
Dass nicht mehr alle Autisten über einen Kamm geschoren werden.
Und dass autistische Menschen viel mehr Unterstützung im Berufsleben und bei der Beantragung vom persönlichen Budget bekommen und die Ämter signifikant stärker unterstützen.

Für meine eigene Zukunft wünsche ich mir, dass meine Großfamilie irgendwann den Kontakt wiederbelebt und dass ich bis an mein Lebensende mit meiner Kernfamilie liebevoll zusammenlebe. Außerdem, dass ich nie wieder hungern muss, wie in meiner frühen Kindheit, immer ein Dach über dem Kopf habe, immer meinen Interessen nachgehen kann, finanziell abgesichert sein kann, etwas Gutes für die Menschen in meinem Leben bewirke und ausreichend gesund bleibe, um meinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen zu können. Und natürlich alle meine Ziele und Träume erreichen und verwirklichen kann.

–> Hier geht´s direkt zur Website von Elisa Carow.

Liebe Elisa, ich schicke Dir ein riesengroßes DANKESCHÖN für Deine Offenheit und sehr sympathische Art von Dir zu erzählen. Ich musste häufig schmunzeln, als ich Deine Antworten las, weil Du so gut beschreiben kannst und Du einem beim Lesen einfach ans Herz wächst.

Bestimmt finden sich auch andere in Deinen Beschreibungen wieder und fühlen sich nicht mehr so alleine oder bekommen einen Fingerzeig, den Du damals bei der Lektüre von D. Tammets Buch hattest.

Alles Gute für Dich, Deine Familie und Deinen Verlag!

Silke alias Ella

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