Ich muss es sofort tun und ich kann es Dir nicht oft genug sagen

Ich möchte Euch gern an einer Reaktion zu meinem Blogbeitrag „mein kleines großes Kind“ teilhaben lassen.
Nach der Veröffentlichung schrieb mich eine Mutter an und bedankte sich, weil der Text Anlass dafür war, dass sie mit ihrer Asperger-Tochter an diesem Tag ein sehr bewegendes Gespräch führen konnte.

Auch mich haben ihre Ausführungen berührt und daher möchte ich Euch – selbstverständlich mit ihrem Einverständnis – gern davon erzählen.
Denn wieder einmal ist es so, dass ich von Autisten, in dem Fall von der Tochter dieser Mutter, viel gelernt habe und meinen eigenen Sohn, der ja nichtsprechend ist, dadurch ein bisschen besser verstehen kann.

Ich möchte die junge Frau Merle nennen – ich mag den Namen sehr :-) .
Merle hatte gemeinsam mit ihrer Mutter „mein kleines großes Kind“ gelesen, nachdem die Beiden an diesem Tag bereits über die Themen „Loslassen, Selbständigkeit und Fremdbestimmung“ gesprochen hatten und offenbar war der Blogbeitrag Auslöser dafür, dass sich das Gespräch vertiefen konnte.
„Es ist selten der Fall, dass sie so offen über diese Dinge mit mir spricht“, schrieb mir die Mutter.  Und so erklärte Merle ihrer Mama an diesem Tag, warum sie manchmal Gefühle sofort und unmittelbar ausdrücken muss und warum sie sich an manchen Tagen ständig wiederholt:
Merle erklärte ihrer Mama, dass sie an manchen Tagen 20 Mal und mehr „Ich liebe Dich“ zu ihr sagen muss, damit sie sich sicherer fühlt und damit sie einen Zugang zu den Gefühlen bekommt, die mit diesem Satz verbunden sind. Durch das Aussprechen – immer und immer wieder – könne sie eine Verknüpfung zur Wahrnehmung ihrer Gefühle bekommen und sie besser einordnen. Das braucht sie aber nicht, weil die Gefühle etwa zu schwach wären, sondern weil sie manchmal so „massiv“ und „intensiv“ sind, dass sie sie überwältigen. Es ist dann so, als würden die Gefühle gegen eine Mauer prallen, weil sie keinen Weg nach Außen finden. Die Worte, die Merle dann immer wieder ausspricht, helfen dabei, die Mauer bröckeln zu lassen, den Gefühlen einen Ausweg zu bahnen und sie dann – wenn die Mauer überwunden ist – einzuordnen. Das wiederum gibt Sicherheit in einem Chaos von Wahrnehmung und Gefühlen.

Merle sagte auch, dass sie wohl toben und schreien müsste, wenn sie nicht die Möglichkeit hätte, sich mit Worten zu äußern. Irgendwie müssen die Gefühle raus. Und so kennt sie es auch selbst, dass sie in Momenten, in denen sie keine Worte findet, sofort aufspringt und z.B. ihre Mama unvermittelt umarmt. Das muss dann sofort geschehen, bevor die Mauer übermächtig wird und sie im Wahrnehmungs- und Gefühlschaos und in vollkommener Unsicherheit einschließt. Das kann überall geschehen, manchmal auch an Orten, an denen es unangemessen scheint und sich andere Menschen darüber wundern, aber sie könne nicht anders.

Die Mail der Mutter gab mir spontan so viel – so viel Verschiedenes: Begreifen, Wehmut, Dankbarkeit.

Begreifen, weil ich besser verstehen kann, warum Niklas immer wieder dieselben Dinge gebärdet. Seit vielen Wochen ist einer seiner Mitschüler krank und wir gebärden immer wieder darüber. Merles Erklärungen haben mich dies nochmal in völlig anderem Licht erscheinen lassen, denn er gebärdet ständig, dass er traurig ist, weil sein Freund nicht da ist und dass er sich Sorgen macht. Es ist nicht einfach nur ein wiederholen, weil ihm gerade kein anderes Thema einfällt, sondern ein Weg, seinen Gefühlen einen Weg zu bahnen. So kommen an manchen Tagen 30 oder 40 Mal die Gebärden, die mit der Krankheit seines Freundes zusammenhängen: welche Gedanken mögen noch daran hängen, die er nicht differenziert ausdrücken kann, aber die mit Gefühlen verbunden sind, die ihn unsicher machen? Und das ständige Wiederholen gibt ihm vielleicht Sicherheit in einer Gefühlswelt, die man in seinem Reichtum so leicht unterschätzen kann, wenn sich das eigene Kind nur reduziert verständlich machen kann.

Begreifen außerdem, warum  er aus dem heftigen Gefühl heraus, dass etwas Ungerechtes oder Unerwünschtes passiert, impulsiv handelt. Die Gefühle müssen raus, Worte hat er nicht, mit seinen Gebärden kommt er in diesen Situationen an seine Grenzen und dann schreit oder tobt er und gefährdet sich und andere damit. Anschließend kommt meistens sofort die Gebärde „Entschuldigung“ – die Mauer ist gesprengt, die Sicherheit wieder da, klares Denken möglich.

Wehmut, weil Niklas nicht so mit mir sprechen kann wie Merle es mit ihrer Mutter in der Situation getan hat. Ich wünsche mir manchmal so sehr, seine Stimme zu hören, genauer zu erfahren, wie es ihm geht und was ihm durch den Kopf schwirrt. Und ich wünsche mir so sehr, dass all diese Fülle an Ideen, Schmerz, Freude, Traurigkeit und Lebensfreude nicht in ihm eingeschlossen bleiben muss.

Dankbarkeit, weil Niklas wunderbar gebärdet. Die Gebärdensprache bedeutet so viel Lebensqualität und eine große Chance – wenn auch nicht alles – doch sehr, sehr viel von ihm zu erfahren. Ich bin mir des großen Glücks bewusst, dass er uns mit seiner Gebärdensprache an Vielem teilhaben lässt.

Danke, Merle – für all Deine Erklärungen. ♥

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Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Ein Kind mit Autismus zu begleiten, ist auch eine Reise zu sich selbst“

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Vielleicht interessant zum Weiterlesen:

„Mein kleines großes Kind“

„Autismus und Gebärdensprache“

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5 comments

  • Marijana Herold

    Hallo Frau Bauerfeind,

    ich habe Sie gestern bei Ihrer Lesung in Feuchtwangen kennen gelernt 😊. Ihre Texte und Erzählungen haben mich sehr berührt, nicht nur weil auch Ihr Sohn den gleichen Namen hat wie unser Sohn 😉 sondern weil es unser Leben und unseren Alltag wiederspiegelt.

    Ich habe heute gleich wieder in Ihrem Blog „gestöbert“ und möchte mich einfach bedanken für so viele tolle Erzählungen!!!
    Vielen lieben Dank

    Marijana Herold

    • Ella

      Ganz herzlichen Dank für die Rückmeldung. Ich kann mich gut an Sie erinnern :-)
      Und es freut mich sehr, wenn „Ellas Blog“ ein kleines bisschen helfen kann. Schön, dass wir uns kennengelernt haben.
      Ganz liebe Grüße ♥ Silke alias Ella :-)

  • Tanja Lindemann

    so wie sie Niklas beschreiben, erinnert es mich sehr an meine Tochter. Mit sieben Jahren konnte sie außer ein paar Worten nichts sprechen. In der Förderschule haben wir Gebärden gelernt und als sie mir das erste Mal mitteilen konnte, dass sie ein Leberwurstbrot haben möchte war ich begeistert. nun ist sie ja schon 16 und spricht glücklicherweise kleine Sätze seit einem Jahr gibt es sogar kleine Antwort. Was das für uns bedeutet ist in Worte nicht zu fassen, sie hat auch die Form des Frühkindlichen Autismus.Ich bin so froh auf diesen Blog gestossen zu sein, weil es mir hilft Dinge besser zu verstehen. Es gibt in unserer Förderschule nicht all zu viele Autisten, also haben wir kaum die Möglichkeit uns auszutauschen. Lange war die Diagnose nicht klar und wir sehr allein. Glücklicherweise kam sie im letzten Jahr in eine neue Klasse, deren Lehrer besonders auf Autisten geschult sind, das ist ein wahrer Glücksgriff, ebenso hat sie eine I Helferin bekommen.Sie macht tolle Fortschritte auch wenn er noch so klein ist. Schön das es diesen Blog gibt :-)

  • Michaela Gosselink

    Vielen Dank für diesen tollen Blog. Ich erkenne oft meinen Sohn wieder und es hilft, vieles mit anderen Augen zu sehen. ..besser zu verstehen. Ich bin sehr froh auf diesen Blog gestoßen zu sein. Vielen Dank!

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