Gastbeitrag: „Meine Söhne sind Autisten und hochbegabt – in unserem Regelschulsystem haben sie momentan keine Chance.“

Ellas Blog Leben mit Autismus BrüderUta hat zwei Söhne mit Autismus, die zudem hochbegabt sind. Sie beschreibt in ihrem Gastbeitrag, warum ihre Söhne in der Schule momentan vor unüberwindbaren Barrieren stehen und wie eine Schule beschaffen sein müsste, um den Anforderungen gerecht zu werden und um sie angemessen fordern und fördern zu können.

Gastbeitrag von Uta:

Wir sind derzeit sehr verzweifelt. Deswegen habe ich einen Beitrag geschrieben, mit dem ich (selbst Lehrerin) mich nun an die Behörden wenden werde:

„Inklusion bedeutet also, dass Nachteile ausgeglichen werden können, damit ein Schüler mit Handicap integriert wird?
Er die gleichen Chancen hat?
Jeder Schüler gemäß seiner Bedürfnisse beschult werden kann?

Aber, wie ist das z.B. bei Menschen mit einer Autismus-Spektrums-Störung?
Diese leiden oftmals an Einschränkungen in der sozialen Kommunikation (bis hin zur sozialen Phobie), sind extrem leicht reizüberflutet (benötigen also eine leise, möglichst geruchs- und stressfreie Lernumgebung), brauchen klare und wiederkehrende Strukturen, eine gewohnte Umgebung ohne viele Raum- und Lehrerwechsel am Tag, ruhige Rückzugsorte bei drohendem Overload (besonders in den Pausen), einen Nachteilsausgleich bezüglich Sportunterricht, mündlicher Mitarbeit, Interpretationsarbeiten im Deutschunterricht (Perspektivwechsel, also Einfühlen in andere Personen schwer möglich) uvm …

Von Verhaltensauffälligkeiten und Lernstörungen im herkömmlichen Sinne kann hier oftmals nicht die Rede sein, ein klassischer Förderbedarf liegt meist nicht vor (einen Förderbedarf ASS gibt es leider noch nicht).
Tatsächlich wären die meisten dieser Kinder mit Autismus und Hochbegabung auch an einer Förderschule nicht adäquat aufgehoben (wünschenswert wäre ein Umfeld mit sozial kompetenten Mitschülern, die sie unterstützen und verstehen wollen, also tatsächlich integrieren können).

Kann dies aber eine Regelschule leisten?

Meine Söhne (16 Jahre, beide hochbegabt, ASS und Hyperakusis) haben die Gesamtschule nach jahrelanger Unterforderung und Reizüberflutung mit einem Klassensprung am Ende verkürzt, um endlich mit der Mittleren Reife in ein kognitiv anspruchsvolleres Umfeld wechseln zu können.
Kognitiv anspruchsvoller schon, doch an einer Schule mit über 1000 Kindern meldeten sich nach den ersten Schultagen in der Oberstufe eines Gymnasiums bereits Tinnitus und Kopfschmerz. In jeder Schulstunde in einem anderen Raum, mit anderen Kindern und wechselnden Lehrern, Geschrei auf den Gängen und im Pausenhof und die erschreckende Erkenntnis, dass das Bildungspaket (insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern), welches man von der Gesamtschule mitbekommen hatte, voller Defizite steckte, führte von einer jahrelangen Unterforderung in eine Überforderungssituation.

Gut, die Lernlücken hätte man nachmittags leicht schließen können, die kognitiven Voraussetzungen und das Interesse waren zumindest gegeben. Da aber der Vormittag mit seiner Reizüberflutung bereits so dermaßen an die Substanz ging, blieb für das Nachholen von Stoff am Nachmittag keine Kraft mehr (zumal sie auch bis dato niemals gelernt hatten zu lernen).
Je größer die Lücke wurde, desto größer wurde natürlich auch der Leidensdruck – zusätzlich zu den genannten Stressfaktoren im Schulalltag.
Ellas Blog Leben mit Autismus SchulklasseWir probierten es mit Ritalin, damit sie zumindest beim Schreiben von Klassenarbeiten die Nebengeräusche besser ausfiltern könnten (eine Leuchtstoffröhre oder ein Lehrer im Nachbarklassenraum können ganz schön laut sein!), um eine Konzentration auf das „Wesentliche“ möglich zu machen. Funktionierte aber nicht.
Geräuschfilter, Kopfhörer waren eine weitere angedachte Maßnahme, doch eigentlich wollten sie nicht noch mehr „auffallen“, deutlich anders sein, sich nicht noch mehr sozial ausgrenzen und vor allem nicht von jedem gefragt werden, was denn mit ihnen nicht stimme: Warum darf das Kind jetzt den Raum verlassen, den Kopfhörer bei Stillarbeit benutzen, den Sportunterricht „schwänzen“?

Nach drei Monaten und ohne Freunde gewonnen zu haben, blieben sie letztendlich krank zuhause. Mit dem Gefühl, gescheitert zu sein.
Obwohl das Gymnasium uns zum Erstaunen der Asperger-Beauftragten einen Nachteilsausgleich – bezüglich Befreiung vom Sportunterricht, Erlaubnis, bei drohendem Overload den Raum verlassen zu dürfen, individuelle Beurteilung bei mündlicher Mitarbeit in den Fächern – gewährt hatte, war es meinen Jungs dennoch nicht möglich, mit dem Lernumfeld klar zu kommen. Ich bin der Schulleitung sehr dankbar, dass sie uns diesbezüglich entgegengekommen war, da Inklusion in Gymnasien prinzipiell gerne vernachlässigt wird. Aber, es reichte einfach nicht, die Reizüberflutung war zu massiv.

„Mama“, fragte mich kürzlich einer meiner Söhne, „es muss doch möglich sein, dass Schule nach all den Jahren auch mal Spaß machen kann? Oder, zumindest nicht weh tut??? Es geht immer nur darum, dass man es irgendwie schafft, dass man nicht an Schule zugrunde geht, das kann es doch nicht sein …“
Da muss ich ihm recht geben. Die Kinder mit den unterschiedlichsten Mitteln (von Medikamenten, Ohrenstöpsel bis hin zum Nachteilsausgleich) irgendwie so hinzubiegen, damit sie in ein Umfeld passen, dass alles andere als für sie gemacht scheint, empfinde ich inzwischen als Körper- und Seelenverletzung. Als „Zwangsinklusion“. Und zudem wird den Kindern die Möglichkeit genommen, in einer für sie adäquaten Lernumgebung ihr Potential voll entfalten zu können.
Da kann von Chancengleichheit und Integration wohl kaum die Rede sein.
Alle Kinder sollen gleich leben und lernen?

Ellas Blog Leben mit Autismus, SchülerNicht alle Kinder brauchen das Gleiche, aber jeder sollte zumindest annähernd das bekommen, um auch eine Chance zu haben. Nur, wie kann die in unserem Bildungssystem aussehen???
Eine Schule für Menschen mit diesem Handicap, ein Ort der Stille und Inspiration, mit ausreichend Bildungsangeboten, individueller Förderung und Forderung, mit kleinen Lerngruppen, geschultem Personal? Traumhaft!
Die Zahl der Diagnosen geht rapide nach oben, der Bedarf steigt stetig. Vielleicht gibt es ihn irgendwann, einen Lernort für Kinder, die weder verhaltensgestört, noch lernauffällig, aber auch nicht „normal“ beschulbar und dabei noch hochbegabt sind. Die Frage ist nur, was machen wir bis dahin? “

Schreibt mir gerne direkt Eure Ideen an: Uta Daniel in Frankfurt am Main, luckyconcept@gmx.de

***

Zum Weiterlesen:

Utas Sohn Fynn hat einen Beitrag über seine Wahrnehmung bei einer Klassenarbeit geschrieben: „Musik und Stille würden mich wirklich glücklich machen.“

 

21 comments

  • Veronika

    Ich kann das so gut verstehen. Obwohl nicht gerade Augustin so fühlte ich mich doch mein Leben lang von großen Gruppen überfordert. War vielleicht eine Grenzgängerin.
    Das Problem würde wahrscheinlich gelöst, wenn Privatunterricht wieder erlaubt würde, wenn die freien Schulen mehr gefördert würden. Wenn mehr Geld für Ausbildung vom Staat bezahlt würde und mehr Bewusstsein für Individualität eines jeden Kindes gefördert würde.

  • Franca

    Liebe Uta,

    ich verstehe diese Problematik sehr gut, denn mein Sohn, heute 19 Jahre alt, „leidet“ auch an dem Asperger-Syndrom. Ich selbst bin ich ebenfalls ein Aspi und hatte sehr große Schwierigkeiten während meiner Schulzeit. Allerdings lernte ich sehr schnell zu funktionieren, wobei das weiblichen Aspis auch nicht ganz so schwer fällt. Unsere Familie ist etwas anders und wir können zu hause so sein, wie wir sind. Das erleichtert das Leben ungemein.
    Aber zurück zur Schulzeit meines Sohnes.
    Er hat einen IQ von 148 und hatte riesen Probleme im Umgang mit anderen Menschen. Er war gern allein – jedenfalls sagte er das immer – aber ich wusste, er wollte so sein wie andere, integriert werden.
    Leo besuchte eine ganz normale Grundschule, allerdings hatte er das Glück, eine freie Ganztagsschule zu besuchen, sodass er nach dem Unterricht (4-6 Stunden) nach hause kommen konnte. Ich musste zwar viel mit den Lehrern reden und ihnen erklären wie Leo tickt, aber sie gaben sich wirklich viel Mühe ihn zu integrieren und den angemessenen Umgang mit ihm zu finden. Auf eine „Sonderschule“ wollte ich ihn nicht geben, denn durch die Hilfe der Psychothereutin und der Familie, ist es Leo gelungen, ein fast normales Leben zu führen. Er hat gelernt, seine Eigenarten zu erkennen und bekam den Freiraum, den er brauchte. Im Anschluss besuchte er ein ganz normales Gymnsaium und auch das meisterte er mit Unterstützung super. Ich redete sehr viel mit ihm, erklärte ihm und beantwortete all seine Fragen, die er nach dem Schultag stellte. Leo und ich verstehen uns auch sehr gut und wir vertrauen uns grenzenlos.
    Er hatte einen Nachteilsausgleich und von den meisten Lehren wurde er auch umgesetzt.
    So konnte er auch seine Seminarfacharbeit allein schreiben. Wie sollte es anders sein, er wählte das Thema: „Asperger – Diskrepanz zwischen Intelligenz und Gefühlsleben“
    Nach dem Kolloquium äußerten viele Lehrer, Schüler und deren Eltern, den Gedanken und Wunsch, doch ein Buch über diese Thematik zu schreiben. Er schrieb seine Semi-Arbeit um, erweiterte den emotionalen Teil und veröffentlichte 10/17 das Buch „Asperger – mein Leben zwischen Intelligenz und Gefühlssleben … aber ich habe gelernt damit umzugehen“.
    Für uns war es die richtige Entscheidung, denn in der hiesigen Zeitung wurde ein großer Artikel über ihn und das Buch veröffentlich. Im Anschluss meldete sich auch gleich ein Politiker, der sich nun dafür einsetzt, dass der Nachteilsausgleich, so anerkannt wird, wie er diagnostiert wurde.
    Auch viele Lehrer und Erzieher stellen Anfragen und suchen Hilfe bei uns.

    So du möchtest, kannst du (ich hoffe, es ist Ok, wenn ich dich duze – ich bin Franca ;-) ) dich gern mit mir in Verbindung setzen, denn mein Sohn hält auch Lesungen an Schulen, in Kitas und Bibliotheken, natürlich auch für Eltern. Gemeinsam könne wir sicher noch mehr für Asperger-Autisten erreichen.
    0151/65420365 oder du schreibst mir bei https://www.facebook.com/franca.peinel

    Herzliche Grüße
    Franca

    • Uta Daniel

      Wow, vielen Dank …ich bin ganz begeistert, wie dein Junge, wie Ihr das gewuppt habt, toll!!! Gerne komme ich auf dein Angebot zurück und natürlich werden wir auch nach dem Buch deines Sohnes schauen. Wie wunderbar ist es, hier solchen Menschen zu begegnen und so einen Austausch haben zu können. Danke, dass du mir geantwortet hast …Liebste Grüße. Uta

  • Rachel Thome

    Danke für diesen schönen Beitrag.
    Ich fürchte mich schon etwas vor der Einschulung. Die Kombi aus HB und Autismus ist wirklich fasziniert aber auch sehr schwer.
    Ich würde mir wünschen es gäbe Schulen an denen sie etwa Ruhe finden könnten. Wir suchen jetzt schon nach einer geeigneten Grundschule. Die ihm mit seinem Vorsprung den anderen gegenüber (besonders in Mathe) aber auch seinen Defiziten (Akustik und extrem schnelle Overloads) ein wenig gerecht werden könnten.
    Ich wünsche deinen Söhnen das Beste für die Zukunft!

    • Uta Daniel

      Vielen Dank, auch ich wünsche Euch viel Erfolg …durch solche Treffpunkte wie den hiesigen haben wir glücklicherweise die Möglichkeit, uns gegenseitig zu unterstützen …Liebe Grüße. Uta

  • Zarinka

    Franca
    „[…]sehr schnell zu funktionieren, wobei das weiblichen Aspis auch nicht ganz so schwer fällt.“

    Das sehe ich persönlich (als weiblicher Autist) etwas anders.

    Was den meisten nicht autistischen Menschen anscheinend überhaupt nicht schwer zu fallen scheint, hat mir selbst stets große Probleme bereitet…das ist bis heute der Fall.

    Schon gut möglich dass dies auch auf einige weibliche Autisten zutreffen mag, aber generell zu meinen dass es „weiblichen Autisten nicht ganz so schwer fällt schnell zu funktionieren“, halte ich für nicht zutreffend.

    Sehr vieles fiel mir z.B. (und fällt mir auch heute immer noch) schon recht früh sehr sehr schwer. Das wurde jedoch während meiner eigenen Kindheit in keinster Weise berücksichtigt….weder in der Schule noch zuhause…stets wurde erwartet dass man wie eine Maschine zu funktionieren hat…und an diesem Denken hat sich leider bis heute nichts geändert.

    …………
    Hochbegabte Kinder haben es in unserer Gesellschaft ebenfalls recht schwer, das habe ich sehr deutlich bei meinen eigenen hochbegabten Kindern (A und NA) zu spüren bekommen. Auf keines meiner beiden Kindern wurde in der Schule in irgendeiner Weise Rücksicht genommen.

    Schule funktioniert heute leider immer noch genau wie schon vor 50/60 Jahren….und wird in weiteren 50/60 Jahren wohl immer noch so funktionieren wenn unsere Gesellschaft nicht endlich mal damit beginnt umzudenken.

    „Der talentierte Schüler und seine Feinde“….ein Buch von Andreas Salcher beleuchtet ebenfalls die aktuelle Schuldiskussion…jedoch aus der (völlig verdrängten) Perspektive des talentierten Kindes.

    Mir gefällt dieses Buch auf jeden Fall sehr gut denn auch meine beiden hochbegabten Kinder (einer Autist und einer Nicht Autist) hatten in der Schule große Probleme mit dem Lernumfeld.

    Ich persönlich bin auf jeden Fall froh dass die Schulzeit meiner beiden Kinder nun schon einige Zeit lang vorbei ist…für mich waren es Zeiten an die ich nur noch sehr ungern zurückdenke.

    • Uta Daniel

      Liebe Zarinka, danke für dein Feedback …ich finde schon, dass sich in Sachen Schule im Vergleich zu vor 50 Jahren einiges geändert hat: Differenzierung im Unterricht, kooperative Lernmethoden, alternative Leistungsbewertungen, weg vom reinen Frontalunterricht …aber, wie in meinem Beitrag geschrieben, für wirklich individuelle Förderung und Forderung müssen andere Bedingungen geschaffen werden. Ausbildung der Lehrer, mehr Lehrer, kleinere Klassen, Blick auf Aspekte wir Autismus, Hochbegabung, Hochsensibilität, ergo nicht nur auf reine Lernschwächen und allseits abgefragte Lerninhalte …in der Bildung sind wir leider auch zu sehr defizitorientiert …allerdings werden die Defizite aufgrund von Personalmangel nur verwaltet und nicht behoben …Lg Uta

  • SaruSarina na

    Seit langem so was gutes nicht mehr gelesen. Ich danke dir für deinen Beitrag. Uns geht es sehr ähnlich. Wobei wir die weiterführende noch vor uns haben.
    Danke dir.

    • Uta Daniel

      Ich danke dir auch sehr für dein Feedback. Wünsche Euch ganz viel Glück und funktionierende Kooperationen in der Zukunft. Lg Uta

  • Saskia

    Danke für deinen Bericht und ich würde mich freuen wenn du weiter berichtest, wenn ihr Wege findet.
    Es gibt so viele tolle Ideen und vieles steht sogar in offiziellen Seiten aufgeschrieben, nur leider setzt es kaum jemand um.
    Da heißt es dann, kann ich nicht leisten, von Seiten der Schule.
    Aber das Kind muss leisten können.
    Toll das deine Kinder aussprechen können, warum es manchmal nicht so funktioniert oder wie sie es sehen.
    Soweit ist mein Kind leider noch nicht. Bei uns in der Familie sagt er immer öfter warum es nicht geht oder macht auch Vorschläge wie es für ihn besser wäre. Aber in der Schule nicht. Sie hören da auch nicht wirklich hin und nehmen es ernst.

    Bei uns an der Grundschule gehen die Kinder die nicht zurechtkommen und keine Diagnose haben und Glück haben an die Privatschule im Nachbarort. Die Kinder die Pech haben und sehr auffällig sind, stören einfach weiter den Unterricht.
    Und dann gibt es noch die, die dann in die Klinik abgeschoben werden.
    Ach und die, die nicht mehr zur Schule kommen dürfen.

    Es gibt viele Kinder ohne Diagnose die auch nicht zurechtkommen.
    Es sind nicht nur die Autisten.

    Bei uns muss ins Muster gepasst werden. Das sich die Schule ans Kind anpasst, gibt es nicht.
    Es gibt Ausnahmen, die geben Hoffnung. Aber da muss man erst einmal rankommen.
    Zu den Infotagen die Schulen, die Inklusion leben, geben oder auch Vereine geben, kommt kaum jemand um mal zu schauen, wie es auch funktionieren kann.
    Es gibt auch niemanden der für Inklusion zuständig ist und schaut das es umgesetzt wird. Da müsste es wohl in der Politik anfangen mit dem Umdenken, damit die es von oben weiter nach unten geben können. Vorleben.

    • Vielen Dank für deinen Bericht, für die wahren Worte …mal sehen, zu welcher Sorte meine Kinder am Ende gehören …ob ich für sie noch eine Lösung finde …Lg Uta

  • Julia

    Danke für diesen Beitrag … wie gut ich Dich verstehen kann!
    Auch ich bin Mutter eines hochbegabten Asperger-Kindes.
    Nachdem mein Sohn im letzten Drittel der 9. Klasse (Gymnasium) nach 15 Jahren enorm kraftraubender Anpassungsleistung einfach keine Energie mehr hatte und den Schulbesuch komplett verweigerte (zu diesem Zeitpunkt mit HB- aber noch ohne ASS-Diagnose), wurde er trotz guter Noten nicht in die 10. Klasse versetzt und schwor, nie wieder einen Fuß in die Schule zu setzten.
    Ich sah ihn schon mit IQ 135 und dennoch ohne jeden Schulabschluss die Schule beenden und stand selbst als (dazu noch alleinerziehende) Mutter ziemlich am Pranger … .
    Gerettet hat uns, dass in Hamburg zu diesem Zeitpunkt die OKO Private School ihren Betrieb aufnahm – ein privates Gymnasium für „hochbegabte Minderleister“ (underachiever). Ein Tollhaus zwar, voller kreativer, begabter und sehr besonderer Individualisten, alle mit einem schweren Rucksack von Schulversagen im Gepäck, aber da für diese Schule an erste Stelle steht, die Schüler erst einmal „zu entschulen“, konnte mein Sohn seine Nische finden: er hat ein komplettes Schuljahr die Schule mit Rechnern, Computernetzwerk, Servern etc. ausgestattet, war der letzte der abends um 19:30 die Schule verließ (wenn die Putzfrau ihn irgendwann rauswarf) und erlebte zum ersten Mal in seinem Leben Selbstwirksamkeit, Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit, Erfolg (Unterricht und Klausuren, hat er irgendwie nebenbei hinbekommen). Es war ein Glücksgefühl, zu sehen, wie mein Kind zum ersten Mal in seinem Leben aufblühte und anzunehmend an Selbstvertrauen gewann.
    Nach einem Jahr traf mein Sohn selber die Entscheidung ins staatliche Schulsystem zurückzukehren (mittlerweile gab es auch eine Diagnose, was ihn – und mich – sehr entlastete), er „fühlte sich gestärkt genug, die Oberstufe dort zu schaffen“.
    Unterstützt durch einige tatsächlich bemühte Lehrer (die anderen gab es leider auch!), die Beratungsstelle Autismus, einen Nachteilsausgleich und einen wunderbaren Kinder- u. Jugendpsychiater hat er zwei Jahre später an einem weiteren Gymnasium ein hervorragendes Abitur abgelegt.
    Inzwischen studiert er Informatik, wohnt in einer anderen Stadt in einer WG und hat eine feste Freundin (wovon ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte).

    Ich weiß nicht, welche alternativen Schulangebote es in anderen Städten gibt, wenn gar nichts mehr geht ist immer aber auch die „web-individualschule“ eine empfehlenswerte Alternative für Kinder, die einen anderen Rahmen bzw. andere Lernbedingungen brauchen.
    Wenn ich eines in dieser langen und schwierigen Zeit gelernt habe: es kann niemals darum gehen, dass wir versuchen, unsere Kinder an das System anzupassen – unsere Aufgabe als Eltern ist es, Räume zu öffnen, in denen unsere Kinder ihr wahres Selbst und ihr ganzes Potential entfalten können. Dafür brauchen Sie uns!
    Auch wenn dies häufig sehr schwer ist, einen langen Atem braucht und ich genau weiß, wie verzweifelt man manchmal sein kann: gebt niemals auf zu suchen, zu kämpfen und vor allem, lasst Euch nichts einreden – Ihr kennt Eure Kinder am Besten und wisst besser als jede/r andere was sie benötigen.

    • Uta Daniel

      Liebe Julia, danke für dein Feedback. Es ist interessant zu lesen, welchen Weg andere gegangen sind, welche Hürden sie genommen haben und dass auch alles gut werden kann …das mit der Systemanpassung habe ich ja auch geschrieben, es ist ein unmöglicher Anspruch, der da an die Betroffenen gestellt wird …nochmals danke. LG Uta

  • Meine beiden Töchter haben auch ASS mi überdurchschnittlichem IQ. Unsere jüngere Tocher stand kurz vor der Schulverweigerung aus denselben Günden wie oben erzählt. Sie durfte nun die 4. Klasse (28 sehr unruhige Schüler) überspringen und geht mit nun fast 9 Jahren in die 5. Klasse. Dort sind überraschenderweise nur 17 Kinder. Trotz überdurchschnittlicher Intelligenz habe wir uns für die Mittelschule entschieden, weil diese Stress ärmer ist, als das Gymnasium.
    Ihre Schwester ist in der 6. Klasse, 27 Schüler, davon zwei Kinder mit ASS und 4 weitere mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Sehr laute Klasse.
    Ich habe mich ans Schulamt gewendet, weil diese Klasse geteilt werden soll.
    Weil die Lehrer an ihre Grenzen geraten und weil auf die Schüler nicht adäquat eingegangen werden kann.
    Die Antwort, man führe diese Klasse dieses Schuljahr als Kooperationsklasse. Es würden 2 zusätzliche Lehrkräfte in die Klasse kommen.
    Ja, je eine zusätzliche Lehrkraft an 3 Schulstunden von insgesamt 30 Wochenschulstunden.
    Das kann doch nicht der Ernst sein. ..
    LG, Tanja

    • Uta Daniel

      Liebe Tanja, unsere Geschichten hier ähneln sich alle sehr …unglaublich …Kooperationsklasse mit 3 Schulstunden die Woche, lach …das ist gutgemeint ein Witz, ehrlich ausgedrückt echt Schönfärberei …unglaublich …drücke ganz doll die Daumen. LG Uta

  • Liebe Uta,
    ich verstehe euch ganz genau. Auch wir haben diese leidvollen Erfahrungen machen müssen. Es ist leider die Regel in Deutschland. Seit über 10 Jahren beschäftige ich mich sehr intensiv mit diesem Thema, wie diese Kinder gut beschult werden können und ich muß dir leider sagen, das geht derzeit nicht und wenn nur auf Kosten der Kinder oder in einigen privaten, guten Einrichtungen wie freie Schulen.

    Die Regel sieht leider anders aus. Deutschland hat zwar 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet, aber sie haben es nie ernst gemeint. Sie hatten nie vor, Behinderte so zu inkludieren, wie wir es uns als Eltern wünchen. Sie haben das Wort Integration durch Inklusion einfach ausgetauscht ohne die notwendigen Entwicklungen, wie Ausbildungen der Lehrer, finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Alle behaupten zwar, es gebe Inklusion, aber das stimmt leider nicht. Ein Nachteilsausgleich ist keine Inklusion. Inklusion wäre, wenn sich die Schule allen Kinder anpassen würde und das scheint der Regierung zu teuer und nicht notwendig zu sein, sonst würden sie die Not dieser Kinder erkennen undetwas ändern. Aus diesem Grunde haben wir Eltern hier eine Inklusionsbewegung Starnberg, Elterninitiative gegründet um darauf erst einmal aufmerksam zu machen. Nur wir Eltern können dies tun. Als ich vor zwei Jahren diese Initiative gründete, da hätte ich nie gedacht, was ich alles erreichen könnte und wie viel Aufklärungsarbeit ich leisten kann. Das müssen mehr Eltern machen, denn die Politik wird dies nicht tun.
    Ich schreibe Dir gleich privat.
    Viele Grüße
    Susann Dohm

  • Anne

    Meiner Meinung nach sollte der Schulzwang in Deutschland abgeschafft werden und anderen europäischen Staaten nachgemacht werden: die Möglichkeit selbst zu Hause zu lernen. In bestimmten Abständen werden die Kinder dann getestet ob ihr Wissensstand ausreichend ist. Stichwort: Freilernen. Da Hochbegabte Kinder ohnehin interessiert und engagiert sind sollte es kein Problem sein das nötige Wissen anzueignen. Sollte es den Eltern nicht möglich sein Beruf und zu Hause lernendes Kind unter einen Hut zu bekommen wären freie Schulen nach dem Prinzip von Montessori eine Alternative.

  • Klara Westhoff

    Hallo,

    auch mir sind manche der Erzählungen mehr als bekannt. Darum habe ich viele Jahre das gesammelt, was mir aufgefallen ist und sehr viele Interviews geführt. Herausgekommen ist die Geschichte des fiktiven Justus und sein Weg von der Geburt bis nach der Mittleren Reife ( bis zum 18 Lebensjahr) aus der Sicht der „Mütter“, da es in vielen Familien ähnlich gelaufen war.

    Besagter Justus wurde zwangsausgeschult und bekam trotz Schulpflicht keine Chance auf einen Schulabschluss. Also machte er sich auf, nachdem es ihm besser ging, die Mittlere Reife als Externer und ein Jahr später das Abitur als Externer nachzuholen. Im November 2014 war er gerade dabei, für das Abitur zu lernen, dann erschien das Buch. Und es ist auch danach noch so viel passiert, dass ein zweiter Teil erscheinen soll. Momentan ist Justus am Studieren, doch Unis sind nicht barrierefrei – egal für welche Behinderung. Manch ein Hochschullehrer verweigert sich der Barrierefreiheit und schon ist der Traum vom Studium ausgeträumt.

    Auf meinen Facebook-Seiten ist der junge Herr Justus immer mal wieder Thema. Wen es interessiert: https://www.facebook.com/WerbeWortBuero/ und heutzutage speziell bei: https://www.facebook.com/BiSBehindertimStudium/

  • Heike Burkhardt

    Ich arbeite als Lehrerin in einer inklusiven Grundschule und kann die Probleme gut nachvollziehen. Wir Lehrkräfte können die individuellen Bedürfnisse wahrnehmen und teilweise darauf eingehen – aber eine geräuscharme Arbeit hinzukriegen, traue auch ich mir nicht zu.
    Allerdings sehe ich, dass es zunehmend „normaler“ wird, Kopfhörer zu tragen. Ich tu es teilweise selbst, wenn es mir in der Frühstückszeit zu laut wird und auch andere Kinder greifen danach – nicht nur in Phasen der Einzelarbeit.
    Es muss einfach normaler werden, besonders zu sein.
    Ein bisschen kann das gelingen, wenn wir das Besondere zelebrieren…
    Die Grundschulen sind teilweise auf dem Weg – danach wird es dunkel..
    Wir müssen aber auch bedenken, dass das Umdenken ein gesellschaftlicher Prozess ist, der sehr langen Atem braucht.
    Ich selbst versuche, zufrieden zu sein, solange die Bewegungsrichtung der Entwicklung stimmt. Das Tempo ist ….

  • Anika

    Danke für diesen Beitrag.

    Nachdem unser Sohn mit Asperger einmal die weiterführende Förderschule gewechselt hat, bekommt er seit drei Jahren den Rahmen sich nach seinen Möglichkeiten entwickeln zu können. An einer Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung. Anpassung erfolgt an ihn, nicht anders herum. Diese Förderschule bietet ihm nun die mittlere Reife und Qualifikation für das Gymnasium. Auch bei Förderschulen gibt es massive Unterschiede.

    Unser 2. Sohn ist kein Autist. Hatte allerdings auf dem Gymnasium, aufgrund der von Dir beschriebenen Umstände ähnliche Schwierigkeiten mit den Klassenwechseln, der Klassengröße und, darf ich das schreiben?, mit einem Aspergerjungen als Inklusionskind in der Klasse,. genau aufgrund dieser Umstände ist der Junge im Daueroverload. Ständig wechselnde Schulbegleiter, vom FSJ‘ler über Studenten, alles dabei. In einer Klasse mit 32 Kindern ein absolutes Unding. Sowohl für den Jungen selbst, als auch für die Klassenkameraden. Denn an manchen Tagen ist Lernen aufgrund Meltdowns kaum möglich. Nachteilsausgleich kennt man nicht und Bauchgefühl des Lehrpersonals gibt es nicht. Begründung: er hat ja schon einen Schulbegleiter.

    Unsere Lösung ist jetzt eine staatlich anerkannte Ersatzschule. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit für Euch. Somit verläßt auch unser 2. Sohn , der keine autistischen Schwierigkeiten hat, das Regelschulsystem.

  • Daniela Nellissen

    Liebe Uta,

    mir kommt das alles sehr bekannt vor.
    Obwohl wir ein tolles Gymnasium haben wo wirklich versucht wird Inklusion umzusetzen, ist mein Sohn jetzt dort gescheitert.
    Das Problem ist das System. Mein Sohn ist 17 Jahre alt, Asperger Autist mit Sozialphobie und anderen Phobien, mittelgradige depressiver Stimmungslage. Er hat noch eine Diagnose die es ziemlich trifft: Anpassungsstörung im Schulischem Kontext
    Mit all seiner Problematik kann es so nicht funktionieren.
    Kognitiv wäre das Abi kein Problem und auch der Schulleitung mache ich da keine Vorwürfe da sie wirklich alles ihnen mögliche gemacht haben. Mein Sohn hatte eine Sport befreiung und konnte sich ein Ersatzfach wählen, konnte schriftliche Leistung mit mündlicher ausgleichen, in Mathe hätte er die Note verbessern können indem er eine kleine Biografie zu einem Mathematiker geschrieben hätte (leider fehlte dazu die Kraft nach der Schule), er konnte jeder zeit in einen seperaten Raum mit seiner SB (wo er nur noch sitzt). Mein Sohn war sehr verzweifelt weil er unbedingt sein Abi machen will, dazu kommt noch das er sich fast ausschließlich über seiner Intelligenz definiert. Da Regelschulsystem für ihn leider gescheitert ist, sitzt er aktuell das Schuljahr mit kurzbeschulung nur noch ab. Wir haben (hoffentlich) eine Alternative gefunden, er geht ab dem neuen Schuljahr auf eine Privatschule. Dort ist die gesammte Oberstufe (11,12,13 Klasse mit G9) 30 Kopf stark, aktuell sind mehr Schüler in einem Kurs von ihm als dort die ganze Oberstufe. Wie gerade erwähnt, die Privatschule macht G9 und nicht wie an unserem Gymnasium mit G8 was auch ganz viel ausmacht. Da er jetzt an die Privatschule kommt die nicht in der näheren Umgebung ist, muss mein Sohn auch ins Internat. Auch da scheint er dann gut aufgehoben zu sein. Mein Sohn selber ist total begeistert von der Privatschule und dem Internat und es gab ihn wieder neue Hoffnung. Dennoch ist es schade das wir diesen weg gehen müssen da das Regelschulystem einfach so nicht funktioniert. Ich hoffe das mein Sohn im Internat und an der Privatschule wieder glücklicher wird und er endlich sein volles Potenzial nutzen kann.
    LG, Daniela

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