Gastbeitrag von Alexander: „Ich bin zwar gerne alleine, aber leider auch einsam.“

Alexander ist 28 Jahre alt und Kanner-Autist. Er verwendet diese Bezeichnung lieber als „Frühkindlicher Autist“, obwohl er eigentlich jegliche Kassifizierung ablehnt. „Da ich stets als Asperger angesprochen werde, möchte ich die Umstände jedoch schon richtig stellen“, schreibt er mir.   Gastbeitrag von Alexander: Ich bin Autist und auch Epileptiker und in meiner Pubertät an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt (die sich heute gut behandeln lässt). Mit 14 Jahren verlor ich mein Gehör linksseitig. Um dem Ganzen noch das Sahnehäubchen (rw) aufzusetzen, kam mit 20 die erste Schockdiagnose Leukämie und mit 26 der Hirninfarkt mit dem Ergebnis einer linksseitigen Hemiparese (dies habe ich mit hartem Training wieder in den Griff bekommen). Kurz darauf folgte, wie ich ihn liebevoll nenne, „Knubbel“ im linken Nierenbecken, den man weniger sorgsam entfernte. Zu guter Letzt – und die tatsächliche Veränderung in einfach allen Hinsichten meines Lebens – war der tragische Verlust des ersten Menschen, der mich wirklich wahrhaftig liebte. Ich liebte ihn nicht weniger – doch waren für diesen Menschen die Umstände meiner Gesundheit einfach nicht zu ertragen. So endeten meine größte Hoffnung und einziger Halt in seinem Suizid. Nie etwas zuvor und auch nichts mehr danach hatte meine Welt so erschüttert und mich so sehr in die Knie gezwungen. Dies ist nun fast zwei Jahre her… Bis hierher mag es unwirklich erscheinen, doch halten wir es einfach: Ich hatte bloß etwas Pech im Leben und mit der linken Körperhälfte. Ein anderes Leben kannte ich nie und bin darum auch nicht traurig darüber, wie es ist. Als jüngstes von drei Kindern und einziger Junge, waren die Erwartungen an mich extrem hoch. Höher, als ich diesen jemals hätte gerecht werden können. Mein Vater war ehemaliger Soldat, meine Mutter schwerkrank. Was nicht heißen soll, dass meine Eltern schlechte Menschen gewesen wären, nein, sie haben sich aufopferungsvoll um uns gekümmert. Es waren damals andere Zeiten, es gab viele Probleme und dann noch ein behindertes Kind zu haben, war auch für sie nicht einfach zu ertragen. Meine Mutter schliff mich von Arzt zu Arzt oder quer durch die Stadt und versuchte mir jegliches unerwünschte Verhalten auszutreiben. Mein Vater war zwar auch nicht immer perfekt in seinem Handeln und seinen Reaktionen, hat sich aber wesentlich mehr für mich interessiert und immer wieder versucht, irgendwie an mich heranzukommen, was nicht einfach war, weil ich nicht sprach. Mal ganz abgesehen von den Eigenarten meiner Umstände hatte ich eine weitestgehend „normale“ Kindheit. Wenn man die unzähligen Unfälle, Klinikaufenthalte und Therapien außer Acht lässt. Apfelmus Ellas Blog Leben mit AutismusEine wirklich nervige Besonderheit meiner Kindheit war, dass ich zu jeder Mahlzeit meinen Apfelmus verlangte. Interessanterweise wurde ich als Baby einfach nicht satt, gleich was man mir alles mit der Flasche gab. Bis dann mal jemand auf die Idee kam, einfach Apfelmus in die Milch zu mischen. Tja, böser Fehler, denn dann wollte ich das Apfelmus selbst zu Suppen essen und auch dann, wenn es längst zu schimmeln begann. Ohne das Glas Apfelmus war der Horror vorprogrammiert. Positiv waren mein Erinnerungsvermögen, meine Auffassungsgabe, ein schier endloser Wissensdurst und das Interesse für Geisteswissenschaften. Der Unterschied zwischen mir und anderen Menschen ist wohl, das mir die Fähigkeit des „Sortierens“ in Form von Datum/ Uhrzeit fehlt. Dadurch befinde ich mich häufig in einem ständigen Erleben des Vergangenen. Das ist ein verheerender Sturm an Informationen, der mich zu erdrücken scheint. Dass ich „anders“ bin, war mir immer klar, und so wurde ich auch immer behandelt. Ganz gleich, wie viel Mühe ich mir gab und wie sehr ich mich ins Zeug legte – es war doch irgendwie immer alles falsch. Ich war einfach nicht so, wie all die anderen Kinder und doch wollte auch ich bloß dazu gehören. Seit frühester Kindheit habe ich den Wunsch zu fliegen. Es bedeutet frei sein, einfach fliegenentfliehen können. Leider interpretieren die Menschen meinen Wunsch oft völlig falsch. Denn ich sehne mich keines falls nach dem Tod. Das Leben ist schön – und ich genieße jeden einzelnen Moment sehr. Zwar konnte ich über die Jahre vieles lernen, doch konnte ich eines nie ändern – meine Wahrnehmung. Wie ich die Welt um mich herum empfinde, tat man stehts als „Unfug“ ab. So lernte ich früh das Ertragen. Dass ich nie gern, wenn überhaupt mal, gesprochen habe, machte das Ertragen einfacher. Damit mich andere Menschen aber auch nicht ansprechen, geschweige denn berühren, hatte ich eine gewisse Haltung an den Tag gelegt. Mein Auftreten ist allerdings auch ein großes Problem, denn oft fürchten und misstrauen die Menschen mir. Ich erscheine ihnen gefährlich und daher meiden sie mich. Zwar bin ich oft gern alleine, brauche meine Ruhe um mich zu erholen, doch bin ich auch sehr einsam und das ist eigentlich genau das, was mich belastet. Ich wollte nie anders behandelt werden und nur so sein, wie alle anderen Menschen auch sind. Nun habe ich Freunde, die mehr oder eher weniger etwas über meine gesundheitlichen Umstände wissen – Autismus ist aber nie ein separates Thema gewesen. Wenn Menschen von meinem Autismus erfahren, behandeln sie mich sofort, wenn auch unbewusst, vollkommen anders. Das mag ich nicht. Es mag sein, dass ich trotz aller Mühe noch mit sehr vielem meine Schwierigkeiten habe, doch lerne ich auch jeden Tag dazu und arbeite unermüdlich an mir. Bloß in stressigen Situationen und gerade, wenn ich beginne zu sprechen, falle ich noch auf. Das merke ich sehr wohl auch selbst, lassen sich meine „Ticks“ doch nicht vermeiden. Und ich spreche nicht gern. Auf der anderen Seite spiele ich gern den Erklärbär (rw) und gerade wenn ich nervös bin, quassel ich wie ein Wasserfall. Der Vorteil am Erwachsensein ist, dass ich nun meine Ticks – das Stimming – durchsetzen kann. Zwar meckert hin und wieder noch jemand deswegen, es mache ihn / sie wahnsinnig, doch verlange ich dann schon etwas Rücksicht. Meinen Gegenübern ist es bis auf eine Ausnahme nie in den Sinn gekommen, mich daran zu hindern. Mein Zappeln, Wackeln und Wippen ist für mich so wichtig, wie die Luft zum Atmen. Dennoch gab es Zeiten in der Vergangenheit, als ich noch minderjährig war, als man mir während der vielen Jahre der Therapie oft unter Gewalt versuchte, dies abzugewöhnen. Was am Ende auch nur dazu führte, dass ich mich selbst auf andere Weise verletzte. Alles, was ich mir wünsche, ist als der Mensch akzeptiert zu werden, der ich bin. Nie wieder will ich hören, das ich irgendetwas nicht könne … „weil ich so bin“. Nie wieder will ich ausgegrenzt werden, nur weil etwas für mich schwerer zu ertragen ist. Nie wieder will ich abgelehnt werden, weil ich anders bin. Auch wenn alles erstmal Stress bedeutet, kann ich mich an die Umgebung für den Moment gewöhnen und an vielem Freude gewinnen. Ich brauche bloß etwas Zeit, davor, dabei und danach, um mich zu erholen. Nichts, was andere beeinflussen würde oder anderen bemerkbar wäre. Sicher mag mein Leben etwas komplizierter sein. Doch haben wir nicht alle so unsere Probleme?! Warum wird dann ausgerechnet bei Menschen wie mir so ein großer Unterschied gemacht? Genau das verstehe ich bei den Menschen nicht. Alles, was nicht perfekt ist oder nicht der Norm zu entsprechend scheint, wird mit aller Kraft ausgeblendet . Alle Menschen sind verschieden und auf ihre ganz eigene Art wundervoll. Es ist unendlich frustrierend, wenn man allein aufgrund des Autistischen abgelehnt wird. Sei es im Beruf oder bei der Partnerwahl. Ich bin ein hübsches Kerlchen, vielseitig interessiert & talentiert, doch ausgerechnet bei dem Wort Autismus rennen gleich alle weg oder behaupten, ich könne vieles nicht, ohne mich überhaupt wirklich kennengelernt zu haben, und ohne dass ich die Chance bekommen habe, mich zu beweisen. Ihr Menschen dort draußen, Freunde, Bekannte, Familien, Fachkräfte, hört endlich auf, den Autisten in Büchern lesen zu wollen und geht stattdessen auf den Einzelnen zu und lernt die Person kennen. Ich leide weder unter dem Autismus noch unter den anderen Umständen. Ganz im Gegenteil, ich führe ein sehr angenehmes und glückliches Leben. Die Erfahrungen und Erlebnisse der Jahre haben mich viel gelehrt und so wie ich meinen kleinen Roman nun beende, behaupte ich … …das Leben ist schön! Bloß würde ich es gerne mit jemandem teilen können. Also, wo auch immer Du bist, bring Apfelmus mit. Und ihr Anderen dort draußen, verzweifelt nicht wenn Ihr wieder vor Hürden steht – die Ihr nicht zu überwinden glaubt. Versucht einfach mal drumherum zu laufen. Knuddelige Grüße und Gluck Auf Alexander

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Zum Weiterlesen: Interview mit Marc: „In meiner Freizeit zähle ich keine Zahnstocher und lerne auch nicht das Telefonbuch auswendig.“ Als Lasse ins betreute Wohnen zog – über Ablöse und neue Perspektiven

 

2 comments

  • Lieber Alexander,

    du hast wirklich schon einige Schicksalsschläge ertragen müssen. Meinen Respekt, dass du trotzdem nie dein Selbstbewusstsein verloren hast und immer noch das Gute im Leben siehst.

    Du hast schon vieles geschafft und ich wünsche dir, dass du irgendwann auch die menschlichen Bindungen in deinem Leben findest, nach denen du dich so sehnst.

  • Salome

    Hallo Alexander,

    Vielen Dank für deinen Bericht!!! Ich musste bei deiner Beschreibung der NTs und ihrer Reaktionen auf dein ‚anders‘-sein immer wieder schmunzeln… Du hast einfach sooo Recht!

    Ich gehe seit etwa 1/2 Jahr Recht offen mit meiner Aspie-Diagnose um. Doch trotz der, wie ich finde, coolen Sprüche auf den T-Shirts, bin ich z.b. von Gleichaltrigen erst zweimal angesprochen worden. Und Jungs finden die Zusammenstellung „Frau -> Aspie -> braucht (innere) Struktur “ bisher auch noch nicht soo…

    Lass dich nicht unterkriegen, iss weiterhin so viel Apfelmus wie es nur gibt und behalte deine dankbare Grundeinstellung!

    Viele Grüße
    Salome (28)

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