Gastbeitrag: Schwitzen beim Zahnarzt

Gastbeitrag von Ute:

Heute ist mal wieder Zahnarzttermin angesagt.

16 Uhr, das bedeutet nach der Schule nur kurze Auszeit und „Das kann ja nicht Dein Ernst sein, Mama-Blicke“ seitens meines nichtsprechenden autistischen Sohnes, bevor wir zur Bushaltestelle traben müssen. Diesmal sind wir zeitig los, um eventuelle Trödeleien zu berücksichtigen und alles klappt soweit.

Es ist ein heißer Tag mit 30 Grad im Schatten, die U-Bahn ist kein bisschen kühl und vollgestopft mit schwitzenden Menschen. Wir schaffen es pünktlich.

Die Dame am Empfang weiß inzwischen auch, dass Tom immer erst einige Minuten im Wartezimmer braucht, um anzukommen. Die auf Kinder spezialisierte Praxis ist ausschließlich mit netten und geschulten Mitarbeiterinnen besetzt. Im Lauf der Jahre haben wir uns von „gar nicht den Mund aufmachen“ bis zu „10 Sekunden offen“ hochgearbeitet.
Es gibt erste Hindernisse im Wartezimmer, denn in der Spielecke ist ein lautes Klimagerät aufgestellt, um die Raumtemperatur auf der Südseite erträglich zu halten. Und leider funktioniert auch die große Bällebahn nicht – da gibt es nur noch zwei Kugeln und die sind festgeklemmt – schade.
Irritiert quetscht sich mein 13jähriger vor die Spielküche, aber die ist im Laufe der Zeit ordentlich geplündert worden – keine kleinen Töpfe aus Blech mehr, kein Plastikbesteck zum Ablutschen, nur ein jämmerlicher Stofftopflappen. Immer wieder gibt er Geräusche des Unmuts von sich, was wiederum die anderen kleineren Kinder verunsichert, so dass sie ihn anschauen wie ein Zirkuspferd.

Ich hoffe, dass es nicht mehr lange dauert.

Ein weiterer Junge kommt mit seiner Mama herein und zeigt stolz seinen kleinen Bus.

Als er sich mit einem anderen Jungen dann um die großen Autos zankt, beginnt Tom aufzuräumen, und ehe ich reagieren kann, wirft er besagten Bus in die Spalte neben dem Aquarium.

Ich tu so, als ob ich nichts bemerkt habe, aber die Mama ist schockiert und versucht die Sprechstundenhilfe zu überreden, die Möbel zu verschieben, was diese stirnrunzelnd ablehnt, „aber er war doch neu und gerade gekauft…“

„Der Tom bitte“, ruft die Assistentin und wir gehen eiligst aus dem Wartezimmer. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, raune ich noch schnell der verzweifelten Mutter ein „Tut mir leid“ zu.
Mein Sohn hat es sich schon in seinem Stammbehandlungszimmer bequem gemacht. Es gibt keinen Behandlungsstuhl, nur eine blaue Liege, dafür einen Bildschirm an der Decke mit Kinderfilmen.

Im Lauf der Jahre haben wir gemerkt, dass es für ihn einfacher ist, auf der Liege zu sitzen und sich an mich zu lehnen. Beim Blick auf meinen Jungriesen mit 1,70cm und 65 kg wird mir schlagartig klar, dass diese Phase im Teenageralter nicht mehr passt und der Vergangenheit angehört.

Und wundersamerweise klappt es diesmal auch mit dem Liegen ohne anlehnen.

Zur Abkühlung und Ablenkung gibt es Ice Age. Während oben im Vorspann Schneeflocken fallen, schwitzen wir zu dritt und versuchen Tom klarzumachen, dass es prima wäre, wenn er jetzt einige Sekunden den Mund offen lassen und sich nicht bewegen würde.

Die Zahnärztin verfügt über ein schier unerschöpfliches Geduldpotential und ermutigt ihn immer wieder. Etwas Gejammer und Gezappel, aber sie schafft einen Kontrollblick über alle vier Seiten und danach auch noch die „Lackbehandlung“. Kaum zieht sie den Spiegel weg, springt er schon auf. Der Film fängt gerade erst an. Dickes Lob an ihn seitens der Ärztin, an mich die üblichen Ratschläge „Gründlich putzen, Süsses nur selten“ und die Vorankündigung, nächstes Mal wieder einzuplanen, Zahnstein zu entfernen – wenn die Temperaturen erträglicher sind.

Drei Minuten Dauer, aufatmend bzw. durchgeschwitzt verlassen wir die Praxis.
Später wird mein Mann als Familienbuchhalter wieder kopfschüttelnd über der Rechnung sitzen, aber egal – wir haben es geschafft.

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Zum Weiterlesen:

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Der Zahnarzt-OP-Tag-Mutmach-Beitrag

 

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