Gastbeitrag: „Mögen Sie Mr. Spock?“ – Autismus und Kommunikation

Gastbeitrag von Annemarie:

Wenn man die Ehre wie ich hat, Zeugin eines intensiven Austauschs zwischen zwei Autisten zu sein, ist das schon etwas Besonderes. Mein ältester Sohn und ein junger Mann – beide Autisten – lernten sich über Ellas Blog kennen. Nach einem vorsichtigen Annähern und Abtasten, wie der andere jeweils drauf ist, entstand ein sehr reger Austausch über Skype.

Ich wurde unfreiwillig mit einbezogen, weil mein ältester Sohn mit mir Rücksprache hielt und mir die Unterhaltungen über Skype zeigte, um meine Meinung dazu zu hören. Fairerweise teilte ich diesen Umstand dem jungen Mann mit, damit er entscheiden konnte, wie offen er seine Unterhaltung gestalten möchte. Er fand das zwar zuerst etwas ungewöhnlich, hatte dann aber Vertrauen zu mir, dass ich über die die Skype-Inhalte nichts nach außen transportieren würde.

©skeeze über pixabay

Und so gingen die Unterhaltungen munter weiter in einer Offenheit, die mir mitunter die Schamesröte ins Gesicht trieb und mich schlucken ließ.
Unwillkürlich musste ich hier an Mr. Spock denken, dem Vulkanier aus der Serie „Raumschiff Enterprises“. Als Mädchen liebte ich diese Serie und war in den Käpt´n Kirk verliebt. Dieser Mr. Spock kam mir immer etwas komisch vor und manchmal auch etwas unheimlich. Seine klare Sprache, ohne Floskeln, direkt und auf das Wesentliche konzentriert, erschien mir weltfremd. Wer redete denn schon so?

Nun, heute weiß ich, dass es Menschen gibt, die genau so reden. Autisten. Und im Gegensatz zu früher treibt es mir heute die Tränen in die Augen, wenn mir bewusst wird, was für ein wohltuend entspannter und klarer Austausch das eigentlich ist. Da ist kein Wort zu viel, jede Aussage klar auf die Thematik abgestimmt, bei Unklarheiten wird sofort nachgefragt, nichts interpretiert, sondern wirklich das gesagt, was gemeint ist. Und das Wunderbarste an einem solchen Austausch ist diese absolute Offenheit. Da gibt es kaum ein Tabuthema, das nicht besprochen werden kann, wenn erst einmal Vertrauensgrundlagen geschaffen wurden.
Und diese Offenheit überträgt sich auch auf alle in den Vertrauensrahmen einbezogenen Personen – wie ganz selbstverständlich. Einmal dafür entschieden, wird diese Entscheidung nicht wieder hinterfragt.

Ich bin sehr, sehr dankbar für diese einmalige und wunderbare Erfahrung. Eines ist mir jedoch auch klargeworden. Diese Art und Weise sich mitzuteilen, macht Autisten angreifbar und verletzbar. Und ich spürte, trotz aller Begeisterung, dass es Aufgabe all derer sein muss, die mit Autisten zusammen leben, zusammen arbeiten oder wie auch immer zusammen sind, diese wunderbaren Menschen zu schützen – zu schützen vor den Übergriffen und dem Unverständnis derer, die hier noch keine Erfahrungen im Umgang mit Autisten haben.

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25 Tipps für die Kommunikation mit Autistinnen und Autisten

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