Gastbeitrag: Wie der autistische Marco mit seiner Familie Ausflüge per Tandem unternimmt

Gastbeitrag:

Wahrscheinlich wissen die meisten von Euch, wie hart wir manchmal um die alltäglichen Dinge kämpfen. Bei uns war das Fahrradfahren so ein Ding. Am Anfang saß unser kleiner Marco (Diagnose: Frühkindlicher Autismus) im Radanhänger und alles war gut. Er liebte diesen Platz – auch wegen des sich drehenden Hinterrads direkt vor seiner Nase. Als sein kleiner Bruder dazu kam, wechselten die zwei zwischen Fahrradsitz und Radanhänger hin und her, je nachdem, wer sich gerade wo wohler fühlte. Aber dann wurde Marco für beides zu groß.

Wir probierten eine Nachziehstange, mit der ein normales Kinderrad am Elternrad angehängt wird. Das klappte – solange wir allein auf weiter Flur waren. Begegnete uns ein Auto oder ein anderer Radfahrer, sprang Marco ab, um flatternd dieser Irritation nachzurennen. Das ist eine Eigenart von ihm: er verfolgt Dinge, die sich bewegen und wird dabei von Kreisbewegungen so stark angezogen, dass er oft nicht „bei sich bleiben“ kann und sich selbst in Gefahr bringt. Sein kleiner Bruder hingegen lernte das Radfahren schnell und war bald für größere Radtouren bereit. Für uns eine frustrierende Situation.

Also suchten wir ein Fahrrad für Marco, das ihm genügend Sicherheit vermittelt, auch für ihn als unruhig wahrgenommene Verkehrssituationen aushalten zu können. Wir waren schnell desillusioniert von den Preisen für solche Spezialräder. Trotzdem testeten wir so ein sperriges Oberklassemobil, bei dem Marco in einer halb liegenden Position vor dem Fahrer fixiert sitzen konnte. Aber fixiert sitzen? Uns war dabei unwohl, selbst wenn die Fixierung seiner Sicherheit diente. Mal ganz abgesehen davon, dass keiner von uns in dieser Zeit die Nerven hatte, bei der zuständigen Stelle um einen Zuschuss zu kämpfen, den wir für diese teure Anschaffung benötigt hätten. Meine Frau gab auf: bevor Marco nur festgezurrt dabei sein kann, gibt es lieber keine gemeinsamen Familienradtouren mehr. Ich suchte weiter.

Und wurde fündig: Eine Firma aus USA stellt ein Tandem-Rad her, bei dem der Beifahrer vorne sitzt und von seinem Begleiter umfangen wird. Der Lenker des „BuddyBike“ ist extrem lang und so gebogen, dass das möglich ist. Ein kürzerer Lenker dient dem Beifahrer als Sicherheit. Meine Frau war skeptisch: das Ding kann nicht probegefahren werden, dann die Frachtkosten, die Strafzölle auf China-Stahl, die Importkosten nach Europa und was ist, wenn das Ding am Ende für uns nicht taugt? Ich blieb hartnäckig und durfte sehr viele positive Erfahrungen mit amerikanischem Pragmatismus und deutschem Zollwesen machen. Wir konnten das Rad zollfrei importieren und zahlten dafür mit allen Nebenkosten 2.600 Euro.

Seitdem radeln wir wieder: Im Urlaub, denn das Rad passt auf einen handelsüblichen Radträger. Am Wochenende, egal wieviel auf den Radwegen los ist und zum Einkaufen mit der ganzen Familie. Sogar die Oma war mit ihrem E-Bike schon dabei. Marco liebt das Rad. Im Morgenkreis in der Schule hat er in Gebärden von seinem Rad erzählt – vor allen Mitschülern. Seine Schulbegleitung war sprachlos. Inzwischen tritt Marco selbst in die Pedale und ich kann manchmal schon meine Beine ausruhen. Wir sind ein eingespieltes Team. Wenn Marco unruhig wird, leg’ ich ihm die Hand auf die Schulter. Einen coolen Nebeneffekt gibt es auch noch: Seit Marco die Tretbewegung beherrscht, marschiert er im Wechselschritt die Treppen hinab. So schnell, dass wir immer noch erschrecken, wenn er, unten angekommen, schon direkt hinter uns steht.

Falls ihr auch Interesse an so einem Fahrrad habt, dürft ihr mich gerne darauf ansprechen/ anmailen. Wer das Rad mal ausprobieren möchte darf sich ebenfalls bei mir melden. Im Internet findet ihr das Rad unter buddybike.com.

Herzliche Grüße Marcos Papa

2 comments

  • Claudia

    Danke für den schönen Beitrag. Unsere Tochter hat auch große Ängste vor dem Selbstständigen Radfahren.Laufrad fahren war kein Problem, aber selbstständiges Fahrrad fahren klappt einfach nicht. Wir haben in den Herbstferien ein Lastenfahrrad Yuba Boda Boda in Heidelberg getestet. Es passt zu uns. Unsere Tochter sitzt hinten auf einen gepolsterten Sitz mit kleinen Lenkrad und Trittbrettern. Es ist so groß wie ein normales Fahrrad und fährt sich super Dank E Motorantrieb.

  • Hei Dus

    Laufrad fahren war auch kein Problem für meinen Sohn. Aber leider wurde bei meinem Sohn nicht versucht direkt vom Laufradfahren auf das Fahrradfahren umzustellen, sondern erst das Radfahren mit Stützräder versucht. Somit kann er weiterhin nicht selbstständig Radfahren. Nun fahren wir gemeinsam ein sogenanntes Stufentandem Pino Steps von Hase. Bei diesem Tandem sitzt bzw. liegt mein Sohn vor mir und er kann auch mit-treten, was er auch mittlerweile gerne und ohne Aufforderung tut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.