Gastbeitrag von Maria, Autistin: Der Autist in Film und Fernsehen – manchmal Grenzgänger ohne Diagnose

Gastbeitrag von Maria:

In anderen Foren wird diskutiert über die Darstellung von Autisten in den Medien. Auch ich habe den einen oder anderen Film gesehen, der zum besseren Verständnis beitragen soll, oder dazu, dass sog. NTs sich etwas vorstellen können. Mein Hinweis, mein Outing im notwendigen Fall vertraulich zu behandeln, da ich „keine Lust habe, jedem zu erklären, dass ich kein Rainman bin“, wird jedenfalls verstanden und manchmal auch gemeinsam belacht.

©Quelle: pixabay, User geralt, vielen Dank!

Aktuell gibt es eine neue Staffel der Serie „Ella Schön“. Die Hauptperson und Titelgeberin ist eine Anwältin im autistischen Spektrum, die sich ein neues Umfeld auf einer Insel schafft. Ich habe nur die erste Staffel gesehen; persönlich konzentriere ich mich lieber auf die etwas „schrulligen“ Charaktere, bei denen nie von einer Diagnose oder einem Verdacht die Rede ist. So haben inzwischen einige SOKOs einen ITler oder Laboranten oder Gerichtsmediziner, dem kein Detail entgeht und der sich gerne in solchen verliert, der aber zwischenmenschlich immer wieder aneckt. Bedauert habe ich den Ausstieg von Anja Nejarri als Dr. Lea Peters aus der Serie „In aller Freundschaft“.

Für diejenigen, die die Serie nicht kennen: Sie spielt in der fiktiven Sachsenklinik in Leipzig und behandelt seit etwas über 20 Jahren Klinik- und zum Teil Familienleben von Ärzten und Schwestern und interessante Krankheitsbilder. Meistens kommt jemand wegen Unfall oder Untersuchung in die Klinik, und es stellt sich eine ungewöhnliche Diagnose heraus. Dr. Lea Peters ist Neurochirurgin, ca. Ende 30, eine kühle Blonde, auf ihrem Gebiet eine Koryphäe, aber eher kühl und sachlich gegenüber ihren Mitmenschen.

Sie hat einen kleinen Sohn und führte mit dessen Vater eine Beziehung, die auf der gemeinsamen Fürsorge beruhte. Leider kam der sehr empathische und sympathische Enddreissiger bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben, als die Beziehung sich langsam doch etwas tiefgehender („normaler“) entwickelte.
Das hätte noch interessant werden können, auch ob und wann die Frage auftaucht, ob hinter Leas Verhalten etwas anderes stecken könnte, sei es im persönlichen oder im beruflichen Umfeld.

Ich habe jedenfalls einige Parallelen entdeckt. In einem Fall wurde Lea im Verlauf einer Behandlung vom Klinikleiter Dr. Roland Heilmann darauf angesprochen, dass sie mit einer sensiblen Patientin nicht einfühlsam genug umgegangen sei. Sie war sich keiner Schuld bewusst, da sie der jungen Frau alle Informationen gegeben hatte, die sie brauchte.
Das ist mir auch schon passiert!

Auch die Art, wie ihre Beziehung zustande kam, kann ich nachvollziehen. Sie verliebte sich in einen Patienten, brauchte aber einige Zeit, sich darauf einzulassen, und verließ ihn nach kurzer Zeit wieder, weil sie sich für nicht beziehungs-fähig hielt. Letztendlich brachte das entstandene gemeinsame Kind die beiden wieder zusammen.
Lea verließ die Sachsenklinik, um eine Chefarztposition in Hamburg anzunehmen. Hier wog sie Vor- und Nachteile in einer Art Checkliste ab, die wirklich alle Lebensbereiche inklusive Betreuung ihres Sohnes berücksichtigte. Nebenbei: sie kam bis dahin in der Betreuungsfrage mit keinem Au-Pair-Mädchen auf längere Sicht zurecht, da sie nicht fähig war, sich auf die kulturellen Unterschiede einzustellen, andererseits eroberte sie die Kinder eines Kollegen, auf die sie notfallmäßig aufpassen sollte, im Sturm (RW), weil sie eine historische Rakete nachbauen konnte.
Mit Checklisten arbeite ich in wichtigen Fragen auch und habe viele Entscheidungen mehr aus dem Verstand als aus dem Bauch heraus getroffen.

Auch in anderen Filmen frage ich mich bei etwas einzelgängerischen und eigenbrötlerischen Charakteren, ob sie wohl eine Autismus-Diagnose hätten, wenn man auf die Idee käme, ihrem Verhalten nachzugehen.
Für mich zeigt das, dass es viel mehr Undiagnostizierte gibt, die irgendwie durchs Leben kommen und gar keine Veranlassung sehen, sich untersuchen zu lassen.

One comment

  • Dario

    Hallo Maria,
    ich sehe mir heute keine Fernsehfilme mehr an, in denen autistische Charaktere dargestellt werden, weil ich mich sonst über die mehr oder weniger klischeehaften Überspitzungen nur ärgere. Man kann von Film und Fernsehen nicht erwarten (außer von gut gemachten Dokumentarfilmen), dass sie die Probleme von Autisten in ihrer ganzen Komplexität realistisch wiedergeben. Genauso wenig wie ein Fernsehkrimi den realen Polizeialltag widerspiegelt oder eine Krankenhausserie den Arztberuf. Solche Serien dienen der Unterhaltung eines Massenpublikums, nicht mehr und nicht weniger. Ein wenig gut gemeinte Aufklärung mag auch gewollt sein, muss aber immer unterhaltungsgerecht aufbereitet und damit stark vereinfacht werden.
    Grundsätzlich finde ich es gut, dass in heutigen Fernsehproduktionen meist Beispiele von gelungener Inklusion dargestellt werden. Andererseits habe ich Sorge, dass Autismus dadurch mitunter zu einer Art liebenswerten „Schrulligkeit“ verklärt wird. Tatsache ist doch, die wenigsten Autisten werden Rechtsanwältin oder IT-Spezialist. Realistisch ist viel eher, dass die meisten Autisten Ihr Leben lang auf therapeutische Begleitung angewiesen sind. Dass sie im Laufe ihres Lebens Folgeerkrankungen entwickeln, am Schulsystem und später am Arbeitsmarkt scheitern und bis heute oft an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Solche Biographien werden kaum jemals in einer Unterhaltungsserie thematisiert. Man pickt sich lieber die vermeintlichen „Schokoladenseiten“ (RW) des Autismus heraus, was am Ende immer auf eine stark verkürzte Darstellung der Realität hinausläuft.

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