Gastbeitrag von Joy: „Ich liebe mein Kind einfach so wie es ist“

Gastbeitrag von Joy über die ersten vier Jahre mit ihrem kleinen Autisten:

Ich heiße Joy, bin 24 Jahre alt und lebe in der Nähe von Bremen. Ich arbeite auf Minijob-Basis, mein Lebenspartner ist gerade dabei, sich selbständig zu machen.
Unser Sohn Tom ist vier Jahre alt und frühkindlicher Autist.

Tom hat große Probleme mit nicht gemeisterten Plänen seinerseits klarzukommen.
Essen ist bei uns ein großes Problem, da er nur ganz bestimmte Sachen isst (kann ich an einer Hand abzählen).

Bis zum vierten Lebensjahr hat er nicht gesprochen, sondern mehr echolaliert und gebrabbelt, gesungen und sich körperlich ausgepowert.

Er hat eine reduzierte Körperwahrnehmung, schmeißt sich viel in Decken oder auf den Boden, um sich zu spüren, wenn er sich aufregt.

In die Kita konnte Tom mit 2,5 Jahren nicht eingewöhnt werden, so kamen wir auch nach und nach zu unserer Diagnose. Nun besucht er einen heilpädagogischen Kindergarten, in dem er Ergo, Logo, Frühförderung und autismusspezifische Therapie bekommt. Es geht ihm dort sehr gut, er liebt seinen Kindergarten und geht jeden morgen gerne zum Bus.

Tom hat absolutes Urvertrauen, keine Verlustängste und ist sehr mutig. Außerdem ist er ein absloutes Papakind und ein sehr liebebedürftiger Sohn.
Auch soziale Kontakte mit anderen Kindern und Erwachsenen und gemeinsames und abwechslendes Spielen genießt er meist ohne Reizüberflutung und Meltdown.
Tom liebt Höflichkeitsfloskeln (seine ersten Worte waren nach Mama, Papa, Oma und Opa dann bitte, danke, tschüß, hallo, tut mir leid und  ich möchte bitte). Er freut sich immer, wenn man lieb mit ihm spricht.

Tom hat ein unwahrscheinlich gutes Gedächtnis, er liebt es, Worte mit Buchstaben nachzulegen, und lernt sogar schon ein wenig lesen. Sobald er ein Wort einmal gesehen hat, erkennt er es wieder.

Solange wir Toms Tag gut durchstrukturieren, ist er zuhause immer sehr zufrieden. Unterwegs ist es oft von der Tagesform abhängig. Auch der Ort, an dem wir sind, und ob es sich um etwas Notwendiges handelt, spielen eine Rolle. Mit Druck kommt man nicht weit.
Wenn wir an einen Ort fahren, an dem er rennen kann, ist das Drumherum egal und auch die Tagesform spielt dann keine Rolle. Wenn Tom sich frei fühlt, ist er glücklich.

Wenn wir draußen auf andere treffen, sind die Leute immer total begeistert von Tom, er ist meist der Liebling der Erwachsenen, da er so niedlich klingt mit seiner Piepsstimme und seiner Höflichkeit. Er spricht jetzt auch schon viel besser und die ersten Kommunikationen kommen zustande und man merkt, dass er wirklich auch alles versteht was man ihm sagt.

Andere Kinder finden ihn manchmal ein wenig komisch, aber Tom ist ganz offen und macht einfach mit. Bis jetzt hatten wir zum Glück noch keine blöde Begegnung, in der er verstoßen oder gemieden wurde.

Mir ging es am Anfang nicht so gut, eigentlich ab dem  Zeitpunkt, wo man merkte etwas stimmt nicht. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, weil ich mir seine Entwicklung nicht erklären konnte.

Ich habe das Glück, dass ich einen sehr lieben Partner habe, der bei uns ist seit Tom acht Wochen alt ist. Mit dem leiblichen Vater klappte es in der Schwangerschaft schon nicht mehr, ich trennte mich, damit ich für Tom und mich ein schönes Leben haben konnte.

Mein Schatz hilft mir in jeder Lebenslage und hat mit uns alles zusammen aufgebaut. Auch bei der Diagnostik und den Abenden, an denen ich einfach nur noch verzweifelt war, hat er immer ein liebes Wort für mich gehabt und mir immer wieder die Kraft gegeben und gezeigt, dass wir nicht alleine sind :-)

Jetzt mit Toms Diagnose geht es mir eigentlich wirklich gut. Ich weiß jetzt, dass mein Kind besonders ist und ich kann ihn mit der Diagnose in diesen schönen Kindergarten gehen lassen, wo es ihm so sehr gefällt und er solche Fortschritte gemacht hat.

Daher konnte ich mir jetzt auch einen kleinen Job besorgen und genieße es. Der Kontakt zu den anderen Frauen in meinem Alter und das nette Arbeitsklima tun mir gut.

Ich habe auch wieder angefangen, mich mit alten Freundinnen vormittags zum Kaffee zu verabreden, wenn die Zeit es zulässt. Hier trennte sich natürlich auch die Spreu vom Weizen, letztendlich sind es zwei, mit denen ich mich gerne verabrede, da sie zwar sehr interessiert sind am Autismus und Tom vollkommen akzeptieren, es aber auch mal ein anderes Thema gibt.

Ich sehe es als großen Vorteil, dass wir durch Tom eine klare Struktur im Alltag haben.

Das Leben mit meinem Kind ist das größte Glück auf dieser Welt. Ich liebe jeden Tag , auch wenn es ihm manchmal zu viel ist, habe ich eine innere Ruhe gefunden, um ihm zu helfen. Es hat mit uns allen so viel gemacht. Man achtet so drauf, wie man handelt, ob man auch wirklich an alle seine Eigenheiten gedacht hat. Er hat mir so eine tolle Welt gezeigt, wo andere Sachen so viel Stellenwert besitzen, die wir nie bedacht hatten.

Ich liebe mein Kind einfach so wie es ist.

***

Dankeschön, liebe Joy. Von Herzen alles Gute für Deine kleine Familie ♥

***

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2 comments

  • Mark

    Meine Eltern wären, glaube ich, dankbar für einen Sohn gewesen, der sich wie Tom verhält. Sie bekamen aber mich. Tja. Karma und so.

  • beatrice

    eine sehr schöne wahre Geschichte. wenn ich solche Geschichte von anderen Eltern lese fühle ich mich nicht allein mit meinen Problemen. es stärkt mich weiter zu kämpfen mit meinen Sohn und niemals auf zu geben.

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