Gastbeitrag: Wo stehen wir? Wo wollen wir hin?

Gastbeitrag von Sani:

Foto von Ulrich Schaffer, Möwe

©Foto von Ulrich Schaffer

Als Mama eines autistischen Mädchens weiß ich, dass es sehr viel Kraft und auch Übung kostet, sich immer wieder neu auszurichten und zu motivieren, wahrzunehmen, was sich gerade verändert, was mein Kind braucht und was ich brauche, um mein Kind zu unterstützen.
Sich dabei nicht zu verlieren, womöglich „blind“ für das, was wichtig ist, zu werden, sich immer wieder zu reflektieren, zumal es in unserer Welt immer schneller, lauter und chaotischer zugeht, ist gar nicht so leicht.
Wenn alles gut läuft und wenige Probleme auftreten, sind wir nicht gezwungen, nach einem Plan B zu suchen. Viele von uns sind vielleicht in der Lage, dankbar in selbstverständlich gut laufenden Zeiten zu sein. Wenn dann aber Probleme auftreten und neue Herausforderungen auf uns warten, kommt alles geballt auf uns zu und das Gefühl von Dankbarkeit ist weit weg oder nur schwer erreichbar.

Ein guter Freund hat mir vor Kurzem ein Gedicht geschickt, das mir viele Denkanstöße gegeben und mir bei den Fragen geholfen hat: „Wo stehen wir, wo wollen wir hin, sind wir auf dem richtigen Weg“?

 

Nimm mich so, oder lass mich
von Ulrich Schaffer

Ich werde nicht gehen,
auch wenn sich überall Türen zum Gehen auftun,
ich werde bleiben.
Ich werde die Augen nicht schließen,
ich werde alles betrachten,
auch das, was mir Angst macht.
Ich werde nicht hassen,
auch wenn die Situation mir das anbietet,
ich werde das Lieben üben
und lernen, es immer besser zu können.
Ich werde nicht mitmachen,
auch wenn es das Einfachste wäre –
ich werde Widerstand leisten
und ihn nicht nur leisten,
sondern wesenhaft Widerstand sein.
Ich werde mich nicht beschwatzen lassen,
sondern meiner Überzeugung folgen.
Ich werde nicht da sein,
wenn ich ohne gefragt zu werden schon eingeplant bin.
Ich werde andere nicht manipulieren,
auch wenn es leicht wäre,
jemanden von etwas Besserem zu überzeugen.
Ich werde nicht festwachsen, sondern unterwegs bleiben,
bin ich doch ein Wanderer zwischen den Welten.
Ich werde mit meiner Lebendigkeit nicht aufhören,
auch wenn ich dafür kritisiert werde
auch wenn die Versuchung groß ist,
mir das Leben leicht zu machen.
Ich werde nicht den Weg
des geringsten Widerstands wählen,
weiß ich doch, dass ich damit
den Weg des geringsten Wachstums wähle.
Ich werde mich nicht verstecken,
sondern da sein und mich gegenwärtig machen,
bis der sichtbar ist, der ich bin.
Ich werde so sein, dass ich erkannt werden kann
in meiner unauswechselbaren Einmaligkeit.
Ich werde mir treu bleiben,
auch wenn mir angeboten wird,
mich selbst endlich zu verlassen,
damit alles besser funktioniert.
Ich funktioniere nicht,
weil ich ein organisches Wesen bin,
das liebt, leidet und wächst.
Nimm mich so, oder lass mich.

 

Foto von Ulrich Schaffer, Person im Wasser stehend, Sonnenuntergang

©Ulrich Schaffer

 

Die Verwendung des Gedichts und der Fotos in diesem Beitrag erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors Ulrich Schaffer. Vielen Dank!

 

 

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