Gastbeitrag: Warum das Essen mit den Fingern eigentlich ganz schlau ist

Yvonne ist Logopädin und Mutter eines kleinen Sohnes von vier Jahren. Er hat bisher die Diagnose „Wahrnehmungverarbeitungsstörung“ und befindet sich aktuell in der Autismus-Diagnostik.
Zum Thema „Essen und Wahrnehmung“ hat Yvonne mir einen tollen Gastbeitrag geschickt.

Kind beim Essen

Warum das Essen mit den Fingern eigentlich ganz schlau ist…
von Yvonne

Ich möchte gerne über ein Thema aus der Rubrik „Wahrnehmung“ schreiben, das viele – ja fast alle – von uns kennen und das doch irgendwie so alltäglich ist, dass es unbeachtet scheint.
In meinem Beruf als Logopädin und als Mutter bin ich ständig in der Erklärungssituation und es liegt mir sehr am Herzen, dass viele von diesen Zusammenhängen wissen und sie weitersagen.

In unserem Gehirn – genauer gesagt in der Großhirnrinde – sind die Bereiche verschiedenen Körperteilen/-Regionen zugeordnet.
So liegen z.B. der Mund/die Zunge direkt neben der Hand/den Fingern. Das betrifft die Wahrnehmung und auch die Motorik dieser Körperteile.
Als Logopädin habe ich diese „Verbindung“ schon oft therapeutisch genutzt, z.B. sind Gebärden unterstützend für die Sprachentwicklung bei Kindern; Handmassagen und Stimulation (z.B. mit Wasser, Fühlangeboten) wirken beruhigend auf orale Überreaktionen (z.B. Spucken, Lippenbeißen), nach neurologischen Ereignissen sprechanregend bei Menschen mit Sprech- und Sprachstörungen und sie verbessern z.B. auch die Aktivität der Mundmuskulatur bei Menschen mit Schluckstörungen.
Und wir alle nutzen diese Nähe von Mund und Hand auch: wenn wir konzentriert sind oder besonders sauber zeichnen, schreiben, schneiden wollen, knabbern wir möglicherweise auf den Lippen, machen akrobatische Kunststücke mit der Zunge…da hilft der Mund unseren Händen.

Jetzt fragt ihr euch sicher: ja – und was hat das jetzt damit zu tun, wenn mein Kind mit den Fingern im Essen herummatscht und nicht mit Besteck essen mag, obwohl er/sie es vielleicht sogar richtig gut beherrscht?!

Ein Kind mit Schwierigkeiten in der Reizverarbeitung muss beim Essen mit seinem Mund Höchstleistungen vollbringen – es muss nicht nur Temperatur der Lebensmittel, Geruch, Geschmack, Konsistenz und Menge „bestimmen“, sondern sich auch mit der Situation am Tisch, z.B. Gespräche der Tischnachbarn, Musik/Geräusche am Tisch und im Hintergrund, Bewegungen und Licht am Fenster usw. auseinandersetzen.
Und dann ist da noch das Besteck, welches vielleicht aus Metall oder doch aus Plastik oder Keramik ist, und das Essen wenn möglich ohne größere Unfälle zum Mund befördern soll.

Für uns Nichtautisten sind diese Abläufe automatisiert – wir machen es einfach ohne nachzudenken und ärgern uns höchstens über einen komischen Geschmack oder wenn wir uns die Zunge „verbrennen“… oder was ich perfektioniert habe: wenn gekleckert wurde!
Die Kinder möchten natürlich so essen wie wir – Essen ist ein wichtiger sozialer Akt und es bedeutet Lebensqualität.
Aber wenn die Reize und Wahrnehmungen zu viel werden, brauchen sie Hilfe!
Jedes Wort der Anleitung wäre genau in dieser Situation ein Zuviel auf den Berg, der eh schon unüberwindbar scheint.
Genauso wie jede Berührung, um vielleicht die Hand zu führen oder das Besteck zurück in die Hand zu legen…

Und genau in dieser Situation helfen sich die Kinder selbst – und das auf ganz kluge Art und Weise: sie nutzen das, was wir auch täglich tun, was die Natur ihnen mitgegeben hat – nämlich die faszinierende Nähe von Mund und Hand im Gehirn.
Mit den Fingern zu essen, ist eine unglaublich gute Strategie sich selbst zu helfen und vor ungewollten Dingen (z.B. zu heiße oder zu kalte Speise) zu schützen und dem Mund einige Aufgaben abzunehmen – z.B. das Fühlen der Temperatur, der Konsistenz, der Menge usw.
Auch kann man super an den Speisen riechen – unser Geruchssinn ist fest mit dem Geschmack verknüpft (das merken wir Großen etwa beim Schnupfen – wenn das Riechen nicht geht, ist der Geschmack auch verschollen).

Wenn mich Eltern, Lehrer, Erzieher fragen, was sie am besten tun sollen – empfehle ich meist dieses: Gebt den Kindern das gleiche Besteck wie immer, so dass sie es versuchen können, denn sie wollen ja – schaffen sie es jedoch nicht (mehr), dann lasst ihnen die Finger unkommentiert als Hilfe.
Und bitte schaut auf die Umgebungssituation am Tisch – um so ruhiger/entspannter/reizarmer, um so seltener werden die Hände gebraucht.

Und wenn wir als Tischgesellschaft es so annehmen können und gelassen unsere Mahlzeit in Ruhe genießen, dann haben wir alle einen kleinen Genussmoment gewonnen.

Danke, liebe Yvonne, Dein Beitrag hat mir einige Aha-Momente beschert. Toll, dass Du Dein Wissen mit uns teilst!

Vorschläge zum Weiterlesen:

Mahlzeit! Wenn sich Rituale in einer Familie mit autistischem Kind verändern.

Die Sache mit dem Essen – Autismus und die Gourmetküche

3 comments

  • Gudrun

    Herzlichen Dank für diesen erhellenden Beitrag, ich werde Ihn gerne an den Mittagstisch und das Kollegium weiterleiten.

  • Ella Pfaff

    Ein wirklich interessanter Artikel. Noch reizarmere Essräume und Änderung unserer bisherigen Tischkultur sind in Bearbeitung. Danke für diesen Beitrag.

  • Stefanie

    Danke für diesen wirklich sehr informativen Artikel, der mich so Einiges besser verstehen lässt…

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