Interview mit dem Rapper Mister S.: „Eure autistischen Kinder sind tolle Menschen.“

Foto von Mister S

©Mister S., Steve

Du bist bekannt als Mister S. Verrate uns doch bitte, wer Du bist und woher Du kommst.

Ja genau, ich nenne mich Mister S. Das „S“ steht für meinen Vornamen Steve. Ich bin 28 Jahre alt und komme aus dem schönen Ruhrpott.

Du bist Rapper und klärst mit Deinen Songs über Autismus auf. Wie kam es dazu?

Ich habe schon mit etwa 13 Jahren angefangen zu rappen. Die Musik war also immer schon ein Bestandteil meines Lebens. Mein ältestes Kind ist autistisch (frühkindlicher Autismus) und bei meinem mittleren Kind besteht der Verdacht. Ich selbst habe die Diagnose Asperger-Autismus.
Da Autismus also ein großer Teil meines Lebens ist, fing ich irgendwann damit an, dies in meinen Texten zu thematisieren. Zum einen, um die Gesellschaft über dieses Thema aufzuklären (um Vorurteile und Klischees abzubauen) und zum anderen, um meine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen.
Einige Leute berichten mir, dass sie sich dadurch verstanden fühlen, was mich sehr freut. Und auch mir selbst hilft es dabei, damit besser umzugehen.

Hast Du eine zentrale Botschaft, etwas, das Dir besonders wichtig ist?

Neben der allgemeinen Aufklärungsarbeit ist es mir sehr wichtig, den Betroffenen zu zeigen, dass es nichts Schlimmes ist, so zu sein, wie man ist.
Wenn man immer nur das macht, was die Gesellschaft von einen erwartet, wird man irgendwann in ein tiefes Loch fallen. Deshalb ist es wichtig, sich selbst zu akzeptieren. Auch den Eltern von autistischen Kindern möchte ich mit meiner Musik vermitteln, dass ihre Kinder tolle Menschen sind und dass das Leben weitergeht. Eine Autismus-Diagnose ist nichts Schlimmes. Natürlich steht man dadurch vor gewissen Herausforderungen, aber das Kind ist dadurch kein schlechterer Mensch.

Wie wirkt sich Dein Autismus in Deinem Leben aus?

Ich habe die typischen Probleme, die Autisten haben. Besonders die Kommunikation fällt mir schwer. Mit dem Rappen habe ich die Möglichkeit gefunden, meine Gedanken und Gefühle zu äußern. In einem Gespräch würde ich das auf dieser Art niemals hinbekommen. Auch die Reizüberflutung ist ein großes Thema. Ich versuche aber immer das Beste daraus zu machen und habe mehr oder weniger gelernt damit umzugehen.

Mein Sohn ist 18 Jahre alt und nichtsprechender Autist, wir kommunizieren per Gebärdensprache. Er braucht Hilfe in allen Lebenslagen. Was würdest Du ihn am liebsten fragen wollen?

Ich würde ihn gerne fragen, ob er glücklich ist. Denn ich finde, egal welche Handicaps man hat, die Hauptsache ist, dass man glücklich ist und sein Lachen niemals verliert.

… Ja, das sehe ich wie Du.

Du hast einige Tattoos – drücken sie etwas aus, das mit Deinem Leben als
Autist in Verbindung steht?

Ja, meine Tattoos haben alle besondere Bedeutungen. Am Wichtigsten ist mir mein Tattoo auf dem rechten Oberarm. Dort habe ich bunte Puzzleteile tätowiert, mit dem Schriftzug „love autism“.

Welche Klischees in Bezug auf Autismus sind Deiner Meinung nach die hartnäckigsten?

Da gibt es so einige. Viele Menschen erwarten, wenn sie vor einem Autisten stehen, dass er völlig zurückgezogen in seiner eigenen Welt lebt, kaum ansprechbar und schwer geistig behindert ist. Natürlich kann es sein, dass diese Personen mal einen Autisten kennengelernt haben, der so gewesen ist. Aber dass nicht alle Autisten so sind, können viele nicht verstehen.

Wiederum andere denken, dass jeder Autist ein Mathegenie ist. Manche glauben auch, Autisten hätten keine Empathie usw. usf. Es gibt so viele Klischees. Umso wichtiger ist die Aufklärungsarbeit, wie ich finde.

Wie sollte Aufklärung Deiner Meinung nach gestaltet sein?

Ich persönlich rappe, um aufzuklären. Du hast einen Blog. Andere tun dies auf irgendeine andere Art und Weise. Ich denke, dass es völlig egal ist, wie man aufklärt. Die Hauptsache ist, dass es von Herzen kommt.

Was brauchen Autisten und ihre Familien in unserer Gesellschaft? Wo fehlt es Deiner Meinung nach an Barrierefreiheit und Unterstützung?

Ich habe von vielen Eltern gelesen, dass sie nach der Diagnosestellung total alleine gelassen wurden. Sie wussten nicht, was sie im Umgang beachten müssen, sie wussten nicht, wo man eine Therapie beantragen kann und ob diese überhaupt notwendig ist usw. Da ist definitiv ein großer Mangel.

Ein weiteres Thema ist der Kindergarten- bzw. der Schulbesuch. Es gibt so viele Eltern, die keine passende Schulform für ihre autistischen Kinder finden. An vielen Schulen gibt es einen starken Fachkräftemangel. Viele autistische Kinder gehen daher total unter. Dahingehend muss sich definitv noch einiges ändern.

Ist Dir sonst noch etwas wichtig zu sagen?

„Wenn du immer wieder versuchst, „normal“ zu sein, wirst du niemals herausfinden, wie toll du sein kannst.“ Diesen Spruch möchte ich euch ans Herz legen, denn darin steckt so viel Wahrheit. Bleibt einfach so wie ihr seid und akzeptiert euch mit all euren Stärken und Schwächen, ganz egal was die anderen sagen. Autismus ist nämlich nicht schlimm. Schlimm ist, wenn andere Menschen dich und deine Persönlichkeit verändern wollen!

Herzlichen Dank, lieber Steve. Ich finde Deine Art der Aufklärung großartig. Deine Raps begeistern mich sehr häufig.

©Mister S.: Auswahl an Video-Vorschauen, YouTube

Wenn Ihr mehr über Mister S. erfahren und vor allem seine Raps anhören möchtet, besucht ihn auf seinem Youtube-Kanal. Es lohnt sich.

Außerdem findet Ihr Mister S. auf Facebook.

6 comments

  • Beate Zwick-Ebner

    @Mister S / Steve, vielen, vielen Dank für diesen Text! Du „rennst damit bei mir weit offene Türen ein“ (sozusagen ;), ich unterstreiche jedes Wort. Habe eine 13jährige Asperger-Tochter und bekomme deshalb gerade wieder intensiven Einblick in die pubertäre Stimmung einer 8. (Mädchen-)Klasse und ich muss sagen, wären alle so eine „gute Haut“, so ehrlich, aufrichtig und hätten so einen Sinn für Gerechtigkeit wie meine jüngste Tochter, Mobbing und „Zickenalarm“ wären definitiv kein Thema. Dafür (unter anderem) liebe ich sie ganz besonders. Und das habe ich ihr gerade heute morgen auch wieder gesagt!

    Ganz liebe Grüße, auch an Ellas Blog, alles GUTE und weiter so!

    Beate Zwick-Ebner

  • Grundsätzlich finde ich es gut, wenn jemand das Thema Autismus künstlerisch verarbeitet und auf diese Weise auch Menschen erreicht, die man sonst vielleicht nicht erreichen würde. Bei seinem Song „Fluch oder Segen?“ gefällt mir der dialektische Aufbau, bei dem Steve viele wichtige Fragen einbringt, ohne sie abschließend zu beantworten, was ja die innere Hin- und Hergerissenheit vieler Autisten gut wiedergibt.

    Trotzdem bleibt bei mir eine gewisse Zwiespältigkeit zurück, denn einige Aussagen gehen mir persönlich zu sehr in Richtung Idealisierung und Überhöhung von Autismus, die ich aus eigener Erfahrung nicht teilen kann. Bei „Fluch oder Segen?“ heißt es beispielweise:

    „Dieses Anderssein ist wunderbar und einfach nur geil“!

    Mit solchen und ähnlichen Aussagen hatte ich schon immer Probleme, weil ich sie als eine zwar ausgesprochen positive, aber zu einseitige und letztlich geschönte Würdigung dessen empfinde, was Autismus in seiner Gesamtheit ausmacht. Ich würde diesen Satz gerne unterschreiben, aber wenn ich auf meine Lebensgeschichte zurückblicke, dann war leider nicht alles nur wunderbar und geil.

    Auch mein kleiner Neffe (11 Jahre, Asperger-Autist) hat viele liebenswerte und sehr besondere Seiten. die ihn zu einem absolut einzigartigen Menschen machen. Und trotzdem ist der Umgang mit ihm oft überaus anstrengend und kräfteraubend ‒ selbst für mich, obwohl ich ebenfalls autistisch bin. So schön es auch wäre: Das autistische Anderssein kann man ‒ bei allem Verständnis für autistische Menschen ‒ nicht auf „wunderbar“ und „einfach nur geil“ verkürzen (vielleicht ist es so nicht gemeint, aber so wirkt es auf mich), da schwingt mir zu viel Wunschdenken mit. Autismus ist zu komlex, um ihn auf einfache Schlagworte zu reduzieren. Das gilt für die positiven genauso wie für die problematischen Aspekte.

    Lieber Steve, ich hoffe du versteht meine Bedenken nicht falsch: Ich möchte deine Arbeit nicht schlecht reden oder mies machen. Mir ist klar, dass Künstler das Recht haben müssen, Dinge zuzuspitzen und (auch im positiven Sinn) zu provozieren. Persönlich hab ich nur immer die Sorge, dass eine zu geschönte Darstellung von Autismus den Problemen autistischer Menschen auch nicht gerecht wird. Genauso wenig wie eine zu negative und defizitorientierte Sichtweise das kann.

    Auf jeden Fall wünsche ich dir, dass du mit deiner Musik deinen persönlichen Teil zur Aufklärungsarbeit beitragen kannst, dass du damit viele Menschen erreichst und in positiver Weise zum Nachdenken bringst. Das meine ich wirklich so, auch wenn ich nicht alle Aussagen aus deinen Texten unterschreiben kann.

    • Hi Dario. Dankeschön für deinen Kommentar und deine Kritik. Ich kann deine Kritik schon nachvollziehen, möchte dir aber sagen, dass meine Songs keineswegs so gemeint sind, wie sie bei dir ankommen. Natürlich ist nicht alles toll und wunderbar… Autisten haben ihre Defizite und haben es oft nicht leicht im Leben und für Eltern ist es oftmals kein leichter Weg. Wäre es nicht so, bräuchte man ja auch keine Diagnose. In anderen Songs und Facebook-Postings erwähne ich dies ja auch.

      Das Problem ist nur, dass man viel zu häufig negative Dinge in Bezug auf Autismus liest und das Positive nur wenig beleuchtet wird. Gerade für Jugendliche und Kinder ist das schwierig zu verstehen. Viele könnten dann daraus schlussfolgern, dass sie schlecht sind und daran Schuld sind, weshalb manche Dinge in ihrem Leben anders laufen, als bei anderen Kids.

      In Bezug auf die Inklusion finde ich diese derart negative Sichtweise über Autismus kontraproduktiv und gefährlich. Ich finde, jeder Mensch darf bzw. soll sich toll und „geil“ fühlen, ganz egal welche Handicaps er hat. Dies versuche ich in meinen Songs zu vermitteln. Ich hoffe, es ist jetzt etwas klarer geworden?!

      Danke für deine netten Wünsche ;-) Viele Grüße, Mister S.

  • Inzwischen habe ich mir weitere Videos von Steve angesehen und muss meinen ersten Eindruck, den ich von ihm hatte, ein wenig revidieren. Seine Erklärungen in „Ist Autismus eine Störung und Behinderung?“ finde ich z. B. sehr differenziert, da enstpricht vieles sogar meiner eigenen Meinung. Und auch „Sätze, die ein Autist NIEMALS sagen würde!“ finde ich richtig gut gelungen!

    Das erste Video, das ich mir angesehen hatte, war halt „Fluch oder Segen?“, indem es die besagten Zuspitzungen gibt, bei denen ich zunächst den Verdacht hatte: „Oh Mann, wieder so einer aus der Autistic-Pride-Fraktion, der seinen eigenen Autismus hemmungslos idealisiert.“ Das sehe ich inzwischen nicht mehr so, auch wenn ich einzelne Aussagen immer noch kritisch sehe.

  • Hallo Mister S,

    danke für deine nachträglichen Erklärungen. Wenn ich dich richtig verstehe, richten sich deine Songs in erster Linie an Jugendliche, denen du vermitteln willst, das man auch mit Autismus ein positives Selbstbild haben kann und sollte. Dadurch werden mir die Hintergründe tatsächlich etwas klarer. Ich sehe ein, dass man Kindern und Jugendliche noch nicht so mit einer dialektischen Herangehensweise erreichen kann, wie man bei Erwachsenen tun würde.

    Und es stimmt, das Recht, mich selbst toll und „geil“ zu fühlen, nehme ich mir für mich selbst natürlich auch heraus, genau wie ich es jedem Anderen zugestehe. Ich kann aber nicht sagen, dass ich WEGEN meines Autismus toll fühle. Auch nicht TROTZ meines Autismus, sondern einfach, weil Glücklichsein und Wohlbefinden zu den Grundbedürfnissen aller (!) Menschen gehören.

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