Interview mit Anne, Autistin und Bloggerin: „Ich möchte mit Vorurteilen aufräumen und zu Barrierefreiheit für AutistInnen beitragen.“

Interview

Liebe Anne, Du bist Autistin und schreibst selbst einen Blog. Erzähl doch bitte erstmal von Dir.

Hallo! Ich bin Anne, bald 26 Jahre alt und wohne in Leipzig. Ich habe einen Realschulabschluss an einer Schule für körperbehinderte Kinder und Jugendliche gemacht. Danach habe ich ein berufsvorbereitendes Jahr im BBW Dresden gemacht und dort anschließend meine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten abgeschlossen. Danach habe ich 2 Jahre lang in der Personalabteilung einer öffentlichen Institution gearbeitet und nun habe ich endlich einen festen Arbeitsvertrag und arbeite in der Verwaltung einer Schule.

Meine Spezialinteressen sind Rummel/Kirmes (das Leben von Schaustellern und alles rund um Fahrgeschäfte), das Mittelalter (insbesondere die Templer, Heilkräuter, das Besuchen von Burgen – was ja wegen Corona gerade nicht so drin ist), Psychologie und Autismus. Ich liebe Sand abgöttisch, sammle ihn und habe in meinem Keller einen Eimer mit Vogelsand stehen, den ich durchsiebe und immer mal wieder darin fühle. Das ist soooo entspannend.
Ich hasse Wespen (eigentlich drehe ich schon bei dem Geräusch komplett durch) und mache um Hunde und Fahrstühle einen großen Bogen. Es gibt eine Hand voll Hunde, die ich sehr liebe und die sich mir auch nähern dürfen. Zwei Hunde davon haben es sogar schon mal geschafft, mich von einem Meltdown abzuhalten!

©Bild von Anne zu einem ihrer Spezialthemen

Wann hast hast Du Deine Diagnose bekommen und wie ging es Dir damit?

Meine Diagnose habe ich bekommen, als ich gerade 18 Jahre alt war. Meine Mutti hatte in einer Weiterbildung von Autismus bei Mädchen erfahren und hat mich irgendwie darin wiedererkannt. Bei mir war dasselbe Problem, wie bei vielen anderen weiblichen Autistinnen – es wurde sehr spät erkannt. Weibliche Autistinnen verhalten sich nämlich oft deutlich unauffälliger als männliche Autisten. Sie haben meistens das Bedürfnis sich anzupassen und gehen vermutlich eher als schüchtern durch, als irgendwie merkwürdig. Auf jeden Fall hat sie mir vorgeschlagen, ob wir das mal abklären wollen – und siehe da: Treffer!

Für mich hat sich durch die Diagnose jetzt nicht super viel verändert (außer, dass sich Autismus zu meinem Spezialinteresse entwickelt hat irgendwann). Sie war zumindest in dem Sinne kein Schock oder so. Es war einfach nur eine Erklärung, warum ich mich in manchen Situationen so anders verhalte bzw. warum ich bestimmte Baustellen habe. Sie war in dem Sinne hilfreich, dass die Ausbilder und Betreuer in der Ausbildung natürlich deutlich besser auf meine Bedürfnisse eingehen konnten, als wenn sie es jetzt nicht gewusst hätten.
Außerdem gehe ich einmal monatlich zu einer betreuten Selbsthilfegruppe und nehme Gespräche bei der Psychologin wahr, die mich damals diagnostiziert hat. Bei ihr kann ich dann die Irritationen des Alltags besprechen und sie hilft mir, zum Beispiel dabei meine Gefühle besser zu erkennen. Ich nehme Gefühle in Formen und Farben wahr, anders erkenne ich sie irgendwie nicht und merke nur, mir geht es gut oder schlecht.

Seit wann war Dir klar, dass Du anders bist als Deine Mitmenschen?

Der Moment, als mir das so richtig heftig bewusst geworden ist, war, als ich in das Berufsbildungswerk nach Dresden ins berufsvorbereitende Jahr gegangen bin. Plötzlich waren vollkommen fremde Menschen um mich rum und die gewohnten Routinen aus meinem Schulalltag haben nicht mehr gegriffen (logisch).
In der Anfangszeit (das war auch die Zeit wo ich die Diagnose bekommen habe) habe ich nur mit einer Person aus der Gruppe, meiner Ausbilderin und den Betreuerinnen gesprochen, ansonsten kein Wort. Die fremde Umgebung und die fremden Menschen haben mich maximal überfordert.
Mit ganz viel Geduld und freundlichem Zureden hat mich meine Ausbilderin dann irgendwann dazu gebracht, dass ich meine Mitazubis ein bisschen besser kennenlerne und hat nach und nach behutsam eingeführt, dass die Zettel (mit denen ich in der Anfangszeit ausschließlich kommuniziert habe) mehr und mehr ausgeschlichen wurden. Es konnte zum Teil schon eine ganze Weile dauern, bis ich einen Satz rausgebracht habe, aber irgendwann ging es dann immer besser. Dann hat sie meine Mitazubis dazu instruiert keine Zettel mehr anzunehmen, komme was wolle (am Anfang hat sie noch angeboten, dass sie als Sprachrrohr fungiert, vorausgesetzt ich sage ihr es mündlich). Und irgendwann hat sie mich dann auch mal in andere Gruppen geschickt um kleinere Fragen zu stellen, sozusagen als Training.

Welche Strategien hast Du entwickelt, um besser zurechtzukommen?

  • Ohrenstöpsel tragen
  • schwere Decke zur Beruhigung
  • ich höre nahezu nonstop Musik (das beruhigt und lässt mich besser konzentrieren)
  • Kommunikationskarten (wenn ich mal wieder nicht sprechen kann)

Außerdem habe ich in der Küche Wochenpläne hängen (insgesamt immer für zwei Wochen), damit ich mich immer darauf einstellen kann, wann was passiert. Zusätzlich habe ich Checklisten in Bad und Schlafzimmer, was alles erledigt werden muss, bevor ich das Haus verlassen kann. (Ich spiele mich früh immer an Kleinigkeiten fest und komme ohne den Plan viel zu spät weg.) Bräuchte sowas eigentlich noch für die Küche und zum Aufräumen (damit ich nicht jedes Mal überlegen muss, was alles erledigt werden muss, damit die Wohnung ordentlich aussieht), bin aber noch nicht dazu gekommen…

Was würdest Du autistischen SchülerInnen raten, wenn sie Probleme mit den Rahmenbedingungen oder ihren MitschülerInnen haben?

Ihr solltet um keinen Preis anfangen, euch irgendwie zu verstellen. Das klappt erstens ohnehin nicht auf die Dauer und zweitens zieht es euch massiv den inneren Akku leer. Und den braucht ihr für wichtigere Dinge, glaubt mir. Wer euch ärgert, provoziert, der ist es überhaupt nicht wert, dass ihr euch für ihn verstellt.
Sprecht mit eurem Lehrer/eurer Lehrerin. Sie kann die Mitschüler über euren Autismus aufklären und für Verständnis werben. Außerdem kann sie Missverständnisse aufklären. Vielleicht kann euch auch eure Psychologin/euer Psychologe helfen, der euch diagnostiziert hat. Der kennt sich ja am ehesten mit Autismus aus und hat garantiert schon die eine oder andere Erfahrung gemacht, was die Aufklärungsarbeit in Schulen betrifft.

Zu den Rahmenbedingungen kann ich nicht ganz so viel sagen. Nur: geht hier wirklich mit eurem Lehrer ins Gespräch. Holt euch Unterstützung. Meistens reichen nur vermeintliche Kleinigkeiten aus, um die Situation in der Schule für dich deutlich zu verbessern. Vergiss auch nicht: Menschen mit einer Einschränkung haben Anspruch auf Nachteilsausgleiche (Dazu habe ich auf meinem Blog bereits einen Beitrag geschrieben).
Wenn das alleine noch nicht ausreicht, könnt ihr gemeinsam mit deinen Eltern überlegen, ob ein Schulbegleiter helfen kann. Der begleitet dich in den Unterricht und unterstützt dich dort vor Ort.

Was fällt Dir leicht und was schwer?

Ich liebe jegliche Form schriftlicher Kommunikation. Als ich Kind war, habe ich seitenweise Geschichten geschrieben (tue ich jetzt auch manchmal noch, aber seltener, ich konzentriere mich jetzt eher auf meinen Blog).
Nicht so gut bin ich mit Zahlen, Fristen berechnen kann ich trotz extremer Bemühungen meines Ausbilders bis heute nicht. Außerdem telefoniere ich nicht so gerne und wenn sich jemand anders meldet, als ich es gewohnt bin, bin ich direkt ganz raus.
Insgesamt sprechen vor Fremden ist nicht so mein Ding. Es kann auch schon durchaus sein, dass ich in den Dönerladen gehe und ihnen nur einen Zettel mit meiner Bestellung entgegen halte. Wenn ich aufgeregt bin, stottere ich sehr stark. Außerdem habe ich Probleme mit Veränderungen.

Welche Klischees und Vorurteile stören Dich besonders?

Mit Abstand, dass wir angeblich kleine Rain-Mans sind. Menschen mit dem Savant-Syndrom sind soo selten, es ist einfach albern, dass man uns immer wieder eine Hochbegabung andichtet. Außerdem finde ich es doof, dass wir in Filmen so unrealistisch dargestellt werden. Das macht ein falsches Bild von Autismus.
Was ich aber so richtig bescheuert fand, als mir jemand einreden wollte, dass das Asperger-Syndrom und Autismus verschiedene Sachen sind. Nein – Asperger ist eine Form des Autismus, nicht umsonst ist es eine Autismus-Spektrums-Störung.

Was wünschst Du Dir von Deinen MItmenschen?

Nicht mehr als einfach nur Verständnis. Es ist unheimlich ermüdend teilweise, wenn einem immer wieder gesagt wird, dass ich mich nicht so anstellen soll oder dass ich das doch langsam mal können müsste. Nein, nein, und noch mal nein. Es gibt Dinge, die kann ich nicht lernen.

Warum hast Du angefangen, selbst zu bloggen?

Ich schreibe für mein Leben gern! Darum sind meine Beiträge (genau wie dieses Interview) auch immer so lang. *grins* Warum also das Hobby nicht mit etwas Sinnvollem verbinden? Es gibt viel zu wenig Menschen, die sich mit Autismus auskennen – die meisten beziehen ihr „Wissen“ aus Kinofilmen, wo ein Klischee nach dem anderen bedient wird. Demzufolge herrscht meist ein vollkommen falsches Bild von Autisten in den Köpfen der Menschen.
Außerdem möchte ich meine Erfahrungen als Autistin dafür nutzen, um z. B. Angehörige oder Freunde dabei unterstützen, den Autisten ihres Vertrauens besser zu verstehen und ihnen den Umgang mit ihm/ihr ein bisschen zu erleichtern. By the way ist das Thema Autismus vor einer Weile aber auch zu einer Art Spezialinteresse für mich geworden. Da ich für den Blog viel recherchiere, gehe ich gleichzeitig einem meiner Spezialinteressen nach.

Was möchtest Du mit Deinem Blog erreichen? Hast Du eine Vision?

Mein Blog ist nicht auf eine bestimmte Zielgruppe ausgelegt, darum sind die Themen auch so durchmischt. Jeder, der etwas über Autismus erfahren möchte (z. B. als LehrerIn, Angehöriger, Freund, Arbeitgeber, grundsätzlich Interessierter) oder selber autistisch ist und einfach etwas über die Erfahrungen anderer Autisten erfahren möchte, soll etwas für sich mitnehmen können. Deswegen habe ich mehrere Ziele:

• Ich möchte gern andere Autisten mit dem Blog erreichen.

Egal ob man die Diagnose schon sehr lange hat, oder gerade frisch diagnostiziert – auch viele Menschen im Autismus-Spektrum brauchen ab und zu mal Austausch oder die Erfahrungen von Gleichgesinnten, die ähnlich ticken. Vielleicht kennt der eine oder andere Autist manche Probleme/Herausforderungen auch und kann möglicherweise eine Lösung für sich mitnehmen. Oder er spürt dann in dem Moment einfach, dass er nicht alleine ist in einer Welt voller Neurotypen. Das wäre ja auch schon mal etwas.

• Das Verständnis für die Eigenheiten von autistischen Menschen soll verbessert werden.

Ich höre ganz oft Sätze wie: „Da musst du durch!“ / „Das ist jetzt halt mal so!“ / „Stell dich mal nicht so an.“ Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielen Autisten diesbezüglich ähnlich geht. Das finde ich einfach blöd, denn das zeigt immer wieder, dass sich die Neurotypen wirklich schlecht in Autisten reinversetzen können (obwohl man das ja eigentlich eher uns nachsagt.) Ich hege die Hoffnung, dass die Neurotypen es vielleicht besser nachvollziehen können, wenn sie unsere Sichtweise auf die Dinge sehen und solche Sprüche dann stecken lassen.

• Ich möchte Tipps im Umgang mit autistischen Menschen geben.

Es gibt natürlich auch immer Menschen, die sich wirklich Mühe geben, sich auf uns einzulassen und einfach nicht so richtig wissen, wie sie mit uns umgehen sollen. Oder Eltern autistischer Kinder sind vielleicht auch manchmal hilflos, weil sie nicht wissen, was sie noch tun können, damit ihr Kind besser durch schwierige Situationen durchkommt. Denn egal wie gut sie sich mit Autismus auskennen – ein autistischer Mensch hat ja doch noch mal einen anderen Blickwinkel auf die Situation, weil er sich besser hineinversetzen kann. Darum schreibe ich zu jedem Problem was ich schildere, mögliche Lösungen die ich mir vorstellen könnte als Autist.

• Ich möchte mit Missverständnissen und Klischees aufräumen.

Sind wir mal ehrlich – davon gibt es viel zu viele. Die Menschen meinen das gar nicht böse. Sie wissen einfach zu wenig und die Filme über „Autismus“ sorgen dann für den Rest…

• Ich möchte einen Beitrag zur Barrierefreiheit für Autisten leisten.

Woran denken Veranstalter/Einkaufsmärkte/Verwaltungen/etc. als allererstes wenn sie an Barrierefreiheit denken? Meist an Sehbehinderte, Mobilitätseingeschränkte und mit etwas Glück noch an Menschen mit einer Hörbehinderung. Ist alles ganz wichtig und sinnvoll – aber was ist mit Autisten? Es würden manchmal schon so kleine Anpassungen genügen, um einem Autisten den Aufenthalt viel angenehmer zu gestalten und zu verhindern, dass er mit einem Overload dort rausgeht. Hierfür möchte ich Tipps geben. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Hier geht`s zu Annes Blog

Was ist Dir sonst noch wichtig zu sagen?

Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr ab und zu mal auf meinem Blog vorbeischaut und mir gern Feedback da lasst. Ich schreibe auch sehr gern mal zu einem Thema was ihr bisher auf meinem Blog noch vermisst – lasst es mich einfach wissen.
Und: versucht so gut wie möglich ihr selbst zu sein. Wer euch nicht so nimmt, wie ihr seid – der ist es ohnehin nicht wert, sich für ihn anzustrengen. Ihr seid wundervoll, genauso wie ihr seid. Jeder Mensch ist individuell und garantiert habt ihr etwas, das kein anderer so gut kann, wie ihr. Ein Freund von mir sagt immer: „Menschen ohne Macke, sind kacke.“ Wie langweilig wäre es denn, wenn wir alle gleichgeschaltet wären? Dann könnte man sich doch gar nicht auseinander halten!

Gebt niemals auf, eure Träume zu verfolgen. Lasst euch von niemandem einreden, dass ihr etwas sowieso nicht könnt, nur weil ihr autistisch seid. Nur weil man Autistin oder Autist ist, bedeutet das noch lange nicht, dass manche Dinge von vornherein ausgeschlossen sind. Vielleicht müssen Anpassungen vorgenommen werden, aber es ist nichts unmöglich. Kämpft für das, was ihr erreichen wollt, ihr packt es ganz sicher! Egal ob ihr Nichtautist oder Autist seid.

2 comments

  • DanIela

    Hallo Anne,
    danke für Deine Gedanken und Deinen Blog gerade aus weiblicher Sicht!

    Ich bin Mama von 2 „Special Editions“ beiderlei Geschlechts – und auch größeren Problemen mitzuteilen, was in ihnen so vorgeht, wenn sie etwas schwierig finden.
    Insofern finde ich immer hilfreich von anderen zu hören, wie genau sie Dinge anders empfinden, um mich vielleicht langfristig etwas besser gedanklich darauf eingrooven zu können.

    Meine Tochter ist mit sich im Reinen, mein Sohn kämpft noch – und die Pubertät ist auch noch nicht ganz durch, ADHS sei Dank!

    Ich hoffe, dass er den Dreh mit und für sich so weit findet – und ich die Nerven habe, das ausreichend lange gut mit Beiden durchzustehen, damit sie irgendwann auch flügge werden.

    Dir alles Liebe und Gute,
    Daniela

  • Jana

    Liebe Anne, ich scrolle gerade durch deinen Blog und lese und lese. Bin Mitte 50 und habe 2018 die Diagnose Asperger Syndrom erhalten.
    Du hast alles so gut beschrieben, ich habe sogar mehrfach Übereinstimmungen direkt zwischen uns beiden gefunden. Z. B. Salzkartoffeln ja, Kartoffelbrei nein.
    Deine Beschreibung von Meltdowns war eine der besten, die ich bisher gelesen hatte.
    Ich wünsche dir alles Gute,
    Liebe Grüße, Jana

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