Gastbeitrag von Dario: Zum Glück weiß man heute, dass Autismus nichts Bestrafenswertes ist und nichts, was man einem Kind aberziehen kann

Dario ist Autist und wuchs als Kind und Jugendlicher in den 1970/80er Jahren auf. Der Umgang mit dem Thema Autismus war damals noch ein anderer, aber autistische Kinder wurden damals zum Teil schon für ihre autistischen Verhaltensweisen, für Overloads und Meltdowns bestraft.
Wir können leider nicht sagen, dass dies heute nicht mehr der Fall wäre und alle Bezugspersonen und Fachleute gelernt hätten, z.B. zwischen einem Wutanfall und Meltdown zu unterscheiden.
Was dies für Autistinnen und Autisten bedeutet, wie wichtig es ist, angemessen zu reagieren, um die Würde unserer Kinder nicht zu verletzen, reflektiert Dario sehr eindrücklich in seinem Gastbeitrag.
Vielen Dank dafür.

Quelle: pixabay, User SharonMcCutcheon, vielen Dank!

Gastbeitrag von Dario:

Neulich unterhielt ich mich mit einer guten Bekannten. Wir sprachen über unsere Jugendsünden und darüber, was wir als Kinder alles angestellt hatten. Ein paar Episoden fielen mir ein, wo ich tatsächlich mal Streiche gespielt habe, die nicht (jedenfalls nicht direkt) mit meinem Autismus in Verbindung standen. Einmal habe ich den Psychologen von der Erziehungsberatungsstelle unter einem Vorwand in den Keller gelockt und die Kellertür von außen abgeschlossen. Den Schlüssel versteckte ich in einem Blumentopf, damit ihn keiner findet. Konsequenzen hatte das für mich keine, außer dass meine Mutter ein wenig schimpfte.

Die Erinnerung an solche eher harmlosen Kinderstreiche brachte mich auf eine Merkwürdigkeit, die ich bis heute nicht verstehe: Wenn ich wirklich mal Mist gebaut und bewusst gegen Regeln verstoßen hatte, dann waren die Konsequenzen meist erstaunlich moderat, wie man an diesem Beispiel sieht. Einmal habe ich im Kinderheim einen Erzieher provoziert, indem ich meinen Kassettenrecorder auf volle Lautstärke drehte. Daraufhin wurde mir der Kassettenrecorder weggenommen und für einen Tag im Dienstzimmer eingeschlossen. Auch mit dieser Konsequenz konnte ich leben, weil sie in einem klaren Zusammenhang mit meinem Verhalten stand.

Warum wurde Autismus so hart bestraft?

Nur dort, wo ich autismusbedingtes „Fehlverhalten“ zeigte, waren die Strafen oft überzogen hart und richtig erniedrigend. Ich erinnere mich an eine Situation ebenfalls im Kinderheim, in der ich mit einem heftigen Overload zu kämpfen hatte. Ich bekam einen Schreianfall, in dem ich kaum zu bändigen war. Ärgern oder provozieren wollte ich niemanden. Ich war nur überfordert, weil so viele Eindrücke auf mich einströmten.

Plötzlich stürmte eine Erzieherin herein, packte mich an den Haaren, schleifte mich wortlos heraus und zerrte mich in mein Zimmer. Dort musste ich mich sofort umziehen und ins Bett legen. Die Erzieherin machte die Gardinen zu, schaltete das Licht und aus und verließ den Raum. Ich lag in meinem Bett, das ich für den Rest des Abends nicht mehr verlassen durfte. Alles „zur Strafe”, wie es hieß. Es war weit vor der eigentlichen Schlafenszeit. Ich wusste nicht, was ich so Schlimmes getan hatte, fühlte mich so unendlich allein gelassen. Die Erzieherin ging am nächsten Morgen zur Tagesordnung über, als wäre nichts geschehen. Das war eine schlimme Erfahrung von Ohnmacht und Erniedrigung für mich.

Es war bei weitem nicht das einzige Mal, dass ich so erniedrigend bestraft wurde, weil ich autistisch bin. Schon als kleines Kind wurde ich von meinem Vater heftig geschlagen für Vorkommnisse, die ich nicht bewusst kontrollieren konnte. Oft ohne jede Erklärung dazu. Von meiner Grundschullehrerin wurde ich „zur Strafe“ permanent vor die Tür geschickt, wenn ich unruhig oder unkonzentriert war. Auch in der Sonderschule für Verhaltensgestörte (die besuchte ich während meiner Kinderheimzeit) gab es ständig Strafarbeiten für unangepasstes Verhalten, teilweise ohne Vorwarnung. Was ich aus diesen Strafen lernen sollte, ist mir bis heute ein Rätsel.

Ständig wurde mir irgendeine „Schuld“ eingeredet und ich musste mir anhören, wie „unmöglich“ ich sei. Ein Lehrer aus der fünften Klasse gab mir einen Schlag ins Genick, obwohl das schon damals verboten war. Für eine gedankliche Abwesenheit (wahrscheinlich ein kurzer Shutdown) wurde ich vor der ganzen Klasse angeschrien. Ein Logopäde meinte: „Wenn du mein Sohn wärst, hätte ich dir längst den Hintern versohlt!“ Ich fragte mich, was in aller Welt hatte ich so Schlimmes getan?

Angesichts solcher Erfahrungen, die sich durch meine ganze Kindheit zogen, wurde das Wort „Strafe“ zum Angstkomplex für mich. Zu dieser Zeit wusste man noch nichts von einem Autismus-Spektrum, so wie man es heute versteht. Trotzdem frage ich mich: Warum reagierten viele Erwachsene ausgerechnet auf meine autismusbedingten Besonderheiten so ungehalten und jähzornig? Oft habe ich als Kind über diese Härte geweint, dann hieß es im Heim immer nur: „Hör auf mit der Heulerei!“ Warum diese Grausamkeit und Gefühlskälte gegenüber autistischen Kindern?

Warum wurde autistisches Verhalten sogar schlimmer bestraft als vorsätzliche Regelverstöße und „echte“ Jugendsünden? Einmal habe ich in der Schule geklaut und bekam dafür unerwartet viel Verständnis. Hier hätte ich mir bei allem berechtigten Verständnis eine etwas deutlichere Missbilligung meines Verhaltens gewünscht, meinetwegen auch eine leichte Strafe. Stattdessen war es immer mein Autismus, für den ich so unverhältnismäßig hart bestraft wurde. Wie soll ein Kind bei so einem Durcheinander ein stabiles Selbstbild aufbauen, ein stimmiges Wertesystem?

Warum ich mich heute selbst freispreche

Ich arbeite bis heute daran, diese Geschehnisse so einzuordnen, dass ich meinen inneren Frieden damit finden kann. Seit einiger Zeit probiere ich einen neuen Weg, der mir tatsächlich Besserung bringt. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich als Kind für meine autistischen Besonderheiten bestraft wurde. Dann erlaube ich mir, mich im Nachhinein selbst „freizusprechen“ von meiner vermeintlichen Schuld. Ich erkenne die damaligen „Strafen“ für mein autistisches Verhalten nicht an und benenne sie als Unrecht, für das es keine Rechtfertigung gab. Anschließend nehme ich mein inneres Kind in den Arm und tröste es.

Diese Lizenz zum nachträglichen „Selbstfreisprechen“ gönne ich mir, egal was andere Leute darüber denken, denn: Schuld kann man annehmen, wenn sie berechtigt ist. Man muss sie aber nicht annehmen, wenn sie ungerechtfertigt ist. Das hat für mich etwas unglaublich Tröstendes und Befreiendes, wenn ich das im Nachhinein so sehen darf. Das Wort „Strafe“ setze ich dabei bewusst in Anführungszeichen, weil es keine echten, pädagogisch nachvollziehbaren Strafen waren. Es waren inakzeptable und erniedrigende Überreaktionen von überforderten Erwachsenen, die damit nur ihre eigene Hilflosigkeit kaschieren wollten.

Je mehr ich diese neue Sichtweise verinnerliche, desto schwächer werden meine Scham- und Schuldgefühle, die man mir als Kind eingeredet hat. Dann fühle mich nicht mehr als das „ungezogene Kind“, das „bestraft“ werden muss, sondern wie ein liebenswerter autistischer Junge, der auf tragische Weise falsch verstanden und auch misshandelt wurde. Diese Sichtweise war zunächst nicht einfach, denn sie ist mit Trauerarbeit verbunden. Sie erlaubt mir heute aber ein viel würdevolleres Selbstbild als früher. Das ist entlastend und tut richtig gut.

Es gab nur wenige Situationen, bei denen ich das Worte Strafe nicht in Anführungszeichen setze. Als ich damals für einen Tag meinen Kassettenrecorder abgeben musste oder als Jugendlicher für einen Abend Hausarrest bekam. Das sind Konsequenzen, die waren nachvollziehbar und hielten sich in einem Rahmen, den man akzeptieren kann. Diese Strafen trage ich niemandem mehr nach, weder meiner Mutter noch den Heimerziehern. Wenn ich es so sehe, dann wurde ich nur selten (fair) bestraft, aber oft misshandelt und erniedrigt. Ist das nicht ein Armutszeugnis für die Pädagogik der damaligen Zeit in den 1970/80er-Jahren?

Irgendwann im späten Grundschulalter gab mir meine Mutter im Affekt eine heftige Ohrfeige. Darüber war sie selbst erschrocken. Meine Mutter hat sich sofort bei mir entschuldigt und es tat ihr aufrichtig leid. Am nächsten Tag schenkte sie mir einen kleinen Lego-Bausatz als Wiedergutmachung. Das war eine der ganz wenigen Situationen, in der ich wirklich stolz auf meine Mutter war und Hochachtung vor ihr hatte. Ansonsten hat sich nie ein Erwachsener bei mir entschuldigt für die vielen Überreaktionen. Dabei sollte ich mich ständig entschuldigen (vor allem im Kinderheim), wenn ich etwas vermeintlich Falsches getan hatte.

Für die heutige Zeit wünsche ich mir, dass man ein autistisches Kind nach einer Überreaktion (die ja passieren kann) vielleicht in den Arm nimmt ‒ sofern es das mag ‒ und ihm sagt: „Tut mir leid, dass ich gestern so heftig reagiert habe. Das war nicht in Ordnung von mir, schließlich warst du in dem Moment einfach nur überfordert und konntest nicht anders. Bitte entschuldige und lass uns überlegen, wie ich dir in Zukunft besser helfen kann, wenn dir alles zu viel wird.“

So eine liebevolle Geste hätte mir als Kind und Jugendlicher unglaublich gutgetan. Liebe, Respekt und Wertschätzung hätte ich mir so sehr gewünscht. Statt für einen Overload / Meltdown geschlagen, angebrüllt oder an den Haaren geschleift zu werden. Statt autismusbedingtes Verhalten eine gefühlte Ewigkeit vorgeworfen zu bekommen, als wäre ich ein schlechter Mensch. Von dieser angeblichen „Schuld“ fürs Autist sein will ich heute als Erwachsener nichts mehr wissen, denn sie war eine der schwersten Bürden, die man mir als Kind mitgegeben hat.

Der Strafbefehl, der mir meine Würde zurückgab

Viele Jahre später (ich war jetzt ein junger Mann von 22 Jahren) streifte ich als Ladendieb durch eine Buchhandlung. Ich wurde erwischt und bekam vom Gericht einen Strafbefehl zugestellt. Die Geldstrafe (das ist ein hartes Eingeständnis für mich) war berechtigt, so dass die Technik des „Selbstfreisprechens“ in diesem Fall nicht funktioniert. An diesem Strafbefehl irritierte mich die außergewöhnlich freundliche Anrede. „Sehr geehrter Herr …“ hieß es dort, bevor es weiterging mit: „Gegen Sie wird eine Geldstrafe in Höhe von 15 Tagessätzen verhängt“.

Ich verstand die Welt nicht mehr: Ich wurde doch bestraft, warum spricht man mich dann so freundlich an? Bestraft zu werden, das hieß doch als Kind immer geschlagen, angebrüllt und sadistisch erniedrigt zu werden ‒ und jetzt als Erwachsenen bestraft man mich wieder, behandelt mich aber gleichzeitig so freundlich. Wie passt das bitteschön zusammen???

Ich hatte lange daran zu rätseln, bis mir ein Gedanke kam, der mich fast zu Tränen rührte. Ich meinte nämlich begriffen zu habe, was mir der Strafbefehl mit seiner freundlichen Anrede sagen wollte: Konnte es sein, dass das Gericht mich trotz meiner Fehlerhaftigkeit, trotz meiner Bücherdiebstähle immer noch als Mensch ansah, dem man seine Würde nicht absprechen darf? Das war ein so neuer und überwältigender Gedanke für mich, dass ich mich kaum traute, ihn zuzulassen.

Insofern hatte der Strafbefehl etwas Heilsames, denn er hat mir zum ersten Mal so richtig ermöglicht, zwischen Strafe und Erniedrigung zu unterscheiden ‒ eine Erfahrung, die ich als Kind nicht machen durfte. Ist es nicht traurig, dass es erst eine gerichtlich verhängte Sanktion brauchte, um eine Erfahrung von Würde zu machen, die mir als Kind und Jugendlicher verwehrt blieb? Allerdings hatte ich damals noch keine Autismusdiagnose (die bekam ich erst mit 39 Jahren) und konnte das noch nicht in den Zusammenhang von heute einordnen.

Als ich kürzlich eine enge Vertrauensperson (Juristin und Mutter eines autistischen Kindes) um ihre ehrliche Meinung bat, ob der Strafbefehl nach ihrer Einschätzung berechtigt war, schrieb sie mir zurück: „Na klar war der Strafbefehl berechtigt. Damit hätte Dich jeder ehrliche Anwalt wieder nach Hause geschickt. Jedenfalls war die Strafe extrem mild, milder geht eigentlich gar nicht.“

Auch das hat mich unglaublich gerührt, weil diese Aussage von einem Menschen kam, der mich mag und es gut mit mir meint. Es macht einen Riesenunterschied, ob eine kaltherzige Heimerzieherin eine maßlos überzogene Strafe ausspricht und mir einredet: „Das hast du verdient!“ oder ob jemand aus aufrichtiger Wertschätzung sagt: Der Strafbefehl war berechtigt und es war gut, dass du ihn angenommen hast. Am liebsten hätte ich vor Rührung so richtig befreit losgeheult, weil ich in dem Moment so viel ehrliche Freundschaft und Wertschätzung erfuhr.

Die Arbeit am Trauma

Ich möchte die Leser von Ellas Blog einladen, meine Gedanken auf sich wirken zu lassen. Auch als Mahnung an alle, die heute immer noch glauben, autistische Kinder bräuchten Strenge und Disziplin, damit der Autismus „besser“ wird. Mit meiner Geschichte möchte ich zeigen, was so ein Denken anrichten kann.

Ich bin sicher, viele Autisten aus meiner Generation (Jahrgang 1972) wurden noch bestraft, gemaßregelt und erniedrigt für Verhaltensweisen, die in unserem Autismus begründet lagen ‒ weil man unseren Autismus damals nicht erkannte und uns einfach für „frech“ und „ungezogen“ hielt. Das zog bis in die 1980er-Jahre typischerweise Strafen und Tadel nach sich. Bestimmt bin ich nicht der einzige Autist, für den Begriffe wie „Strafe“, „Disziplin“ oder „Erziehung“ dadurch zum Trauma wurden. In der Therapie geht es dann darum, dem inneren Kind die Würde zurückzugeben, die es früher nie erfahren durfte. Ihm zu erklären, dass es keine Schuld trägt und auch nicht „falsch“ ist, sondern ohne schlechtes Gewissen autistisch sein darf ‒ mit ganzem Stolz und aus tiefstem Herzen!

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann haben mich harte Strafen nie weitergebracht. Sie waren immer kontraproduktiv und oft traumatisch. Einige der milden Strafen waren dagegen berechtigt und haben mich durchaus vorangebracht in meiner Entwicklung, zum Beispiel der Strafbefehl fürs Bücherklauen. Wichtig war nur, dass sich eine Strafe NIEMALS (!) auf meinen Autismus bezog, sondern ausschließlich auf wirkliches Fehlverhalten. Leider war das in meiner Kindheit die absolute Ausnahme.

Mit meiner Autismustherapeutin arbeite ich mir den Unterschied zwischen Strafe und persönlicher Erniedrigung heute noch einmal systematisch heraus: Wie fühlt sich eine gerechte und nachvollziehbare Konsequenz an? Im Gegensatz zu den inakzeptablen „Strafen“ meiner Kindheit? Welche Strafen richteten sich gegen mein Verhalten, wo ging es gegen meine Würde als Mensch? Wie fühlt sich ein Overload an und was unterscheidet ihn von einem bewussten Regelbruch? Solche Gegenüberstellungen kann man schön plastisch-visuell darstellen mit farbigen Karten am Flipchart, das kommt Autisten ja immer gut entgegen.

Die Arbeit mit dem inneren Kind und die kognitive Verarbeitung durch den erwachsenen Dario: Das Zusammenspiel dieser beiden Ansätze ist eine Kombination aus Trauma- und Autismustherapie. Damit habe ich einen Weg gefunden, mein Straftrauma nachhaltig zu lindern. Ob es sich eines Tages ganz auflöst oder ob ich damit leben muss, kann niemand vorhersagen.

Zum Glück weiß man heute, dass Autismus nichts Bestrafenswertes ist und nichts, was man einem Kind aberziehen kann. Autismus (gleich welcher Ausprägung) ist ein fundamentaler Bestandteil der Persönlichkeit, den es zu respektieren gilt. Vielleicht macht meine Geschichte deutlich, wie wichtig es ist, dass autistische Kinder frühzeitig ihre Diagnose bekommen, denn so einen folgenschweren Weg voller Missverständnisse, Fehleinschätzungen und Falschbehandlungen wünsche ich heute keinem autistischen Kind mehr.

Weitere Gastbeiträge von Dario:
Schlussendlich war ich Täter und Opfer zugleich

„Mein großer Wunsch – Aussöhnung mit meiner Mutter“
Wenn Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen

3 comments

  • Vera

    Hallo Dario,

    vielen Dank für Deine Einblicke in die Wahrnehmung von „Strafe“ und „Korrektur“.
    Dein Weg, die Vergangenheit zu verarbeiten, ist ein sehr guter Weg. Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei.
    Ich habe in meinem Leben festgestellt, dass Menschen, auch junge Menschen, alles überzogen und unangemessen sanktionieren, was nicht der gesellschaftlichen Norm oder ganz besonders der eigenen Normvorstellung entspricht.
    Zum Beispiel werden Fehltritte oder unangenehme Verhaltensweisen bei besonders schönen Menschen deutlich nachsichtiger behandelt, als bei Menschen mit andersartigen Merkmalen. Wie einem großen Feuermahl im Gesicht, einem stechenden Blick oder einer unangenehmen Stimme.
    Das hat mich sehr lange verunsichert.
    Denn was gilt denn als schön und wo beginnt das Wohlwollen der Menschen durch einen solchen Auslöser?

    Am Ende ist die Erkenntnis geblieben, dass Erwachsene fehlbar sind. Gesteuert durch ihre eigenen Ängste und Probleme. Dass ihre Handlungen nicht überlegt, nachvollziehbar und fair sind. Sie sind in ihren Handlungen ein Resultat ihrer Probleme.
    Und niemand, schon gar kein Kind, kann die Aufgabe übernehmen, ihre Probleme zu tragen.

    Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei, Dich von der Vergangenheit so gut wie möglich zu lösen und mit Herzenswärme in die Zukunft zu schauen. Denn von den reflektierten, wertschätzenden und souveränen Menschen gibt es zum Glück auch sehr viele.

    Viele Grüße

  • Nataly

    Hallo Dario,
    danke für diesen positiven und sehr aufschlussreichen Gastbeitrag.Es ist schrecklich, was Ihnen als Kind angetan wurde und ich glaube, dass Sie einen sehr guten Weg gefunden haben, diesen Erlebnissen seinen Schrecken zu nehmen. Ich lese übrigens gerade ein sehr interessantes Sachbuch darüber, was Kinder in den 45er bis 80er Jahren alles in sogenannten Erholungsheimen erlebt haben.Schlimm. Da war noch viel schwarze Pädagogik unterwegs.In Kinderheimen dieser Zeit war es sicherlich noch heftiger.
    Viele Grüße
    Nataly

  • Frank

    Hallo! Ich bin nochmal ein Stück älter. Ich komme aus einem bürgerlichen Elternhaus, Heimerziehung und Förderschule sind mir erspart geblieben. Aber die unterschiedliche Reaktion auf kindliches / jugendliches Fehlverhalten und autismusbedingte Verhaltensweisen sind mir auch gut bekannt. Während sich die Reaktion auf ersteres auch mit geschlechtsspezifischer Erziehung begründen lässt („Na ja, Jungs sind nun mal so!“) und in der milden Strafe auch so etwas wie Bewunderung mitschwingt, geht es im anderen Fall natürlich auch einfach um Nichtverstehen.

    Vieles haben meine Eltern damals wohl nicht verstanden: Meine Abneigung, wie ein richtiger Junge auf dem Fußballplatz zu bolzen, meinen Rückzug in die Bücherwelt, vielleicht auch meine Gestik, meine Bewegungen, sicher auch meine Ungeschicklichkeit im Umgang mit Gleichaltrigen. Blicke ich heute zurück, dann geht es sicher darum, dem inneren Kind die Würde zurückzugeben, wie Dario schreibt (auch ich habe das in der Therapie erst gelernt), es gehört für mich aber auch dazu, mit Milde auf die zurückzuschauen, die es nicht besser wussten, weil es eben keiner damals besser wusste.

    Dario schreibt: „Vielleicht macht meine Geschichte deutlich, wie wichtig es ist, dass autistische Kinder frühzeitig ihre Diagnose bekommen.“ Ich unterschreibe das nur, wenn sichergestellt ist, dass sie nach der Diagnose auch alle notwendigen Hilfen bekommen. Noch aber gibt es Schulleitungen, die Schulbegleiter und Integrationshelfer nicht im Klassenzimmer dabei haben wollen, noch meinen Lehrkräfte am Gymnasium, dass manche Schüler nun leider doch nicht „gymnasiabel“ sind, noch gibt es Behörden, die Alleinerziehenden jede Menge Steine in den Weg legen – und immer noch erschwert oder verschließt einem eine psychiatrische Diagnose den Zugang zu bestimmten Berufen, von Autismus-kompatiblen Arbeitsplätzen ganz zu schweigen.

    Keiner leugnet, dass vieles heute besser ist als in Darios und meiner Kindheit. Trotzdem dürfen immer noch viel zu viele Menschen nicht so sein, wie sie ganz einfach nun mal sind, weil sie immer noch einer gesellschaftlichen Norm entsprechen sollen, die alles nicht Normgemäße gern in Nischen versteckt. Es bleibt noch viel zu tun!

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